Fuehrungskompetenz in der oeffentlichen Verwaltung Hellmann
Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung – Motivation, Teamleitung und Bürgerbeteiligung
Georg Hellmann, Jens Hollmann
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Führungskompetenz
in der öffentlichen
Verwaltung
Georg Hellmann
Jens Hollmann
Motivation, Teamleitung
und Bürgerbeteiligung
Führungskompetenz in der öffentlichen
Verwaltung
Georg Hellmann · Jens Hollmann
Führungskompetenz
in der öffentlichen
Verwaltung
Motivation, Teamleitung
und Bürgerbeteiligung
Georg Hellmann
Berlin, Deutschland
Jens Hollmann
Bötersheim, Deutschland
ISBN 978-3-658-13741-0
ISBN 978-3-658-13742-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-13742-7
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V
Die unzähligen Herausforderungen an die Leitungskräfte der Verwaltung, aus-
gelöst durch wandelnde Bedürfnisse in Gesellschaft und Politik, immer kürzere
Innovationszyklen, zunehmende Forderungen der Bürger nach Partizipation und
veränderte Erwartungen der verschiedenen Mitarbeiter-Generationen am Arbeits-
platz, benötigen veränderte Führungskompetenzen, um die Potenziale dieser
anspruchsvollen Transformation aktiv zu gestalten.
Führungskräfte in der Verwaltung müssen in diesen zunehmenden Span-
nungsfeldern navigieren und benötigen in den sich veränderten Bedingungen
Schlüsselkompetenzen in den Handlungsfeldern Motivation, Teamführung und
Bürgerbeteiligung. Wir sind davon überzeugt, dass die öffentliche Verwaltung im
Begriff ist, in ein neues Zeitalter einzutreten.
Bei der Planung, Recherche und beim Prozess des Schreibens haben uns darü-
ber hinaus die vielen Rückmeldungen und Statements in den Interviews mit Bür-
germeistern und Interessenvertretungen der Städte und Gemeinden bestärkt, dass
es ein fundiertes und auf die aktuellen Herausforderungen bezogenes Handbuch
für die Führungspraxis in der Verwaltungsleitung nicht nur gewünscht, sondern
bedeutsam und notwendig ist.
Wir wollen Ihnen als Autoren weit mehr als Konzepte und Modelle aus unse-
rer Tätigkeit in der Hochschullehre darstellen. Die in diesem Buch vorgestellten
Werkzeuge und unsere handlungspraktischen Empfehlungen sind in der nun mehr
als zwanzigjährigen Beratungserfahrung von Instituten, Verwaltungen und deren
Führungskräfte entstanden und benennen die kritischen Erfolgsfaktoren.
Vorwort
VI
Vorwort
Wir zeigen Ihnen in diesem Buch, wie Führung in der öffentlichen Verwaltung
unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger mit modernen Führungswerkzeu-
gen erfolgreich gestaltet werden kann, und veranschaulichen dies mit vielen Bei-
spielen aus der Praxis für die Praxis.
Aus Gründen der Vereinfachung und vor allem der besseren Lesbarkeit des
Textes haben wir auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher
Sprachformen verzichtet. Es sind stets beide Geschlechter gemeint.
Berlin, Deutschland
Herbst 2016
Georg Hellmann
Jens Hollmann
VII
1
Einführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
13
2
Interviews. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
Teil I Motivation
3
Theorien für die Praxis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
21
3.1
Wie gerecht geht es am Arbeitsplatz zu?
(Social-Equity-Theory). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
27
3.2
Wie entscheide ich mich und warum fälle
ich diese Entscheidung? (Individualtheorien). . . . . . . . . . . . . . . .
29
3.2.1
Wie gelange ich ans Ziel? (Prozesstheorien). . . . . . . . . .
30
3.2.1.1 Wie gut erreichbar ist das angestrebte
Ziel? (Vroom-Modell). . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
30
3.2.1.2 Wie zufriedenstellend ist das Ziel?
(Porter/Lawler-Modell). . . . . . . . . . . . . . . . . . .
31
3.2.1.3 Wie stark bestimmen Empfindungen
den Weg zum Ziel? (Attributionstheorie
nach Weiner). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
34
3.2.1.4 Wie attraktiv ist das Ziel? (SMART-Theorie
nach Locke/Latham). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
36
3.2.2
Was den Menschen im Innersten treibt
(Inhaltstheorien). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
38
3.2.2.1 Instinkte, Wünsche, Ziele – von der
Kreatur Mensch zum Leistungsträger
(Maslow-Theorie). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
38
Inhaltsverzeichnis
VIII
Inhaltsverzeichnis
3.2.2.2 Die „großen Drei“ – Leistung, Macht
und Soziale Einbindung (McClelland) . . . . . . .
41
3.2.2.3 Wirklich motiviert oder „nur“ zufrieden?
Echte Antreiber und Hygienefaktoren
(Herzberg). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
43
3.2.2.4 Werte und Wesensarten – von zwei
Seiten betrachtet (Reiss-Modell). . . . . . . . . . . .
47
3.3
Tatort Demotivation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
50
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
52
4
Fallbesprechung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
53
5
Führungstools. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
55
6
Das Wichtigste zusammengefasst. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
65
7
Interviews. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
67
Teil II Team
8
Theorien für die Praxis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
71
8.1
Die Teamphasenuhr – Jede Stufe ist wichtig. . . . . . . . . . . . . . . . .
78
8.1.1
Die Phase des Formings – Auf unbekanntem
gesellschaftlichen Parkett. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
79
8.1.2
Die Phase des Stormings – Sturm und Drang. . . . . . . . .
80
8.1.3
Die Phase des Normings – Das Gemeinsame
wird sichtbar. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
80
8.1.4
Die Phase des Performings – Potenzial
wird realisiert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
81
8.2
Funktionen und Stile – Wie sich die Aufgabe den
Menschen sucht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
82
8.2.1
Arbeitsstile – Acht plus eins, der Spezialist. . . . . . . . . . .
85
8.2.2
Funktionen – Acht Erfordernisse für optimales
Teamwork. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
88
8.2.3
Stile und Funktionen – Konzentrisch zum Ziel. . . . . . . .
93
8.2.4
Funktionsmanagement – Beobachten, Entscheiden,
Handeln. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
94
8.3
Ziele – Halten Sie Ihr Team auf Kurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
95
8.4
Stress im Team – Die Balance wiederfinden. . . . . . . . . . . . . . . . .
97
8.5
Die Teamleitung – Vorbild und Verbinder. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
8.6
Alle ziehen am gleichen Strang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
IX
Inhaltsverzeichnis
8.7
Interaktion zwischen Teams – Alles auf Anfang. . . . . . . . . . . . . . 103
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
9
Fallbesprechung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
10 Führungstools. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
11 Das Wichtigste zusammengefasst. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
12 Interviews. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
Teil III Bürgerbeteiligung
13 Bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
13.1 Aller Anfang ist schwer – oder Informationen
als Erfolgsfaktor. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
13.2 Funktionen und Zielsetzung der Bürgerbeteiligung. . . . . . . . . . . . 138
13.3 Nutzen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
13.3.1 Nutzen für Politik und Verwaltung. . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
13.3.2 Nutzen für den Bürger. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
13.4 Kritik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
14 Theorien der Verwaltungsentwicklung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
14.1 Alte und neue Verwaltungssteuerung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
14.2 Bürgerorientierte Verwaltungssteuerung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
14.2.1 Vom produktorientierten Modell (NSM) zum
bürgerfokussierten Steuerungsmodell (BSM). . . . . . . . . 154
14.2.2 Typologien eines Bürgerbeteiligungsmodells. . . . . . . . . 157
14.3 Gesetzliche Grundlagen und erweiterte Definition
der Bürgerbeteiligung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
14.3.1 Bürgerkommune als Treiber des Gesetzgebers. . . . . . . . 163
14.3.2 Freiwilligkeit: Verwaltungshandeln zwischen
Aktion und Reaktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
15 Prozessschritte der Partizipation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
15.1 Stufenmodell der Partizipation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
15.2 Fünf Schritte zur Vorbereitung der Bürgerbeteiligung. . . . . . . . . . 178
15.3 Vier Phasen der Durchführung der Bürgerbeteiligung . . . . . . . . . 180
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
X
Inhaltsverzeichnis
16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen. . . . . . . . 191
16.1 Rahmenbedingungen für eine Beteiligungskultur. . . . . . . . . . . . . 191
16.2 Anforderungen an die Verwaltung und ihre Akteure. . . . . . . . . . . 197
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
17 Beteiligungstools. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
17.1 Methodenkoffer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
18 Beispiele aus der Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
18.1 Praxisbeispiel Wolfsburg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
18.2 Praxisbeispiel Rheinland-Pfalz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
18.3 Weitere Beispiele. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
19 Das Wichtigste zusammengefasst. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
20 Interviews. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
Nachlese und Danksagungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
Sachverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261
1
Einführung
Die Verwaltungen – egal ob Kommunalverwaltung, Finanzverwaltung oder Sozi-
alverwaltung bzw. andere vergleichbare Einrichtungen – regeln die Angelegenhei-
ten der Menschen vor Ort, gestalten das Zusammenleben der Bürger einer Stadt
oder Region und stellen die Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungen sicher.
Im Vordergrund stehen also immer die Bürger bzw. Einwohner der „zuständigen“
Einrichtung, die vom Staat, von den Gemeinden oder den von ihnen geschaffe-
nen öffentlich-rechtlichen Körperschaften zur Erledigung öffentlicher Aufgaben
unterhalten werden. Maßgeblich an der Gestaltung der Verwaltungsdienstleis-
tungen und damit für die Zufriedenheit der Antragsteller oder Betroffenen sind
die Führungskräfte der Verwaltungen. Ihr Führungserfolg hängt zwar von der
Leistungsfähigkeit und Kompetenz der Mitarbeiter ab, jedoch sind es die Füh-
rungskräfte, die auf die Leistungsbereitschaft, Motivation und Performance der
Mitarbeiter auch den größten Einfluss haben – nach dem Motto: Es verhält sich
wie bei kommunizierenden Röhren. Sie als Führungskraft haben Mitarbeiter, die
Sie verdient haben, und Ihre Mitarbeiter haben Sie als Führungskraft ebenso ver-
dient. Und Sie beide haben die Verantwortung, diese Gegebenheiten konstruktiv
zu gestalten.
In öffentlichen Verwaltungen besteht die Besonderheit, dass die Führung nicht
losgelöst von der Politik betrachten werden kann. Neben der Ordnungs- und
Dienstleistungsverwaltung existiert eben auch die politische Verwaltung. Politik
kommt durch direkt (wieder-)gewählte Organe (Stadtrat, Kreistag, Parlament,
Bürgermeister, Landrat, Behördenleiter) zur Geltung. Über politische Entschei-
dungen werden zum einen das Leben, die Rahmenbedingungen und Verände-
rungen für Bürger und Einwohner gestaltet. Zum anderen beeinflusst Politik die
Verwaltungsführung, die die politischen Entscheidungen vorbereitet.
1
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017
G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen
Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_1
2
1 Einführung
Politische Verwaltungsführung unterscheidet sich von anderen Arten der Führung
vor allem dadurch, dass sie auf Konsensfindung, politische Mehrheiten und schließ-
lich auf Wahlerfolg ausgerichtet ist. Die Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse
der politischen Meinungsbildung haben sich dabei in den letzten Jahren aufgrund
der gesteigerten Bedürfnisse und Forderungen der Bürger nach Partizipation an Ent-
scheidungen der Politik und der Verwaltung verändert. Die Verwaltungen stehen
dabei zum Teil zwischen den Polen – zwischen der Forderung von der Politik nach
stärkerer Berücksichtigung der Bürger- und Einwohnermeinung und der Forderung
von den Bürgern und Einwohnern nach stärkerer direkter Beteiligung an den Ent-
scheidungsprozessen – und geraten in dieser Konstellation nicht selten unter Druck.
Viele in der Praxis durchgeführte Bürgerbeteiligungsverfahren auf kommunaler und
auf Landesebene sind die sichtbaren Veränderungen einer neuen Verwaltungsarbeit.
Die Bürgerbeteiligung hat Einzug in politische und Verwaltungsentschei-
dungsprozesse genommen und wird diesen Einfluss noch verstärken, weil Wahl-
erfolg bei politischen Entscheidungsträgern ein zentraler Bewertungsmaßstab
für Verwaltungsführung geworden ist, der vor allem auf kommunaler Ebene die
Arbeit der Führungskräfte beeinflusst. Die Führungskraft in modernen Verwal-
tungen ist dabei gekennzeichnet vom Bild eines Konstrukteurs und Moderators in
einem komplexen, vom Sinn eines bürgerorientierten getragenen Verhandlungs-
systems. Entsprechend verändern sich die Herausforderungen und Anforderungen
an die Führungskräfte in der öffentlichen Verwaltung.
Führung der Mitarbeiter in einer Ordnungsverwaltung, Dienstleistungsverwal-
tung und politischen Verwaltung bleibt zwar im betriebswirtschaftlichen Sinn die
bewusste Beeinflussung der Mitarbeiter im Hinblick auf ein (Führungs-)Ziel. Ein
bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln und -entscheiden verlangt dabei von der
Führungskraft jedoch zusätzlich die Rolle eines Partners in der Politikformulie-
rung und -umsetzung. Sie muss die Verbindungen nach außen schaffen und not-
wendige Bürger- und Einwohnernetzwerke aufbauen (vgl. Abb. 1.1).
Führungskräfte der Verwaltung können mithin dauerhaft nur erfolgreich sein,
wenn sie in der Lage sind, die Interessen der Mitarbeiter (intern) und die Interessen
der Bürger und Einwohner (extern) zu erkennen, zu bewerten und zu einem Aus-
gleich zu bringen. Die Kunst wird darin bestehen, politische Inhalte und externe
Anliegen und Interessen transparent und erkennbar in die interne Führung zu inte-
grieren. Die Zusammenarbeit mit der Politik wird also durch die Beteiligungs- und
Rückkoppelungsprozesse mit den Bürgern zusätzlich bereichert (bzw. erschwert).
Aber nur so kann die Verwaltung als die Projektionsfläche der Politikauswirkung
die richtigen Prioritäten setzen und den Wählerwillen bzw. die Interessen der Ein-
wohner in politische Entscheidungen für gesellschaftliche Entwicklungen berück-
sichtigen und antizipieren. Politische Werte, Wertvorstellungen der Bürger und
3
1 Einführung
Abb. 1.1 Umfeld der Verwaltungsmitarbeiter
4
1 Einführung
Einwohner sowie Werte der Mitarbeiter vereinen sich in eine zukunftsorientierte
Verwaltungsführung. Die Verwaltungsführung legt damit den Grundstein für ein
politisches Vertrauen, soweit Politiker den Willen der Wähler und Einwohner ernst
nehmen.
Und das sind die beiden Zangen, in denen wir stehen: Wir haben weder Sanktions-
möglichkeiten, um Dinge zu machen, noch Motivationsmöglichkeiten, um Dinge
voranzutreiben (Führungskraft einer Verwaltung im Interview, Klug 2009).
Heutzutage ist es fast schon evident, dass diese Entwicklung in beträchtlichem
Maß mit einer nicht mehr zeitgemäßen Führungskultur korreliert. Unternehmen-
sidentität, Mitarbeiterbindung, Führungskompetenz – Begriffe aus der Welt der
Wirtschaft, die in die Verwaltungsbereiche noch zögerlich Einzug halten. Seit
einigen Jahren erhalten wir Anfragen von Verwaltungsleitungen und Führungs-
kräften aus Kommunal- und Landesverwaltungen. Durch die Vielzahl der Bera-
tungsanfragen wird deutlich, dass die Notwendigkeiten und das Interesse auch im
Verwaltungsbereich wachsen.
Unsere Kontakte mit Bürgermeistern, Vorstehern, Präsidenten und weite-
ren Behördenleitungen, die das Gespräch mit uns suchen, können wir wie folgt
zusammenfassen: „Ich erlebe meine Führungskräfte mit einer hohen Fachkom-
petenz, in ihrer Führungskompetenz sind sie allerdings oftmals nur Novizen. Sie
sind aber auch wenig auf ihre Führungsaufgabe vorbereitet worden.“ Inhaltlich
vermissen unsere Gesprächspartner in ihrem Haus Kompetenzen, die eine Füh-
rungskraft dazu befähigen, Mitarbeiter zu motivieren, ein Team zu führen und
Bürgerbeteiligungsprozesse zu planen und durchzuführen.
Führungsexzellenz fördert das Image der Verwaltung
Anamnese, Diagnostik, Intervention: Was im Behandlungskontext eines
Arztes obligatorisch ist, könnte als Konstante im Führungshandeln Leiten-
der Angestellte in einer Verwaltung das Image der Verwaltung als attrakti-
ver Arbeitgeber maßgeblich stärken.
Apodiktische Urteile über Mitarbeiter, wie „Abteilungsleiter Friedrich
ist unmotiviert“, „Teamleiter Alberts behindert das erfolgreiche Arbeiten
des Teams“ oder „Fachbereichsleiter Ortmann schiebt Konflikte vor sich
her“ sind der Zusammenarbeit in einer Verwaltung nicht dienlich.
Erst eine genaue Betrachtung von motivierenden und demotivieren-
den Faktoren, Teamverläufen sowie Konfliktarten und Konfliktstilen wird
der Wechselbeziehung Individuum – Arbeitsplatz gerecht und ermöglicht
5
1 Einführung
individuelle Lösungsstrategien, die die Leistungsbereitschaft und Bindung
des Mitarbeiters an das Haus fördern.
Bei erfolgreichen Führungskräften besteht schon längst die Einsicht, dass Perso-
nalführung keine Aufgabe der Personalabteilung ist, sondern eine nicht delegier-
bare Verantwortung einer Führungskraft.
Teure Wechsel – Fluktuationen aus betriebswirtschaftlicher Perspektive
Auch Verwaltungen stehen im Wettbewerb: im Wettbewerb um gute und bür-
gerorientierte Mitarbeiter und um leistungsorientierten Führungsnachwuchs.
Verwaltungen sind zunehmend auf stabile Personalstrukturen angewie-
sen. Besonders der Wechsel Leitender Verwaltungsangestellte belastet die
Zusammenarbeit in der Verwaltung und die Zusammenarbeit mit den Bür-
gern in Bürgerbeteiligungsprojekten.
Mangelnde Unterstützung bei der Arbeit, unzureichende Entwicklungs-
chancen, Probleme mit dem Vorgesetzten, unbefriedigendes Aufgabenfeld,
starre Hierarchien und finanzielle Aspekte sind Gründe für Wechselent-
scheidungen oder für Entscheidungen von Leistungsträgern gegen eine Ver-
waltungskarriere.
Für Nachbesetzungen entstehen hohe direkte Kosten durch das Schal-
ten von Inseraten, die Beauftragung von Headhuntern, den Zeitaufwand für
die Abwicklung des Bewerbungsverfahrens in der Führungsspitze der Ver-
waltung und die Einarbeitungszeit des „Neuen“. Indirekt bewirken Wechsel
eine Störung sämtlicher Prozessabläufe in den Verwaltungen in Gestalt sin-
kender Leistungsbereitschaft.
Verwaltungen sind deshalb gut beraten, ihre Fluktuationsrate zu senken
und ihre Attraktivität zu steigern. Gut strukturierte Verwaltungsprozesse
und Führungskräfte, die über Kompetenzen in der Mitarbeitermotivation,
der Teamentwicklung und der bürgerorientierten Verwaltungsarbeit verfü-
gen, bewirken Bleibeentscheidungen bei ihren Mitarbeitern und sind attrak-
tiv für neue Mitarbeiter.
Eine Verwaltung, die ihren Dezernats-, Fachbereichs-, Amts- und Abtei-
lungsleitungen Instrumentarien für professionelles Führen an die Hand gibt,
investiert in eine mitarbeiterorientierte und bürgerfokussierte Verwaltung.
6
1 Einführung
Vielen ist nicht bewusst, dass der öffentliche Dienst einen sehr hohen Attraktivi-
tätsgrad auch für die in den Beruf startende Generation hat (vgl. Abb. 1.2). Wie
die Studie von Ernst & Young zeigt, möchte jeder dritte Student (Frauen: 36 %,
Männer: 23 %) nach seinem Abschluss bei einem staatlichen oder öffentlichen
Arbeitgeber arbeiten (Ernst & Young 2014, S. 5).
Was bedeutet diese erfreuliche Nachricht für den öffentlichen Dienst? Diese
Anwärter werden zukünftig Entwicklungen auch im Hinblick auf Führung und
Verantwortung einfordern. Umso verwunderlicher ist es, dass ein in der Gesell-
schaft so bedeutender Bereich wie Verwaltung und Bürokratie es ignorieren
konnte, ungeachtet aller wissenschaftlichen Erkenntnisse, so lange amateurhaft
mit dem Thema Führungskompetenz umzugehen.
Die zukünftigen Anwärter in den Verwaltungen werden bereits in einem sehr
frühen Stadium zumindest partiell weisungsbefugt sein. Die Veränderung der Ver-
waltungsmitarbeiter von reaktiven Rechtsanwendern zu proaktiven, dynamischen
öffentlichen Managern wird seit über 15 Jahren gefordert (Reichard 2001, S. 35).
Wir haben dazu eine These: Die Führungskräfte in den Verwaltungen mit ihren
(Profi-)Bürokratien konnten sich bis in die jüngste Zeit auf ihre in den hierar-
chischen Positionen verankerte Macht stützen, um Mitarbeiter zu „führen“. Das
Neue kommunale Steuerungsmodell der KGSt aus dem Jahr 1993, das auch in
Abb. 1.2 Attraktivitätsgrad des Berufs im öffentlichen Dienst im Vergleich. (Quelle: Ernst
& Young 2014, S. 5)
7
1 Einführung
Bundes- und Landesverwaltungen Einzug hielt, hatte das Ziel, eine grundlegende
Verhaltensänderung der Verwaltungen herbeizuführen.
Bürokratiemodell vervollständigen
„Sie [Verwaltungen] tun verlässlich, was man von ihnen erwartet“ (Ell-
wein 1994, S. 36).
Wirklich? (Hellmann und Hollmann)
„Mit dem Argument der funktionierenden Verwaltung ignoriert noch
heute so mancher Dezernent einer deutschen Großstadt bequem die offen-
sichtlichen Defizite seiner Verwaltung. Unwirtschaftliches Verhalten von
Behörden, Inkompetenz und Führungswillkür werden von der Verwaltungs-
spitze akzeptiert, solange die Abfallbehälter täglich geleert, die Innenstädte
halbwegs sauber, die Kanäle gespült, die Straßenunterhaltung wenigstens
noch die größten Schlaglöcher beseitigt, die Grünpflege in den touristi-
schen Anlagen erfolgt, Kindergärtnerinnen und Lehrer vor ihren Gruppen
bzw. Klassen stehen und die Gräber ausgehoben werden.,Was wollen Sie
denn, es funktioniert doch.‘ Unter welchen Bedingungen […] spielt allen-
falls eine untergeordnete Rolle“ (Walter 2011, S. 27).
Das Bürokratiemodell hat sich in den letzten 20 Jahren im Kern tatsäch-
lich nicht gravierend verändert (Hellmann und Hollmann).
Die Folgen bürokratischer Verwaltungen sind Leistungsschwäche
(Unwirtschaftlichkeit) und Macht, wobei Wirtschaftlichkeit die Gewinnung
brauchbarer Entscheidungen verlangen würde und Macht vielmehr mit der
Frage verbunden wird, wie viel „Unfähigkeit, Herrschsucht und übermäßige
Kosten“ wir (die Bürger und Mitarbeiter) noch akzeptieren (Walter 2011,
S. 64–66 m. w. H.).
Es wird Zeit, das Bürokratiemodell endlich zu vervollständigen (Hell-
mann und Hollmann), um:
• Zielsetzungsprozesse,
• die Einbeziehung der Verwaltungsumwelt (Bürger/Einwohner),
• die Berücksichtigung verwaltungsinterner sozialer Prozesse – wie infor-
melle Beziehungen und Konflikte (Walter 2011, S. 49).
Obwohl die KGSt bereits 1993 erkannte, dass das Personal in den Verwaltungen eine
besondere Hürde ist, die beim Verwaltungsumbau zu überwinden ist, rückten die Mit-
arbeiter erst nach den ersten praktischen Problemen bei der Umsetzung des Neuen
Steuerungsmodells stärker in den Fokus der Reformbemühungen. Die KGSt folgte
8
1 Einführung
dabei in ihrem Bericht aus dem Jahr 1996 „weitgehend dem klassischen Ansatz der
Personalentwicklung, bei dem versucht wird, mit fertigen Qualifizierungskonzepten,
die von der Führung beschlossen wurden und die sich an ausgewählte Zielgruppen
richten, Wissen zu vermitteln und Einstellungen zu verändern“ (Walter 2011, S. 218).
Nach nunmehr über 20 Jahren „Neues Steuerungsmodell“ sollte die oft immer
noch amateurhafte Führung also mittlerweile ein Ende haben – könnte man mei-
nen; hat es aber nicht. Zwar hat das Neue Steuerungsmodell den Verwaltungen
viele Führungsinstrumente an die Hand gegeben, jedoch wurden die Beziehungs-
aspekte einer interaktiven Führung vernachlässigt, sodass die fehlende Führungs-
kompetenz bis heute ein aktuelles Problem in öffentlichen Verwaltungen ist. Da
die Legitimationsbasis von Profibürokratien durch gesellschaftliche Werte und
politische Entscheidungen entsteht, ist zudem erstaunlich, dass auch eine Kompe-
tenz zur Planung und Durchführung von Bürgerbeteiligungsprojekten fehlt.
Missachtende Modelle
Die Verwaltung braucht eine Systematik, die sich von ungeeigneten, die
spezifischen Ausgangsbedingungen öffentlicher Verwaltung missachtenden
Modellen und Konzepten und den verzerrend auf ökonomische Parame-
ter schielenden, weitgehend untauglichen Konzepten der KGSt wohltuend
abhebt (Klug, C. in seiner Dissertation über eine empirische Untersuchung
zur Entwicklung eines Veränderungsmanagements, 2009).
Die zukunftsfähige Verwaltung braucht also einen neuen Fokus. Das bisherige
Ziel der Produktivitäts- und Effizienzsteigerung (KGSt 1993) hat sich nicht durch
veränderte Werte und Erwartungen aufseiten der Mitarbeiter und Bürger überlebt.
Der neue Brennpunkt der Dienstleistungen muss Bedürfnisse bündeln. Um diese
Dienstleistungen im Sinne der Bedürfnisse der Bürger zu erbringen, bedarf es einer
entsprechenden bürgerfokussierten Führung. Es muss also primäres Ziel sein, diese
Führung in den Verwaltungen auf allen Ebenen zu etablieren. Der durch Studien
bewiesene Zusammenhang zwischen Zufriedenheit der Mitarbeiter und ihrer moti-
vierten und damit effizienten Arbeit bedingt Management- und Führungstools, mit
der diese Wirkungen für Mitarbeiter und Bürger erzielt werden können. Die Mitar-
beiter sind die Leistungserbringer und damit die wichtigste Ressource für die Bür-
ger bzw. Einwohner als Leistungsempfänger. An dieser Stelle entscheidet sich, wie
der Bürger bzw. Einwohner die empfangene Leistung bewertet. Zugleich erzeugt
die Leistungserbringung durch diese Bewusstmachung eine sinnstiftende Wirkung
bei den Verwaltungsmitarbeitern. Es obliegt also den Führungskräften, die Verwal-
tung und ihre Dienstleistungen bürgerfokussiert zu gestalten (vgl. Abb. 1.3).
9
1 Einführung
Abb. 1.3 Herkömmliche und bürgerfokussierte Verwaltung
10
1 Einführung
Es lässt sich trotz vieler sinnvoller Management- und Führungstools im
neuen Steuerungsmodell konstatieren, dass das Beharrungsvermögen der
Verwaltungsstrukturen und das Vertrauen auf eine wirksame Bürokratie, die ihre
Berechtigung aus historischen Wurzeln zieht, in den letzten 20 Jahren unter-
schätzt wurden.
Zukunftspanel
„Personal und Führung als zentraler Erfolgsfaktor der Verwaltungsmoder-
nisierung.“
„Klare Umsetzungsdefizite und Handlungsbedarf in Richtung einer stär-
keren Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen.“
(Zwei Ergebnisse aus „Zukunftspanel Staat und Verwaltung“ 2013)
Inzwischen hat die KGSt eingeräumt, dass das „alte“ Neue Steuerungsmodell zu
technokratisch, seelenlos und unpolitisch sei (Gustmann 2000).
Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. („Die Zeiten ändern sich, und wir ändern
uns in ihnen.“)
Dieses Buch richtet sich an drei Gruppierungen in der Leitungsebene von Verwal-
tungen:
• Diejenigen, die eine Karriere anstreben und Führung in der Verwaltung über-
nehmen wollen: Die gute Vorbereitung erspart manch schmerzliche Erfahrung.
Zumal auch im Verwaltungssektor zunehmend professionelle Organisations-
methoden anderer Wirtschaftszweige Einzug halten. Noch mag es Ihnen als
potenzielle Führungskraft ungewohnt erscheinen, doch in den kommenden
Jahren müssen Sie als Aspirant für eine anspruchsvolle Leitungsfunktion
damit rechnen, einem Assessmentverfahren (vgl. Abb. 1.4) unterzogen zu
werden, wie es in den meisten anderen Branchen – darunter auch viele nicht-
klassische Managementbranchen – schon seit einigen Jahren zum gängigen
Ausleseverfahren für Führungskräfte gehört. Wer hätte vor einigen Jahren
gedacht, dass für die Besetzung von Chefarzt-Positionen nicht mehr nur die
medizinische Kompetenz zählt. Chefarzt-Bewerber müssen sich heute auch
bewerten lassen und ihre Leitungs- und Führungsfähigkeit in einem Auswahl-
verfahren unter Beweis stellen. Es dient der Potenzialeinschätzung bei der
Auswahl und Beurteilung von Leistungsträgern. Bewertet wird die Eignung
der Kandidaten zur Erfüllung klar definierter Anforderungen.
11
1 Einführung
• Diejenigen, die bereits in der Rolle der Führungskraft sind, wissen aus eigener
Erfahrung, dass Führung niemals ein widerspruchsfreier Raum ist und lernen
das Handwerkszeug der Mitarbeitermotivation und Teamführung zunehmend
als Erfolgsgarant in der Mitarbeiterführung schätzen.
• Diejenigen, die in Zeiten des organisatorischen Wandels mit Veränderungen
in ihrer aktuellen Positionen rechnen müssen: Auslöser können die Zusam-
menlegung von Abteilungen und Ämtern oder die Wirkungen von Organisa-
tionsentwicklungsprozessen sein. Analog zu anderen Branchen wird auch im
Führungs-
Faktor
Zwischen-
persönlichkeits-
Faktor
Kommunikations-
Faktor
Selbst-
Management-
Faktor
Motivations-
Faktor
Denk-
Faktor
Unterneh-
mens-
wissen-
Faktor
Administr./
Organisat.-
Faktor
Für Veränderungen
Entwickl. und Coaching
Für Richtung sorgen
Mutig führen
Andere motivieren
Teamarbeit fördern
Andere beeinflussen
Effizientes
Strategisch
Neuerungen
Auf Ergebnisse
Sich selbst
Anpassungsfähigkeit
Integer handeln
Anderen zuhören
Vielfalt schätzen
Pläne
entwickeln
Struktur und
Systeme und
Prozesse entwickeln
Technische und
Das Geschäft
Themen
Solide
Durchführungen
Arbeiten
Schriftl. Kommuni-
kationen vorbereiten
Präsentationen
geben
Offene Kommuni-
kation fördern
Wirksam
kommunizieren
n
e
g
n
u
h
e
iz
e
B
aufbauen
Beweisen von Unter-
nehmens-Know-how
Netzwerke
beeinflussen
Umgang mit Mei-
nungsverschiedenheiten
beweisen
entwickeln
drängen
Commitment
gegenüber der
einführen
Urteilsbildung
analysieren
denken
erkennen
funktionelle Expertise
verwenden
Finanzielle/
quantitative Daten
verwenden
veranlassen
Mitarbeiter
eintreten
Arbeit beweisen
Abb. 1.4 Assessmentverfahren
12
1 Einführung
Verwaltungsalltag das Instrumentarium des Management-Audits Einzug hal-
ten. So setzte z. B. das Finanzministerium des Landes Nordrhein-Westfalen
Assessment-Center-Verfahren ein. Das eintägige Auswahlverfahren (Finanz-
ministerium NRW) bestand aus folgenden drei Elementen:
– Einzelinterview
– Gruppenaufgabe
– Rollenspiel.
• Die Entscheidung, welcher Mitarbeiter dann eine Leitungsposition oder die
nächste Leitungsposition innehat, wird nicht mehr nur von den fachlichen
Kompetenzen abhängen.
„Der Begriff des Audits stammt ursprünglich aus dem angelsächsischen Sprach-
raum und wird dort im Sinne einer rückwärts gerichteten Betrachtung verstanden,
wie sie bei einer Wirtschaftsprüfung vorkommt. Ein Management-Audit soll das
Leistungspotenzial einer Führungskraft mit dem Blick auf die Zukunft ermitteln
und dient der Erschließung von Wertsteigerungsmöglichkeiten im Unternehmen“
(Samland, „Das Management-Audit“ 2001).
Jeder Verwaltungsmitarbeiter ist Manager
Mitarbeiter mit Managementkompetenz und Führungskräfte mit Führungs-
kompetenz stärken die Position im Wettbewerb um gute Mitarbeiter und
das Image der Verwaltung bei der Bevölkerung.
Führungskompetenz manifestiert sich in der Mitarbeiterführung und
Teamführung.
Managementkompetenz zeigt sich in der Kommunikation nach innen
und außen. Sie impliziert Methodenkompetenz für die professionelle
Anwendung von Führungs- und Projektmanagementtools in internen Pro-
zessen sowie in der Kommunikation in Bürgerbeteiligungsprozessen.
Mit diesem Buch bieten wir Ihnen die Möglichkeit, sich einen Überblick über
die wichtigsten, vor allem alltagstauglichen Instrumentarien im Führungsalltag in
Verwaltungen zu verschaffen. Sie finden in jedem Kapitel zu den Grundthemen
Motivation, Team und Bürgerbeteiligung:
• Einen konkreten Fall aus dem Führungsalltag in einer Verwaltung
• Hintergrundwissen mit Praxisbezug
13
1 Einführung
• Lösung der eingangs geschilderten Problemsituation und vor allem
• Checklisten, Analysen, Tests sowie vorbereitende Leitfäden und Formulare für
Gesprächsführung, die Sie elektiv einsetzen können und die Ihnen die Heraus-
forderung „Führungskraft“ zur Freude werden lassen.
Da Ihre Zeit knapp und wertvoll bemessen ist, enthält jedes Kapitel eine Zusam-
menfassung der wichtigsten Punkte. Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass Sie
dieses Buch aufgrund seines hohen Praxisbezugs auch in seinem vollen Umfang
nutzen werden.
Literatur
Ellwein, Th. (1994): Das Dilemma der Verwaltung. Verwaltungsstruktur und Verwaltungs-
reform in Deutschland. Mannheim, Zürich u. a. O.: BI-Taschenbuchverlag.
Ernst & Young (2014): Studentenstudie 2014. In welche Branchen zieht es deutsche Stu-
denten. Hamburg: Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, http://www.
ey.com/Publication/vwLUAssets/EY_Studentenstudie_2014_-_Branchen/$FILE/EY-
Studentenstudie-2014-Branchen.pdf [abgerufen am 21.03.2016].
Gustmann, H. (2000): Die Bürgerkultur muss neu entwickelt werden, Reformmodell Bür-
gerkommune: Die Bürger gewinnen. In: VOP 4/2000, S. 10 ff.
Klug, C. (2009): Erfolgsfaktoren in Transformationsprozessen öffentlicher Verwaltung.
Empirische Untersuchung zur Entwicklung eines Veränderungsmanagements. Kassel:
kassel university press.
Reichard, C. (2001): Verwaltungsmodernisierung in Deutschland in internationaler Per-
spektive. In: Wallerath, M. (Hrsg.): Verwaltungssteuerung. Eine Zwischenbilanz der
Modernisierung öffentlicher Verwaltungen. Baden-Baden: Nomos, S. 13–35.
Samland, J. (2001): Das Management-Audit (Wie fit sind Ihre Führungskräfte?). FAZ-Institut
für Management-, Markt- und Medieninformation, Frankfurt am Main.
Walter, A. (2011): Das Unbehagen in der Verwaltung. Warum der öffentliche Dienst denkende
Mitarbeiter braucht. Berlin: Sigma.
Zukunftspanel Staat und Verwaltung (2013): https://www.hertie-school.org/fileadmin/images/
Downloads/media_events/general_downloads/Studie_Zukunftspanel_Staat_und_Verwal-
tung.pdf [abgerufen am 22.01.2016].
15
Interviews
Vor welchen Herausforderungen stehen Ihrer Ansicht nach Führungskräfte in der
öffentlichen Verwaltung/Kommune?
„Die Kommunen in Deutschland stehen unter einem erheblichen Druck: Knappe
Finanzen engen personalwirtschaftliche Handlungsspielräume ein, eine laufend
weiter wachsende Aufgabenbelastung führt zu Arbeitsverdichtung, die demogra-
fische Entwicklung verschärft die Konkurrenz um Bewerber für den öffentlichen
Dienst. Das bedeutet, dass Führungskräfte in der Kommunalverwaltung nicht nur
ausgewiesene Spezialisten für immer komplexer werdende Fachaufgaben sein
müssen, sondern vor allem über die Fähigkeit zur Mitarbeitermotivation, zur Men-
schenführung und zum Ausgleich von persönlichen Interessenlagen verfügen müs-
sen“ (Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages).
„Die Verwaltungen stehen unter einem enormen Veränderungsdruck. Die
Abläufe werden durch die Digitalisierung ständig erneuert. Darauf müssen sich
die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Auch die Erwartungshaltung der
Bürger auf schnelle, präzise dienstleistungsorientierte Antworten hat deutlich
zugenommen. Diese Veränderungsprozesse und auch die Bürgerbeteiligung sind
die zentralen Herausforderungen der Zukunft“ (Dr. Gerd Landsberg, Hauptge-
schäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes).
„Die Führungskräfte in der Öffentlichen Verwaltung stehen heute vor einer
Vielzahl von Herausforderungen. Sie stehen einerseits vor der Aufgabe, stärker
betriebswirtschaftlich agieren und dabei die sich verändernden und wachsen-
den Aufgabenfelder im Blick haben zu müssen. Führungskräfte brauchen daher
zunehmend mehr Managementkompetenz, weil sie zielorientierter vorgehen,
steuern und auch Einfluss auf die Prozesse nehmen müssen. Andererseits steht ein
Kulturwandel an, der von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Abschied
von zentralen Kernwerten bedeutet. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die
Bedeutung von Hierarchien verändert sich, muss neu begründet werden und ihre
2
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017
G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen
Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_2
16
2 Interviews
Rolle in der Arbeitswelt von morgen erst noch finden. Die Leistung von Beschäf-
tigten an ihrer Präsenz festzumachen gehört der Vergangenheit an – heute sollten
nur noch die Ergebnisse zählen. Hier besteht kultureller Lernbedarf, der neben
Zeit auch gute Führungskräfte braucht, die diesen Wandel mit hoher Führungs-
kompetenz begleiten“ (Dr. Christoph Krupp, Chef der Senatskanzlei und des Per-
sonalamtes in der Freien und Hansestadt Hamburg).
Was würden Sie Führungsnachwuchskräften in der Verwaltung empfehlen, wie sie
sich auf die Rolle und Aufgaben vorbereiten sollten?
„Personalentwicklung ist heute ein anerkannter Bestandteil modernen Per-
sonalmanagements auch in der Kommunalverwaltung. Das bedeutet, Mitarbei-
terinnen und Mitarbeiter zu ermuntern, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten
wahrzunehmen, Ehrgeiz und den Willen zu Verantwortung an den Tag zu legen,
sich fortzubilden und soziale Kompetenzen auszubauen. Dem Führungsnachweis
wäre zu empfehlen, sich nicht nur fachlich weiterzuentwickeln, sondern sich die
Leitziele kommunalen Verwaltungshandelns zu Eigen zu machen, sich mit den
Aufgaben ihrer Fachbereiche zu identifizieren und insbesondere ein Sensorium
für die Erwartungen und Interessenlagen von Kolleginnen und Kollegen zu entwi-
ckeln“ (Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages).
„Freude an der Übernahme von Verantwortung und Neugier auf die Menschen
und ihre Talente. Führen zu wollen heißt: Ich selbst habe eine intrinsische Motivation
und kann sie zeigen, ich erwarte nicht, motiviert zu werden. Mir als Führungskraft
muss klar sein: Gute Führung ist nicht zufällig und kann ohne kritische Selbstre-
flektion nicht erreicht werden. Daher gilt es, mit geeigneten Maßnahmen Führungs-
nachwuchskräfte gezielt zu qualifizieren und zu begleiten. Ihnen müssen Aufgaben
anvertraut werden mit dem Ziel, ihre Kompetenzen sowohl in der Personalführung
als auch in den Bereichen ,strategisches Denken‘ und ,wirkungsorientiertes Steuern‘
zu entwickeln“ (Dr. Peter Kurz, Oberbürgermeister der Stadt Mannheim).
„Neben diversen Fortbildungsangeboten zu Führungs- und Managementkom-
petenzen und -themen führt die Landeshauptstadt Hannover (LHH) als Arbeitge-
berin systematisch folgende Programme durch:
• Förderprogramm für potenziell geeignete Führungskräfte: Die LHH hat eine
entsprechende Maßnahme entwickelt und wendet diese seit einigen Jahren
an. Es wird jeweils eine Gruppe mit 12 bis 16 TeilnehmerInnen (gehobe-
ner Dienst, maximal 40 Jahre alt, erste Erfahrungen mit Führung, z. B. als
StellvertreterIn) gebildet. Die TN werden über einen Zeitraum von zwei Jah-
ren ,berufsbegleitend‘ in Managementkompetenzen ausgebildet.
• Qualifizierung E13 TVöD/A14: Ebenso werden regelmäßig über einen Zeitraum
von 18 Monaten Führungskräfte oder ggf. FachexpertInnen (jeweils 12 bis 16 TN)
17
2 Interviews
für Aufgaben des höheren Dienstes (…) qualifiziert. Im Fokus steht dabei die Ent-
wicklung von Steuerungs- und Management- und anderer Schlüsselkompetenzen
anhand eines individuellen Kompetenz- und Entwicklungsprofils. Bestandteil die-
ser Maßnahme sind auch zwei Hospitationen (jeweils über drei Monate) bei Arbeit-
geberInnen außerhalb des ÖD (z. B. Wirtschaftsbetriebe, Sozialverbände etc.).
• Führungskräfteentwicklung: Seit ca. 15 Jahren durchlaufen bei der LHH alle
FK der verschiedenen Ebenen ein Führungskräfteentwicklungsprogramm.
Auch hier stehen Schlüsselkompetenzen (Führungs-, Management- und sozi-
ale Kompetenzen) im Vordergrund.
(…) Kenntnisse und Fähigkeiten des Projektmanagements werden regelmäßig
vermittelt und trainiert. Schulungen zur Interkulturellen Kompetenz sind fester
Bestandteil der Programme. Die Maßnahmen der Ziff. 1 und 2 werden jeweils zu
50 % mit Frauen und Männern und möglichst auch zu 50 % mit Frauen/Männern
mit Migrationshintergrund besetzt (…)“ (Stefan Schostok, Oberbürgermeister der
Landeshauptstadt Hannover).
„In einer dienstleistungsorientierten Organisation sind die Menschen, die in
und für sie arbeiten, die wichtigsten Erfolgsfaktoren. Daher ist eine der größten
Herausforderungen unserer Arbeitswelt der Fachkräftemangel. Das macht auch
vor der öffentlichen Verwaltung nicht halt. Die Gewinnung, aber vor allem das
Halten guter Leute wird damit zu einer der wichtigsten Führungsaufgaben. Hinzu
kommt, dass das Aufgabenfeld der Kommunen beispielweise stets komplexer
wird und die Informationsflüsse auf immer vielseitigere Wege ein- und ausgehen.
Dies gemeinsam mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu steuern und die
Motivation hoch zu halten, sollte das Ziel sein. Das geht nicht ohne die modernen
Führungsinstrumente“ (Helmut Gels, Bürgermeister der Kreisstadt Vechta).
Wird für die überfachliche Qualifizierung von Führungskräften in der Verwaltung
genügend Raum und Budget zur Verfügung gestellt?
„Wir verfügen in Hamburg über eine gute Führungskräfteentwicklung und
Führungsfortbildung, die über das Personalamt und unser Zentrum für Aus- und
Fortbildung angeboten wird. Die Führungskräfte erlernen z. B. in einer Modul-
reihe Führung wichtiges Handwerkszeug für ihre Arbeit. Hamburg wird diese
Angebote auch strategisch noch weiter fokussieren und an den Bedürfnissen
ausrichten. Dies ist umso wichtiger, weil wir bei jedem Cent, der hier ausgegeben
wird, genau überlegen, wie wir ihn investieren.
Ohne eine Vielzahl von engagierten Personal- und Führungskräfteentwickler/-
innen und Führungskräften in den Behörden, Ämtern und Betrieben wäre diese Auf-
gabe allerdings nicht in der heutigen Qualität zu leisten“ (Dr. Christoph Krupp, Chef
der Senatskanzlei und des Personalamtes in der Freien und Hansestadt Hamburg).
18
2 Interviews
„Neben der fachlichen Eignung legen wir bei der Auswahl und Entwicklung von
unseren Führungskräften gesteigerten Wert auf die Führungsqualitäten. Aus diesem
Grund liegt unser Fokus auf der überfachlichen Qualifikation. Wir stärken bewusst
Aktivitäten, die der Entwicklung von Führungskompetenzen dienen. Darüber hin-
aus bietet die Stadt Mannheim ihren Führungskräften in Management Breviers spe-
ziell auf sie zugeschnittene Angebote wie Seminare und Coachings für die weitere
Entwicklung an. Aus unseren Erfahrungen glaube ich, dass Qualifikation in der
konkreten Job-Situation weiter auszubauen ist, um die Konkurrenz von Alltag und
Qualifikationsaufwand zu mindern und den direkten Transfer allgemeiner Erkenntnis
in Praxis zu gewährleisten“ (Dr. Peter Kurz, Oberbürgermeister der Stadt Mannheim).
„In der Verwaltung der Landeshauptstadt Hannover wurde schon vor vielen
Jahren die Wichtigkeit der Entwicklung von Führungskompetenzen (im Verhält-
nis zu Fachkompetenzen) erkannt. Entsprechende Programme und Maßnahmen
wurden entwickelt, werden ständig weiterentwickelt und durchgeführt (siehe zu
Frage oben). Gemessen an der Situation eingeschränkter kommunaler Finanzen
wird hierfür entsprechend Raum/Zeit und Budget zur Verfügung gestellt“ (Stefan
Schostok, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover).
Teil I
Motivation
Zusammenfassung
In diesem Teil werden Ihnen Möglichkeiten und Methoden aufgezeigt, wie Sie
als Führungskraft in der Verwaltung die Motivation ihrer Mitarbeiter aktivie-
ren und stärken können. Wer Menschen motivieren möchte, findet hier ebenso
fundierte motivationale Theorien, als auch praxisnahe Lösungsansätze für den
Führungsalltag. Dieses Wissen ist die Bedingung, um im herausfordernden
Verwaltungsalltag sein Führungsziel zu erreichen.
Mit einer Fallbesprechung und mit unterschiedlichen Führungswerkzeugen
werden die Ausführungen veranschaulicht.
Führungsalltag in der Verwaltung: Der zerstreute Ordnungsamtsleiter
Eine exemplarische Fallbeschreibung
Fachbereichsleiter Ortmann ist irritiert und ratlos. Der junge Abteilungslei-
ter Aldrich, der zu Beginn seiner Arbeit im Ordnungsamt der Verwaltung einen so
ambitionierten Eindruck machte, wird zunehmend zum Problem. Einige Male hat
er an der Erarbeitung eines Beschwerdemanagementkonzepts erst auf Aufforderung
hin weitergearbeitet, er versäumte, bei den Fachbereichsbesprechungen wichtige
Informationen weiterzugeben, und macht insgesamt einen demotivierten Eindruck.
Eine erste, etwas ungehaltene Ermahnung Ortmanns „Jetzt reißen Sie sich end-
lich zusammen“, hat die Symptome bei Aldrich eher noch verstärkt. Da aber Ort-
mann die Fachkompetenz Aldrichs sehr schätzt, ist er bereit, sich in seiner ohnehin
knappen Zeit vertiefende Gedanken zur Remotivierung des jungen Mitarbeiters zu
machen.
21
Theorien für die Praxis
Motivation – Fördern Sie gezielt Leistungspotenziale
Führungsmodell Matterhorn
Mal ganz unter uns: Das Führungsmodell Matterhorn − oben einer, der
sagt, wo’s lang geht, und unten darunter der Rest, der fröhlich folgt − ist
aus den Sehnsüchten mancher Entscheidungsträger in Politik und Adminis-
tration noch nicht ganz verschwunden. Bei manchem bricht es durch und
manchmal treibt gar die Öffentlichkeit diese undefinierbare Sehnsucht nach
„Basta-Führung“, nach dem „starken Mann“ oder der „starken Frau“ um.
Ist so, ist aber falsch.
Und im öffentlichen Bereich gilt allzu oft noch die Annahme, dass, wem
Gott ein Amt gibt, er ihm wohl auch den Verstand dazu spendieren werde.
Dabei gibt es Anlass, sich über Führung in diesem Bereich Gedanken zu
machen (Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly, Nürnberg, in: Braune und
Alberternst 2013, S. 5).
Warum verhält sich ein Mensch unter bestimmten Bedingungen so und nicht
anders? In der Führungsforschung gehört die Frage nach der Motivation von Mit-
arbeitern zu den am meist diskutierten und zugleich am schwersten fassbaren
Bereiche im Abgleich zwischen Theorie und Praxis.
Harlow
Der Mensch ist eine seltsame, wenn nicht sogar bizarre Kreatur – zumin-
dest in motivationaler Hinsicht. Er ist der einzige bekannte Organismus,
der am Morgen aufsteht, noch bevor er richtig wach ist, der den ganzen Tag
ohne Unterbrechung arbeitet, der seine Aktivitäten fortsetzt, wenn sich die
3
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017
G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen
Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_3
22
3 Theorien für die Praxis
tagaktiven oder sogar die dämmerungsaktiven Organismen bereits zur Ruhe
begeben haben – und der dann Narkotika zu sich nimmt, um eine nicht aus-
reichende Periode unruhigen Schlafs einzuleiten.
Um aber die motivationalen Mechanismen des Menschen nicht schlecht
zu machen, sollten wir darauf hinweisen, dass wir ohne sie keine Dampf-
maschine hätten, kein elektrisches Licht, keine Autos, nicht Beethovens
Fünfte Symphonie und Leonardo da Vincis unverdautes Abendmahl, keine
Magengeschwüre, Herzinfarkte und keine klinischen Psychologen.
Wenn wir jemals sowohl normales als auch abnormales menschliches Ver-
halten verstehen wollen, dann müssen wir zuerst eine motivationale Theorie
formulieren, die breit und umfassend genug ist, um denjenigen Verhaltenswei-
sen Rechnung zu tragen, die den Menschen charakterisieren (Harlow 1953).
Zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern, Repräsentanten medizinischer Fach-
disziplinen und Psychologen schwelt ein Dauerdissens: Haben wir überhaupt einen
freien Willen oder segeln wir lediglich im Fahrwasser unserer genetischen Disposi-
tionen? Die Bestsellerplatzierung des Buchs „Wer bin ich und, wenn ja, wie viele?“
macht deutlich, auf welches Interesse diese Diskussion gesamtgesellschaftlich auch
jenseits der Expertensphäre stößt. Die komplexe Fragestellung werden wir in diesem
Buch nicht allumfassend ausleuchten. Auch eine Evidence-Based-Psychology, die
sich manche Persönlichkeitstests selbst attributieren und die uns den unfehlbaren Weg
im Dickicht unserer Motive weisen soll, können und wollen wir Ihnen nicht anbieten.
Die großen 5 „B“ der Motivation (nach Reinhold K. Sprenger): Belobigen,
Belohnen, Bestrafen, Bedrohen, Bestechen
Zwar sind Lob und Lohn in dieser nicht ganz ernst gemeinten Liste durch-
aus Koordinaten im menschlichen Umgang miteinander und Sie werden
sie an anderer Stelle im Buch auch als Bestandteile sogenannter Anreizsys-
teme wiederentdecken (extrinsische Motivation).
Dennoch bitten wir Sie, die „Pawlow’schen Reflexe“ Ihrer Mitarbeiter
in Ihrem Führungsalltag nicht allzu arg zu strapazieren, sondern verstärkt
auf den „inneren Antrieb“, die intrinsische Motivation, zu setzen, über die
Sie noch einiges erfahren werden.
Dieses Buch bietet Ihnen Ansätze oder Wege, wie Motivation der Mitarbei-
ter durch exzellente Verwaltungsführung und mit dem notwendigen Wissen um
23
Motive gelingen kann. Womit wir bereits beim wichtigen Unterschied zwischen
Motiv und Motivation sind.
Wie Sie sicher wissen, wird unter anderem im Marketing der Industrie intensiv
Forschung zu Zielgruppen und ihren Motiven betrieben. Ein Blick auf den Motiv-
kreis des Marktforschungsinstituts Psychonomics (vgl. Abb. 3.1) vermittelt Ihnen
einen ersten Eindruck über mögliche Motivlagen Ihrer Mitarbeiter und sicher
auch Ihrer eigenen Person.
Ein kleines Beispiel zur Erläuterung der dargestellten Gegensatzpaare: Sowohl
soziale Bindung als auch Autonomie sind notwendig zur Stabilisierung einer Per-
sönlichkeit. Gefährlich für das Gesamtgefüge sind die extremen Ausprägungen, etwa
wenn ein Mitarbeiter im Übermaß zur Autonomie und damit zur Überschätzung der
Abb. 3.1 Motivkreis. (Quelle: Marktforschungsinstitut Psychonomics)
3 Theorien für die Praxis
24
3 Theorien für die Praxis
eigenen Fähigkeiten und zu riskantem Verhalten neigt. Umgekehrt verharrt ein in
hohem Maß zur Bindung neigender Kollege im Moment erforderlichen Handelns
möglicherweise in gefährlicher Passivität. Stellen Sie sich die beiden „extremen“
Charaktere jeweils als Ihren Mitarbeiter in einer brisanten politischen oder rechtli-
chen Entscheidungssituation bzw. Diskussionssituation vor, in der Sie eine konkrete
fachliche Einschätzung brauchen!
Mit dem Begriff des Motivs wird eine zeitlich relativ stabile psychische
Disposition bezeichnet.
Motivation ist ein zeitlich begrenzter Zustand, nämlich die Stärke bzw.
Schwäche der aktuellen Tendenz, zu entscheiden und zu handeln oder es
nicht zu tun. Speziell die passive Verweigerung verdient insofern Beach-
tung, als sie häufig erst spät bemerkt und dann oft nicht richtig gedeutet
wird. Geistesabwesenheit, Zerstreutheit, schlechte Laune etwa werden oft
nur auf arbeitsplatzexterne Faktoren zurückgeführt.
Die Motivation ist darüber hinaus ein vielschichtiges Phänomen. Einen anderen
Menschen zu motivieren ist mehr als die Aktivierung zu einem bestimmten Ver-
halten. Motivation ist ein gedankliches Konstrukt für Prozesse, die Verhalten akti-
vieren sowie dieses hinsichtlich seiner Richtung, Ausdauer und Intensität steuern
(vgl. Abb. 3.2):
• Aktivierung: Ein Prozess, in dem Verhalten in Bewegung gesetzt wird.
• Richtung: Die Aktivität wird auf ein bestimmtes Ziel hin gesteuert und bleibt
in der Regel so lange bestehen, bis das Ziel erreicht ist.
• Intensität: Die Aktivität kann sich mehr oder weniger gründlich oder stark dar-
stellen.
• Ausdauer: Zielstrebiges Verhalten zeigt sich mehr oder weniger beständig. In der
Regel wird die Aktivität beibehalten, auch wenn Schwierigkeiten auftauchen.
Abb. 3.2 Aspekte der Motivation
25
Anhand von Schaubild und Detailerläuterung der vier Aspekte können Sie nach-
vollziehen, wie sehr sich eine Führungskraft mit der pauschalen Aussage „Sie
sind unmotiviert“ disqualifiziert. Im vorliegenden Fall hat es Onken sicher nicht
am inneren Antrieb – der Aktivierung – gefehlt. Hier könnte ein Dissens in der
Richtung vorgelegen haben, etwa wenn der Fachbereichsleiter sich die Schwer-
punktsetzung des Fortbildungspapiers anders vorgestellt hatte.
Vielleicht mögen Sie einmal über folgende Variationen nachdenken:
• Wie hätte sich ein Dissens hinsichtlich der Intensität oder der Ausdauer dargestellt?
• In welcher Form hätte Onken die optimierte Richtlinie abgegeben, etwa als
Exposé oder als Zitatenkonvolut, und was hätte Cottwitz erwartet?
• Wie lange hätte Onken für die Fertigstellung gebraucht? Hätte er konzentriert
und durchgängig daran gearbeitet und sonstige Aufgaben für eine Übergangszeit
delegiert? Oder hätte er sich jeweils in seinen freien Momenten daran gesetzt
und erst nach etwa zwei Wochen geliefert? Und was hätte Cottwitz erwartet?
Grundsätzlich gilt: Setzt eine Führungskraft mit ihrer Kritik am falschen Punkt
an, trägt sie entscheidend zur Demotivation des Mitarbeiters bei – einem Phäno-
men, das sich von Antriebsschwäche bis hin zur Leistungsverweigerung äußert.
Selbstverständlich können auch Faktoren zur Demotivation des Mitarbeiters bei-
tragen, die in der Komplexität der Organisation begründet sind und auch an dieser
Stelle gelöst werden müssen.
In diesem Buch steht Ihre individuelle Führungskompetenz unabhängig von
organisatorischen Rahmenbedingungen im Vordergrund. Wir möchten dazu bei-
tragen, dass Sie Antworten auf Ihre Frage finden: „Wie gelingt es mir als Behör-
denleiter oder als Fachbereichs-, Amts- oder Abteilungsleiter, meine Mitarbeiter
so zu motivieren, dass jeder seinen optimalen Beitrag zum Ganzen leistet?“ Dies
3 Theorien für die Praxis
Aus dem Verwaltungsalltag – „Die Fortbildungsrichtlinie“
Auch hier sind an Missverständnissen stets mindestens zwei beteiligt: Fachbereichs-
leiter Cottwitz hat seinem Abteilungsleiter Onken den Auftrag erteilt, eine verwal-
tungsinterne Fortbildungsrichtlinie zu optimieren. Ein paar Tage später legt Onken
einen ersten, bereits sorgfältig ausgearbeiteten Entwurf vor. Das Ergebnis sagt
Cottwitz nicht zu und er formuliert sein Missfallen so: „So richtig haben Sie sich
wohl nicht bemüht. Ich hatte da mehr erwartet. Es macht den Anschein, als seien Sie
nicht motiviert, eine solche Aufgabe zu übernehmen.“ Onken ist tief gekränkt und
beschließt, sein Engagement erst einmal auf das Notwendigste zu reduzieren.
26
3 Theorien für die Praxis
verlangt von Ihnen als Führungskraft nicht nur die sorgfältige Beobachtung Ihrer
Kollegen und Mitarbeiter, sondern auch die konstruktive Auseinandersetzung mit
Ihren eigenen Reaktionsmustern und Beweggründen. Denn im Rahmen der Inter-
aktion verändern sich der Geführte, der Führende und die Situation. Die Moti-
vationsforschung untersucht die Variablen in diesem Prozess. Es gibt zwei große
Strömungen, die sich in ihren Ansätzen grundlegend unterscheiden:
• Die Social-Equity-Theory verknüpft den Handlungsantrieb des Menschen mit der
als mehr oder minder ausgeglichen empfundenen Balance zwischen dem Einsatz
spezifischer Faktoren (Input) und dem hieraus erzielten Gewinn (Outcome).
• Die Individualtheorien beziehen die individuellen Koordinaten des „Wie“ (Pro-
zesstheorien) und „Warum“ (Inhaltstheorien) bei der Erbringung der Leistung ein.
Führungsansatz
Die humanistische Psychologie ist charakterisiert durch den Glauben an
das Gute im Mitarbeiter und geprägt von der These, dass zwischen dem
persönlichen Reifegrad des einzelnen Mitarbeiter und seiner individuellen
Arbeitsleitung ein direkter Zusammenhang besteht.
Gute Führungskräfte machen daher ihre Entscheidungen von der
genauen Beobachtung ihrer Mitarbeiter abhängig – und nicht von ihren
eigenen Handlungsmotiven.
Der Hedonismus in unserem Handeln
Lange vor der Entstehung der modernen Psychologie haben Philosophen
über Ursachen unseres Verhaltens und damit über Motive und Motivation
nachgedacht. Der Epikureismus nach dem griechischen Lehrer der Philoso-
phie, Epikur (341 bis 270 v. Chr.), geht davon aus, dass alle unsere Handlun-
gen dazu dienen, uns Freude zu bereiten und Schmerz zu vermeiden. Kurz
gesagt: Die Erwartungen bezüglich der Konsequenzen unseres Tuns steuern
unser Verhalten, das Ziel ist eine möglichst günstige Bilanz, in der die ange-
nehmen Aspekte überwiegen.
Diese geistige Grundhaltung ist besser als Hedonismus bekannt, der
irreführend und von den Lehren Epikurs abweichend, oft rein als dekaden-
ter Lustgewinn und Streben nach materiellem Wohlstand interpretiert wird.
Epikur hat Fragen gestellt, die die modernen Motivationspsycholo-
gen bis zum heutigen Tag beschäftigen. So hat er differenziert zwischen
erwarteten Vorteilen, die Handeln auslösen (auslösende Freuden), und der
27
Beibehaltung eines als angenehm empfundenen Zustands (statische Freu-
den), zwischen körperlichen und mentalen Bedürfnissen.
Alle Aspekte dieser Denkschule mitsamt den hieraus erwachsenden Fra-
gen, etwa in welchem Maße Emotionen unser Verhalten determinieren und
wie der erwartete Nutzen möglicher Handlungsalternativen berechnet wird,
werden Sie in den Motivationstheorien wiederfinden, die wir Ihnen in die-
sem Buch als Grundlage motivierender Führungsstrategien vorstellen.
3.1
Wie gerecht geht es am Arbeitsplatz zu? (Social-
Equity-Theory)
Gerade im Verwaltungsalltag stehen Input und Outcome, Engagement und Wert-
schätzung oft im Missverhältnis. Das Abwägungsmodell (Equity-Theory, vgl.
Abb. 3.3) nach John Stacey Adams aus dem Jahr 1963 arbeitet mit den vier
Grundannahmen des arbeits- und berufsorientierten Verhaltens:
• Menschen versuchen, die Ergebnisse ihrer Arbeit zu maximieren.
3.1 Wie gerecht geht es am Arbeitsplatz zu? …
Abb. 3.3 Input und Output im Abwägungsmodell nach John Stacey Adams (die Equity-Theory)
28
3 Theorien für die Praxis
• Gruppen entwickeln Systeme der „Equity“ bzw. der sozialpsychologischen
Balance: Innerhalb einer Organisation stellen deren Mitglieder Vergleiche an
– zwischen ihrem eigenen Fachwissen, Arbeitseinsatz etc. (Input) und der
dafür erhaltenen Position, Einkommen etc. (Outcome),
– zwischen dem Input und Outcome zugunsten der eigenen Person und der
der Kollegen sowie
– zwischen den Auslösern der Dysbalancen wie etwa Berufserfahrung, Orga-
nisationszugehörigkeit und Mann-Frau-Vergleich.
• Ungerechtigkeiten in der Balance zwischen Einsatz und Gewinn verursachen Stress.
• Stress motiviert dazu, die Gerechtigkeit bzw. die Balance zwischen Einsatz
und Gewinn wiederherzustellen.
Aus dem Verwaltungsalltag – „Die begehrte Abteilungsleiterstelle“
Die Wahl einer konkreten Vergleichsperson ermöglicht eine höhere Kompatibi-
litätsschärfe. Die junge Sachbearbeiterin Freda will eine der wenigen begehrten
Abteilungsleiterstellen besetzen. Sie besucht mit hohem persönlichen Engagement
zeitlicher und finanzieller Natur wichtige Fachkongresse und Weiterbildungen, ist
stets bereit, in Projekten Verantwortung zu übernehmen und einzuspringen, und ist
bei jeder Besprechung mit wichtigen Anregungen präsent. Als dann eine der Abtei-
lungsleiterstellen frei wird, bekommt ein anderer Kollege, der dienstältere Kollege
Kasimir, den Zuschlag. Zwar überzeugt Kasimir weder fachlich noch von seinem
Arbeitseinsatz her in gleichem Maße wie Freda, er steht aber bereits seit längerem in
der Warteschleife für eine Leitungsposition. Wie kann ihr Vorgesetzter Fachbereichs-
leiter Fassener, der bei der Entscheidung für Kasimir der verwaltungsinternen Ver-
gabepraxis gefolgt ist, gerne aber Freda auf diesem Posten gesehen hätte, die junge
Verwaltungsmitarbeiterin zum Bleiben bewegen? Hat er überhaupt eine Chance?
Bereits die Fragestellung macht deutlich, dass der Equity-Ansatz für – motivie-
rendes – Führungshandeln nur bedingt aussagekräftig ist. Zwar müsste nach dem
Equity-Modell Freda selbst nun alles daran setzen, die Balance zwischen Einsatz
und Gewinn, also die Gerechtigkeit, wiederherzustellen. Wie sie dies allerdings
tut, etwa
• durch noch mehr Engagement, um bei der nächsten frei werdenden Leitungs-
position am Zug zu sein oder
• durch Rückzug in die absolut notwendigen Arbeitsabläufe oder
• durch den Wechsel an eine andere Verwaltung, in der sie sich bessere Karriere-
chancen erhofft,
29
und warum Freda sich für eine der Alternativen entscheidet – dafür bietet diese
Theorie keine Erklärungsoption.
Bereits an dieser Stelle möchten wir Ihnen mögliche Lösungsvarianten vor-
stellen, die aufeinander aufbauen. Zwar ist die Entscheidung für Kasimir nicht
mehr rückgängig zu machen, jedoch könnte Fassener seine Wertschätzung der
jungen Mitarbeiterin zuerst durch ein Mitarbeitergespräch deutlich machen und
zugleich ein tieferes Verständnis für die individuellen Wertungen und Motive der
jungen Verwaltungsmitarbeiterin gewinnen. Eine höhere Teilverantwortung als
Sachbearbeiterin und größere Gestaltungsspielräume in der Verwaltung, etwa die
Verantwortung für das nächste interne Projekt oder auch die hausinterne Finan-
zierung eines wichtigen Weiterbildungsseminars, könnten Freda zum Bleiben
bewegen. Grundsätzlich könnte sich Fassener für eine höhere Transparenz in den
hausinternen Vergaberichtlinien einsetzen, um das Vertrauen des Verwaltungs-
nachwuchses generell zu stärken. (Zu diesen sogenannten Hygienefaktoren finden
Sie vertiefende Informationen unter Abschn. 3.2.2.3) Folgen Sie uns auf dem Weg
zu einem tieferen Verständnis von Motivation!
3.2
Wie entscheide ich mich und warum fälle ich
diese Entscheidung? (Individualtheorien)
Den menschlichen Handlungsantrieb auf Basis individueller Wertungen (Prozess-
theorien) und Motive (Inhaltstheorien) zu verstehen ist das Ziel der Individualthe-
orien. Hier liegt der feine, aber entscheidende Unterschied im jeweiligen Fokus:
Stellen die Prozesstheoretiker die prospektive und retrospektive Bewertung der
Geschehnisse – Start, Weg und Ziel – das „Wie“ in den Mittelpunkt, so legen die
Verfechter der Inhaltstheorien ihr Augenmerk auf die Bedürfnisse und Orientie-
rungen des Individuums, auf das „Warum“ des jeweiligen Verhaltens.
Für das Führungsverhalten Leitender Verwaltungsmitarbeiter liefern die Pro-
zesstheorien wertvolle Erkenntnisse über die Handlungsorientierungen eines
Menschen in einer bestimmten Situation. Die Inhaltstheorien eröffnen dem Vor-
gesetzten Einblicke in verborgene Triebfedern des Handelns, unabhängig von der
spezifischen Situation. In beiden Fällen bringen vertiefende Gespräche, spezi-
ell entwickelte Tests und Fragebogen Führenden und Geführten näher ans Ziel.
Sämtliche Instrumentarien können Führungskräfte in den Verwaltungen sowohl
elektiv als auch in Kombination nutzen.
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
30
3 Theorien für die Praxis
3.2.1
Wie gelange ich ans Ziel? (Prozesstheorien)
3.2.1.1 Wie gut erreichbar ist das angestrebte Ziel?
(Vroom-Modell)
Den Anstrengungen, die ein Mensch unternimmt, um an sein Ziel zu gelangen,
widmet Victor Harold Vroom seine Aufmerksamkeit. Das Ziel selbst wird in die-
sem Modell hinsichtlich seiner möglichen Erreichbarkeit gewichtet. 1963 ent-
wickelte Vroom das VIE-Modell. V (Valenz) – I (Instrument) – E (Erwartung)
sind die drei Koordinaten, die im Prozess der Willensbildung einen Menschen zu
einem bestimmten Handeln motivieren oder auch von einem Ziel abrücken las-
sen, so die Hypothese des kanadischen Psychologieprofessors (*1932).
• Die Valenz (V) ist der Wert des Endziels.
• Die jeweiligen Handlungen bzw. Instrumente (I) sollen dabei helfen, das ange-
strebte Ziel zu erreichen.
• Die Erwartung (E) des Handlungswilligen schließlich richtet sich auf die
Möglichkeit, das Ziel mit den spezifischen Handlungen zu erreichen.
Bilanz: Erstrebenswert ist, was einen hohen Nutzen verspricht und mit hoher
Wahrscheinlichkeit auch erreicht werden kann.
Bernoulli
Vor allem in den Wirtschaftswissenschaften findet die Risiko-Nutzen-Bilanz,
hergeleitet aus den Erkenntnissen des Mathematikers und Physikers Jakob I.
Bernoulli (1655–1705) rege Anwendung. Bernoulli hat wesentlich zur Entwick-
lung der Wahrscheinlichkeitstheorie beigetragen. Die abgeleitete Bernoulli-Ver-
teilung, in der quantitative Größen für den Nutzen und die Wahrscheinlichkeit
des Erreichens miteinander multipliziert werden, hat die Psychologie mit der
subjektiven Perspektive von Nutzen und Wahrscheinlichkeit adaptiert.
Aus dem Verwaltungsalltag – „Der ehrgeizige Fachbereichsleiter“
Herr Fechner, Fachbereichsleiter in einer Verwaltung einer kleinen Stadt in Süd-
deutschland, sieht als Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn die Position eines
Ersten Stadtrates in einer Großstadt. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, diese Position –
ohne zuvor Fachbereichsleiter einer Großstadt gewesen zu sein – gegenwärtig errin-
gen zu können, scheint ihm eher gering. Zumal auch noch die Zusatzqualifikation
für den höheren allgemeinen Verwaltungsdienst dafür erforderlich ist. Im Vergleich
31
3.2.1.2 Wie zufriedenstellend ist das Ziel? (Porter/Lawler-
Modell)
So stark das VIE-Modell die kognitiven Prozesse bei der Aufwand-Nutzen-
Bilanz würdigt, so vernachlässigt es doch die höchstpersönlichen ggf. auch irra-
tionalen Faktoren, die die Erwartungen und Zielbewertungen des Abwägenden
beeinflussen. Dies können auch nicht realistische Selbsteinschätzungen sein,
Erfahrungswerte, die die aktuelle Situation überlagern oder auch die eigene Rol-
lenbestimmung innerhalb einer Organisation bzw. eines Arbeitsumfeldes. Die
Antwort von Lyman W. Porter und Edward E. Lawler (University of California)
im Jahr 1968 auf das VIE-Modell von Vroom besteht in der zusätzlichen Fein-
Differenzierung eines zufriedenstellenden Ziels (vgl. Abb. 3.4):
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
Extrinsische Motivation
(exogen)
Intrinsische Motivation
(endogen)
Belohnung von außen durch:
Befriedigung aus eigener Leistung:
Lob und Anerkennung
Freude am Gestalten
Finanzielle Anreize
Freude an der Selbstverwirklichung
Beförderung
Freude an der Verantwortung
Konkretes Weiterbildungsangebot
Freude am Lernen
Führungshandeln:
Befördern und Belohnen
Führungshandeln:
Fördern und Fordern
Abb. 3.4 Extrinsische und intrinsische Motivation im Vergleich
ist die Position des Ersten Stadtrates einer kleinen Verwaltung weniger attraktiv,
die Wahrscheinlichkeit, dieses Ziel gegenwärtig zu erreichen, aber sehr viel höher.
Angesichts dieser Ausgangslage wird sich Herr Fechner aktuell darum bemühen,
Erster Stadtrat in einer kleinen Verwaltung zu werden, um den nächsten Karrieres-
prung einzuleiten.
32
3 Theorien für die Praxis
• Anstrengung (Erwartung),
• Leistung (Instrument) und
• Belohnung (Valenz) werden wiederum in Abgleich gestellt mit der
• Zufriedenheit, die eine Belohnung in dem Handelnden auslöst. Hier unterschei-
det die Forschung zwischen intrinsischer Motivation in Gestalt etwa von Wiss-
begierde und Freude am Lernen, Erlebnisse, die schon für sich genommen als
Belohnung empfunden werden, und extrinsischer Motivation etwa durch das
Erringen von Anerkennung, einen Karrieresprung oder eine Gehaltserhöhung.
Meist lassen sich intrinsische und extrinsische Motivation schwer voneinander tren-
nen, im Arbeitsalltag sind die Übergänge oft fließend. So ist das Angebot einer von
der Verwaltung finanzierten Weiterbildung eine exogene Belohnung, zugleich aber
bedient diese Maßnahme auch die endogene Motivation durch die Freude am Wis-
senserwerb. Beide Deutungen des Handlungsantriebs bzw. des Motivationsschubes
aber nehmen auf individuelle Prozesse und Interaktionen in der Organisation Bezug.
Im Gegensatz hierzu wirken die Begleitfaktoren von Verwaltungs- und Personalpo-
litik wie etwa Betriebliche Gesundheitsförderung, demografiestabile Personalarbeit
und die Digitalisierung der Verwaltung unabhängig vom Verhalten Einzelner auf den
Zufriedenheitslevel der Mitarbeiter (vgl. Abb. 3.5). Diesen Aspekt stellen wir Ihnen
vertiefend in Abschn. 3.2.2.3 unter dem Stichwort „Hygienefaktoren“ vor.
Subjektiver Wert
der erwarteten Belohnung
Subjektive Erwartung, dass die
Anstrengung zur Belohnung führt
Anstrengung
Zufriedenheit über
eigene Fähigkeiten und
Eigenschaften
Zufriedenheit über
Rollenwahrnehmung
Arbeitsleistung
Intrinsische Belohnung
Extrinsische Belohnung
Abb. 3.5 Zufriedenheit der Mitarbeiter
33
Aus dem Verwaltungsalltag – Fallvariante I „Der ehrgeizige Fachbereichs-
leiter“
Steht für Fachbereichsleiter Fechner auf dem möglichen Karrieresprung zum Ersten
Stadtrat der Erwerb von Wissen im Vordergrund, so kann bereits dies die Antriebs-
feder für eine Qualifikation sein. Unabhängig davon, ob Fechner dann nach erfolg-
reichem Abschluss des Studiums auch hierarchisch höher steigt, hat er in jedem Fall
eine schwierige Aufgabe gemeistert („Der Weg ist das Ziel“). Genügt Fechner aller-
dings die Freude über die eigene Leistung nicht und wäre sein Abschluss für ihn
erst dann wirklich wertvoll, wenn er auch von außen wahrgenommen und gewürdigt
wird, so wird er sich in diesem Fall nur unter bestimmten Bedingungen zur Quali-
fikation entschließen – etwa wenn ihm sein jetziger Vorgesetzter in Absprache mit
dem Behördenleiter die Position des Leitenden Zentralcontrollers oder die Leitung
des Behördenleiter-Büros zusagt.
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
Wie wir eben schon andeuteten, fließen extrinsische und intrinsische Motivatoren
oft ineinander. Wichtig ist es, das genaue Augenmerk auf die Persönlichkeit des-
jenigen zu richten, der motiviert werden soll – und Gewichtungen zu setzen.
Aus dem Verwaltungsalltag – Fallvariante II „Der ehrgeizige Fachbereichs-
leiter“
Fachbereichsleiter Fechner ist bei seiner sehr anstrengenden berufsbegleitenden
Qualifikation vor allem der Stolz auf sich selbst bzw. auf die eigene Leistung wich-
tig. Ein voreilig avisierter neuer Tätigkeitsbereich des Vorgesetzten, mit dem Ziel,
Fechner an seine Abteilung bzw. an das Haus zu binden, kann die Motivation des
Fachbereichsleiters in eine andere Richtung lenken, die ihn im Extremfall sogar von
seinem Ziel abbringt: Durch die neue Aufgabe und Verantwortung verliert Dr. Stett-
ner seinen eigentlichen Beweggrund aus den Augen. Tritt dann der Fall ein, dass der
Vorgesetzte seine Intervention für eine Versetzung bei der Verwaltungsführung nicht
durchsetzen kann, führt dies zu einem Nachlassen der Leistung bei Fechner. Hier ist
die intrinsische Belohnung durch einen extrinsischen Motivator überlagert worden.
Anreizsysteme bedürfen einer sehr sorgfältigen Analyse. Eine Fokussierung auf eine
Belohnung kann dazu führen, dass qualitative Faktoren vernachlässigt werden. Eine
Fehlsteuerung durch vorgegebene Ziele ist die Folge.
34
3 Theorien für die Praxis
Fabel
Vor allem in den Wirtschaftswissenschaften findet die Risiko-Nutzen-
Bilanz, hergeleitet aus den Erkenntnissen des Mathematikers und Physikers
Jakob I. Bernoulli (1655–1705) rege Anwendung. Bernoulli hat wesentlich
zur Entwicklung der Wahrscheinlichkeitstheorie beigetragen. Die abgelei-
tete Bernoulli-Verteilung, in der quantitative Größen für den Nutzen und
die Wahrscheinlichkeit des Erreichens miteinander multipliziert werden,
hat die Psychologie mit der subjektiven Perspektive von Nutzen und Wahr-
scheinlichkeit adaptiert.
3.2.1.3 Wie stark bestimmen Empfindungen den Weg zum
Ziel? (Attributionstheorie nach Weiner)
Den Erfolg suchen, den Misserfolg vermeiden: Im Rahmen der kognitiven Pro-
zesstheorien beschreibt der US-amerikanische Psychologieprofessor Bernhard
Weiner (*1935) zwei gegensätzliche Ursachenzuschreibungen auf dem Weg
zum Ziel: „Warum habe ich mein Ziel erreicht bzw. verfehlt?“ Das Empfinden
hoher Eigenverantwortung kennzeichnet die internale Attribution, auf der Gegen-
seite stellt sich die externale Zuschreibung für Erfolg oder Misserfolg in Gestalt
eines starken Abhängigkeitsempfindens vom sozialen Umfeld oder vom Zufall
dar. Die Unterschiede in den Orientierungsmustern bewirken auch unterschiedli-
ches Arbeitsverhalten. Eine Position, die viel Eigeninitiative verlangt, wird einen
internal orientierten Mitarbeiter stärker motivieren, im Gegensatz dazu wird die
Aussicht auf einen klar strukturierten Arbeitsbereich mit festen Regeln auf einen
external orientierten Mitarbeiter eine höhere Anziehungskraft ausüben.
Bevor Sie sich auf das gefährliche Terrain einer möglicherweise voreiligen
Einordnung Ihres Mitarbeiters als internal oder external orientierten Charakter
begeben, bitten wir Sie, vier Fragen für sich selbst zu klären, die Ihnen Ihre Ein-
schätzung erleichtern werden:
• Würden sich andere, z. B. Kollegen aus der Abteilung des Mitarbeiters, unter
gleichen Bedingungen ähnlich verhalten?
• Können Sie ein konsistentes Verhaltensmuster erkennen, dass immer wieder
auftritt, wenn der fragliche Mitarbeiter mit einer bestimmten Situation kon-
frontiert ist?
• Würden Sie selbst sich in einer spezifischen Situation eher wie der Mitarbeiter
oder anders als er verhalten?
• Sind Sie sich dessen bewusst, dass Ihre Art des Verhaltens für den Mitarbeiter
eventuell unvorstellbar wäre?
35
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
Aus dem Verwaltungsalltag – „Die Stellenbesetzung“
In einer Verwaltung stehen entscheidende Umstrukturierungen an. Im Zuge der Ver-
änderungen werden Stellen neu bewertet. Durch Aufstiege sind zwei Leitungsstel-
len neu zu besetzen. Die Verwaltungsleitung muss entscheiden, wie die jeweiligen
Anforderungen der zwei Stellen mit den Profilen der Kandidaten optimal zusam-
menpassen (Job-Fit-Ansatz).
• Es sollen verschiedene Sachgebiete aus unterschiedlichen Abteilungen zu einer
Abteilung zusammengelegt werden. Die Verwaltungsleitung sucht im Haus
einen Mitarbeiter, der im höchsten Maße eigenverantwortlich die neue Abtei-
lung gestaltet, Inhalte, Abläufe und Ziele definiert – eine große Herausforderung
und damit ideale Aufgabe für Herrn Andorf. Er betritt Neuland, hat aber schon
bewiesen, dass er Abläufe optimieren und Projekte strukturieren kann.
• Zeitgleich wird die Stelle des Ordnungsamtsleiters vakant. Kennzeichnend für
diese Position sind streng strukturierte Abläufe und klare Positionen – eine ideale
Aufgabe für Herrn Obald. Er bewegt sich in einem stabilen Rahmen, in dem er
weitestgehend vor unliebsamen organisatorischen Veränderungen geschützt ist.
Im Praxisfall werden zwei Experten ausgewählt, die aus unterschiedlichen
Beweggründen mit jeweils hoher Motivation ihre Aufgaben übernehmen – und
was geschieht, wenn sie beide scheitern (vgl. Abb. 3.6)?
Fallvariante I: Die gescheiterte Weiterbildung/Qualifizierung
Internal
Kontrollierbar
Ich habe mich nicht
genug vorbereitet
Nicht kontrollierbar
Ich bin nicht intelligent
genug
External
Die Fragen waren
nicht adäquat
Ich hatte Pech
Fallvariante II:
Ablehnung für die Leitungsposition nach Vorstellungsgespräch vor der Verwaltungsleitung
Internal
Kontrollierbar
Ich habe mich schlecht
präsentiert
Nicht kontrollierbar
Ich bin eben kein
„Dampfplauderer“, ich
habe kein Talent zur
Eigen-PR
External
Die Mitbewerber
waren begabtere
Selbstdarsteller
Die Ausschreibung war
sowieso nur „pro forma“
Abb. 3.6 Attributionen: Menschen mit internaler und Menschen mit externaler Orientierung
36
3 Theorien für die Praxis
• Menschen mit internaler Orientierung führen Erfolge, aber auch ein Scheitern
vorrangig auf den eigenen Arbeitseinsatz bzw. auf ihre Leistungen zurück. Ein
Misserfolg im Aufgabenbereich von Herrn Andorf etwa könnte in der nicht gelun-
genen Koordination der Sachgebiete zu einer neuen Abteilung – wie Bürgerbüro,
Beschwerdemanagement und Bürgerbeteiligung – begründet sein. Fachlich ver-
suchen die Mitarbeiter der einen Abteilung, das Team der anderen zu dominie-
ren, menschlich herrscht ein Klima des Misstrauens. Der internal orientierte Herr
Andorf würde in diesem Fall die Verantwortung bei sich selbst suchen, etwa man-
gelnde konzeptionelle Vorarbeit seinerseits als möglichen Auslöser verorten.
• Menschen mit externaler Orientierung hingegen sehen sowohl Erfolg („Glück
gehabt“) als auch Misserfolg eher in Geschehnissen außerhalb des eigenen
Einflussbereichs begründet. So könnte Herr Obald die Verantwortung für Rei-
bungsverluste im Ordnungsamt auf den Dezernenten schieben: „Die Verwal-
tungsleitung wusste, dass mit den Voraussetzungen in diesem Amt die Ziele
der Verwaltungsleitung nicht erreicht werden konnten, sie wollte mich mit die-
ser nicht lösbaren Aufgabe ,vorführen‘“.
Am Fall des Herrn Obald können Sie bereits eine weitere Differenzierung inner-
halb der Attributierungen erkennen: „Glück gehabt“ bezeichnet einen Erfolg auf
Zufallsbasis – also eine nicht kontrollierbare Größe. Die Vermutung hingegen, die
Verwaltungsleitung habe ihn „ins Messer laufen lassen“, gründet auf seiner Per-
spektive, dass die Voraussetzungen in dem Amt nicht gegeben seien – ein ggf.
änderungsfähiger und damit kontrollierbarer Faktor.
Was bedeuten solche Erkenntnisse für Sie als Führungskraft? Der Mitarbeiter
mit internaler Orientierung wird aus eigenem Antrieb heraus seine Anstrengungen
verdoppeln. Einem Mitarbeiter mit externaler Orientierung könnte eine Aufgabe,
die er mit großer Sicherheit gut erfüllen wird, sein Selbstvertrauen wiedergeben.
Ein Jahreszielgespräch bietet für beide Charaktere Gestaltungsspielräume.
3.2.1.4 Wie attraktiv ist das Ziel? (SMART-Theorie nach
Locke/Latham)
Mit folgendem Satz kennzeichnet Ansfried Weinert (2004) in seinem Lehrbuch die
Besonderheit der Zielsetzungstheorie von Edwin A. Locke: „Die Vorstellung, dass
Ziele Verhalten lenken, ist schon sehr alt. Locke kommt das Verdienst zu, diese
Gedanken im Zusammenhang mit dem Verhalten in Organisationen erforscht zu
haben.“ Das Jahreszielgespräch wird zunehmend auch von Verwaltungen als Ins-
trument der Mitarbeiterführung und Motivation eingesetzt. Insbesondere für Leis-
tungsträger üben klare Ziele eine Art Sogwirkung aus. Die zentrale Erwartung: Je
anspruchsvoller das Ziel, desto höher die Leistungsmotivation des Mitarbeiters.
37
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
Wer allerdings mit Zielen führt, ist auch für die Klarheit der Ziele verantwortlich.
Die vertiefende SMART-Klassifikation nach Locke und Latham (Gary P. Latham)
bietet Ihnen für Ihr Zielsetzungsgespräch genügend Differenzierungspotenzial:
• S wie Spezifisch: Das vorgegebene Ziel sollte spezifisch, also möglichst ein-
deutig sein: „Quoten, Noten und genaue Zahlen“, so Weinert, sind wirksamer
als vage, allgemein formulierte Erwartungen wie etwa „Ihre Arbeitsergebnisse
müssen besser werden.“ Eine spezifische Vorgabe könnte bei einem Abteilungs-
leiter in der Verwaltung in der Anzahl bearbeiteter Anträge per anno bestehen.
• M wie Messbar: Das Ziel muss messbar, also deutlich als Weiterentwicklung
im Arbeitsumfeld, gekennzeichnet sein. So kann die Zielvorgabe, zwei eng
miteinander kooperierende Sachgebiete zusammenzulegen, zu deutlichen Pro-
zessoptimierungen führen.
• A wie Attraktiv: Das Ziel sollte attraktiv, d. h. vom Mitarbeiter auch akzep-
tiert sein. Wer aktiv an der Zielformulierung mitwirken konnte, wird das Ziel
ambitionierter verfolgen, als wenn ihm lediglich mitgeteilt wurde, woran
er arbeiten soll. So könnte die Zielvorgabe für die junge Mitarbeiterin Freda
(Abschn. 3.1 „Aus dem Verwaltungsalltag“) darin bestehen, Social-Media-
Kommunikation zu professionalisieren. Zur Erreichung des Ziels, ein Netz-
werk aufzubauen und Fortbildungsveranstaltungen über Rechte und Pflichten
für die Mitarbeiter zu organisieren, würde das Gestaltungsbedürfnis von Freda
befriedigen und ihrer Profilierung dienlich sein.
• R wie Realistisch: Das Ziel sollte realistisch und umsetzbar sein. Das über-
geordnete Ziel einer optimalen Versorgungsqualität etwa ist eher abstrakter
Natur; es gibt aber viele greifbare Zwischenziele wie etwa geordnete Überga-
ben (vgl. Kap. 8) die im Verwalltungsalltag kontrollierbar sind.
• T wie Terminiert: Das Ziel sollte in einem bestimmten Zeitrahmen gesetzt wer-
den, um eine absehbare Erreichbarkeit zu gewährleisten. Formulierungen wie „In
zehn Jahren wollen wir eine Verwaltung mit gutem Image sein“ sind zu ungenau.
Es „menschelt“ schon lange in der öffentlichen Verwaltung
Der „soziale Mensch“ hat das Weber’sche Menschenbild von der „leben-
den Maschine“ oder vom „funktionierenden Menschen“ abgelöst. Seit-
dem „menschelt“ es auch in der öffentlichen Verwaltung. Die organisierte
Unverantwortlichkeit sollte der soziale Mensch von innen aufbrechen.
Die Führungskräfte im Neuen Steuerungsmodell sollten sozial kompe-
tent und kooperativ führen. Es wurde nicht mehr angeordnet, sondern mit
Zielvereinbarungen geführt. Informelle Beziehungen sollten vorhandene
38
3 Theorien für die Praxis
bürokratische Strukturen aufbrechen helfen. Sachliches und Emotionales
wurden in einem formalisierten Mitarbeitergespräch besprochen.
Mit diesen und anderen Managementinstrumenten kommen bürokrati-
sche Hierarchien gut zurecht, denn, so weiß die Verwaltungswissenschaft:
Management-Modelle, die in der Verwaltung umgesetzt werden, führen zu
nichts anderem als zur Bürokratie. Das neue Menschenbild des sozialen
Menschen führt dann dazu, dass alle Mitarbeiter in gleicher Weise „sozial
behandelt“ werden, auch diejenigen, die weniger nach sozialen Kontakten,
aber mehr nach Selbstverwirklichung streben.
Ergebnis: Das soziale Menschenbild und die Managementmodelle
konnten trotz des gewaltigen Anpassungsdrucks der Verwaltungsumwelt,
der durch
• den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel,
• den Wertewandel und
• den Aufgabenwandel innerhalb der Verwaltung
ausgeübt wird, keinen Wandel der Verwaltung herbeiführen (vgl. Walter
2011, S. 13 ff.).
Zusammenfassend bieten die Prozesstheorien für das Führungshandeln aufschlussrei-
che Hinweise auf die Charakteristika von Aufgaben und damit auf die Möglichkeit
gezielter Motivation durch Belohnung oder durch besondere Herausforderungen. Die
Schwäche der Prozesstheorien liegt in der Schwerpunktsetzung auf situativ bestimmte
Handlungsentscheidungen und Orientierungen. Von der Situation unabhängige
Motive wie Sicherheitsstreben oder Unabhängigkeit bleiben unberücksichtigt.
3.2.2
Was den Menschen im Innersten treibt
(Inhaltstheorien)
3.2.2.1 Instinkte, Wünsche, Ziele – von der Kreatur Mensch
zum Leistungsträger (Maslow-Theorie)
Die fünf Motivlagen nach Abraham Harold Maslow (1908–1970)
• physiologische Bedürfnisse
• Sicherheit
• soziale Bindungen
39
• Wertschätzung
• Selbstverwirklichung
finden Sie im Regelfall als „Maslow’sche Bedürfnispyramide“ dargestellt (vgl.
Abb. 3.7).
Die instinktiven bzw. elementaren Bedürfnisse körperlicher Natur wie Essen,
Schlafen, Sexualität bilden in diesem Modell das breite Fundament. In den jeweils
schmaler werdenden „Stockwerken“ darüber rangieren die Wünsche nach Sicher-
heit, sozialer Einbindung und Wertschätzung. Bis zu diesem Punkt spricht die
Forschung von defizitorientierten Motivlagen. Die Spitze der Pyramide bildet das
Ziel, sich selbst zu verwirklichen. Hier sind die Defizite bereits ausgeglichen, die
Forschung spricht von einem wachstumsorientierten Motiv. Der Grundgedanke
des Pyramidenmodells gilt der Befriedigung existenzieller Erfordernisse. Je höher
angesiedelt das Bedürfnis, so die Annahme, desto weniger zwingend und daher
geringer ausgeprägt sei es für das bloße Überleben. Im Kontext dieser Bedürf-
nishierarchie hat die Selbstverwirklichung den Charakter eines „Luxus-Motivs“.
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
Abb. 3.7 Die Maslow’sche Pyramide
40
3 Theorien für die Praxis
In vielen Managementbüchern wird das Pyramidenmodell unkritisch über-
nommen. Es ist nur unzureichend empirisch belegt und wird der Komplexität
menschlicher Bedürfnisse, Wünsche und Ziele nicht gerecht. Würde ein Mensch
ein ranghöheres Ziel immer erst dann in Angriff nehmen, wenn er zuvor das rang-
niedere Bedürfnis befriedigt hätte, so gäbe es weder verarmte Künstler noch geni-
ale, oft menschenscheue Forscher und Erfinder (vgl. Abb. 3.8).
Ebenfalls unerläutert bleibt in der behaupteten Bedürfnishierarchie die Wech-
selbeziehung zu den Lebensphasen eines Menschen. Unabdingbare körperliche
Bedürfnisse beherrschen den Menschen am Beginn seines Lebens, in der Phase
der Familiengründung wird eher die Sicherheit eine Rolle spielen. Der Wunsch,
geachtet zu werden, ist oft an einen bereits erfolgten beruflichen Aufstieg gekop-
pelt und das Ziel der Selbstverwirklichung wächst im Regelfall mit errungenem
Wissen und Können (vgl. Abb. 3.9).
Das Bewusstsein, dass in den verschiedenen Lebensphasen des Mitarbeiters,
aber auch der eigenen Person, jeweils andere Bedürfnisse in den Vordergrund
Abb. 3.8 Abgleich mit der Maslow’schen Pyramide
41
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
rückt, ist für Ihr Führungshandeln daher grundsätzlich sinnvoll. Das Modell macht
vor allem deutlich, dass sich die eigenen Bedürfnisse keineswegs mit denen des
Mitarbeiters decken müssen. Allerdings orientiert sich diese Interpretation noch
recht stark an traditionellen Lebensmodellen und Berufsverläufen. In der Bilanz
sind die Instinkte, Wünsche und Ziele nach Maslow für Führungsstrategien in Orga-
nisationen nur bedingt geeignet. Zwar finden Sie auch in den Folgemodellen immer
wieder Elemente aus den von Maslow definierten Bedürfnissen, die Folgemodelle
aber sind empirisch besser belegt, orientieren sich stärker an den im Arbeitsumfeld
relevanten Motiven und differenzieren zwischen Instrumentarien individuellen Füh-
rens und organisatorischen Arbeitsplatzfaktoren (s. hierzu Abschn. 3.2.2.3).
3.2.2.2 Die „großen Drei“ – Leistung, Macht und Soziale
Einbindung (McClelland)
In seiner Weiterentwicklung des maslowschen Modells spricht der Verhaltens- und
Sozialpsychologe David McClelland (1917–1998) von erlernten Bedürfnissen
im Gegensatz zu den Elementarbedürfnissen. Die Motive Leistung, Macht und
Abb. 3.9 Darstellung der Bedürfnisse in den unterschiedlichen Lebensphasen anhand der
Maslow’schen Pyramide
42
3 Theorien für die Praxis
Leistungsmotiv
Motivation des Mitarbeiters durch
Eigenverantwortung und schnelles Feedback
Erlernte
Bedürfnisse
Zugehörigkeitsmotiv
Motivation des Mitarbeiters
durch Schaffung konfliktarmer Situationen
und Interaktion mit geringem Wettbewerb
Machtmotiv
Motivation des Mitarbeiters
durch Gestaltungsspielräume
und Einflussnahme
Abb. 3.10 Die „großen Drei“: Leistung, Macht und Soziale Einbindung (nach McClelland)
Zugehörigkeit sind empirisch gut untersucht. Ihre Grundlagen werden bereits in
frühester Kindheit gelegt und durch das kulturelle Umfeld des Individuums beein-
flusst.
Die „großen Drei“ bieten Ihnen als Führungskraft konkrete Anhaltspunkte für
motivierendes Führungshandeln (vgl. Abb. 3.10). Voraussetzung ist aber, dass
Sie die individuellen Gewichtungen innerhalb der drei Schlüsselbedürfnisse bei
sich selbst und bei Ihren Mitarbeitern erkennen. Jeder Mensch lebt mit einem
Mischungsverhältnis verschiedener Motivlagen. Sie selbst wären nicht in Ihrer
führenden Position angelangt, wenn nicht zumindest Ihr Leistungsmotiv stark aus-
geprägt wäre. Das muss aber noch nicht bedeuten, dass ein junger Kollege, dessen
Wunsch nach einem möglichst konfliktfreien Arbeitsumfeld überwiegt, deswe-
gen weniger gute Leistung erbringen würde. Schubladendenken verbaut Ihnen
eher den Weg zu einer konstruktiven Interaktion. Gelingt Ihnen die gedankliche
Abstraktion zwischen den eigenen Motiven und den Fremdpräferenzen, ist die
Basis für individuell motivierendes Führen geschaffen.
43
Aus dem Verwaltungsalltag – „Die Stellenbesetzung“
Erinnern Sie sich noch an Herrn Obald (Abschn. 3.2.1.3), dessen fachliches Können
unbestritten ist? Er wird sich für eine anspruchsvolle Aufgabe am stärksten begeis-
tern und diese auch meistern, wenn er in einem vergleichsweise konfliktarmen
Umfeld arbeiten kann. Müsste er sich ständig gegenwärtigen, dass er um seine Posi-
tion kämpfen muss, würde dies seine Leistung sicher beeinträchtigen. Der kämpferi-
sche Andorf hingegen empfindet den Wettbewerb als Leistungsstimulans.
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
3.2.2.3 Wirklich motiviert oder „nur“ zufrieden? Echte
Antreiber und Hygienefaktoren (Herzberg)
Die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter zu erkennen, zu nutzen und zu fördern,
liegt im Interesse einer jeden wirtschaftlichen Organisation. Auch für Verwaltun-
gen gilt diese Herausforderung heute stärker denn je.
Verwaltungswissen und Human-Kapital
In der traditionell betriebswirtschaftlichen Perspektive stellen Mitarbeiter
lediglich Kostenfaktoren dar. Die Wertschöpfung (Unterschied zwischen
den Werten des produzierten Outputs und den Werten für den dafür ver-
wendeten Input) entsteht durch Sachgüter und ihre Werte.
In der modernen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft gerät nun
zunehmend der Mensch als Wertschöpfungsfaktor ins Blickfeld. Der soge-
nannte Human-Capital-Ansatz setzt Qualifikation, Wissen und Erfahrung als
Unternehmenswert ein. So können durch Mitarbeiter ein Mehrwert und damit
eine Wertschöpfung entstehen. Diese kann sich in folgendem Output zeigen:
• zufriedene Mitarbeiter,
• zufriedene Bürger,
• erfolgreiche Bürgerbeteiligung,
• gestiegenes Image der Verwaltung,
• verbesserter (Gemeinde-)Standort-Faktor.
So betrachtet, ist eine Verwaltung gut beraten, die Mitarbeiter als wertvol-
les Organisationskapital zu begreifen: eine Perspektive, die dem Begriff
Kosten eine völlig neue Bedeutung verleiht.
44
3 Theorien für die Praxis
Speziell in Verwaltungen bedeutet das Spannungsfeld zwischen Expertentum,
Bürokratie und Leistung eine große Herausforderung an die Motivation der
Verwaltungsmitarbeiter. Neben den klassischen Anreizsystemen wie Beförde-
rungen und Aufstiegschancen in der Hierarchie gewinnen Freiräume für Poten-
zialentwicklung und berufliche Selbstverwirklichung zunehmend an Bedeutung.
Verwaltungen sind daher gut beraten, sowohl vielversprechenden Führungs-
nachwuchs für ihr Haus zu begeistern als auch Mitarbeiter zu binden. Gezielte
Fortbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten und Angebote zur lebensphaseno-
rientierten Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen die Grundvoraussetzun-
gen für ein attraktives Arbeitsumfeld.
Die Motivationsforschung spricht von Hygienefaktoren (vgl. Abb. 3.11), deren
Vorhandensein zwar keine direkte Leistungssteigerung bewirkt, deren Fehlen
Abb. 3.11 Hygienefaktoren und Motivatoren (nach Herzberg)
45
allerdings große Unzufriedenheit hervorruft und damit die Leistungsbereitschaft
negativ beeinflusst. Im Gegensatz dazu stehen die sogenannten Motivatoren, die
unmittelbar auf das Leistungsverhalten des Menschen einwirken. Beide Konstan-
ten wirken unabhängig voneinander.
Gerade weil in vielen Management- und Lehrbüchern die Trennschärfe zwi-
schen den Hygienefaktoren und den extrinsischen Motivatoren fehlt, wollen wir
Ihnen in diesem Buch einen praktikablen Ansatz für Ihr Führungshandeln bieten.
Denn die gedankliche Unterscheidung zwischen Ihren individuellen Spielräumen
zur Motivierung Ihrer Mitarbeiter und den grundlegenden Arbeitsplatzfaktoren
spielt eine wichtige Rolle bei der Festlegung Ihrer Führungsstrategien.
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
Aus dem Verwaltungsalltag – Fortführung „Die begehrte Abteilungsleiter-
stelle“
Sie erinnern sich sicher noch an die junge, ehrgeizige Frau Freda (Abschn. 3.1)?
Ihrem Vorgesetzten Herrn Fassener war sehr daran gelegen, sie in der Verwaltung
zu halten. Seine erste Maßnahme war das Mitarbeitergespräch, das er bewusst
nicht „zwischen Tür und Angel“, zwischen Teammeeting und Kantinengang anbe-
raumte. Er nahm sich eine Stunde seiner wertvollen Zeit für dieses Gespräch unter
vier Augen und wies seine Sekretärin an, keine Anrufe durchzustellen. Er bewies
mit diesem Verhalten seine hohe Wertschätzung für die junge Mitarbeiterin. Mit
der Übertragung einer höheren Teilverantwortung als Sachbearbeiterin ermög-
lichte er Freda einen weiteren Schritt in ihre berufliche Weiterentwicklung in der
Verwaltung. Sein konkretes Angebot, die Verantwortung für das nächste interne
Projekt oder auch die hausinterne Finanzierung eines wichtigen Weiterbildungsse-
minars zu übernehmen, eröffnete der jungen Mitarbeiterin attraktive Gestaltungs-
spielräume und bedienten ihren Wunsch nach Profilierung („Attraktivität der Ziele“,
Abschn. 3.2.1.4). Fasseners Einsatz für eine Überarbeitung und stärkere Differen-
zierung hausinterner Vergaberichtlinien zur Stellenbesetzung – wie etwa Anzahl
geleiteter Projekte und die Publikation darüber in Fachzeitschriften – brachte
eine hohe Transparenz und trug zu einer generellen Zufriedenheit des Führungs-
nachwuchses bei. Nun konnte auch Freda bei der nächsten frei werdenden Abtei-
lungsleiterstelle mit hoher Gewissheit auf eine leistungsgerechte und transparente
Entscheidung hoffen.
Gespräche auf dem Flur
Sie meinen, es sei selbstverständlich, sich in einem Gespräch auf sein
Gegenüber zu konzentrieren? Dann gehören Sie zu denjenigen, die im
Bereich des Führungshandelns bereits einen sehr hohen Status kultivieren.
46
3 Theorien für die Praxis
Führungskräfte, die meinen, inhaltlich relevante Gespräche mit Mitar-
beitern „mal schnell auf dem Weg zur Kantine führen zu können“, gehören
sicherlich nicht zu diesem Kulturkreis.
Was heutzutage von Wirtschaftsunternehmen als Errungenschaft moderner Per-
sonalpolitik verkündet wird, geht auf eine Studie Ende der 1950er Jahre zurück.
Die damals aktuelle Fragestellung lautete, wie das Doppelziel einer erhöhten Leis-
tungsbereitschaft und zugleich einer Zufriedenheit des Mitarbeiters erreicht werden
könne. Im Rahmen dieser Forschung fand die Untersuchung des amerikanischen
Arbeitswissenschaftlers und klinischen Psychologen Frederick Irving Herzberg
(1923–2000) besondere Beachtung. Er hatte in einer Mitarbeiterbefragung (siehe
Rosenstiel 2003, S. 166) die Teilnehmer Ereignisse aus ihrem Berufsleben
beschreiben lassen, die in ihnen eine besondere Zufriedenheit erzeugt bzw. die sie
Abb. 3.12 Faktoren, die Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit erzeugen. (Quelle: in Anleh-
nung an einer Herzberg-Studie)
47
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
besonders unzufrieden gestimmt haben. Von den Extrembeispielen deduzierten
Herzberg und sein Team dann auf generelle Situationen. Überraschend an der Studie
war vor allem, dass es nicht nur jeweils andere Ereignisse waren, die Zufriedenheit
bzw. Unzufriedenheit erzeugten, sondern dass sich die exemplarischen Situationen
in ihrer Gewichtung fast spiegelverkehrt darstellten (vgl. Abb. 3.12).
Aus diesen Erkenntnissen entwickelten Herzberg, Mausner und Snyderman
dann die sogenannten Hygienefaktoren, die – wie oben bereits dargelegt – dazu
beitragen können, wertvolles Fachwissen und Kompetenz an die Verwaltung zu
binden. Sie erinnern sich noch an die Bedürfnispyramide nach Maslow? (vgl.
Abb. 3.7). In den Hygienefaktoren spiegeln sich unter anderem die Bedürfnisse
nach Sicherheit und sozialer Bindung (Zusammenhang zwischen Hygienefakto-
ren [Herzberg] und Bedürfnissen [Maslow]).
3.2.2.4 Werte und Wesensarten – von zwei Seiten betrachtet
(Reiss-Modell)
Steven Reiss, Professor für Psychologie und Psychiatrie an der State Univer-
sity Ohio, hat im Rahmen einer umfangreichen empirischen Untersuchung
das menschliche Verhalten auf 16 relevante Lebensmotive zurückgeführt (vgl.
Abb. 3.13). Befragt wurden über 7.000 Männer und Frauen aus den USA,
Kanada und Japan, die Untersuchung wurde um die Jahrtausendwende veröf-
fentlicht. Die Grundmotive von Reiss enthalten keine Wertung, keine Hierar-
chie und stellen sich jeweils in zwei gegensätzlichen Ausprägungen dar. Bei den
meisten Menschen sind die Gewichtungen über lange Zeit stabil. Reiss definiert
diese 16 Grundmotive als „Endzweck“ des Handelns und als sinnstiftend für die
Lebensgestaltung. Sämtliche Motive gehören zu den intrinsischen Motivatoren,
die dafür verantwortlich sind, was wir gerne und mit Energie tun, aber auch was
wir bewusst unterlassen.
48
3 Theorien für die Praxis
Abb. 3.13 Die 16 Lebensmotive (nach Reiss)
49
3.2 Wie entscheide ich mich und warum fälle ich diese Entscheidung? …
Aus dem Verwaltungsalltag – Der Weiterbildner
Der Dezernent Dober will ein sehr anspruchsvolles Führungsnachwuchskräfte-
programm für alle Ebenen der Verwaltung vollständig seinem Mitarbeiter Dr. Otto
überantworten. An einem bloß hierarchischen Delegieren ist Dober nicht interes-
siert. Er möchte, dass Dr. Otto die Aufgabe aus innerem Antrieb und mit echtem
Engagement angeht. Wie gelingt es Dober, die Begeisterung von Dr. Otto für diese
Aufgabe zu wecken?
Die Checkliste von Reiss eröffnet Dober einen profunden Überblick über
menschliche Motivlagen. Mit diesem Wissen und einer sorgfältigen Beobachtung
bzw. Einschätzung von Ottos Präferenzen kann Dober den richtigen Ton treffen. Wir
wählen hier beispielhaft drei Motivlagen mit der hierzu passenden Strategie bzw.
Argumentation aus, um Dr. Otto für seine Aufgabe zu begeistern.
• Starke Ausprägung Idealismus:
Sein Gerechtigkeitssinn, sein Interesse daran, sich für Andere einzusetzen, wird
in Dr. Otto die Begeisterung dafür wecken, den jungen Kollegen zu einer guten
Ausbildung und Weiterbildung zu verhelfen und ihnen damit den Weg in eine
berufliche Karriere zu ebnen.
• Starke Ausprägung Macht/Führung:
Die nächste Führungskräftegeneration auszubilden erfordert von Dr. Otto Füh-
rungsqualitäten. Ist er hier erfolgreich, bedeutet das für ihn die Übertragung wei-
terer und noch anspruchsvollerer Aufgaben im Führungsbereich.
• Starke Ausprägung Status:
Weil er die Person mit den höchsten Qualifikationen für die Aufgabe ist, hat
man ihn hierfür ausgewählt – so die Botschaft des Dezernenten. Dies wird eine
Strahlwirkung auch in die anderen Abteilungen hinein entfalten.
Führungskräfte, die sich dieses Tools bedienen, sollten drei Aspekte berück-
sichtigen:
• Sie müssen sich bewusst sein, was sie selbst antreibt,
• sie brauchen eine Einschätzung, was die unterschiedlichen Mitarbeiter
antreibt,
• sie tragen die Verantwortung dafür, auch solche Motivlagen zu erkennen, die
nicht den eigenen entsprechen (Abstraktions- und Reflexionsvermögen).
Abschließend ist zu sagen: Führungskräfte in der Verwaltung, die sich ihrer Füh-
rungsverantwortung bewusst sind, werden stets eine hohe Deckungsgleichheit
zwischen Aufgabe, Motivlage und individueller Verhaltensweise des Mitarbeiters
anstreben. Hier steht Ihnen eine Vielzahl von Strategien zur Verfügung. Spricht
50
3 Theorien für die Praxis
etwa der Mitarbeiter stärker auf Belohnungen von außen an (Befördern und
Belohnen), kommen andere Instrumentarien zum Einsatz – etwa eine Gehaltser-
höhung – als im Fall einer intrinsischen Motivlage (Fördern und Fordern). Hier
spornen höhere Verantwortung und mehr Gestaltungsspielräume den Kollegen zur
Entfaltung seiner Leistungspotenziale an.
„Das ist ja pure Manipulation“
Die Frage wird uns in unseren Coachings und Führungskräfteseminaren
nicht selten gestellt: „Ist ein solcher Einsatz von Diagnostikinstrumentarien
nicht pure Manipulation?“
Dazu kann ich nur deutlich sagen: Jede Art von Kommunikation –
besonders wenn Sie sich in der Position der Führungskraft befinden – soll
andere Menschen zu bestimmten Handlungen führen. Somit ist die Frage
eigentlich nur, ob man sie positiv dorthin begleitet oder ob sie widerstre-
bend ihre Aufgabe erledigen, weil Sie nicht an ihre Motive appelliert haben.
3.3
Tatort Demotivation
Sie haben jetzt sehr viel über motivierendes Führungshandeln erfahren. Mit die-
sem Wissen werden Sie rasch die ersten Anzeichen von Demotivation bei Ihrem
Mitarbeiter erkennen, möglicherweise noch bevor Sie einen deutlichen Leistungs-
abfall verzeichnen. Offene Abwehr, Zerstreutheit, Wortkargheit und Vergesslich-
keit etwa sind deutliche Symptome. Für die Diagnose der Ursachen stehen Ihnen
drei Handlungsdimensionen zur Verfügung, in deren Rahmen Sie gezielt indivi-
duelle Gegenmaßnahmen zur Remotivation ergreifen können:
• Dimension Nichtkönnen: Möglicherweise ist der Mitarbeiter mit dieser Auf-
gabe in seinem fachlichen Können überfordert. Eine Lösung könnte die Über-
tragung einer besser geeigneten Aufgabe sein.
• Dimension Nichtwollen: Vielleicht ist die Aufgabe der Motivlage des Mitar-
beiters nicht angemessen oder er empfindet sie als nicht realisierbar. Das Mit-
arbeitergespräch und die genaue Beobachtung des Mitarbeiters bilden hier
stets die Basis, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
• Dimension Nichtdürfen: Ihr Mitarbeiter bringt die beste Leistung, wenn er in
hohem Maße selbst gestalten kann, nun aber stößt er bei der Erfüllung seiner
Aufgabe immer wieder an Grenzen, etwa Handlungseinschränkungen durch
51
hierarchische Befugnisse. In einem solchen Fall kann auch Ihr persönlicher
Gestaltungsspielraum einen zu klärenden Faktor darstellen, etwa Ihre Befug-
nis, Sonderaufgaben außerhalb der Hierarchieleiter zu delegieren.
Die vierte Dimension des Nichthabens liegt im Organisationsbereich bzw. im
situativen Bereich, auf dessen Gestaltung Sie als Führungskraft nur vermittelnd
einwirken können. Sie erinnern sich noch an die junge Sachbearbeiterin Freda
(Abschn. 3.1 „Die begehrte Abteilungsleiterstelle“), die kurz davor stand, die
Verwaltung zu wechseln? Ihr Vorgesetzter Fassener hatte unter anderem dafür
gesorgt, dass die Vergaberichtlinien zur Besetzung hausinterner Positionen trans-
parenter und leistungsgerechter gestaltet wurden.
Für motivierendes Führungshandeln und damit für die Remotivierung Ihres
Mitarbeiters oder auch Ihres Teams sind Feedback und individuelle Gesprächs-
führung unabdingbar:
• Geben Sie Feedback und nehmen Sie auch Rückmeldungen entgegen. Nur
wenn auch Sie als Führungskraft der Verwaltung für mögliche kritische
Anmerkungen Ihres Mitarbeiters oder Ihres Teams offen sind – natürlich in
angemessenem Rahmen –, ist der wechselseitige Charakter motivierenden
Führens gewahrt.
• Die zielführende Gesprächsführung beinhaltet stets die Berücksichtigung
der individuellen Motivlage und Attributionen des Mitarbeiters als auch eine
transparente und gemeinschaftlich getragene Zielsetzung.
Leistungsverweigerer
Innere Kündigung entsteht in einer als frustrierend und negativ erlebten und
nicht positiv beeinflussbaren Arbeitssituation (Faller 1993, S. 199). Die Folge
ist eine bewusste Entscheidung der Leistungsverweigerung bzw. -einschrän-
kung. Erschreckend ist, dass die Leistungsverweigerung in der öffentlichen
Verwaltung von den Führungskräften oft gar nicht bemerkt wird, sondern als
gewünschte Verhaltensänderung (typische Ja-Sager) wahrgenommen wird,
die auch einer Beförderung nicht im Wege steht (Höhn 1983, S. 39 f.) (Walter
2011, S. 16 f.).
Vor allem aber: Vermeiden Sie generalisierende und vorschnelle Einschätzun-
gen der Ursachen des Leistungsabfalls. Sie erinnern sich an Herrn Onken (Kap.
3 „Die Fortbildungsrichtlinie“), der eine Aufgabe engagiert ausgeführt, aber in
3.3 Tatort Demotivation
52
3 Theorien für die Praxis
deren Gestaltung eine andere als die von seinem Vorgesetzten gewünschte Rich-
tung eingeschlagen hatte? Der pauschale Vorwurf von Cottwitz, „Sie scheinen
mir vollkommen unmotiviert“, hatte bei Onken zu einem Rückzug in die absolut
erforderlichen Arbeitsabläufe geführt.
Literatur
Braune, P. und Alberternst, Ch. (2013): Führen im öffentlichen Bereich und in Nonprofit-
Organisationen. Heidelberg: Springer Gabler.
Faller, M. (1993): Innere Kündigung. Ursachen und Folgen. In: Reihe Personalforschung,
Bd. 8 München, Mehring: Hampp.
Harlow, H. F. (1953): Mice, monkeys, men and motives. Psychological Review. 1953, Heft
60, S. 23–35.
Höhn, R. (1983): Die innere Kündigung im Unternehmen. Ursachen, Folgen, Gegenmaß-
nahmen. In: wwt (Menschenführung und Betriebsorganisation, Bd. 29), Bad Harzburg.
Psychonomics AG Köln, © Motivkreis Psychonomics: www.psychonomics.de.
Rosenstiel von, L. (2003): Motivation managen – Psychologische Erkenntnisse ganz pra-
xisnah. Weinheim: Beltz.
Sprenger, R. K. (2010): Mythos Motivation: Wege aus einer Sackgasse. Frankfurt am Main:
Campus.
Walter, A. (2011): Das Unbehagen in der Verwaltung. Warum der öffentliche Dienst den-
kende Mitarbeiter braucht. Berlin: Sigma.
Weinert, A. (2004): Organisations- und Personalpsychologie (Lehrbuch), 5. Aufl. Wein-
heim: Beltz, S. 360.
53
Fallbesprechung
Lösung des Falles „Der zerstreute Ordnungsamtsleiter“
Ihre Diagnose des Falles Aldrich können Sie jetzt auf Basis vielfältiger Informa-
tionen stellen. Die zunehmend unproduktive Arbeitsweise lässt durchaus auf eine
Demotivation schließen, die im Zusammenhang mit dem Arbeitsumfeld stehen
könnte. Dem Kollegen Ortmann würden Sie nun im ersten Schritt zu einem Mit-
arbeitergespräch in einem ungestörten Rahmen raten, um gemeinsam mit Herrn
Aldrich die möglichen Ursachen zu ergründen. Eine Führungskraft ist dafür ver-
antwortlich, dass seine Mitarbeiter die mit der Stelle verbundene Leistung bringt.
Aber die Tatsache, dass Herr Ortmann als Vorgesetzter sich für die Ursachen von
Aldrichs nachlassender Leistung interessiert und bereit ist, mit ihm unter vier
Augen nach einer Lösung zu suchen, ist ein Zeichen der Wertschätzung gegen-
über seinem Mitarbeiter.
Wir wissen, dass die Zeit einer Führungskraft sehr knapp bemessen ist: Hohe
Arbeitsverdichtung, Besprechungen und ständig sich verändernde Arbeitsrouti-
nen erfordern einen positiven Umgang mit Belastung. Da mag im ersten Augen-
blick das vertiefende Gespräch mit dem Mitarbeiter als zusätzliche Belastung
erscheinen. Wenn Sie sich der Situation allerdings aus einer anderen gedankli-
chen Perspektive nähern, wird deutlich, dass eine Lösung des Falles Aldrich zu
einer Verbesserung der Arbeitsabläufe beiträgt. Hinzu kommt, dass ein vielver-
sprechender Abteilungsleiter gehalten wird und er selbst seine weitere berufliche
Zukunft in dieser Stellung sieht.
Im Mitarbeitergespräch könnte sich herausstellen, dass Aldrich der Arbeits-
belastung kaum mehr standhält: Es sind viele Projekte in seiner Abteilung zu
bewältigen, oft kommen auch noch ungeplante dringende Aufgaben für politische
Gremiensitzungen dazu, die für ihn mit Überstunden verbunden sind, von Füh-
rung seines Personalentwicklungsteams kann aus Zeitgründen gar nicht mehr die
4
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017
G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen
Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_4
54
4 Fallbesprechung
Rede sein; mittlerweile türmen sich unerledigte Aufgaben und nicht gelöste Kon-
fliktsituationen auf seinem Schreibtisch.
Im ersten Schritt könnte Ortmann den jungen Abteilungsleiter für drei Tage
frei stellen, um den Rückstau an unerledigten Arbeiten aufzuarbeiten. Dieser
Schritt mag für Sie aufgrund der allgemeinen Arbeitsbelastung ungewöhnlich
erscheinen. Dennoch ist es ein wirksames Mittel. Im zweiten Schritt steht dem
Fachbereichsleiter die Möglichkeit frei, Aldrich von gut strukturierten und laufen-
den – und daher übertragbaren – Projekten zu „befreien“ (organisatorisch einer
anderen Abteilung zuzuordnen) und dadurch für Aldrich Kapazität für neue und
nicht so gut laufende Projekte zu schaffen. Im dritten Schritt könnte Aldrich ein
Mentor zur Seite gestellt werden, der ihm Perspektiven für eine fachliche und
persönliche Fortentwicklung oder Veränderung in der Verwaltung eröffnet. Mit
diesen Maßnahmen schafft Ortmann bessere Arbeitsbedingungen für Aldrich
(Hygienefaktoren, Abschn. 3.2.2.3), er erfüllt Aldrichs Wunsch nach sozialer Ein-
gebundenheit über die eigenen Abteilung hinaus (Abschn. 3.2.2.2) und er bedient
die intrinsische Motivation (Abschn. 3.2.1.2) des Abteilungsleiters, indem er ihm
neue Gestaltungsspielräume eröffnet.
55
Führungstools
Instrumentarien für motivierendes Führen
So wie ein Arzt weiß, dass er einen Patienten nur dann wirklich erfolgreich
behandeln kann, wenn eine treffende Diagnose vorliegt, wissen Sie nun, dass
motivierendes Führungshandeln den gleichen Gesetzen folgt: Erst wenn Ihnen
die Motive Ihrer Mitarbeiter das „Warum“ des Handelns deutlicher werden lassen
und erst wenn Sie Ihren Blick dafür schärfen, wie sich der jeweilige Mitarbeiter
situationstypisch verhält, etwa wie er auf Druck oder auf Nachgiebigkeit reagiert,
können Sie individuelle und damit wirksame Motivationsstrategien entwickeln.
Toolbox 5.1: Die vier Aspekte der Motivationssteuerung
Ist mein Mitarbeiter wirklich unmotiviert oder haben wir unterschiedliche Auf-
fassungen über die Aufgabe und ihre Lösung? Wie Sie in Kap. 3 erfahren haben,
führt der rasch ausgesprochene Vorwurf „Sie sind ja unmotiviert“ oft in die Irre,
schlimmer noch: Der Mitarbeiter, der seine Aufgabe engagiert übernommen hatte,
fühlt sich missverstanden und ist demotiviert. Überlegen Sie, in welchem der vier
Aspekte des Handlungsprozesses ein Dissens mit Ihrem Mitarbeiter bestehen
könnte. Nutzen Sie dazu die Checkliste in Abb. 5.1.
Toolbox 5.2: Passgenaue und kontraproduktive Belohnungen
Wie Sie in Abschn. 3.2.1.2 erfahren haben, fließen endogene und exogene Moti-
vatoren zur optimalen Potenzialentfaltung Ihres Mitarbeiters in der Praxis oft
ineinander: So hat eine wichtige Weiterbildung, die Sie Ihrem Mitarbeiter ermög-
lichen, den Charakter einer exogenen Belohnung. Zugleich aber bedient die Wei-
terbildung auch sein Motiv der stetigen Erweiterung seines Wissens (endogene
Belohnung). Für die optimale Nutzung von Leistungspotenzialen im Arbeitsalltag
sind daher ein sorgfältiges Differenzieren und Schwerpunktsetzen sehr wichtig.
Bedenken Sie stets: Mit den falschen Anreizen können Sie Ihren Mitarbeiter
5
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017
G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen
Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_5
56
5 Führungstools
möglicherweise sogar demotivieren. An unserer Checkliste (vgl. Abb. 5.2) können
Sie noch einmal die Charakteristika der endogenen und exogenen Motivation mit-
einander vergleichen.
Bevor Sie nun anhand unserer Checkliste überprüfen, ob Sie Ihren Mitarbeiter
individuell passgenau motiviert haben, möchten wir Ihnen beispielhaft Ausgangs-
situationen und ihre individuellen Fragestellungen hierzu veranschaulichen.
Beispielhafte Ausgangssituation: Ihr Mitarbeiter erfüllt die Aufgaben nicht,
die Sie ihm übertragen haben. Bei Ihrer Überlegung „Woran könnte es liegen?“
bietet Ihnen unsere Tabelle eine Basis für eine strukturierte Problemlösung. Hier
ein paar beispielhafte Fragestellungen:
Motivationssteuerung - überprüfen Sie einen möglichen Dissens zwischen Ihrer Erwartung und
dem Arbeitsergebnis Ihres Mitarbeiters.
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Aktivierung:
Ihre Beobachtungen
Ist Ihr Mitarbeiter aktiv
in seinem Aufgabenfeld?
Richtung
Schlägt er bei der Bewältigung
der Aufgabe die richtige Richtung ein?
Intensität
Ist die Intensität seines Handelns
der Aufgabe angemessen?
Ausdauer
Behält er die Verfolgung seiner
Aufgabe dauerhaft bei?
Abb. 5.1 Die vier Aspekte der Motivationssteuerung
57
5 Führungstools
Beispiel 1 „Art der Aufgabe“: Ist Ihrem Mitarbeiter vor allem am Wissenser-
werb gelegen und die Routineaufgabe langweilt ihn?
Beispiel 2 „Handlungsspielräume“: Ist Ihr Mitarbeiter an großen Gestaltungs-
spielräumen interessiert und wird jetzt in der Erfüllung seiner Aufgabe immer
wieder durch Regularien blockiert?
Beispiel 3 „Belohnungsvarianten“: Ist Ihr Mitarbeiter vor allem an Weiterbil-
dungen interessiert, die ihm die Verwaltung finanziert und ihn dafür auch freistellt,
Sie aber haben ihm eine Gehaltserhöhung in Aussicht gestellt? (vgl. Abb. 5.3).
Toolbox 5.3: Setzen Sie Ziele – aber „SMART“
Im Abschn. 3.2.1.4 haben Sie viel über die Bedeutung von Zielen für motivierendes
Führen erfahren. Ziel aber ist nicht gleich Ziel, auch hier gilt es zu differenzieren:
• Wie ist der Weg zum Ziel gestaltet?
• Welcher Art ist das Ziel?
• Wie genau ist die Zielvorgabe?
Extrinsische Motivation
(exogen)
Intrinsische Motivation
(endogen)
Belohnung von außen durch:
Befriedigung aus eigener Leistung:
Lob und Anerkennung
Freude am Gestalten
Finanzielle Anreize
Freude an der Selbstverwirklichung
Beförderung
Freude an der Verantwortung
Konkretes Weiterbildungsangebot
Freude am Lernen
Führungshandeln:
Befördern und Belohnen
Führungshandeln:
Fördern und Fordern
Abb. 5.2 Extrinsische und intrinsische Motivation im Vergleich
58
5 Führungstools
Passgenaue und kontraproduktive Belohnungen - so setzen Sie die richtigen Anreize.
Art der Aufgabe?
Routineaufgabe?
Kreative Aufgabe?
Schwierige Aufgabe?
Einfache Aufgabe?
Handlungsspielräume
Organisationsziele haben Priorität
Notwendigkeit des Handelns ohne
Berücksichtigung persönlichen Interesses
Große individuelle Gestaltungsspielräume
Anmerkungen
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Belohnungsvariationen
Fordern (intrinsisch)
Neues Fachgebiet aufbauen
Fördern (intrinsisch)
Mehr Gestaltungsspielräume
Befördern (extrinsisch)
Hierarchieaufstieg
Bezahlen (extrinsisch)
Gehaltssteigerung
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Abb. 5.3 Passgenaue und kontraproduktive Belohnungen
59
5 Führungstools
Das sind Fragen, die in Wechselbeziehung zu den individuellen Einschätzun-
gen und Motiven Ihres Mitarbeiters stehen. Anhand unserer kleinen Tabelle in
Abb. 5.4 können Sie Ihr Zielgespräch spezifizieren.
Spezifizieren Sie Ihr Zielgespräch und setzen Sie die Ziele >>SMART<<.
S (spezifisch)
Wie klar ist das Ziel
definiert?
M (messbar)
Wie deutlich bewirkt
das Ziel Veränderungen?
A (attraktiv)
Wie intensiv hat der
Mitarbeiter an der
Zielformulierung
mitgewirkt?
Anmerkungen
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R (realistisch)
Wie gut umsetzbar und greifbar
ist das Ziel?
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T (terminiert) Gibt es
eine feste terminliche
Vorgabe?
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Abb. 5.4 Checkliste zur Festlegung der SMART-Ziele
60
5 Führungstools
Toolbox 5.4: Handlungspräferenzen und Motivindikation
Wie stark Werte und Wesensarten unser Handeln steuern, haben wir in
Abschn. 3.2.2.4 dargelegt. Mit dem Wissen um die latenten Antreiber Ihrer Mitar-
beiter können Sie Aufgaben individualspezifisch vermitteln. Sie erinnern sich noch
an die kluge Strategie von Dezernent Dober? Er hat genau überlegt, welche Präfe-
renz bei seinem Mitarbeiter Dr. Otto besonders hoch ausgeprägt ist, um ihn für eine
anspruchsvolle Aufgabe zu begeistern. Diese Methode bietet sich auch für Aufga-
benstellungen in Ihrer Verwaltung an. Bitte gleichen Sie in diesem Fall sorgfältig
die Präferenzen Ihrer Mitarbeiter und Ihre persönlichen Werte und Vorstellungen
miteinander ab, um die Gefahr einer gedanklichen Überlagerung zu vermeiden:
Wenn Ihnen Ordnungsprinzipien besonders wichtig sind, muss das für Ihren Mit-
arbeiter keineswegs genauso zutreffen. Einen ersten Überblick über die jeweiligen
Motivausprägungen gewinnen Sie anhand der in unserer Checkliste dargestellten
Übersicht nach Steven Reiss. Mit dieser Checkliste können Sie latente Antreiber
Ihrer Mitarbeiter, aber auch Ihre eigenen Motive überprüfen (vgl. Abb. 5.5).
Hinweis:
Das Institut für Lebensmotive bietet Ihnen eine wissenschaftlich fundierte individu-
elle Motivanalyse. Sie können diese sowohl als Einzelauswertung als auch für den
Vergleich verschiedener Personen erhalten (www.institut-fuer-lebensmotive.de).
Toolbox 5.5: „Tatort“ Demotivation und die passenden Remotivationsstrategien
Wie stark unbedachte Äußerungen, unpassende Anreize und unspezifische Zielset-
zungen Ihren Mitarbeiter demotivieren können, haben Sie im Abschn. 3.3 erfahren.
Unsere Grafik (vgl. Abb. 5.6) zeigt vier Grundmuster der Demotivation. Einzig die
organisationsabhängige Demotivation berücksichtigen wir in diesem Buch nicht, da
Sie von Ihren individuellen Führungskompetenzen größtenteils unabhängig ist.
61
5 Führungstools
Höhere Ausprägung
Neugier
Schwächere Ausprägung
intellektuell
+ +
+
+
+ +
pragmatisch
Freude am Denken an sich und
am Ansammeln von Wissen,
Intellektualität, Wunsch, den
Dingen auf den Grund zu gehen
und sie in ihrer Komplexität zu
begreifen
Sinn fürs Praktische,
Anwendungsorientierung, zeitnahes,
nutzenorientiertes Denken und
Handeln
Ehre
prinzipienorientiert
+ +
+
+
+ +
zweckorientiert
Kodexorientierung, Loyalität,
moralische Integrität,
Traditionsbewusstsein, Werte und
Normen schätzen und wahren
Zielorientiert, situative Flexibilität ist
wichtiger als Prinzipien
Macht
führend
+ +
+
+
+ +
geführt
Einfluss ausüben, Führung
übernehmen, Richtung
bestimmen, Kontrolle haben
Kein Interesse an Machtausübung
und Übernahme von Führung,
Dienstleistungsorientierung
Status
elitär
+ +
+
+
+ +
bodenständig
Streben nach öffentlicher
Aufmerksamkeit und Prestige,
Orientierung an Marken und
Trends.Elitedenken, Wunsch, sich
durch Reichtum oder Titel von
anderen abzuheben
Wenig Interesse an
Publikumswirksamkeit, an Titeln und
dem Besitz von Statussymbolen, auf
Gleichheit bedacht
Ordnung
strukturiert
+ +
+
+
+ +
flexibel
Stabilität, Klarheit und
Detailgenauigkeit bei Abläufen
und Strukturen, Pflege von
Ritualen
Spontaneität, Regeln vermeiden, aus
Strukturen ausbrechen, Freiräume
suchen und zulassen, Kreativität, kein
ausgeprägtes Ordnungsbedürfnis
Sparen/Sammeln
festhaltend
+ +
+
+
+ +
großzügig
Orientierung an Besitz/Eigentum,
Sammel- und Spartrieb
Wenig Interesse an Sammeln und
Sparen sowie an materiellen Dingen,
Tendenz zur Verschwendung
Unabhängigkeit
eigenständig
+ +
+
+
+ +
teamorientiert
Selbstgenügsamkeit, emotionale
Selbstbestimmung, Autarkie,
Unabhängigkeit
Interesse an Bindungen,
Gemeinsamkeiten und Unterstützung
von anderen, emotionale
Abhängigkeit
Beziehungen
kontaktfreudig
+ +
+
+
+ +
distanziert
Kommunikationsbedürfnis, Pflege
von Freundschaften, Sinn für
Humor, Freude an Geselligkeit
Zurückgezogenheit, Introvertiertheit,
Abgrenzung, Ernsthaftigkeit
Abb. 5.5 Handlungspräferenzen und Motivausprägungen. (Quelle: Institut für Lebensmo-
tive)
62
5 Führungstools
Familie
familienorientiert
+ +
+
+
+ +
selbstbezogen
Interesse an einem aktiven
Familienleben, Wunsch nach
eigener Familie oder Kindern,
intensive Nähe und Zuwendung
egben und annehmen
Streben nach Unabhängigkeit, kein
Interesse an der Verantwortung für
andere
Idealismus
idealistisch
+ +
+
+
+ +
realistisch
Soziale Gerechtigkeit und
Fairness, Engagement für andere
Interessen, Wunsch, die Welt zu
verbessern
Akzeptanz von Gegebenheiten,
persönliche Nutzenoptimierung
Anerkennung
sensibel
+ +
+
+
+ +
selbstsicher
Suche nach sozialer Akzeptanz
und Bestätigung durch andere,
Lob als Treibstoff,
Empfindlichkeit gegenüber Kritik
oder Widerspruch
Selbstbewusst, interessiert am
Feedback anderer, jedoch nicht davon
abhängig, Fähigkeit, sich selbst zu
motivieren
Wettkampf
kämpferisch
+ +
+
+
+ +
ausgleichend
Aggressivität, Konkurrenzdenken,
Wunsch, zu kämpfen und zu
gewinnen
Konflikte vermeiden, Harmonie und
Konsens anstreben, Streit schlichten
Emotionale Ruhe
stressrobust
+ +
+
+
+ +
stressempfindlich
Freude an Herausforderungen,
Belastbarkeit, Mut zur
Veränderung, Risikobereitschaft
Angst vor Druck, Unsicherheit und
Veränderungen, Suche nach Stabilität
und Verlässlichkeit sowie einer
eigenen Komfortzone
Essen
genießerisch
+ +
+
+
+ +
genügsam
Ausgeprägte Freude am Essen,
am Genuss
Essen als Nahrungsaufnahme, wenig
genussorientiert, Essen, um den
Hunger zu stillen
Körperliche Aktivität
bewegungsfreudig
+ +
+
+
+ +
bequem
Bedürfnis nach Bewegung und
Fitness
Kein Interesse an körperlicher
Betätigung, Bewegungsmuffel, wenig
Körperorientierung
Eros
sinnlich
+ +
+
+
+ +
nüchtern
Freude an lustvollem Leben und
Sexualität, an Schönheit, Design,
Kunst und Ästhetik
Streben nach Purismus
Abb. 5.5 (Fortsetzung)
63
5 Führungstools
Anhand unserer Checkliste können Sie nun überprüfen, um welchen „Demo-
tivationstatort“ es sich in Ihrem individuellen Fall handelt. Haben Sie erst einmal
die Ursache der Demotivation Ihres Mitarbeiters erkannt, können Sie das geeig-
nete Gegenmittel einsetzen. In unserer Checkliste beziehen wir uns auf die drei
Auslöser der Demotivation, die zumindest partiell Ihrem individuellen Gestal-
tungsspielraum als Führungskraft obliegen. Den „Demotivationstatort“ der Rah-
menbedingungen und Infrastrukturen berücksichtigen wir in unserer Checkliste
nicht, da diese Komponente von Ihrem individuellen Führungskompetenzen in
der Hauptsache unabhängig ist (vgl. Abb. 5.7).
Abb. 5.6 Die vier Grundmuster der Demotivation
64
5 Führungstools
Erkennen Sie den < Remotivationsstrategien. Dimensionen der Demotivation Dimension „Nicht wollen“: Der Mitarbeiter sucht ständig Ausreden, um mit der Aufgabe nicht beginnen zu müssen. Habe ich seine Motive nicht richtig erkannt? Habe ich ihm seine Chancen richtig vermittelt? Anmerkungen -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- Dimension „Nicht dürfen“: Dem Mitarbeiter werden Grenzen in der Ausführung seiner Aufgabe gesetzt. Warum darf der Mitarbeiter bestimmte Handlungsspielräume eigentlich nicht ausschöpfen? Sind diese Begrenzungen wirklich richtig? Sollte ich die Rahmenbedingungen für Gestaltungsspielräume überprüfen? Dimension „Nicht können“. Dem Mitarbeiter gelingt es nicht, die Aufgabe zu lösen. Reichen seine Kompetenzen nicht aus? Und wenn es so ist, kann und sollte er an seinen Kompetenzen arbeiten? -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------- Abb. 5.7 Tatort „Demotivation“ 65 Das Wichtigste zusammengefasst Motivationstheorien liefern Führungskräfte in den Verwaltungen einen Ansatz dafür, wie die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter gefördert sowie deren Fähig- keiten optimal eingesetzt werden können. Dies können selbstverständlich immer nur Richtlinien sein. Für die erfolgreiche Umsetzung in der Verwaltung bedarf es kompetenter Behörden- und Verwaltungsleiter, Fachbereichs-, Amts- und Abtei- lungsleiter, die sich auf die Komplexität und Individualität menschlicher Verhal- tenssteuerung einstellen können. Im Rahmen der Motivationstheorien gibt es zwei große Ansätze, Verhalten zu beeinflussen. Die Gerechtigkeitstheorie (Social-Equity-Theory) bezieht sich auf die Balance zwischen Können, Arbeitseinsatz und den hieraus erwachsenden hierarchischen Positionen. Für die auf das Individuum bezogenen Führungsstrate- gien ist diese Theorie wenig geeignet, da sie weder die subjektiven Beurteilungs- komponenten des Mitarbeiters noch seine Motive berücksichtigt. Der zweite Ansatz, der sich den individuellen Einschätzungen und Bedürfnis- sen widmet, ist die Individualtheorie. Diese unterscheidet zwei Strömungen: 1. Die Prozesstheorien erläutern, wie sich ein Mensch seinem Ziel nähert, welche Erkenntnisse und Einstellungen seine Entscheidung für ein bestimmtes Verhal- ten beeinflussen. 2. Das „Warum“ des Handelns, also die Frage nach den Motiven des Menschen, die ihn in einer spezifischen Situation so und nicht anders handeln lassen, steht im Mittelpunkt der Inhaltstheorien. Beide Ansätze sind mit ihren Interventionsmöglichkeiten sowohl elektiv als auch kombiniert nutzbar. An oberster Stelle steht das Ziel der Entfaltung von Leis- tungspotenzialen. Dies können Sie erreichen, wenn Sie stets im Bewusstsein des reziproken Charakters der Motivation führen. 6 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_6 66 6 Das Wichtigste zusammengefasst Jedes Führungshandeln ist eine Interaktion zwischen Individuen. Es verändert sowohl den Geführten als auch den Führenden sowie auch die Situation. Daher gilt es, sich stets sowohl die eigenen Wertungen und Motive als auch die des Mit- arbeiters bewusst zu machen und sich zu gegenwärtigen, dass die eigenen Hand- lungsantriebe keineswegs mit denen des Mitarbeiters identisch sein müssen. 67 Interviews Um Leistungsträger „an Bord“ zu halten, ist die Motivation und Zufriedenheit von besonderer Bedeutung. Welche Instrumente nutzen Sie/nutzen die Verwaltun- gen heute? „Eine der wichtigsten Instrumente um Leistungsträger an Bord zu halten sind die sogenannten ,weichen Faktoren‘. Dazu gehört eine familiengerechte Arbeits- zeit, aber auch Angebote für die Kinder (Kita in der Verwaltungsnähe). Auch die Möglichkeit, in den politischen Strukturen mitzuarbeiten und die Hintergründe von Verwaltungsentscheidungen zu verstehen, kann ein wichtiges Mittel sein“ (Dr. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemein- debundes). „Gute Führung ist ein wichtiger Stellhebel. Wenn man den Spieß einmal umdreht, dann könnte man sagen: Wenn es gelingt, dass unsere Führungskräfte Rahmenbedingungen schaffen, die unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht demotivieren, sondern ihre Leistungsbereitschaft anfachen, dann sind wir auf dem richtigen Weg“ (Dr. Christoph Krupp, Chef der Senatskanzlei und des Personal- amtes in der Freien und Hansestadt Hamburg). „Um Leistungsträger „an Bord“ zu halten, nutzen wir folgende Instrumente: • Beteiligung von MitarbeiterInnen an Entscheidungsprozessen • Transparenz von Entscheidungen • Wertschätzungs- und Anerkennungskultur (wichtiges Instrument: Mitarbeiter- gespräch) • Angebote zur und (finanzielle) Förderung von Fort- und Weiterbildung • interessante Einsatzmöglichkeiten/Möglichkeiten des Arbeitsplatzwechsels • Möglichkeiten der Fachkarriere statt Führungsposition 7 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_7 68 7 Interviews • Maßnahmen bzw. Angebote zur Gesundheitsförderung (Beispiel Betriebs- sport) • flexibleres Vergütungssystem“ (Stefan Schostok, Oberbürgermeister der Landes- hauptstadt Hannover) „Unseren Führungskräften ist – wie allen Leistungsträgern – der Wunsch gemein, die eigene Leistung kontinuierlich zu verbessern, sich an Erreichtem zu messen und ihre Performance stetig zu optimieren. Das in der Stadt Mannheim etablierte Zielsystem und die jährlichen Zielvereinbarungen zwischen Dezernenten und oberster Führungsebene unterstützen diese Anliegen durch kontinuierlichen Aus- tausch und gemeinsame Reflexion erbrachter Leistungen. Gleichzeitig wollen wir ein Klima schaffen, in dem nicht nur erbrachte Leistungen des eigenen Verant- wortungsbereichs, sondern auch das Führungsverhalten, die eigenen Werte, Ide- ale und Handlungen reflektiert werden: Mit dem organisationsweit eingesetzten 360-Grad-Feedback schaffen wir die hierfür notwendigen Entwicklungsvoraus- setzungen. Die Dialogformate, bereichs- und hierarchieübergreifende Austausch- formen über unsere Organisationskultur sowie strategisch relevante Projekte und Entwicklungen fördern die Motivation und das Gefühl, Beteiligter an und Gestal- ter von Veränderungen zu sein. Beispiele für diese Dialoge sind die Führungs- klausur und der Führungskreis, mit denen wir Raum für regelmäßigen Austausch und die Ausrichtung an gemeinsamen Zielen geschaffen haben“ (Dr. Peter Kurz, Oberbürgermeister der Stadt Mannheim). „Die Vergütung der tariflich Beschäftigten in der öffentlichen Verwaltung ist flexibler geworden und bietet inzwischen gute monetäre Steuerungsmöglichkei- ten. Die Stadt Vechta ist zudem in der Lage, den Mitarbeiterinnen und Mitar- beitern ein ansprechendes Arbeitsumfeld bieten zu können. Hinzu kommen ein hohes Maß an Eigen- und Projektverantwortlichkeit und umfangreiche Fortbil- dungsmöglichkeiten wie z. B. ein eigenes Nachwuchsführungskräfteprogramms. Auch das Anbieten von alternativen Beschäftigungsmodellen zählen für mich dazu“ (Helmut Gels, Bürgermeister der Kreisstadt Vechta). Teil II Team Zusammenfassung Die Bedingungen und Arbeitsanforderungen an Führungskräfte in der Verwal- tung haben sich die in der letzten Dekade deutlich verändert. Um in den viel- fältigen Herausforderungen heute erfolgreich navigieren zu können, braucht es ein positives Abteilungs- und Teamklima, in dem es Ihren Mitarbeitern Freude macht, kooperativ und konstruktiv miteinander zu arbeiten. Die Teamführung, ein bisher wenig beachteter Führungsaspekt, wird zunehmend zum notwendigen Erfolgsgaranten. In diesem Teil werden fun- dierte Theorien zur erfolgreichen Teamleitung wie auch praxisnahe Führungs- werkzeuge für den Verwaltungsalltag präsentiert. Die Fallbesprechung und die vielfältigen Instrumente veranschaulichen Ihnen den Weg zur optimalen Teamführung. Führungsalltag in der Verwaltung: Prozessorientiertes Management – Bewährungsprobe für das neue Team Eine Verwaltung hat im Zuge einer Zusammenlegung von Abteilungen einen Ver- änderungsprozess durchlaufen. Statt fünf Abteilungen gibt es nur noch vier Abtei- lungen in einem Fachbereich. Die Leitungsfunktion der neuen größeren Abteilung wurde neu ausgeschrieben. Die Arbeitsabläufe aller Mitarbeiter im Fachbereich ori- entieren sich jetzt am Bearbeitungsprozess. Bedingt durch die neue Struktur sind die Teams aus den beiden früheren Abteilungen zusammengelegt worden. Frau Ortner, frühere Leiterin einer der beiden Abteilungen, hat die neue Abteilungs- leitung übernommen mit der Aufgabe, ein interprofessionelles Team für die neue Abteilung auf die künftigen Arbeitsabläufe einzustimmen. Ein älterer Kollege, Herr Oschmann, der zweite Abteilungsleiter, dessen Abteilung nun nicht mehr existiert und der selbst gerne die neue Abteilungsleiterfunktion übernommen hätte, lässt in 70 Teil II Team Teambesprechungen deutlich spüren, wie wenig er von der ihm zugewiesenen Stell- vertreterposition und der Kompetenz der jüngeren Kollegin hält. Er hält sich daher auch nicht an Anweisungen von Frau Ortner. Diese stetige Spannung reduziert das Engagement des gesamten Teams auf das Notwendigste. 71 Theorien für die Praxis Gelungene Zusammenarbeit durch Teamentwicklung Gelungene Verwaltungssteuerung ist nicht nur das zielgerichtete und ergebniso- rientierte Entscheiden und Handeln aller Akteure. Es ist die Verantwortung der Führung, ein Klima zu ermöglichen, in dem es Freude macht, miteinander zu arbeiten. Dabei steht die Gesamtsteuerung im jeweiligen Verantwortungsbereich als zentrale Aufgabe im Vordergrund, d. h. die Führung sorgt dafür, dass jeder Verantwortliche seinen Beitrag zum Gesamtprozess leistet. Im Verwaltungsalltag wird die ergebnisorientierte Koordination und Verzahnung von Verwaltungs- abläufen in allen Bereichen zunehmend bedeutsamer. Dennoch begründet sich ein großer Erfolg der sachlich basierten Kooperation in der konstruktiv sozialen Zusammenarbeit. Eine in der Teamführung kompetente Verwaltungs- oder Abtei- lungsleitung orchestriert das Einbringen verschiedener Sichtweisen und Fähigkei- ten und ermöglicht durch einen konstruktiven Dialog aufeinander abgestimmte Handlungen. Das, was für die Teamführung in der Abteilung zutrifft, ist selbstverständlich auch ein Erfolgsfaktor für die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit. Je besser die Teamführung in der Abteilung funktioniert, desto reibungsloser funktionieren die Abläufe in der Kommune. Die Zusammenhänge der Abläufe werden einerseits in Handlungsprozessen erkennbar, was andererseits die Berücksichtigung multip- ler Ziele im Handeln erfordert, deren gegenseitige Abhängigkeiten und Interaktio- nen bekannt sein und stets im Fokus stehen müssen. 8 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_8 72 8 Theorien für die Praxis Was ist ein Team? Einheit in der Vielfalt • Ein Team ist eine Gruppe mit gemeinsamen Aufgaben. • Zwei oder mehr Akteure definieren sich als Mitglieder dieser Gruppe, die auch von außen als solche wahrgenommen wird. • Die Mitglieder weisen ergänzende Fähigkeiten auf und verpflichten sich auf gemeinsame Regeln und gegenseitige Verantwortung zur Erreichung des gemeinsam gesetzten Ziels. • In der Gruppe werden zwei Grundnormen definiert: Die Ergebnisnorm richtet sich auf den gemeinsamen Standpunkt der Gruppe, die proze- durale Norm gibt vor, auf welchem Weg die Gruppe diesen Standpunkt erreicht. • Die Leistung des Teams ist von höherer Qualität als dies durch die Addition der Einzelbeiträge möglich wäre. • Im Verlauf der Teamarbeit entwickeln die Mitglieder ein Zusammenge- hörigkeitsgefühl, bei dem das Gesamtinteresse höher gewertet wird als die jeweiligen Einzelinteressen. • Ein Mensch ist dann teamfähig, wenn er nicht gegen Menschen agiert, sondern sich mit ihnen zusammen für etwas engagiert oder gemeinsam mit den anderen ein Problem bekämpft. • Eine Gruppe ist teamfähig, wenn sie gemeinsam eine optimale Strategie zur Erreichung ihres Ziels anstrebt. • Strikte Qualitäts- und Erfolgskontrollen sowie die Existenz eines quali- fizierten Moderators kennzeichnen ein professionelles Team. In diesem Buch begleiten wir Sie auf Ihrem Weg, Ihre Kompetenz in der Team- führung weiterzuentwickeln. Damit die Zusammenarbeit möglichst reibungs- los funktioniert, bedarf es klarer Strukturen und Zuständigkeiten. Treten hier Unschärfen auf, ist der Konflikt programmiert. Vor allem aber bedarf es deutlich formulierter Ziele und deren konkreter Umsetzung. Für ein Schiff, das seinen Hafen nicht kennt, weht kein Wind günstig (Seneca, römi- scher Philosoph und Politiker). Als Fachbereichsleiter oder Abteilungsleiter sind Sie für den Gesamterfolg des Fachbereichs verantwortlich. Hierzu gehören neben der 1:1-Führung auch das 73 Leiten und Steuern von Teams: Als Fachbereichsleiter leiten und steuern Sie die Abteilungsleiter, als Abteilungsleiter leiten und steuern Sie Ihr Abteilungsteam. Die Komplexität der Verwaltungsstrukturen stellt Sie als Führungskraft im Rah- men Ihrer Teamführung vor Herausforderungen. • Je fachlicher eine Aufgabe ist, desto stärker neigen die Ausführenden im Regelfall zum Alleingang. Gerade in der Verwaltung herrscht nicht selten noch das Selbstverständnis des Experten als Solisten vor. Hier stellt sich Ihnen die Frage: „Wie viele Solisten verträgt ein Team?“ Mit dem Wissen um Strukturen und Verläufe im Team werden Sie diese Frage zufriedenstellend lösen. Folgen Sie uns zu einem tieferen Verständnis gruppendynamischer Prozesse. • Je allgemeiner sich ein Ziel darstellt, umso eher kommt es zu Kursabweichun- gen. Das übergeordnete Ziel einer optimalen Dienstleistungsqualität ist im auf- reibenden Verwaltungsalltag eher abstrakter Natur. Um Ihr Team zu motivieren, muss das Ziel greifbar und im überschaubaren Rahmen realisierbar sein. 8 Theorien für die Praxis Aus dem Verwaltungsalltag – Das Bürgerbeteiligungsprojekt Die Stadt Heckhausen hatte vor zwei Jahren ein neues Innenstadtkonzept umge- setzt. Zur Innenstadt gehören seit diesem Zeitpunkt zusätzliche Straßen, die in die Parkraumbewirtschaftung fielen. Herr Pophaupt, Leiter des Ordnungsamts hatte den Auftrag bekommen, ein Konzept zu erarbeiten, das die Bewirtschaftung ohne Perso- nalaufstockung in den veränderten Gegebenheiten sicherstellte. Bei der Vorstellung vor dem Gemeindeausschuss musste er nun einräumen, dass er kein zufriedenstel- lendes Ergebnis präsentieren konnte. Bei der Diagnose der Ursachen wurde deutlich, dass das Vorhaben nicht an der fachlichen Kompetenz des Abteilungsleiters gescheitert war, sondern dass es ihm nicht gelungen war, die für diese Aufgabe notwendige Kooperation und Abstim- mung zwischen den Mitarbeitern herzustellen. In den vorangegangenen Sitzungen vertraten die jeweiligen Mitarbeiter ihren eigenen Standpunkt umso vehementer, je weniger es Herrn Pophaupt gelang, die Teamführung zu übernehmen. Seine hilf- losen Versuche, die Mitarbeiter zu einem Team zu formen, waren Anlass für den Bürgermeister, den Führungskräften ein Kompetenztraining zum Thema Teament- wicklung anzubieten. Herr Pophaupt ist kein Einzelfall. So wie Herr Pophaupt haben nur wenige Kol- legen in ihrer Qualifikation zum Verwaltungsmanagement die Kompetenz vermittelt bekommen, Teams erfolgreich zu führen. 74 8 Theorien für die Praxis Dies haben wir zum Anlass genommen, Ihnen wissenschaftlich fundierte Lösungsansätze praxisorientiert zu vermitteln. Grundsätzlich lässt sich Folgendes festhalten: Je komplexer die Strukturen in einer Organisation sind, desto höher ist die Herausforderung, Zielkonvergenzen zwischen den Abteilungen und im Team zu schaffen. In einer Verwaltung divergie- ren die Vorstellungen darüber, in welchen Einzelschritten das übergeordnete Ziel einer optimalen Dienstleistungsqualität erreicht wird, oft erheblich (vgl. Abb. 8.1). In den Folgekapiteln stellen wir Ihnen fundierte Instrumentarien vor, mit denen Sie gemeinsam mit Ihrem Team die Verwaltungs- und Abteilungsziele erreichen können. Viele wichtige Kommunikationswerkzeuge einer professionellen 1:1-Führung sind für die Leitung eines Teams nur bedingt tauglich. In unseren Ausführungen zur Motivation haben wir gemeinsam mit Ihnen 1:1-Führungsvarianten begutachtet. Teamführung aber lässt sich am ehesten mit dem Dirigieren eines Orchesters verglei- chen. Um ein fulminantes Klangerlebnis zu erzielen, bedarf es sehr intensiver Vor- bereitung. Natürlich muss jedes Orchestermitglied sein Instrument beherrschen und es muss eine Partitur vorliegen, die dem Dirigenten den Überblick über das musika- lische Geschehen ermöglicht. Jedes Instrument hat seine eigene Charakteristik und seine spezielle Funktion im Orchester. Die Musiker müssen ihre Aufmerksamkeit auf den Dirigenten richten, der feinste Nuancen in den Instrumentaleinsätzen lenkt. Stellen Sie sich vor, in einem Orchester würde jedes Mitglied nach eigenem Gutdün- ken mit seinem Einsatz beginnen und seine Klangakzente setzen. Ziele Was wollen wir tun? Beziehungen Wie wollen wir miteinander arbeiten, damit wir unsere Ziele erreichen? Strukturen Welche Aufgaben hat der Einzelne? Abb. 8.1 Die drei Teamkoordinaten 75 8 Theorien für die Praxis Orchester – Führen im Walzertakt „So kann der Torero-Marsch aus ,Carmen‘ natürlich auch interpretiert wer- den. Nicht als zackiger Auf-, sondern als düsterer Trauerzug. Das Orches- ter stolziert nicht, es schleppt sich – langsam und schwer“ (Tagesspiegel, Führung im Walzertakt, 25.10.2009). Die misslungene Aufführung ist in diesem Fall nicht dem Dirigenten anzulasten. Den Taktstock schwingt ein Manager aus der Wirtschaftsbranche. Führungskräfte und Teilnehmer von Führungskräfteseminaren sollten mit allen Sinnen erfahren, was es bedeu- tet, unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Fähigkeiten auf ein gemeinsames Ziel hin zu lenken. In einem regulären Orchester liegt dem Dirigenten eine Partitur vor, bevor er den Taktstock hebt. Er überschaut das musikalische Geschehen auf einen Blick. Seine Leitung dient dazu, ein vollendetes Klangerlebnis zu erzielen. Wenn Sie also Ihr Team erfolgreich führen wollen, ist eine genaue Diagnostik des Teams, seiner Rahmenbedingungen und seiner Mitglieder unabdingbar. In wel- cher Phase etwa befindet sich Ihr Team und wie nachdrücklich müssen Sie den Wechsel in die nächste Arbeitsphase einleiten? (Abschn. 8.1). Auch ein weltbe- rühmtes Orchester hat einmal mit seiner Zusammenarbeit begonnen und die ers- ten Proben boten gewiss nicht den Hörgenuss, wie ihn das Konzertpublikum bei der zigsten Aufführung erleben darf. Wie reibungslos sich die Übergänge zwi- schen den Professionalisierungsphasen gestalten und wie produktiv diese selbst verlaufen, hängt wiederum davon ab, wie gut aufeinander eingespielt Ihr Team ist. Auch dies ist Ihre Aufgabe. Jedes Mitglied bringt unterschiedliche Arbeitsstile und Fähigkeiten in die Gruppe ein und jeder Mitarbeiter verfolgt immer auch Par- tikularinteressen. Als Führungskraft in der Verwaltung werden Sie im Regelfall bereits beste- hende Teams übernehmen. Hier ist es Ihre Aufgabe, sich schnellstmöglich einen Überblick über die Strukturen, Stile und mögliche Konfliktfelder zu verschaffen. Möglicherweise sind bisher Aufgabenfelder im Team wie etwa die des Protokol- lanten oder die des Impulsgebers mit den individuellen Präferenzen der Funkti- onsträger kaum abgeglichen worden. Vielleicht befindet sich das Team angesichts seines neuen Leiters wieder in einer Phase der Neuorientierung – ergreifen Sie die Chance, erforderliche Funktionen im Team neu zu besetzen (Abschn. 8.2.2 bis 8.2.4). Am Beispiel eines Qualitätsmanagementzirkels können Sie sehr deutlich 76 8 Theorien für die Praxis spezifische Teamverläufe erkennen. Betrachten wir Abb. 8.2: In einem Team ver- netzen sich viele verschiedene Arbeitsstile und Funktionen (Abschn. 8.2) und das Teammuster verändert sich im Verlauf der Arbeitsphasen (Abschn. 8.1). Abb. 8.2 Mögliches Soziogramm einer zwölfköpfigen Gruppe Aus dem Verwaltungsalltag – Der Bürgerfragebogen Die Verwaltung hat beschlossen, einen Qualitätsmanagementzirkel einzuberufen. Der erste Auftrag an den Leiter „Zentrale Steuerung“ lautet, zeitnah einen Frage- bogen zur Bürgerzufriedenheit in einem Team zu erstellen, das sich aus Mitarbei- tern verschiedener Abteilungen zusammensetzt. Die Blickwinkel der verschiedenen Professionen miteinander abzugleichen stellt die erste Herausforderung an den Teamleiter dar. Zunächst sieht jedes Teammitglied die Erfahrungen aus dem eige- nen Bereich als vorrangig an und neigt daher zu einer subjektiven Gewichtung in der Fragestellung der Qualität der Zusammenarbeit bzw. der Beziehungen unter den Teammitgliedern (Abschn. 8.1). Zugleich ist der Teamleiter gefordert, sich die Gewichtungen und Präferenzen der übrigen Projektmitglieder genau zu betrachten, um möglichst passgenau und damit effizient die erforderlichen Teamfunktionen (Abschn. 8.2) besetzen zu können. Um die Aufgabenerfüllung in hoher Qualität sicherzustellen, braucht es Führungskräfte, die folgende Fragen stellen und beant- worten können: • Wer hält sich lieber aus den Diskussionen heraus? • Wer hat eine hohe Affinität zu strategischen Vorgehensweisen? • Wer hat gern das große Ganze im Blick? 77 Ein leistungsfähiges Team ist das Ergebnis eines gezielten Steuerungsprozesses und stellt die Führungskraft vor die Aufgabe, die unterschiedlichen Kompetenzen der Mitglieder einzubinden und die Teamkultur aktiv zu gestalten. Diese Tendenzen wurden auch in den Interviews mit Vertretern aus Kommu- nen und Verbänden bestätigt. Jedes Team folgt seinen eigenen inneren Gesetzen. Ob diese aber funktio- nal oder doch eher dysfunktional ist, kann sich an bestimmten Indikatoren zei- gen. Beispielsweise herrscht ein ruppiger Umgangston, es fehlen Absprachen, die Mitglieder haben das Empfinden, separiert nebeneinander her zu arbeiten, die Arbeits- oder Projektgestaltung begünstigt manche Mitarbeiter zulasten anderer. Vielleicht haben Sie auch in Ihrem eigenen Haus schon beträchtliche Unterschiede etwa in der Beliebtheit bestimmter Abteilungen festgestellt. Hohe Unzufriedenheiten der Kollegen in einer Abteilung können auch in der dort herr- schenden Teamkultur begründet sein. Traditionen spielen auch eine Rolle: „Das haben wir schon immer so gemacht“ und auch Tabus des Handelns „Das darf nur die Abteilungsleitung“ erschweren eine Teamführung. Die Sinnhaftigkeit tradier- ter Verhaltensweisen lässt sich immer nur individuell erschließen. Die Grundvo- raussetzung für die Weiterentwicklung eines Teams ist das Bewusstsein seiner Identität (Abschn. 8.3). Als Führungskraft haben Sie die Verantwortung und Mög- lichkeit, um mit ihrem Team über Rollen, Traditionen, Selbstverständnisse und über Abläufe zu sprechen. Die im Folgenden vorgestellten Instrumente unterstüt- zen Sie dabei, die gewünschten Teamergebnisse zu erzielen. Seit vielen Jahrzehnten arbeiten Forscher an übertragbaren Konzepten der Gruppendynamik auf die Praxis. Im Folgenden bieten wir Ihnen profundes Wis- sen für Ihre Qualifizierung als Teamleiter. Folgen Sie uns auf dem Weg zu einem tieferen Verständnis der inneren Systematik und Strukturen von Teams. Unser Erbe aus der Steinzeit „Wo brauchen wir uns?“ – der pure Überlebenskampf, kombiniert mit dem Minimalkonsens zum Wohlfühlen, brachte unsere Vorfahren einander näher. Jagd und Körperpflege zwangen zu gesellschaftlichen Übereinkom- men. Beispiel Eins: die Läusepopulation auf dem Rücken. Sich der lästigen Tierchen sowie möglicher anderen Parasiten zu entledigen war tägliches Ritual, bei dem man sich gegenseitig zu Diensten stand. Beispiel Zwei: Die Jagd barg große Gefahren für die Herren der Steinzeit. Ein Mammut, einen Elefanten oder ein sonstiges opulentes Mahl zu erlegen war nur in der Gruppe möglich. Hierzu gehörte das Führungsgremium, bestehend aus dem Anführer und Spurenleser, der die Befehle erteilte, dem Läufer und 8 Theorien für die Praxis 78 8 Theorien für die Praxis Speerwerfer sowie dem athletischen Ringer, der dem Ungeheuer mit blo- ßen Armen auf den Pelz rückte. Allerdings währte der Teamgeist nicht über die absolut notwendigen gemeinsamen Verrichtungen hinaus. War die letzte Laus für diesen Tag gesammelt, das zerlegte Beutetier auf dem Grill gelandet, kehrte rasch die übliche Missgunst wieder ein: Den besten Platz am Feuer oder die attraktive Höhlenschönheit gönnte man auch dem treuesten Entlauser und Kampfgefährten nicht. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass unseren Vorfahren das Erfordernis zur Teambildung bewusst war: dort, wo die Zusammenarbeit sinnvoll war und einen Mehrwert bot. Dies stand und steht nicht im Wider- spruch zu egoistischen Impulsen, im Gegenteil: Ob Spurenleser, Speerwer- fer oder Ringer – sie alle wussten, dass sie als Einzelkämpfer keine Chance auf die Erlegung des Mammuts gehabt hätten. 8.1 Die Teamphasenuhr – Jede Stufe ist wichtig Betrachten Sie bitte ein Team wie einen lebendigen, lernenden Organismus, der eine Geschichte und eine Biografie hat, seinen individuellen Erfahrungen und Erkenntnissen folgt und eine eigene Identität entwickelt. Als Führungskraft sind Sie der „Primus inter Pares“ im Team, Mitglied, Stimmführer und Koordinator zugleich. Ihre Aufgabe ist es, als Lotse Ihres Teams die Entwicklungsphasen so zu navigieren, dass die Mitglieder effektiv und effizient arbeiten können. Jede Phase folgt ihren eigenen Gesetzen, die wiederum in Wechselbeziehung zum Arbeitsergebnis stehen. Der US-amerikanische Psychologe Bruce W. Tuckman entdeckte im Rah- men eines Forschungsvorhabens für die US Navy Mitte der 1960er Jahre spezi- fische Muster der Zusammenarbeit in Kleingruppen. Vom ersten Kennenlernen bis zur konstruktiven Kooperation durchläuft das Team vier typische Phasen (vgl. Abb. 8.3). In einer fünften Phase fließen Retrospektive und Perspektive ineinander. 79 8.1.1 Die Phase des Formings – Auf unbekanntem gesellschaftlichen Parkett • Charakteristika der Phase: In dieser Gründungsphase steht das gegenseitige Kennenlernen und Einschätzen im Vordergrund. Es gilt, die Erwartungen anei- nander abzugleichen und die eigene Rolle im Team zu finden. Die Teammit- glieder begegnen sich im Regelfall höflich-reserviert. • Leistung: In dieser Phase stellen die Beiträge der Mitglieder zur Zielerrei- chung lediglich ein Nebeneinander von Einzelleistungen dar. • Ihre Aufgabe als Teamleiter: Um das Eis zu brechen, ist es eine Ihrer ers- ten Aufgaben als Teamleiter, die individuellen Präferenzen herausfinden und diese dann gezielt für die erforderlichen Funktionen im Team zu nutzen (Abschn. 8.2 und 8.5). Abb. 8.3 Teamphasenuhr 8.1 Die Teamphasenuhr – Jede Stufe ist wichtig 80 8 Theorien für die Praxis 8.1.2 Die Phase des Stormings – Sturm und Drang • Charakteristika der Phase: Man hat sich etwas besser kennengelernt, innere Hürden der direkten Konfrontation verschwinden. Jetzt kann es turbulent wer- den. Verschiedene Ansichten und Persönlichkeitsstile prallen aufeinander. Der Kampf um Machtpositionen wird offen oder verdeckt ausgetragen, die eigene Identität und eigene Positionen werden deutlicher. Die Energie richtet sich stärker auf die eigene Position im Team als auf die Leistungserbringung. • Leistung: In dieser Phase sinkt die Leistung des Teams unter die Summe der Einzelbeiträge. • Ihre Aufgabe als Teamleiter: Für einen Übergangszeitraum sollten Sie dem Bedürfnis der Mitglieder nach Selbstdarstellung und Selbstfindung Raum geben. Das Positive an dieser Phase ist, dass Positionen deutlich werden und damit der Weg frei wird für ein sachorientiertes Zusammenarbeiten in der nächsten Wachstumsphase des Teams. Vermeiden Sie deshalb unbedingt ein Verleugnen von Konflikten bzw. eine erzwungene Harmonie, bevor nicht die Positionen untereinander geklärt sind. Ungeklärte Konflikte führen langfristig zu latenten Aggressionen. Versuchen Sie gemeinsam mit den Streitenden kon- struktive Lösungen zu finden. Als Beobachter können Sie zugleich mögliche erste Fehleinschätzungen hinsichtlich der Präferenzen im Team erkennen und korrigierend eingreifen, um Aufgaben noch einmal neu zu verteilen. Damit Sie so bald als möglich mit der konstruktiven Teamarbeit beginnen können, müs- sen Sie Standards setzen und Einzelaufgaben mit festen Terminen verteilen. So kanalisieren Sie die Energien in sachorientiertes Arbeiten. Ergänzend kön- nen Sie eine Arbeitssitzung anberaumen, in der das Team selbst Gegenstand der Analyse ist (Details zu Ihren Aufgaben als Teamleiter siehe Abschn. 8.5). 8.1.3 Die Phase des Normings – Das Gemeinsame wird sichtbar • Charakteristika der Phase: Jetzt sind die Spielregeln des miteinander Umgehens und der unabdingbaren Funktionen definitiv festgelegt. Es ist die Zeit der Kom- promisse, der teaminternen Regeln und des Konsens. Das Team hat eine solide Arbeitsplattform gefunden, der Gedanke der Kooperation prägt den Arbeitsstil. In dieser Phase dominiert das „Wir“-Gefühl und damit ein Grundtenor, dass die gemeinsame Leistung möglich ist. Erste Synergien beginnen sich zu bilden. 81 • Leistung: In dieser Phase entspricht die Leistung des gesamten Teams jeweils der Einzelleistung eines Teammitgliedes. Die Verdichtung bzw. Potenzie- rung aller Einzelleistungen zu einer High-End-Gruppenleistung, die aus der konstruktiven Nutzung der unterschiedlichen Arbeitsstile und Funktionen (Abschn. 8.2) erwächst, steht kurz bevor. • Ihre Aufgabe als Teamleiter: Zu viel Harmonie zeitigt die Gefahr mangelnder Produktivität. Eine gut dosierte Reibung erzeugt Energie, Sachkonflikte die- nen der Weiterentwicklung. Stellen Sie Ihrem Team eine Aufgabe, in der jedes Mitglied einen anderen Weg zum Ziel argumentativ begründen und verteidigen muss. 8.1 Die Teamphasenuhr – Jede Stufe ist wichtig Aus dem Verwaltungsalltag – Integrierte Prozesse Die Zusammenführung zweier Abteilungen eröffnet die Chance optimierter Pro- zesse. Die Fachbereichsleiterin Beckmann stellt ihrem Team die Aufgabe, verschie- dene Aspekte zur möglichen Optimierung der Verwaltungsprozesse zu untersuchen und in der Folge unterschiedliche Vorgehensweisen zu entwickeln und Lösungs- wege darzustellen. • Wie können verfügbare Ressourcen innerhalb einer der Behörde optimal koordi- niert werden? • Wie kann der Berichtsaufwand innerhalb eines Quartals reduziert werden? • Wie kann die Kommunikation bei strittigen Fragen optimiert werden? Frau Beckmann kann in ihrem Team nur dann das notwendige Bewusstsein für Veränderungen erzeugen, wenn sie diese Fragen mit ihrem Team gemeinsam zum Gegenstand der Diskussion macht. Um diesen Dialog konstruktiv führen zu können, wird das Team durch verschiedene Reifungsphasen geführt werden müssen – wie wir bereits beschrieben haben. Die besten Resultate werden Sie aber erst in der Per- forming-Phase erreichen. 8.1.4 Die Phase des Performings – Potenzial wird realisiert • Charakteristika der Phase: Die Akzeptanz für unterschiedliche Fähigkei- ten und Herangehensweisen ist geschaffen. Konstruktives, sachorientiertes 82 8 Theorien für die Praxis Arbeiten kennzeichnet das Klima in der Gruppe. In dieser Phase sind Spit- zenleistungen möglich. Das Team darf sich als Hochleistungsteam bezeichnen (Abschn. 8.6). • Leistung: Die Leistung des Teams ist größer als die Summe der Einzelleistun- gen (Synergieeffekt). • Ihre Aufgabe als Teamleiter: Um das konstruktive Arbeitsklima bis zur Zieler- reichung zu halten, sollten Sie regelmäßige Feedbacksitzungen zu fachlichen und sozialen Aspekten initiieren (Abschn. 8.3). Es kann allerdings zu einem Rückfall in Phase II (Storming) kommen, etwa wenn Teammitglieder aus- scheiden, neue dazu stoßen oder wenn Sie Ihre Aufgabe als Teamleiter an einen Nachfolger delegieren bzw. wenn Rahmenbedingungen struktureller Natur sich ändern. Als Teamleiter greifen Sie zu den bewährten Methoden der Phase II. Reife Teams lösen diese Situation schneller auf als junge Teams. Ist im Rahmen eines Projekts die Zusammenarbeit des Teams beendet oder wen- det sich ein auf Dauer gegründetes Team neuen Aufgaben zu, so bedeutet die Phase des Adjournings ein Rückblick, die Auswertung und das Lernen für die nächste Runde. 8.2 Funktionen und Stile – Wie sich die Aufgabe den Menschen sucht Ein Team kann zu Hochleistungsform auflaufen, wenn die erforderlichen Auf- gaben so verteilt sind, dass jeder im Team seinen Beitrag liefert und Mitglieder des Teams ihre komplementären Fähigkeiten untereinander wertschätzen. Das ist eine große Herausforderung für Sie als Teamleiter. Sie haben beispielsweise ein Abteilungsteam, das vorrangig an Innovationen in technischer und prozessorien- tierter Richtung interessiert ist. An Qualitätssicherung, also an der Notwendigkeit der Bürgerorientierung (z. B. Servicequalität, Zuverlässigkeit, Freundlichkeit, Umgang mit Beschwerden, Image und Reputation) und dem sorgfältigen Über- prüfen, ob die ambitionierten Vorhaben sinnvoll sind, zeigt keiner größeres Inter- esse. In dieser Gruppe fehlt die Fokussierung auf die Ziele des Teams. Stellen Sie sich nun den gegenteiligen Fall vor: In Ihrer Gruppe haben Sie vorwiegend Mitar- beiter, die methodisches Arbeiten in klar umrissenen Strukturen bevorzugen, aber nur wenige Neuerer, die standardisierte Vorgehensweisen kritisch hinterfragen. In dieser Konstellation wird es wenig Antrieb zu möglichen neuen und erfolgreichen Prozessabläufen geben. Es kann sogar zu einer Abwehr jeglicher Veränderung kommen, die gewohnte Routinen aufbrechen würde. 83 Die beiden Varianten machen deutlich: Eine zu homogene Teamstruktur hat fatale Folgen für die Arbeitseffizienz und für eine befriedigende Zielerreichung. Je differenzierter die verschiedenen Aufgabenfelder ausgestaltet und miteinander abgestimmt sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit konstruktiver Arbeits- prozesse – etwa das reibungslose Funktionieren von Abläufen in einer Abteilung oder einem Fachbereich. Voraussetzung ist, dass die Führungskraft eine Teamkul- tur schafft, in der durch die Verschiedenartigkeit der Mitarbeiter ein lebendiger, lernender Organismus entsteht (vgl. Abb. 8.4). Erkenntnisse aus dem Tierreich – Der Alpha-Hahn im Hühnerhof Es mag im ersten Augenblick wenig schmeichelhaft klingen, aber unser Verhalten in Gruppen ähnelt in vielem der Hackordnung in einer Hühner- schar. Anfang des 20. Jahrhunderts erkannten Forscher im Verhalten des Abb. 8.4 Teamkompetenzen 8.2 Funktionen und Stile – Wie sich die Aufgabe den Menschen sucht 84 8 Theorien für die Praxis Federviehs Merkmale einer festen Sozial- und Rangordnung. Diese bildet sich durch Kämpfe unter den Gruppenmitgliedern aus. Hat sich die Rang- ordnung etabliert, ist die Garantie für die Stabilität der Gruppe recht hoch. Der österreichische Psychoanalytiker und Psychotherapeut Raoul Schind- ler (1923–2014) entwickelte im Vergleich mit menschlichen Gruppen das Modell der soziodynamischen Funktionsverteilung. Der Alpha-Typ erhebt gleich bei der Gründung des Teams den Füh- rungsanspruch. Seine Funktion ist die Steuerung der gruppeninternen Prozesse und die Präsentation der Gruppe nach außen. Gibt es mehrere Alpha-Charaktere in der Gruppe, besteht die Möglichkeit einer Funktions- teilung z. B. in Innen- und Außenminister oder des Wechsels in die Beta- Rolle. In hierarchischen Strukturen ist die Alpha-Position vorgegeben. Es kann natürlich Organisationsteams geben, in denen bei gleichzeitiger Anwesenheit von Fachbereichs- und nachgeordnetem Abteilungsleiter Letzterer die Führung übernimmt und der Fachbereichsleiter die beratende Fachfunktion erfüllt. Der Beta-Typ steht dem Alpha-Typ als Berater oder Experte zur Seite. Er hat entweder besondere Erfahrungen auf einem Gebiet oder er gehört dem Team besonders lange an. Im Ansehen steht er weit über den Gammas. Ein Team kann verschiedene Betas integrieren, die jeweils als Spezialisten für wichtige Einzelaspekte auftreten. Die Gamma-Typen sind die „Arbeitstiere“ im Team. Sie richten sich bei Konsensbildungen nach den Alpha-Typen oder nach der Mehrheit. Gam- mas sind im Habitus eher unauffällig und angenehm, zu viele von ihnen können aber zur Gruppenerosion beitragen. Überwiegen die Gammas im Team, muss Alpha ihnen Aufgaben zur Förderung ihres Kreativitätspoten- zials stellen. Der Omega-Typ verkörpert im Team die Außenseiterrolle. Er tut sich häufig als Querulant hervor und bezieht Gegenposition zu Alpha: „Das klappt sowieso nicht.“ Als Teamleiter beziehen Sie ihn am besten in eine Beta-Rolle ein und übergeben ihm Spezialaufgaben: „Als kritischer Kenner der Materie vertrauen wir bei Ihnen auf ein treffsicheres Urteil.“ Vielleicht haben Sie beim Lesen dieser Box die eine oder andere Analogie zu einem Hühnerhof in Ihrer Verwaltung entdeckt! 85 8.2.1 Arbeitsstile – Acht plus eins, der Spezialist Gezielte Forschungen zu Teamrollen hat erstmals in den 1970er Jahren der engli- sche Psychologe Raymond Meredith Belbin (*1923) betrieben (Belbin, Bergan- der 2008). Am Henley Management College untersuchte er für fast ein Jahrzehnt das Verhalten in Teams. Kursteilnehmer aus aller Welt absolvierten psychomet- rische Tests und wurden dann auf Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Aufga- benstellungen verteilt. Ziel war der Abgleich individueller Präferenzen mit dem Arbeitsbeitrag in der Gruppe auf Basis spezifischer Persönlichkeitsmerkmale, Verhaltensweisen und intellektueller Fähigkeiten. Rund 30 verschiedene Team- konstellationen pro Jahr spielten Belbin, Bergander und sein Forscherteam durch. Im Ergebnis entwickelte Belbin, Bergander acht verschiedene Arbeitsstile, die er später noch um den Spezialisten ergänzte. Die insgesamt neun Persönlichkeitsstile lassen sich in jeweils drei Kategorien subsumieren: • Action: Dies sind die Teammitglieder, die Kontroll- und Gestaltungsaufgaben übernehmen: Überprüfen, Umsetzen, Vorantreiben. • Social: Dies sind die Teammitglieder, die sozialverbindende Funktionen bedie- nen: Übermitteln, Koordinieren, Unterstützen. • Thinking: Dies sind die Teammitglieder, die innovativ-intellektuelle Akzente setzen: Erfinden, Beobachten, Vertiefen. 8.2 Funktionen und Stile – Wie sich die Aufgabe den Menschen sucht Aus dem Verwaltungsalltag – Der Perfektionist und der Macher Herr Craatz hat eine Abteilung neu übernommen und stellt fest, dass in seinem Team sehr viele Mitarbeiter vom Typ Perfektionist sind, die einerseits gewissenhaft und zuverlässig sind, aber ungern Dinge delegieren und wenig Interesse an Verän- derung haben. Er hat kaum ausführende Charaktere des Typus „Macher“, die mutig handeln, gerne unter Druck arbeiten und Veränderungen realisieren wollen. Wenn Sie sich in die Situation von Herrn Craatz versetzen, werden Sie erken- nen: Es ist Ihre Aufgabe als Teamleiter, ein Regelwerk für eine solche heterogene Mitarbeitertypologie zu entwickeln. Dabei sind Sie zwar an das vorhandene Poten- zial an Typologien (Arbeitsweisen) und Fähigkeiten gebunden. Der Teamleiter sollte versuchen, möglichst viele Aufgaben den Typologien entsprechend zu verteilen. Dort, wo dies nicht möglich ist, müssen Sie aber auch Aufgaben per Order verteilen. Wie Sie dies bewerkstelligen und zugleich die Arbeitsmotivation erhalten und för- dern, erfahren Sie in den Folgekapiteln. 86 8 Theorien für die Praxis Zur Gruppe „Action“ gehören: Der Perfektionist (Completer/Finisher) Beitrag im Team: Er vermeidet Fehler und Versäumnisse und stellt optimale Ergebnisse sicher. Charakteristika: Er ist gewissenhaft und pünktlich, eher introvertiert. Er überprüft am liebsten persönlich, ob nichts übersehen wurde und delegiert nicht gern. Schwächen: Er neigt zu übertriebener Besorgnis und kann damit die Atmo- sphäre in der Gruppe negativ beeinflussen. Er kann ungeduldig und intole- rant gegenüber Kollegen werden, die es sich seiner Meinung nach zu leicht machen. Der Umsetzer (Implementer/Company Worker) Beitrag im Team: Er setzt allgemeine Konzepte systematisch in praktikable Arbeitspläne um und baut stabile Strukturen auf. Charakteristika: Er ist diszipliniert, verlässlich, eher konservativ in seinen Herangehensweisen, aufrichtig und kontrolliert. Er arbeitet effizient, systematisch und methodisch. Schwächen: Er reagiert auf neue Möglichkeiten relativ unflexibel. Bei plötzli- chen Planänderungen kann er fast panisch reagieren. Der Macher (Shaper) Beitrag im Team: Er treibt und formt die Teamaktivitäten, er hat den Mut, Hinder- nisse zu überwinden. Charakteristika: Er ist dynamisch, arbeitet gut unter Druck, ist voll nervöser Energie und extravertiert. Schwächen: Er neigt zu Provokationen, nimmt wenig Rücksicht auf die Gefühle anderer und ist leicht frustriert, wenn die Dinge nicht nach seinem Wil- len laufen. Er neigt zu Ungeduld und Dominanz, „Wann wird das jetzt endlich fertig, schlafen hier denn alle?“ Zur Gruppe „Social“ gehören: Der Wegbereiter und Weichensteller (Resource Investigator) Beitrag im Team: Erbringt Ideen von außen ins Team, baut nützliche Kontakte für das Team auf und kommuniziert die Erfolge des Teams. Er ist Botschafter und Multiplikator. 87 Charakteristika: Er ist enthusiastisch, kommunikativ und sehr extravertiert. Er ist oft sehr beliebt, da er kontaktfreudig und gesellig ist und sich schnell begeis- tert. Er trägt dazu bei, dass das Team nicht stagniert. Schwächen: Er ist oft etwas zu optimistisch und verliert leicht das Interesse, wenn die erste Begeisterung abgeebbt ist. Da er dazu neigt, sich zu viel vorzuneh- men, bleiben des Öfteren Dinge liegen. Der Koordinator/Integrator (Co-Ordinator) Beitrag im Team: Er organisiert das Team in seiner Struktur und seinen Aktivitä- ten, schaut nach einer optimalen Ausnutzung der Ressourcen im Team und fördert Entscheidungsprozesse. Er achtet auf die Einhaltung externer Ziele, er kann der ideale Teamleiter sein. Welcher Charakter sich für die Leitung des Teams am bes- ten eignet, ist auch situativ bedingt. Als Führungskraft in einer Personalabteilung könnte z. B. der Perfektionist optimale Ergebnisse sicherstellen. In Kombination mit dem systematischen Arbeitsstil des Umsetzers baut diese Führungskraft per- fekt funktionierende, stabile Personalstrukturen in der Verwaltung auf. Charakteristika: Er ist selbstsicher, weckt Vertrauen und bringt seinen Mitar- beitern Vertrauen entgegen, er besitzt Charisma bzw. natürliche Autorität. Er ist dominant, aber nicht dominierend, ist diszipliniert und extravertiert. Schwächen: Er kann von seinen Mitarbeitern als manipulierend empfunden werden. Der Mitspieler (Teamworker) Beitrag im Team: Er verbessert die Kommunikation und fördert den Teamgeist. Er weiß am meisten über die privaten Hintergründe seiner Kollegen und spürt am stärksten die emotionalen Ströme im Team. Er hört gut zu, ermuntert auch die anderen zu Meinungsäußerungen. Er kompensiert Reibungen, die durch den Macher, den Erfinder oder den Beobachter entstehen. Er ist dann besonders wert- voll, wenn das Team unter Druck gerät. Charakteristika: Er ist kooperativ, empathisch und diplomatisch. Er hört gerne zu, baut Spannungen ab. Er neigt zur Extravertiertheit, ist aber nicht dominant. Schwächen: In kritischen Situationen neigt er zur Unentschlossenheit. Zur Gruppe „Thinking“ gehören: Der Erfinder und Neuerer (Planter) Beitrag im Team: Er bringt neue Ideen und Strategien ein, liefert den zündenden Funken. Charakteristika: Er denkt unorthodox, ist kreativ, fantasievoll und ein guter Problemlöser. Im Regelfall hat er einen hohen IQ. Obwohl eher introvertiert, kann er seine Ideen unerwartet rabiat verteidigen. 8.2 Funktionen und Stile – Wie sich die Aufgabe den Menschen sucht 88 8 Theorien für die Praxis Schwächen: Er ist oft gedankenverloren, tendiert zur Konzentration auf per- sönliche Interessengebiete und neigt dazu, Nebensächlichkeiten zu ignorieren. Das kann zu Flüchtigkeitsfehlern führen. Er kann Kritik schwer ertragen und schießt manchmal mit seinen Ideen weit übers Ziel hinaus. Der Beobachter (Monitor Evaluator) Beitrag im Team: Er untersucht Ideen auf ihre Machbarkeit und ihren praktischen Nutzen für die Ziele des Teams. Sein Urteil ist meistens absolut treffsicher. Charakteristika: Er ist nüchtern, strategisch und kritisch, ein Analytiker. Er berücksichtigt alle Optionen und besitzt ein exzellentes Urteilsvermögen. Er ist zuverlässig, eher introvertiert und hat oft einen überdurchschnittlichen IQ. Schwächen: Er hat wenig Talente zur Inspiration des Teams. Er neigt dazu, auf seine Kollegen herab zu schauen. Er sieht sich manchmal im Wettbewerb mit dem Erfinder oder dem Koordinator. Der Spezialist (Specialist) Beitrag im Team: Er leistet den professionellen Beitrag zu einem Spezialgebiet. Charakteristika: Er ist sehr auf sein Fachgebiet konzentriert und engagiert sich dort sehr stark. Schwächen: Spezialisten neigen dazu, sich in Details zu verlieren und sind häufig nicht an Dingen außerhalb ihres Spezialistentums interessiert. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Stilen bzw. Präferenzen sind flie- ßend. Manchmal kann ein Teammitglied auch zwei oder mehr Stile bzw. Team- rollen verkörpern oder mehrere Teammitglieder befinden sich in denselben Stilen bzw. Rollen. Vielleicht kommt Ihnen der eine oder andere Charakter bekannt vor. Verhaltensweisen Ihrer Kollegen und Mitarbeiter können Sie nun bereits auf Basis der dezidierten Beschreibungen besser erfassen und in Abgleich zu Ihren eigenen Präferenzen stellen. Mit der zutreffenden Diagnose (Kap. 10) können Sie aktiv gestaltend auf die Prozesse in Ihrer Abteilung einwirken. 8.2.2 Funktionen – Acht Erfordernisse für optimales Teamwork In den 1980er Jahren entwickelten Charles Margerison (*1940), Ph.D. in Edu- cational Psychology und der Ph.D der Ingenieurswissenschaften Dick McCann (*1943) das TMS-Modell (Team-Management-System). In ihrer Forschung gin- gen sie von der Frage aus, warum manche Teams sehr erfolgreich waren, andere aber versagten. An den Studien partizipierten Führungskräfte und Teams aus 89 Australien, Europa, USA und Südostasien. Das ITMS (Institute of Team Manage- ment Studies) verfügt heute über eine Datenbasis von 151.000 Probanden, deren Aussagen und Daten anonymisiert in die Forschung eingingen (Tscheuschner, Wagner (2008) „TMS – Der Weg zum Hochleistungsteam“). TMS – Über den Wolken Zu den Testteilnehmern, die an den Studien zum Team-Management-Sys- tem (TMS) teilnahmen, gehörten 500 Crews der Australian Airline. Das Ziel bestand darin, die Teamarbeit im Cockpit hocheffektiv zu machen und für jeden Flug die höchste Sicherheit zu gewährleisten. „Quantas führt seit- dem das Ranking der sichersten Fluglinien weltweit an“, führen die Auto- ren des Buches „TMS – Der Weg zum Hochleistungsteam“ aus. In den Studien wurde deutlich, dass die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens vor allem auf der Energie motivierter Mitarbeiter beruht. Das Wissen um die Arbeitspräferenzen ist ein intrinsischer Motivator (Abschn. 3.2.1.2), dessen Sie sich als Führungskraft und Teamleiter bedienen können, um Ihr Team zu Höchst- leistungen zu führen. Verwechseln Sie hierbei bitte nicht die Präferenzen Ihrer Kollegen und Mitarbeiter, also deren Neigung zu einem bestimmen Verhalten, mit den Kompetenzen interpersoneller und fachlicher Natur, die ein Mensch mit Lauf des Lebens entwickelt und erwirbt. Eine Kompetenz im interpersonellen Kontext ist z. B. die Fähigkeit, verschiedene Meinungen zu bündeln, in Abgleich zu brin- gen und hieraus ein Handlungsziel abzuleiten (siehe hierzu auch Abschn. 8.5). Im Rahmen ihrer Interviews, in denen Teams Faktoren nannten, die ihrer Selbsteinschätzung zufolge für ihr jeweiliges Arbeitsumfeld am wichtigsten seien, entwickelten Margerison und McCann acht Arbeitsfelder, die für das Funk- tionieren eines Teams unabdingbar sind: 1. Promoten 2. Entwickeln 3. Organisieren 4. Umsetzen 5. Überwachen 6. Stabilisieren 7. Beraten 8. Innovieren. 8.2 Funktionen und Stile – Wie sich die Aufgabe den Menschen sucht 90 8 Theorien für die Praxis Dass für Marketing-Teams „Innovieren“ und „Promoten“ im Vordergrund stan- den, für Teams aus der Rechtsabteilung oder dem Prüfungsamt eher „Überwa- chen“ und „Stabilisieren“ ist naheliegend. Dennoch stellte sich heraus, dass auch diese spezialisierten Teams die jeweilig ergänzenden Charaktere bzw. Funktionen brauchten, um sich in ihrer Arbeit weiterzuentwickeln. Um eine möglichst hohe Passgenauigkeit zwischen Arbeitspräferenzen und Funktionen zu ermitteln, legten die beiden Forscher vier Handlungsdimensionen zugrunde und fragten die Test- teilnehmer nach ihren jeweiligen Gewichtungen: • Wie kommuniziere ich mit anderen? Spricht der eine seine Ideen gern unmittelbar mit anderen durch, so möchte sein Gegenpart Dinge in Ruhe überdenken, bevor er mit anderen darüber spricht. • Wie sammle ich Informationen? Arbeitet der eine gerne mit bewährten Informationen und Fakten, so liegt für sein Gegenüber der Reiz im Sammeln frischer Ideen. • Wie fälle ich Entscheidungen? Trifft der eine Entscheidungen vorwiegend auf Basis sorgfältig analysierter Kri- terien, so fällt der andere seine Entscheidungen intuitiv und gefühlsorientiert. • Wie organisiere ich meine Arbeit? Arbeitet der eine lieber im klar strukturierten Rahmen, so variiert sein Gegen- part seine Zeitplanungen und Strukturen nach den aktuellen Erfordernissen zur Aufgabenbewältigung. Im Abgleich der Handlungsoptionen und der erforderlichen Arbeitsfunktionen im Team entstanden die Funktionscharakteristika: • Entdeckende Promoter Sie greifen eine Idee auf und begeistern andere dafür. Sie sind kontaktfreudig, denken global und können auch ungewöhnlichen Ideen oder Vorhaben zum Durchbruch verhelfen. • Auswählende Entwickler Sie analysieren Ideen mit Blick auf Machbarkeit und Marktchancen. Sie ste- hen gerne an der Schnittstelle zwischen Idee und Tat und sind z. B. prädesti- niert für Machbarkeitsstudien. • Zielstrebige Organisierer Sie schaffen die Rahmenbedingungen, damit das Ziel erreicht wird. Sie geben praktischen Lösungen den Vorrang und sorgen dafür, dass jeder im Team weiß, was von ihm erwartet wird. Sie werden schnell ungeduldig, wenn Absprachen und Zeitvorgaben nicht eingehalten werden. 91 • Systematische Umsetzer Sie konzentrieren sich darauf, Standards einzuhalten, ob es sich um ein Produkt oder eine Dienstleistung handelt. Sie arbeiten sehr systematisch und langweilen sich – ganz im Gegensatz zu den Kreativen Innovierern – auch nicht bei sich wiederholenden Arbeitsabläufen. Sie erfüllen gerne vorgegebene Aufgaben. • Kontrollierende Überwacher Sie sorgen dafür, dass die Zahlen, Daten und Fakten stimmen. Sie sind präzise und können sich über lange Zeit auf eine spezielle Aufgabe konzentrieren. Sie stehen im Gegensatz zu den Entdeckenden Promotern, die ständig neue Auf- gaben brauchen, und sie nehmen gern die Visionen der „Kreativen Innovierer“ (siehe unten, letzter Aufzählungspunkt) unter die Lupe. Prüf- und Kontrollsys- teme sind ihre Welt. • Unterstützende Stabilisatoren Sie sind das Gewissen des Teams, sie ermutigen andere und schlagen Brücken zwischen verschiedenen Vorstellungen. Sie arbeiten gerne in Unternehmen oder Teams, mit deren Werten sie übereinstimmen. Sie verteidigen ihre eige- nen Werte durchaus kraftvoll. In einer Führungsposition führen sie eher mit Taten als mit Worten. • Informierte Berater Bevor sie eine Entscheidung treffen, möchten sie möglichst viel Informations- material vorliegen haben. Vorschnelles Handeln ist ihnen ein Gräuel. Sie geben Informationen gerne weiter und freuen sich, wenn man ihr Wissen anfragt. • Kreative Innovierer Sie sind die klassischen Vor- und Querdenker. Sie stellen bestehende Zustände gern infrage, um neue Prozesse zu initiieren. Sie sind einfallsreich und flexi- bel. Auch wenn ihre Ideen das normale Tagesgeschäft im ersten Moment zu behindern scheinen, sind sie existenziell wichtig für die Weiterentwicklung von Organisationen und Teams. In einem Team, in dem jeder Einzelne viel von dem tut, was er gern tut, erhöhen sich die Energie, die Begeisterung, das Engagement und die Motiva- tion um ein Vielfaches und dann entsteht ein Hochleistungsteam (Margerison und McCann 2000 in „TMS – Der Weg zum Hochleistungsteam“). Einen Überblick über eine ideale Funktionsverteilung möchten wir Ihnen jetzt am Beispiel des Qualitätsmanagementzirkels vorstellen. Sie erinnern sich? Der QM-Zirkel hatte die Aufgabe, zeitnah einen Bürgerfragebogen zu erstellen (siehe „Verwaltungsalltag“ Kap. 8, S. 76). 8.2 Funktionen und Stile – Wie sich die Aufgabe den Menschen sucht 92 8 Theorien für die Praxis Aus dem Verwaltungsalltag – Der Bürgerfragebogen – Fortführung In der Abb. 8.5 sehen Sie, wie die Mitglieder des Teams ihre Aufgaben untereinan- der aufgeteilt haben. In diesem Funktionsdiagramm in Anlehnung an das TMS-Modell fehlt der Spezialist aus dem Belbin-Modell (siehe Vergleich Belbin und TMS-Modell in Abschn. 8.2.3). Spezialisten müssen nicht bei jeder Teamsitzung dabei sein. Sie werden z. B. zu einer Sitzung eingeladen, um ihr Gebiet zu referieren und die Team- mitglieder für diesen Einzelaspekt ihrer Aufgabe zu sensibilisieren. Der QM-Zirkel könnte als Spezialisten einladen: • einen Psychologen, der Fachwissen für Fragetechniken vermittelt, • eine Mitarbeiterin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, die Grundregeln der stilis- tischen Aufbereitung erklärt, • einen Mitarbeiter der Rechtsabteilung, der zu Aspekten des Datenschutzes bei der Fragestellung referiert. Abb. 8.5 Funktionen-Aufgaben-Diagramm eines Teams 93 8.2.3 Stile und Funktionen – Konzentrisch zum Ziel Sie sehen an unseren Beispielen und den Definitionen, dass die Teamrollen und Funktionsprofile von Belbin, Bergander einerseits sowie Margerison und McCann andererseits zwar nicht identisch sind aber teilweise hohe Deckungsgleichhei- ten aufweisen. Die Ausnahme bildet die Sonderrolle des Spezialisten nach Bel- bin, Bergander. Margerison und McCann haben in ihrem Modell das Prinzip der Verdichtung genutzt. Alle Arbeitsfunktionen laufen auf einen verbinden- den Mittelpunkt zu (Linking Skills). Dies entspricht der Leistungspotenzierung in der Performing-Phase (Abschn. 8.1.4): Das Team erbringt optimale Leistung (Abschn. 8.6 „High-Energy-Team“), wenn alle acht Funktionen genutzt wer- den und konzentrisch auf das Leistungsziel gerichtet sind. Dann läuft das Rad rund. Der Teamleiter ist in diesem Geschehen Vorbild und Verbinder zugleich (Abschn. 8.5). Dies ist unabhängig von seinem Stil und seiner Funktion im Team (vgl. Abb. 8.6 und 8.7). Abb. 8.6 Teamrollen und Funktionsprofile 8.2 Funktionen und Stile – Wie sich die Aufgabe den Menschen sucht 94 8 Theorien für die Praxis Die Arbeitsfunktionen, die direkt nebeneinander liegen, weisen in ihren Prä- ferenzen Schnittflächen auf. „Kreative Innovierer“ und „Informierte Berater“ teilen sich die intellektuelle Freude an tiefem Fachwissen. Mit den „Entde- ckenden Promotern“ verbindet die „Innovierer“ ihr Kreativitätspotenzial. Die jeweils gegenüberliegenden Funktionen verkörpern die einzelnen Antipoden der Verhaltenspräferenz. Die „Systematischen Umsetzer“ verbindet mit den „Kon- trollierenden Überwachern“ der Hang zu Genauigkeit, mit den „Zielstrebigen Organisierern“ teilen sie die Bodenhaftung bei der Zielerreichung. 8.2.4 Funktionsmanagement – Beobachten, Entscheiden, Handeln Wie können Sie als Führungskraft aus diesen Erkenntnissen praktische Folgerun- gen für die Aufgabenkoordinierung innerhalb Ihres Teams ziehen? Sie erinnern sich an unser Beispiel aus Abschn. 8.2? Abb. 8.7 Vergleich der Teamrollen und Arbeitsfunktionen 95 8.3 Ziele – Halten Sie Ihr Team auf Kurs Eines der grundlegenden Charakteristika von funktionierenden Teams ist die kon- sequente Verfolgung eines gemeinsamen Ziels (s. auch Abschn. 3.2.1). Zielformu- lierung und Zielakzeptanz sind untrennbar mit der Identität eines Teams verknüpft. Durch die Erarbeitung eines Leitbildes (vgl. Abb. 8.8) fördern Sie als Führungskraft in der Verwaltung eine Teamidentität, in der Sie Vorbild und Verbinder zugleich sind. Im zweiten Schritt ist die Nutzung spezifischer Instrumentarien erforderlich, um Zwischenergebnisse zu reflektieren und zu überprüfen, ob das Team noch das 8.3 Ziele – Halten Sie Ihr Team auf Kurs Aus dem Verwaltungsalltag – Perfektionisten und Macher (Lösungen) Herr Craatz hat sich zwischenzeitlich einen Überblick über die verschiedenen Prä- ferenzen seiner Mitarbeiter gemacht. Er hat festgestellt, dass viele „Perfektionisten“ im Team vertreten sind, die sich bevorzugt der Fehlervermeidung widmen. Ambiti- onen zur „Entdeckenden Promoterin“ zeigt im Gegensatz dazu die noch recht junge Kollegin Nielson, die in der Warteposition für eine Beförderung steht. Sie greift gerne Ideen auf und begeistert andere dafür. Sie ist kontaktfreudig, denkt global und kann auch ungewöhnlichen Ideen oder Vorhaben zum Durchbruch verhelfen. Diese unterschiedlichen Typologien sind Herrn Craatz nunmehr bekannt, er weiß die Typologie von Frau Nielson zu schätzen, weiß aber auch, dass damit zugleich Probleme im Teamgefüge verbunden sind. Aus dieser Beobachtung heraus aktiviert Craatz durchaus einige Teammitglieder, die auf den ersten Blick eher zu den Per- fektionisten gehören, dazu in übergreifenden Teams mit Frau Nielson zusammen- zuarbeiten. Zu dieser Kombination unterschiedlicher Präferenzen können durchaus beide Parteien auch lernen, die Unterschiede des anderen zu schätzen. Durch die bewusste Zusammenstellung unterschiedlicher Präferenzen hat Herr Craatz Lernsituationen initiiert, damit die Mitarbeiter in dieser Verschiedenartigkeit voneinander profitieren und sich wertschätzen lernen. Teamentwicklung bedeutet eben nicht nur Personalentwicklung, sondern auch Persönlichkeitsentwicklung. In den richtigen Schritten können diese Prozesse stattfinden, ohne sich den Unwillen der Teammitglieder zuzuziehen. Hilfreich hierfür ist z. B., wenn Herr Craatz ausge- wählte Aufgaben jeweils für bestimmte Zeiträume durch sein Team zirkulieren lässt. Damit hat er nur eine von vielen Möglichkeiten genutzt, um zu vermeiden, dass sich die Teammitglieder ungerecht behandelt und sich möglicherweise falsch platziert fühlen. Auch die Orientierung an den Tuckman-Phasen könnte für Herrn Craatz in diesem Fall ein hilfreiches Werkzeug sein. 96 8 Theorien für die Praxis gemeinsame Ziel vor Augen hat. Im dritten Schritt sollten Sie als Teamleiter die möglichen Begleitumstände bzw. mögliche Störfaktoren stets im Auge behalten. Teamidentität Fördern Sie die Teamidentität mithilfe eines Leitbildes (vgl. Abb. 8.8): • Ein Leitbild gibt dem Team eine Identität im Innen- und im Außenverhältnis. • Es spiegelt das Selbstverständnis und steht mit konkreten Erfordernissen und Abläufen in Wechselbeziehung. • Es gilt Grundfragen zu klären, etwa welches Selbstverständnis die Teammit- glieder als Mitarbeiter einer Verwaltung haben und welches „Bild“ sie vom Bürger haben. • Ziele sollten einer Weiterentwicklung dienen und für alle verständlich formu- liert sein. Ein Leitbild besitzt eine langfristige Gültigkeit und es wirkt unmit- telbar auf die Strukturen und Abläufe ein. Leitbild als realistisches Idealbild Langfristige Ziele Kommunikation nach außen Wer sind wir? Verhalten nach außen Innenverhalten Interne Kommunikation Abb. 8.8 Leitbild 97 Zwischenbilanz Ihre Instrumentarien zur Reflexion Ihrer Ergebnisse: • Um Ihr Ziel konsequent verfolgen zu können, stehen Ihnen als Teamleiter die Möglichkeiten des Feedbacks, der Dokumentation und der Beurteilung zur Verfügung. • Regelmäßige Rückmeldungen zu Einzelleistungen sowie zu Schnittstellen und Koordinationsverläufen erzeugen und erhalten die Transparenz der eigenen und der Fremdleistungen. • Halten Sie die Ergebnisse der Beobachtungen fest, um immer wieder überprü- fen zu können, ob das Team sich weiterentwickelt hat. • Regelmäßige Zwischenbeurteilungen über Arbeitsabläufe spornen zur Erhal- tung oder Verbesserung des Arbeitsniveaus an. Begleitumstände Behalten Sie die Begleitumstände im Auge (Quelle: Bingel und Berndt 2009): • Wie hilfreich sind die gewählten Vorgehensweisen zur Erreichung des Ziels? • Wie deutlich ist das gemeinsame Ziel formuliert, ist es für jedes Teammitglied gleichermaßen verständlich und einleuchtend? • Sind die Präferenzen und Fähigkeiten der Teammitglieder optimal genutzt worden? • Sind die Aufgaben und Funktionen im Team sinnvoll verteilt? • Hält sich das Team an vereinbarte Spielregeln – etwa eine wöchentliche Feed- back-Runde? In Kap. 10 finden Sie aufgeworfene Aufgabe- und Fragestellungen als Checklisten zum Abgleich mit der aktuellen Situation Ihres Teams wieder. 8.4 Stress im Team – Die Balance wiederfinden Komplexe und höhere Herausforderungen spiegeln sich auch im Verwaltungs- alltag: Konkurrenzdruck von Verwaltungen untereinander (z. B. in der Wirt- schaftsförderung oder um die besten Mitarbeiter), wachsende Aufgabenvielfalt und hohe Anforderungen an die quantitative Leistung, Kostendruck und per- manente Anpassungen an sich schnell ändernde Vorschriften, Service- und Beratungsaufgaben, die ein hohes Maß an sozialer Herausforderung bedeuten 8.4 Stress im Team – Die Balance wiederfinden 98 8 Theorien für die Praxis (Burnout) oder auch monotone Verwaltungsbürokratie (Boreout) können Auslö- ser für intra- und interindividuellen Stress sein. Die öffentliche Verwaltung zeigt den zweithöchsten Wert der Belastungsindikatoren am Arbeitsplatz: Während der Durchschnitt der AOK-Versicherten im Jahr 2011 einen Krankenstand von 4,7 % bzw. elf Fehltagen erreichte, lag der Sektor „Öffentliche Verwaltung“ mit 5,5 % fast an der Spitze, nur übertroffen von der Branche „Energie, Wasser, Entsorgung und Bergbau“ mit 5,6 % (Hans-Böckler-Stiftung 2013). Teams bilden im Idealfall den Puffer. Arbeitsteilung, gemeinsame Verantwortung und soziale Unterstützung können den individuellen Stress abfedern. Die Pufferfunktion setzt aber positive Strukturen und Abläufe im Team vor- aus. Eine Indikation für Defizite im Team sind gruppenbezogene Prozesse zum Feedback-System des Körpers (auch sogenannte Burn-out-Prozesse: Burn-out ist eine Ansammlung von unterschiedlichen Symptomen und wird oftmals als eine normale Reaktion auf ein zu anstrengendes Leben verstanden). Negativemotionen in der Gruppe können wie eine Tröpfcheninfektion wirken. Die Unzufriedenheit eines Gruppenmitgliedes überträgt sich auf die anderen. In diesem Fall ist das Immunsystem des Teams zu schwach, um den Erreger abzuwehren. Studien quer durch verschiedene Berufsgruppen zeigen: 90 % der Arbeitnehmer, die an hoch- gradiger emotionaler und körperlicher Erschöpfung litten, kamen aus Teams, in denen bis zu 50 % aller Kollegen ein fortgeschrittenes Burn-out-Syndrom aufwie- sen. Burn-out hängt also nicht nur von den Arbeitsbedingungen ab, sondern auch vom sozialen Kontext (vgl. Schaufeli o. J.). Als Teamleiter müssen Sie z. B. inadäquate Funktionsverteilungen oder latente Konflikten thematisieren und sind zudem in der Mittlerfunktion zwischen Ihrem Team und den organisatorischen Rahmenbedingungen. Einfache Modelle der Stressbewältigung in einer Zweier-Waage von belastenden Faktoren einer- seits und erholsamen Faktoren andererseits werden der Komplexität veränderter Berufs- und Lebenswelten nicht mehr gerecht. Die Forschungen an der Univer- sität Dortmund haben vier Grundkomponenten für Entstehung und Vermeidung von Stress verortet. Das Schaubild in Anlehnung an die arbeitspsychologischen Forschungen an der Universität Dortmund verdeutlicht das Erfordernis einer ausgewogenen Balance zwischen den Leistungspotenzialen der Mitarbeiter, den Anforderungen und den organisatorischen Bedingungen (vgl. Abb. 8.9, siehe auch Abschn. 3.3). 99 • Belastungen und Anforderungen brauchen als Gegengewicht Anforderungs- puffer. Diese mildern Stress durch Überforderung. Sind etwa Funktionen im Team so verteilt, dass sich etliche Mitarbeiter ihren Aufgaben nicht gewachsen fühlen, kann die soziale Unterstützung des Teamleiters in einer adäquaten Um- und Neuverteilung liegen. • Ressourcen, über die die Mitarbeiter verfügen, brauchen als Gegengewicht Ressourcenpuffer. Diese verstärken erwünschte Energien, denn Stress kann auch durch Unterforderung entstehen. Als Führungskraft in einer Verwaltung können Sie eine zu starke Routine in den Teamverläufen z. B. durch ein neues anspruchsvolles Aufgabenfeld in der Abteilung auflockern. Abb. 8.9 Stressbalance 8.4 Stress im Team – Die Balance wiederfinden 100 8 Theorien für die Praxis 8.5 Die Teamleitung – Vorbild und Verbinder In den vorangegangenen Kapiteln haben wir jeweils Teilaspekte Ihres Aufgaben- profils vorgestellt. Anhand unseres Schaubildes (vgl. Abb. 8.10) gewinnen Sie jetzt einen Gesamtüberblick. Als Führungskraft in der Verwaltung navigieren Sie Ihr Team durch seine ver- schiedenen Arbeitsphasen (Abschn. 8.1). Alle Fähigkeiten und Kompetenzen auf unserem Schaubild sind für die gesamte Zeit Ihrer Teamleitung wichtig. Manche Kompetenzen sind allerdings in spezifischen Einzelphasen besonders wichtig. Ihre Rolle in den jeweiligen Phasen wird nachfolgend beschrieben: Phase I (Forming) In Phase I weicht die anfängliche Zurückhaltung der Teammitglieder einer zuneh- menden Offenheit. In dieser Phase geben klare Strukturen den Halt, den das Team für seine Entwicklung braucht. Sie setzen die Akzente für das soziale Klima im Abb. 8.10 Die Aufgaben des Teamleiters 101 Team. Sie sind das Vorbild für Verhaltensweisen Ihrer Mitarbeiter. Ist Ihr Stil z. B. eher knapp und faktenorientiert oder eher innovativ und forschungsbetont oder eher empathisch und kooperativ (Abschn. 8.2.3), wird sich dies auf den Umgangston und die Abläufe im Team auswirken. Ihr Führungsstil repräsentiert zugleich Ihr Team in der Außenwahrnehmung etwa durch andere Abteilungen. Übergang zu Phase II (Storming) Im Übergang zu Phase II (Storming) beginnen Sie Arbeitsstile und Funktionen zu koordinieren. Spitzenleistungen Ihres Teams beruhen auf einer ausgewogenen Balance. Wenn Sie Aufgaben zuteilen müssen, die in Ihrem speziellen Team kei- ner gerne übernimmt (Abschn. 8.2.4), sind Ihre erworbenen Kenntnisse aus dem Gebiet der Motivation gefragt (Kap. 3). Phase II (Storming) Sie sind jetzt in Phase II, in Ihrem Team weicht die Zurückhaltung dem Impuls, die eigene Machtstellung zu erproben und den individuellen Stil zu betonen. Diese Phase ist eine Herausforderung an Sie als Teamleiter. Jetzt hat das Team unter Ihrer Führung die Chance, sein eigenes Profil als Gruppe zu entwickeln. Die gegenseitige Wertschätzung der Teammitglieder für ihre unterschiedlichen Fähig- keiten ist die Basis für eine konstruktive Zusammenarbeit. Ihre Moderationskom- petenz und Ihre Fähigkeit, auch Außenseiter zu integrieren, sind jetzt gefragt. Sie leben Sicherheit und Vertrauen durch Ihr Verhalten vor. Zugleich müssen Sie aber Ihre eigenen Grenzen deutlich ziehen und Ihren Anspruch auf Ihre Führungsposi- tion vertreten. Phase III (Norming) In der Norming-Phase bildet das Team seinen individuellen Charakter aus. Ihre Aufmerksamkeit gilt jetzt dem Stabilisieren positiver Strukturen. Zu viel Ein- klang und Anpassung können aber sachliche Differenzierungen überlagern und damit zum Stillstand führen. Als Teamleiter müssen Sie ggf. Situationen schaf- fen, die Ihre Mitarbeiter in die sachliche Konfrontation zwingen. Das stellt hohe Anforderungen an Ihre Kommunikationskompetenz. Phase IV (Performing) Gemeinsam mit Ihrem Team sind Sie in Phase IV (Performing) angelangt. Gegenseitiger Respekt und reibungslose Arbeitsabläufe bewirken Spitzenleistun- gen Ihres Teams, die über der Summe der Einzelleistungen liegen. Wenn Sie sich gedanklich aus Ihrem Team herausbewegen und die Perspektive eines Außenste- henden einnehmen, erkennen Sie Ihre nächste Herausforderung: Ihr Team darf 8.5 Die Teamleitung – Vorbild und Verbinder 102 8 Theorien für die Praxis sich nicht zu sehr nach innen abschließen. Die Vernetzung mit anderen Abteilun- gen innerhalb der Verwaltung ist Ihre nächste Handlungsoption (Abschn. 8.7). Sie organisieren den Erfahrungsaustausch mit anderen Teams. So bieten Sie Ihren Mitarbeitern die Chance zur kritischen Selbstreflexion, die Voraussetzung für Leistungsstabilität und Weiterentwicklung ist. 8.6 Alle ziehen am gleichen Strang Grundvoraussetzung eines Hochleistungsteams ist ein Klima des Vertrauens. Sie als Führungskraft setzen die Impulse für ein positives Arbeitsklima (vgl. Abb. 8.11): Abb. 8.11 High-Energy-Teams. (Quelle: Gabal Verlag) 103 • Integrität bedeutet, dass die Mitglieder des Teams ehrlich und aufrichtig mitei- nander umgehen. • Offenheit und Loyalität zeigen sich darin, dass Ideen – etwa für optimierte Standards – in der Gruppe vorgetragen und diskutiert werden und dass Profi- lierungen Einzelner etwa gegenüber der Verwaltungsleitung unterbleiben. • Kompetenz und Konsistenz eines Teams spiegeln sich in der Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit der Aufgabenverteilungen und Abläufe. Teams, die in einem Klima des Vertrauens optimal zusammenarbeiten • teilen die Verantwortung unter den Mitgliedern auf, • sie verfolgen ein gemeinsames Ziel, • es herrscht eine rege Kommunikation, • die Mitglieder sehen Veränderungen – etwa durch neue Abteilungsstrukturen – als Chance und reagieren rasch auf erforderliche Anpassungen, • der Fokus liegt auf den Aufgaben und Resultaten und • die Mitglieder investieren individuelle Kompetenzen und Kreativität für das Erreichen des gemeinsamen Ziels. 8.7 Interaktion zwischen Teams – Alles auf Anfang Sobald zwei bereits existierende Teams aufeinandertreffen, entsteht eine Dyna- mik, die sämtliche Gruppenprozesse zurück auf den Anfang setzt. • Wechselseitige Abhängigkeiten müssen berücksichtigt und neue gemeinsame Ziele entwickelt und gesetzt werden. Dies setzt transparente Informationen voraus. • Funktionen müssen ggf. neu verteilt oder es müssen Übereinkünfte getroffen werden: Zwei Teams aus unterschiedlichen Abteilungen arbeiten z. B. beide an neuen Konzepten zur Wirtschaftsförderung. Optimal nutzen die Teams ihre Ressourcen, wenn sie unterschiedliches Expertenwissen miteinander kombi- nieren. • Eine gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung sind erforderlich: Bringt etwa eines der beiden Teams eine sehr positive Binnenstruktur mit, kann dies zu einem mangelnden Interesse an der Kooperation mit dem anderen Team füh- ren. Dann ist es Ihre Aufgabe als Führungskraft, einen Erfahrungsaustausch zwischen den beiden Teams zu organisieren und Perspektiven der Weiterent- wicklung zu eröffnen (Abschn. 8.5, vgl. Abb. 8.12). 8.7 Interaktion zwischen Teams – Alles auf Anfang 104 8 Theorien für die Praxis Globalisierte Verwaltung Auch bei interkulturellen Teams gelten die Grunderfordernisse: Es braucht gemeinsam formulierte Ziele, eine Integration jedes Mitglieds in das Team- geschehen und eine Aufgabenzuteilung, die auf die Stärken des Einzelnen Bezug nimmt. Besondere Beachtung sollte der Leiter eines Teams unter- schiedlichen Arbeitsgewohnheiten schenken. Darauf macht eine Studie der Ruhr-Universität Bochum vom August 2009 aufmerksam. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen gehen etwa an das Thema Informationsbeschaf- fung mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen heran. Ein zweites wichtiges Augenmerk muss dem Übermitteln von Emotionen gelten. Was für den einen lediglich eine spontane Äußerung ist, kann für den anderen eine ver- letzende Konfrontation sein. In der Sturm- und Drang-Phase eines Teams (Abschn. 8.1) ist daher der Leiter eines interkulturellen Teams besonders gefordert. Informationstransparenz Kenntnis von Aufgabenstellungen und Abläufen in der anderen Abteilung Gelungene Interaktion Wertschätzung Akzeptanz der Strukturen in der anderen Abteilung Kooperation Bereitschaft, Abläufe abzustimmen und Funktionen neu zu bestimmen Abb. 8.12 Koordinaten-Interaktion 105 Literatur Belbin, N., Bergander, W. (2008): Der Belbin-Ratgeber für Erfolg im Arbeitsleben. Bergan- derTeam- und Führungsentwicklung. Belbin Associates Cambridge, UK. Wörrstadt. Bingel, C., Berndt, C. (2009): Die Team-Faktoren-Reflexion (Graphiken Team-Faktoren- Reflexion und Stärken und Schwächen des Teams), Serie „Tools fürs Training“, mana- gerSeminare, Mai 2009. Schaufeli, W. B. (o. J.): Publikationen und Studien zum Burnout-Syndrom im Arbeitskon- text. Universität Utrecht (www. schaufeli.com). Tscheuschner, M., Wagner, H. (2008): TMS – Der Weg zum Hochleistungsteam. Praxis- leitfaden zum Team Management System nach Charles Margerison und Dick McCann, 1. Aufl. Offenbach: Gabal, S. 260 (www.tms-zentrum.de). Literatur 107 Fallbesprechung Lösung des Falls – Bewährungsprobe für neue Teams Sie erinnern sich an den eingangs geschilderten Fall (S. 69)? Frau Ortner ist im Zuge einer Abteilungsfusion die Führung eines neuen Teams anvertraut worden. Die Mitarbeiter dieser neuen (größeren) Abteilung setzen sich aus zwei früheren Abteilungsteams zusammen. Vor der Fusion waren Frau Ortner und Herr Osch- mann Leiter der jeweils (kleineren) Abteilung. Nun soll Oschmann im neuen Team nicht mehr die Leitungsfunktion, sondern nur noch die Stellvertreterposi- tion haben. Er hat große Schwierigkeiten, die Führungsposition der jüngeren Kol- legin im neuen Großteam anzuerkennen. Seine ablehnende Haltung infiziert auch seine ehemaligen Mitarbeiter (Abschn. 8.4). Als Beobachter würden Sie der neuen Abteilungsleiterin Frau Ortner eine Analyse der Teamphasen (Abschn. 8.1) empfehlen. Vor der Zusammenlegung befanden sich beide Teams in unterschiedlichen Reifungsphasen ihrer jeweiligen Entwicklung. Ortners Team befand sich in der Norming-Phase, Oschmanns Team hatte bereits die Performing-Phase erreicht. Diese unterschiedliche Ausgangslage hat die Diskrepanz zwischen den Abteilungen noch verschärft. In einem ersten Schritt muss Ortner diese Diskrepanz wahrnehmen und unter- scheiden, dass sie einerseits eine Entwicklungsaufgabe mit dem Team und ande- rerseits eine Aufgabe der Klärung zur Zusammenarbeit mit ihrem Stellvertreter Oschmann hat. In einem zweiten Schritt sollte sie zuerst ein Vieraugengespräch mit Oschmann führen, um verbindliche Vereinbarungen mit ihm zu treffen und zu klären, was sie von ihm erwartet, um ihn in seiner Stellvertreterrolle zu motivie- ren. Dann folgt der Einstieg in einen konstruktiven gemeinsamen Entwicklungs- prozess mit dem Team. Nun kann Ortner gemeinsam mit ihrem Stellvertreter und ihren Mitarbei- tern an der Schaffung einer neuen Teamidentität arbeiten. Hilfreich in diesem 9 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_9 108 9 Fallbesprechung Entwicklungsprozess kann die Erarbeitung eines Leitbildes sein (Abschn. 8.3). Ortners Aufgabe ist es, in ihrem Team das Interesse an der Bewältigung neuer Aufgaben zu wecken und den Fokus von der trennenden Vergangenheit auf die gemeinsame Zukunft zu lenken. Wie Ortner die Fähigkeiten und Funktionen in ihrem Team miteinander verbindet, steht in enger Wechselbeziehung zu ihren individuellen Präferenzen (Abschn. 8.2.1): neigt Ortner z. B. eher zum Stil der kontrollierenden Überwacherin oder sieht sie sich eher als entdeckende Promo- terin. Ortners individuelle Präferenzen werden auch die Atmosphäre im neuen Team prägen (Abschn. 8.5). Jetzt müssen Regeln aufgestellt und Arbeitsanweisungen erteilt, Zustän- digkeiten geklärt und Funktionen im Team neu verteilt werden (Abschn. 8.2). Als Führungskraft ist es Ortners Aufgabe, deutlich zu machen, welche Aufga- ben anstehen. Verantwortlichkeiten sollten transparent und verbindlich sein. Ein besonderes Augenmerk muss die Abteilungsleiterin auf zukunftsfähige Strukturen lenken. Zum Erkennen individueller Präferenzen und möglichst passgenau abge- stimmter Arbeitsfunktionen kann die Abteilungsleiterin Tests und Checklisten nutzen (Kap. 10). Sind die Funktionen im Team verteilt und die Arbeitsabläufe aufeinander abge- stimmt, sollte Ortner einen Termin für die erste Retrospektive festsetzen. Die neue Abteilung könnte z. B. einen festen Zeitpunkt – etwa in vier Monaten – vereinba- ren, um an diesem Tag die Monate der Zusammenarbeit rückblickend zu betrach- ten, zu bewerten und auf dieser Basis weiterführende Übereinkünfte zu treffen. 109 Führungstools Instrumentarien für Ihre Teamentwicklung Als Führungskraft haben Sie die Verantwortung für Ihr Team. Mit gut organi- sierten Teams erzielen Sie optimale Ergebnisse. Gute Verwaltungsarbeit geht mit guten fachlichen und sozialen Teamstrukturen Hand in Hand. Dieses Kapitel unterstützt Sie bei Ihrer Teamführung. Toolbox 10.1: Zielorientiertes Führen durch die Teamphasen Überprüfen Sie hier, in welcher Phase der Zusammenarbeit sich Ihr Team aktu- ell befindet, wie passgenau die Arbeitsfunktionen verteilt sind und wie stark Ihr Team sich mit seiner Aufgabenstellung identifiziert. Wie Sie führen und welche Interventionen Sie einleiten, ist in den verschiedenen Phasen Ihres Teams situati- onsabhängig (vgl. Abschn. 8.1 und Checkliste in Abb. 10.1): • In der Rubrik „Status Quo“ überprüfen Sie, wie schwach bzw. stark die jewei- lige Verhaltenstendenz ausgeprägt ist. • In der Rubrik „Führungsaufgaben“ notieren Sie ggf. erforderliche Maßnah- men, um je nach Ausprägung der Tendenz Prozesse zu fördern, zu korrigieren oder auch gegenzusteuern. Toolbox 10.2: Das paritätisch organisierte Team Wenn Ihre Mitarbeiter die drei Grundkompetenzen (vgl. Abschn. 8.2) der Sach- kenntnis, der Problemlösung und des angemessenen Umgangs miteinander (d. h. der zwischenmenschlichen Komponente) ungefähr paritätisch im Team vertreten sehen, baut Ihr Team auf einer soliden Basis der Zusammenarbeit auf. Unsere Grafik (vgl. Abb. 10.2) veranschaulicht das Zusammenspiel dieser Kompetenzen. Versuchen Sie nun, anhand unserer Checkliste in Abb. 10.3 einzuschätzen, wie stark die jeweiligen Kompetenzen bei Ihren Mitarbeitern ausgeprägt sind. Dies kann ein wichtiger Aspekt für die spätere Aufgabeneignung sein. 10 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_10 110 10 Führungstools Toolbox 10.3: Arbeitsstile in Ihrem Team (Teamrollen nach Belbin, Bergan- der) Im Abschn. 8.2.3 hatten wir Schnittmengen zwischen den Teamrollen nach Bel- bin (Abschn. 8.2.1) und den Arbeitsfunktionen nach Margerison und McCann (Abschn. 8.2.2) untersucht. Für Ihre Aufzeichnungen zu passgenauen Aufgaben- verteilungen in Ihrem Team nutzen Sie daher bitte die Checkliste in Abb. 10.4. Zielorientiert durch die Teamphasen führen: Bestimmte Situationen erfordern spezifische Interventionen Charakteristika Status Quo Führungsaufgabe Phase I Forming Höflich-abwartende Atmosphäre, Erste Einschätzungen, Erste Grundregeln PhaseII Storming Behaupten des eigenen Stils, Ich-Botschaften vorrangig, Wettbewerb um Machtpositionen Phase III Norming Konsensbildung Wir-Empfinden vorrangig Grundtenor Harmonie Phase IV Performing Sacherfordernisse vorrangig, Kongeniale Arbeitsverläufe, Klare Zielorientierung schwach stark fördern korrigieren Abb. 10.1 Checkliste: Zielorientiertes Führen durch die Teamphasen 111 10 Führungstools Belbin, Bergander bieten auch einen wissenschaftlich ausgewerteten Team- rollen-Test an. Er enthält eine ausführliche Rollenanalyse des Individuums, eine Analyse des Teams mit Empfehlungen für eine optimale Aufgabenverteilung sowie den Abgleich von Selbst- und Fremdbild in der Teamrolle. Unsere Abbil- dungen zeigen exemplarisch eine individuelle Auswertung sowie einen Abgleich Selbst- und Fremdbild (vgl. Abb. 10.5 und 10.6). Toolbox 10.4: Wie sich die Aufgabe den Menschen sucht (Teamfunktionen nach Margerison und McCann) Das reibungslose Funktionieren eines Teams hängt in hohem Maß mit der Passgenauigkeit zwischen Arbeitsstilen und Aufgabenverteilungen zusammen (Abschn. 8.2.1). Individuen zeigen spezifische Verhaltensweisen, die zu den jeweiligen Aufgabenbereichen passen sollen. Vergleichen Sie anhand der Check- liste in Abb. 10.4 die Charakteristika spezifischer Arbeitsfunktionen mit den Fähigkeiten und Verhaltensweisen Ihrer Mitarbeiter (in Anlehnung an Tscheusch- ner und Wagner 2008: „TMS – Der Weg zum Hochleistungsteam“). Abb. 10.2 Zusammenspiel der Teamkompetenzen 112 10 Führungstools Auch das TMS-Zentrum bietet einen individuellen Funktionstest (TMS-Frage- bogen) mit insgesamt 60 Fragen an. Für 15 Aussagenpaare werden vier Alternati- ven angeboten, die zustimmend oder ablehnend beantwortet werden können; z. B. das Gegensatzpaar „Ich habe die besten Ideen, wenn ich allein arbeite“ versus „Ich habe die besten Ideen, wenn ich in der Gruppe arbeite“. Neutrale Antworten sind nicht möglich (www.tms-zentrum.de). Abb. 10.3 Checkliste: Teamkompetenzen 113 10 Führungstools CharakteristIka von Funktionsträgern Ihre Mitarbeiter: Wer sie sind, wie sie sich entscheiden, wie sie ihre Zeit nutzen Funktion im Team Namen derTeammitglieder / Ihre Beobachtungen Entdeckende Promoter: Ideenreich, begeistern andere, kontaktfreudig, diskutieren gern und oft, bevor sie sich entscheiden und überschreiten oft Zeitlimits aus Begeisterung für ihre Aufgabe. Auswählende Entwickler: Sie analysieren und überprüfen Machbarkeit, stehen gerne an der Schnittstelle zwischen Idee und Tat, brauchen fundierte Kriterien für ihre Entscheidung, denken mittel- und langfristig, setzen Prioritäten. ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- Zielstrebige Organisierer: Sie bevorzugen praktische Lösungen, werden schnell ungeduldig, wenn Absprachen und Zeitvorgaben nicht eingehalten werden, entscheiden sich schnell und setzen Deadlines. ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- Abb. 10.4 Checkliste: Charakteristika spezifischer Arbeitsfunktionen 114 10 Führungstools Systematische Umsetzer: Sie fordern Standards ein, sind sehr systematisch, erfüllen gerne vorgegebene Aufgaben. Sie entscheiden auf Grundlage bewährter Methoden und arbeiten mit festen Zeitvorgaben. Kontrollierende Überwacher: Für sie zählen Zahlen, Daten und Fakten, sie arbeiten sehr präzise, überprüfen gerne Entscheidungen und kontrollieren Zeitpläne. Unterstützende Stabilisatoren: Sie sind das Gewissen des Teams, Brückenbauer, sind werteorientiert und sorgen dafür, dass Entscheidungen sinnvoll für alle sind. Sie orientieren sich in ihrer Zeitplanung stark an arbeitsunterstützenden Maßnahmen. Informierte Berater: Sie zeigen bedächtiges, genaues Handeln, geben Wissen gerne weiter und treffen Entscheidungen nur auf fundierter Grundlage. Sie investieren viel Zeit in das Sammeln von Informationen. Kreative Innovierer: Sie sind einfallsreich und flexibel, entscheiden sich gern auf der Basis von Trends und sind sehr zukunftsorientiert. Sie reagieren ablehnend auf allzu feste Terminvorgaben. ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------- Abb. 10.4 (Fortsetzung) 115 10 Führungstools Toolbox 10.5: Auf dem Weg zum Ziel – Entwickeln Sie eine Identität als Team Die Entwicklung und die Akzeptanz gemeinsamer Ziele stehen in enger Wechsel- beziehung zum Bewusstsein Ihrer Mitarbeiter, ein Team zu bilden (Abschn. 8.3). Es ist Ihre Aufgabe als Führungskraft, diese Teamidentität zu begründen und zu entwickeln. Die Teamidentität vermittelt Zugehörigkeit nach innen und ein kla- res Teamprofil nach außen. Eine Übereinkunft zu grundlegenden Werten, Einstel- lungen und Perspektiven ist dafür die Grundlage. Die Erstellung eines Leitbildes Abb. 10.5 Individuelle Auswertung des Arbeitsstils – eine Übersicht. (Quelle: nach Bel- bin, Bergander) Abb. 10.6 Abgleich zwischen Selbst- und Fremdbild. (Quelle: nach Belbin, Bergander) 116 10 Führungstools hilft Ihrem Team bei diesem Entwicklungsprozess. Sie können die Checkliste (vgl. Abb. 10.7) zur Findung eines gemeinsamen Selbstverständnisses bzw. Leit- bildes von jedem Teammitglied einzeln ausfüllen lassen und dann die Antworten vergleichen und miteinander bearbeiten. Toolbox 10.6: Auf dem Weg zum Ziel – Überprüfen Sie die Begleitfaktoren Auf dem Weg zum Ziel behalten Sie als Führungskraft die Begleitumstände im Blick, die Ihr Team beim Erreichen seiner Arbeitsziele unterstützen, aber auch Hindernisse darstellen können. Anhand unserer Checkliste (hier in bildhafter Dar- stellung) zur Team-Faktoren-Reflexion (vgl. Abb. 10.8) können Sie gemeinsam mit Ihrem Team die Begleitumstände überprüfen. Als Teamleiter überreichen Sie jedem Ihrer Teammitglieder diese Checkliste als Arbeitsgrundlage. Und so arbeiten Sie und Ihr Team mit dieser Checkliste in Abb. 10.8: • Ihre Mitarbeiter und Sie selbst werten jede Frage auf einer Skala von 1 bis 3 aus 1 (geringer Verbesserungsbedarf) bis 3 (hoher Verbesserungsbedarf). • Jetzt vergleichen Sie die unterschiedlichen Einschätzungen in Ihrem Team. Wie nach der Bearbeitung der Checkliste eine Auswertung aussehen kann, sehen Sie anhand der exemplarischen Darstellung „Stärken und Schwächen des Teams“ (vgl. Abb. 10.9). Jetzt gehen Sie mit Ihren Mitarbeitern in den Dialog. Wie spontan Ihre Mitar- beiter sich äußern, hängt vom Vertrauensgrad in Ihrem Team ab. Ihre Aufgabe als Führungskraft besteht in der Moderation der Meinungsäußerungen. Die Grundat- mosphäre sollte gegenseitiges Interesse an den jeweils anderen Meinungen spie- geln. Versuchen Sie, Negativwertungen so weit wie möglich aus dem Diskurs heraus zu halten und deutlich zu machen, wie wichtig es ist, verschiedene Sicht- weisen anzuerkennen. Entscheiden Sie nun mit Ihrem Team, bei welchem der Begleitfaktoren der größte bzw. unmittelbare Handlungsbedarf besteht. Sie können drei Koordinaten anlegen: • Wichtigkeit • Dringlichkeit • höchste Divergenz der Bewertung im Rahmen der Team-Faktoren-Reflexion, die Sie soeben bearbeitet haben. 117 10 Führungstools Entwickeln Sie eine Identität als Team und fördern Sie dasTeambewusstsein. Fördern Sie das Teambewusstsein Hintergrund Überlegungen Wer sind wir? Geschichte unserer Wo kommen wir Klinik, was zeichnet her? unser Haus aus? z.B. Trägerschaft, Innovative Methoden, Arbeitsbedingungen Was wollen wir? Werte, Visionen im Haus, in den Abteilungen Was tun wir? Leistungsprofil Wie arbeiten wir? Für wen? Mit wem? Wer sind unsere 'Kunden'? Patienten Zuweiser Ambulante Gesundheitsdienstleister? ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------ Abb. 10.7 Teamidentität entwickeln und Teambewusstsein fördern 118 10 Führungstools Grundsätzliche Wie gehen wir mit unseren 'Kunden' Richtlinien, um? z.B. Patient als Fallzahl? Menschenbild Wie verhalten Zusammenarbeit wir uns? Verantwortung Weiterbildung Offenheit in der Kommunikation und Informations- weitergab Feedback ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- Abb. 10.7 (Fortsetzung) Abb. 10.8 Checkliste: Team-Faktoren-Reflexion. (Quelle: Bingel und Berndt 2009) 119 10 Führungstools Die Wichtigkeit-Dringlichkeits-Regel (vgl. Abb. 10.10) ist auf den amerikani- schen General und späteren Präsidenten Dwight D. Eisenhower zurückzuführen (siehe auch Exkurs, S. 120). Anhand unserer Checkliste in Abb. 10.11 können Sie zum Abschluss wichtige und dringliche Aufgaben in Ihrem Team überprüfen und festlegen. Abb. 10.9 Auswertung der Checkliste aus Abb. 10.8: eine Stärken- und Schwächenanalyse Dringlichkeit dringlich nicht dringlich Wichtig A-Aufgaben: Beispiel Unterlagen Politik B-Aufgaben: Beispiel MA-Gespräch Nicht wichtig C-Aufgaben: Beispiel Entsorgung P-Aufgaben: Beispiel Gefälligkeit Wichtigkeit Abb. 10.10 Grafische Darstellung der Wichtigkeit-Dringlichkeits-Regel nach Eisenhower 120 10 Führungstools Exkurs: Setzen Sie Prioritäten frei (nach Eisenhower) Wir alle haben spezifische Strategien, eine Aufgabe anzupacken. Der eine erledigt das Unangenehme zuerst, die andere hält sich streng an vorgege- bene Termine, ein dritter schiebt Unangenehmes auf die lange Bank, eine vierte beginnt erst auf Druck mit ihrer Arbeit. Und vermutlich kennen auch Sie das Gefühl, etwas zu spät erledigt oder gar vergessen zu haben. Eine Einteilung in die wichtigen und in die dringlichen Aufgaben kann hilfreich sein. Dwight D. Eisenhower (1890–1969), amerikanischer General und Präsident der Vereinigten Staaten von 1953 bis 1961, hat das Prinzip von Wichtigkeit und Dringlichkeit begründet. • Das Attribut „wichtig“ bezieht sich auf Inhalte. Wichtigkeit bedeutet Arbeitserfolg. Werden wichtige Aufgaben erledigt, bedeutet dies Vor- teile für Sie als Führungskraft oder für Ihre Verwaltung; umgekehrt erwachsen Ihnen oder Ihrer Verwaltung Nachteile. • Das Attribut „dringlich“ bezieht sich auf Zeitvorgaben. Dringlichkeit bedeutet Termineinhaltung. Werden dringliche Aufgaben sofort erledigt, ist dies von Nutzen für Sie als Führungskraft oder für Ihre Verwaltung; umgekehrt entsteht ein Schaden. General Eisenhower hatte für sein militärisches Vorgehen eine Rangfolge von Aufgaben entwickelt. • Die A-Aufgaben sind wichtig und dringlich zugleich. Sie sollten am besten von Ihnen selbst erledigt werden – etwa die definitive Übersicht und Gegenzeichnung wichtiger Unterlagen für die Tagesordnung politi- scher Gremien. • Die B-Aufgaben sind wichtig, aber nicht dringlich. Sie sollten terminiert werden – etwa das jährliche Mitarbeitergespräch. • Die C-Aufgaben sind dringlich, aber nicht wichtig. Sie sollten delegiert werden – etwa die fachgerechte Entsorgung von nicht mehr aufbewah- rungspflichtigen Akten. Aufgaben, die weder wichtig noch dringlich sind, etwa reine Gefälligkeiten für eine andere Abteilung, können Sie unter „P“ wie Papierkorb „entsor- gen“. Beweisen Sie Mut zur Lücke! 121 10 Führungstools Checkliste: Eisenhower Überprüfen Sie Wichtigkeit und Dringlichkeit Ihrer Aufgabenbereiche. Aufgabentypus Zu erledigen A – wichtig und dringlich B- wichtig, weniger dringlich C- nicht wichtig, aber dringlich P- Papierkorb, Mut zur Lücke ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------- Abb. 10.11 Checkliste nach Eisenhower: Wichtige und dringliche Aufgaben überprüfen und festlegen 122 10 Führungstools Abb. 10.12 Checkliste: High-Energy-Team auf dem Prüfstand Toolbox 10.7: Höchstleistung auf dem Prüfstand Auch bei der Überprüfung, ob Sie und Ihr Team bereits ein High-Energy- Team sind, dient uns ein Schaubild als Arbeitsvorlage bzw. Checkliste (vgl. Abb. 10.12). Dieses Schaubild gibt Ihnen die zu klärenden Fragen bereits vor. Sie können ähnlich wie bei der Team-Faktoren-Reflexion verfahren: Zuerst steht die individuelle Reflexion, Ihre Teammitglieder und Sie selbst notieren sich Ihre Überlegungen. Es folgen der moderierte Gedankenaustausch und das Sammeln von Ideen. Zum Abschluss entwickeln Sie gemeinsam mit Ihrem Team Hand- lungsoptionen. 123 10 Führungstools Abb. 10.13a Teams führen durch erfolgreiches Verwaltungsmanagement. (Quelle: Pflüger 2006) Toolbox 10.8: Testen Sie Ihr Team auf Herz und Nieren Aus der Bibel (Psalm 7, 10) stammt die Redewendung der Herz- und Nierenprü- fung, die wir Ihnen im übertragenen Sinn für Ihr Team empfehlen möchten. Anhand der Teamidentitäts-Pyramide in Abb. 10.13a können Sie die Fähigkeit Ihres Teams und Ihre Führungsqualitäten prüfen. Mit den abgebildeten Checklis- ten und Tests gewinnen Sie einen besseren Überblick für ein erfolgreiches Ver- waltungsmanagement (vgl. Abb. 10.13b bis 10.13d). 124 10 Führungstools Abb. 10.13b (Fortsetzung) 125 10 Führungstools Abb. 10.13c (Fortsetzung) 126 10 Führungstools Abb. 10.13d (Fortsetzung) 127 Literatur Belbin, N., Bergander, W. (2008): Der Belbin-Ratgeber für Erfolg im Arbeitsleben. Bergan- der Team- und Führungsentwicklung. Belbin Associates Cambridge, UK. Wörrstadt. Bingel, C., Berndt, C. (2009): Die Team-Faktoren-Reflexion (Graphiken Team-Faktoren- Reflexion und Stärken und Schwächen des Teams), Serie „Tools fürs Training“, managerSeminare,Mai 2009. Literatur Abb. 10.13e (Fortsetzung) 128 10 Führungstools Pflüger, E. (2006): A&W-Tool: Teams führen. Der Test „Team-Pyramide“: Testverfahren nach Eva Pflüger, www.coaching-corporation.com. In: Arzt&Wirtschaft 4/2006, Druck- ausgabe und Online. Schaufeli, W. B. (o. J.): Publikationen und Studien zum Burnout-Syndrom im Arbeitskon- text. Universität Utrecht (www.schaufeli.com). Tscheuschner, M., Wagner, H. (2008): TMS – Der Weg zum Hochleistungsteam. Praxis- leitfaden zum Team Management System nach Charles Margerison und Dick McCann, 1. Aufl. Offenbach: Gabal, S. 260 (www.tms-zentrum.de). 129 Das Wichtigste zusammengefasst Das Wissen um gruppendynamische Prozesse ist besonders in Verwaltungen von großer Bedeutung. Fast sämtliche Verwaltungsabläufe sind miteinander verzahnt. Optimale Verwaltungsprozesse, höchste Dienstleistungsqualität und die Zufrie- denheit der Mitarbeiter und Bürger stehen in enger Wechselbeziehung zu gut organisierten Teamstrukturen. Führungskräfte haben die Aufgabe, in ihrem Team das Bewusstsein für konstruktive und produktive Zusammenarbeit zu wecken und zu fördern. Führungskräfte der Verwaltung lenken ihr Team durch die verschiedenen Pha- sen der Zusammenarbeit. Hierzu gehört die Phase der ersten gegenseitigen Ein- schätzungen und Regeln für die Zusammenarbeit (Forming-Phase). Es folgt die Sturm- und Drang-Periode, in der Ich-Botschaften und Machtkämpfe vorherr- schen (Storming-Phase). Die Norming-Phase zeichnet sich durch bereits klar ver- teilte Funktionen und ein starkes Wir-Gefühl aus. In der Performing-Phase sind die Aufgaben klar verteilt, die Arbeitsverläufe sind verbindlich und von allen akzeptiert. Das Team hat sein höchstes Leistungsniveau erreicht. In jeder der Pha- sen ist es Ihre Aufgabe als Führungskraft, die Gruppenprozesse im Interesse der gemeinsamen Aufgabe genau zu beobachten und je nach situativen Erfordernis- sen Prozesse zu unterstützen, zu korrigieren oder auch gegenzusteuern. Ein wichtiger Aspekt für funktionierende Teams ist eine hohe Deckungs- gleichheit zwischen den Arbeitsstilen (Typologien) und den Arbeitsfunktionen im Team. Die Erkenntnisse der Forschung zur Passgenauigkeit von Präferenzen und wichtigen Funktionen im Team bieten Führungskräften eine fundierte Basis zur optimalen Aufgabenverteilung in ihren Teams. Diese Erkenntnisse sind die Grundlage für eine gute Verwaltungsleistung im Sinne einer bürgerfokussierten Verwaltung. So ist die interne Qualität der Teamführung ein wichtiger Garant für die externe Qualität der Verwaltungsleistung für den Bürger. 11 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_11 131 Interviews Welchen Stellenwert hat eine Führungs- und Teamkultur (Verantwortung der Füh- rungskräfte für ein Zufriedenheit förderndes Beziehungs- und Leistungsmanage- ment) in der Verwaltung? „Führungs- und Teamkultur hat zweifellos einen hohen und weiter wachsenden Stellenwert gerade in der Kommunalverwaltung. Überkommene Vorstellungen von hierarchischer Über- und Unterordnung haben in modernen Stadtverwaltun- gen ausgedient“ (Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages). „Zur Beschreibung des Stellenwerts von Führungskultur in der Stadtverwal- tung Mannheim ist folgende Aussage von zentraler Bedeutung: Führung ist eine eigene Qualifikation. Diese Aussage findet sich auch in unseren Leitlinien für Führung, Kommunikation und Zusammenarbeit. Der Schlüssel einer zeitgemäßen Führungskultur liegt in einer offenen und transparenten Kommunikation sowie in klar definierten Erwartungen und Zielen. Darüber hinaus ist es erforderlich, dass ein Austausch über die unterschiedlichen Rollen stattfindet, Ziele und Aufgaben klar benannt sind und wechselseitige Unterstützung im Sinne einer kollegialen Beratung gelebte Alltagspraxis ist. Führungskräfte haben hierbei eine besondere Verantwortung: Sie schaffen ein Klima, in dem konstruktive Kritik geäußert wer- den kann und offene Diskussionen möglich sind. Sie unterstützen die Mitarbeite- rinnen und Mitarbeiter in Konfliktsituationen, die von diesen selbst nicht gelöst werden können, stärken aber auch deren Kompetenz beim Finden von Lösungen. Gute Personalführung ist keine Zauberei: Seitens der Führungskräfte gilt es, die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzuregen, deren Kom- petenzen zu fördern und Stärken zu nutzen. Führungskräfte müssen dabei selbst Vorbild in Engagement und Leistung sein“ (Dr. Peter Kurz, Oberbürgermeister der Stadt Mannheim). 12 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_12 132 12 Interviews „Der Erfolg einer Verwaltung hängt entscheidend von der Führungs- und Teamkultur ab. Wenn der Leistungsdruck und die Erwartungshaltung zunehmen, müssen die Führungskräfte versuchen, das mit einem positiven Klima aufzu- fangen. Die Menschen und die menschlichen Beziehungen in einer Verwaltung sind die zentrale Ressource für effektive Arbeit“ (Dr. Gerd Landsberg, Hauptge- schäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes). „Selbstverständlich hat eine Führungskultur größten Einfluss auf die Leis- tungsfähigkeit einer Organisation. In einem Stadtstaat wie Hamburg kommt es dabei darauf an, dass es klare Aussagen zu den allgemeinen Anforderungen an Führungskräfte gibt und diese auch in allen Instrumenten der Führungskräfte- entwicklung maßgebend sind. Andererseits wird die Kultur einer Behörde/eines Amtes natürlich immer auch durch die Personen vor Ort geprägt. Daher sind eine Reflexion über die eigene Kultur sowie ein kontinuierlicher Austausch hierüber zwischen den Einheiten elementar“ (Dr. Christoph Krupp, Chef der Senatskanzlei und des Personalamtes in der Freien und Hansestadt Hamburg). „Das Verhalten der Vorgesetzten, die Führungs- und Teamkultur wirken sich unmittelbar auf das Verhalten der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus und damit auch auf deren Arbeitsweise. Führen ist kein Selbstzweck, sondern dient der Erreichung der Verwaltungsziele. Das verdeutlicht, welchen besonderen Stellen- wert die Führungs- und Teamkultur innerhalb eines Betriebes hat“ (Helmut Gels, Bürgermeister der Kreisstadt Vechta). Teil III Bürgerbeteiligung Zusammenfassung Moderne Verwaltungsführung ist nicht mehr nur Handeln für den Bürger, sondern auch Handeln mit dem Bürger. Erfolgreiche Verwaltungen nutzen die Expertise der Führungskräfte mit Partizipationskompetenz und wenden unterschiedliche Bürgerbeteiligungsformate an. Echte Bürgerbeteiligung ist gegeben, wenn alle Bürger die gleichen politischen Teilhaberechte und die Möglichkeit haben, diese auch zu nutzen. Die rechtlichen Verfahrenswei- sen des Baugesetzbuches und sonstige rechtlichen Informations- und Unter- richtspflichten reichen hierfür nicht mehr aus. Wir zeigen in diesem Teil für Führungskräfte in der Verwaltung, wie diese Partizipationskompetenzen erschlossen werden können und wie das NSM (Neue Steuerungsmodell) zum BSM (Bürgerfokussierte Steuerungsmodell) transformiert werden kann. Wir bieten Ihnen ein planvolles System an unterschiedlichen Kommunika- tionsmaßnahmen, umfassenden Informationen und angemessenen Modellen für Dialogformen, um gezielt das Beteiligungsengagement der Bürger zu akti- vieren und die Dialogbeziehungen lebendig zu halten (bürgerfokussierte Ver- waltung). In den letzten Jahrzehnten hat nicht nur – wie das Beispiel Stuttgart 21 zeigt – das Interesse an kommunalen Geschehnissen und Veränderungen der Bürger zuge- nommen, sondern auch die Bereitschaft zum gemeinsamen politischen Handeln. Verwaltungsführung ist eben nicht mehr nur Handeln für den Bürger, sondern auch Handeln mit dem Bürger. Deshalb benötigen Leitungskräfte in der Verwal- tung Führungsqualifikationen zum Thema Partizipation, da sich Bürger nicht mehr auf die Zuschauerrolle beschränken lassen. Dies setzt neben den Qualifikations- initiativen zum Thema Partizipationskompetenz auch Bürgerbeteiligungsformate 134 Teil III Bürgerbeteiligung voraus. Erfolgreiche Verwaltungen haben dies nicht nur erkannt, sondern dies auch in konkretes Führungshandeln umgesetzt, z. B. das Konzept „Bürgermit- Wirkung der Stadt Wolfsburg und das „Beteiligungsverfahren Rheinland-Pfalz“. Diese Verfahren werden im Kap. 18 vorgestellt. Das zunehmende Bedürfnis der Bürger, beteiligt zu werden, muss mit Kompe- tenzen und rechtlichen Kenntnissen der Möglichkeiten und Grenzen der Leitungs- kräfte in den Verwaltungen einhergehen. Die folgenden Kapitel werden Ihnen nicht nur Beispiele aus der Praxis präsentieren, sondern auch Partizipationskom- petenzen vermitteln. In einem „wirklichen“ diskursiven und kooperativen Dialog zwischen Bürgern, lokalen Akteuren, Politik, Wirtschaft und Verwaltung stecken viele neue Chancen für die Ministerien, Länder und Kommunalverwaltungen, Bürgermeister, Politiker und Bürger der Kommune. Die Gesellschaft und somit die Demokratie stehen Herausforderungen gegenüber, die sie durch ihre Institu- tionen und Verfahrensweisen allein nicht mehr überwinden können und eine Ent- säulung von Politik und Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung dringend erscheinen lassen. Dafür braucht es bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln. Dieses Buch bemüht sich, die Diskrepanz zwischen dem jetzigen Ist-Stand und dem angestrebten Sollzustand von Bürgerbeteiligung aufzuzeigen, und bietet mögliche Lösungen zur Überwindung an. 135 Bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln 13.1 Aller Anfang ist schwer – oder Informationen als Erfolgsfaktor Bürgerbeteiligung bedeutet, dass Entscheidungen nicht im Voraus allein durch die Verwaltung bestimmt werden. Diskursiv und konsultativ werden Haltungen der Bürger ergründet, erzeugt oder verändert. Durch Diskussionen und Konsultatio- nen kann die öffentliche Willensbildung ermöglicht und hohe Transparenz im Entscheidungsprozess sichergestellt werden. Das setzt voraus, dass alle Bürger die gleichen politischen Teilhaberechte und die Möglichkeit haben, diese auch zu nutzen. Zuerst einmal möchten wir Ihnen ein konkretes Beteiligungsverfahren aus der Schweiz darstellen. Praxisbeispiel aus der Schweiz In Rahmen des sogenannten Fahrplanverfahrens beteiligt die Schweiz die Öffentlichkeit an der Gestaltung der Fahrpläne des öffentlichen Verkehrs auf der Straße, der Schiene, der Personenschifffahrt sowie dem öffentlichen Ver- kehr dienenden Seilbahnen (Art. 7 der Fahrplanverordnung der Schweiz). Danach ist die Anhörung der Öffentlichkeit für die Verkehrsbetriebe ver- pflichtend. Die Ausgestaltung und Durchführung der Öffentlichkeitsbetei- ligung sind dezentralisiert und obliegen den zuständigen Dienststellen der Kantone. Die Beteiligung beginnt in den Kantonen mit der öffentlichen Auslegung der Fahrplanentwürfe, seit einigen Jahren zunehmend auch im Internet. Mit der Auslegung beginnt eine in der Regel vierwöchige Frist, in der die Mög- lichkeit besteht, Kommentare und Änderungswünsche bei den kantonalen 13 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_13 136 13 Bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln Behörden einzureichen. Diese prüfen die Vorschläge und entscheiden mit den betroffenen Verkehrsunternehmen über die Umsetzung. Einige Kan- tone (z. B. Bern) sind daher dazu übergegangen, weitere Beteiligungs- möglichkeiten in früheren Planungsphasen zu schaffen, um auch größere Änderungswünsche und Erwartungen rechtzeitig behandeln zu können. Der „definitive Fahrplan“ wird dann mit allen Kommentaren aus dem Beteili- gungsverfahren online zur Verfügung gestellt (vgl. Fahrplanverfahren der Schweiz unter http://www.fahrplanentwurf.ch [abgerufen am 03.11.2015]). Die Überlegung, ob dies Beispiel auch ein Gradmesser für die Partizipa- tionskompetenz der Deutschen Bahn wäre, überlassen wir Ihnen als Leser. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit in Beteiligungsprozessen kann nur gelingen, wenn der Beteiligungsprozess professionell geplant und organisiert wird. Vor- aussetzung einer erfolgreichen Bürgerbeteiligung ist die gezielte, frühzeitige und umfangreiche Information der Bürger. Alle Aktivitäten und Maßnahmen unter- halb dieser Stufe sind nicht der Bürgerbeteiligung zuzurechnen, unabhängig davon, ob eine gesetzliche Informations- oder Unterrichtspflicht besteht. Entspre- chend dem Verständnis lokaler Demokratie betreffen die Informationen nicht nur alle Selbstverwaltungsaufgaben der Kommune, sondern auch die Umsetzung von übertragenen Aufgaben, die nach Weisungen der Fachaufsichtsbehörden erfüllt werden. Aufmerksamkeit auf die Beteiligungskultur Der Deutsche Städtetag empfiehlt den Städten, der Frage der Organisation und der personellen und finanziellen Ressourcen für eine Weiterentwick- lung der Beteiligungskultur besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Betei- ligungskultur braucht eine ressortübergreifende Koordination innerhalb der Verwaltung (Bürgerbeteiligungsmanagement) sowie eine ausreichende Personalausstattung mit entsprechend qualifizierten Mitarbeitern. Dazu ist auch eine systematische Fortbildung hinsichtlich sozialer und kommu- nikativer Kompetenzen sowie des erforderlichen methodischen und inst- rumentellen Wissens erforderlich. Für die Durchführung von moderierten Veranstaltungen sowie für Ausstellungen, Publikationen und Internet-Tools zur Bürgerbeteiligung werden entsprechende Sachmittel benötigt. Es ist unerlässlich, dass Verbesserungen der Bürgerbeteiligung mit entsprechen- den Personalressourcen und Sachmitteln hinterlegt sind, um Enttäuschung 137 und Überlastungen durch nicht einlösbare Erwartungen bei den Beteiligten zu vermeiden (vgl. Deutscher Städtetag 2013, S. 21). Auch hier gilt, dass eine Kommune sich nicht auf eine Unterrichtspflicht beschränken darf, will sie dem Namen einer bürgerfokussierten und damit bür- gerinteressierten Verwaltung gerecht werden. Gesetzlich wird üblicherweise vorgeschlagen, dass die Gemeinde über allgemein bedeutsame Angelegenhei- ten unterrichtet oder dass Bürger bei wichtigen Planungen und Vorhaben der Gemeinde, die das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Wohl ihrer Einwohner nachhaltig berühren, die Einwohner möglichst frühzeitig unterrichtet werden. Damit ist der offizielle Rahmen der Unterrichtungspflicht abgesteckt. Dennoch bleibt es für die Beteiligungspraxis unkonkret und wenig zufriedenstellend. Die Frage, über welche Themen der Beteiligungsprozess in Gang gesetzt werden soll, muss also offen bleiben. Eine Themenliste würde sogar kontraproduktiv die Beteiligungsthemen einschränken. Eine Hilfestellung für ein bürgerfokussiertes Informieren bietet hier aber die immer noch aktuelle Entscheidung des Bundes- verwaltungsgerichtes aus dem Jahr 1982 an. Hierin heißt es, den Bürger bei der Information durch die Verwaltung nicht auf die Rolle des bloßen Zuschauen zu beschränken, sondern ihn an den von der Gemeinde zu treffenden Entscheidun- gen im Rahmen des Möglichen zu beteiligen (vgl. BVerwGE 82, 76 ff., 81). Die Bürgerbeteiligung erstreckt sich also über alle möglichen Themen der Kommune. Das Ziel der anfänglichen Informationsarbeit muss daher sein, durch umfas- sende Informationen und angemessene Dialogformen gezielt das Beteiligungsen- gagement der Bürger zu aktivieren. Nur so lassen sich die Funktionen und Ziele einer Bürgerbeteiligung in der Verwaltungspraxis erreichen (Abschn. 13.2). Die Herausforderung im modernen Prozess der Bürgerbeteiligung liegt zudem darin, dass möglichst die gesamte Bürgerschaft, also sehr unterschiedliche Milieus, angesprochen werden. Nicht alle Milieus definieren die Bedeutung von Anlässen unbedingt entlang einheitlicher Gesichtspunkte oder gemeindlicher Prioritäten, sondern vermutlich sehr viel stärker entlang eigener Prioritäten. Für die Verwaltung ist zu berücksich- tigen, dass die Bürgerbereitschaft zur Partizipation mit Eigentumsinteressen und auch mit der Bereitschaft zum Engagement in anderen Lebensbereichen korre- liert, wer sich z. B. bisher in anderen Bereiche engagiert hat, wird sich auch in Bürgerbeteiligungsprozessen eher engagieren und umgekehrt. Der Prozess der Bürgerbeteiligung beginnt also in jedem Fall mit einem plan- vollen System an verschiedenen Kommunikationsmaßnahmen, um auf die einzel- nen Milieus eingehen zu können (vgl. Storl 2009, S. 27). Einführen möchten wir 13.1 Aller Anfang ist schwer – oder Informationen als Erfolgsfaktor 138 13 Bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln Sie in dieses umfangreiche Thema mit den Funktionen und der Zielsetzung von Bürgerbeteiligungsprojekten. 13.2 Funktionen und Zielsetzung der Bürgerbeteiligung Bürgerbeteiligung erfüllt im Wesentlichen fünf Funktionen (vgl. Storl, 2009, S. 11 m. w. H): 1. Überführung bürgerschaftlicher Interessen in politische und Verwaltungsent- scheidungen 2. Stärkung des Zusammenhalts der Bürgergemeinschaft und Entwicklung eines engen Verhältnisses zu ihrer örtlichen Gemeinschaft (Integrationsleistung, Sta- bilität) 3. Beitrag zur politischen Sozialisation oder politischen Ermutigung der Bürger 4. Selektion des zukünftigen politischen Personals im Sinne eines Trainings für eine spätere Übernahme politischer Verantwortung 5. Beitrag zur Legitimation der Politik. So wie der gescheiterte absolutistische preußische Beamtenstaat nach den Überlegungen von Freiherr von Stein in neuer Form wieder aufgebaut wer- den konnte, wenn die Bürgerschaft durch effektive Mitarbeit in Beschluss- fassung und Vollzug Anteil an der Verwaltung erhielt (vgl. Storl 2009, S. 11), kann die moderne Kommunalbürokratie heute über 200 Jahre später zu einer dynamischen, Bürger teilnehmenden und stärker selbstverwaltenden Kommune werden, wenn direktdemokratische freiwillige und informelle Beteiligungsinstrumente Einzug in die Kommunalpolitik und -verwaltung nehmen – mit dem Ziel, eine Gemeinde zu einer identitätsstiftenden Kom- mune mit Regionalbezug zu werden. In einer anderen Weise lässt sich Bürgerbeteiligung in die Funktionen „Demokra- tie“, „Ökonomie“ und „Emanzipation“ einteilen (vgl. im Folgenden Walk 2011, S. 63 f). Die demokratische Funktion umfasst die Forderung nach einer verbesserten und verstärkten Mitsprache an politischen Entscheidungen vonseiten der Bürger 139 als auch die Erhöhung der Akzeptanz und somit Legitimierung von Prozessen und Entscheidungen durch eine verstärkte Einbeziehung unterschiedlicher Interessen. Insbesondere demokratietheoretische (wissenschaftliche) Analysen weisen darauf hin, dass die Stabilität und Qualität einer Demokratie gleichermaßen Bürger mit demokratischen Kompetenzen braucht. Die ökonomische Funktion ist drauf gerichtet, dass Entscheidungsprozesse effi- zienter werden. Die verbesserte Kommunikation zwischen den Beteiligten und die Berücksichtigung verschiedener Interessen bzw. Bedürfnisse sollen zu einer bedürf- nisgerechteren Planung führen und dadurch zu nachhaltigeren Entscheidungen und auf Dauer weniger kostenintensiven Umsetzungen aus Politik und Verwaltung. Insbesondere in Kommunen, wo Bürgerhaushalte in erster Linie im Rahmen einer partizipativen Verwaltungsmodernisierung und zur Steigerung von Effizienz und Legitimität umgesetzt wurden und werden, gewinnt die partizipative Haus- haltsplanung (finanzielle Mit-Entscheidung für den Gesamthaushalt oder für Teilbudgets und Co-Governance) durch die immer stärkere Nutzung von Online- Beteiligungsangeboten zunehmend an Bedeutung. Die Stadt Köln integriert bei- spielsweise unter der Überschrift Deine Stadt – Dein Geld seit 2007 ihre Bürger in die kommunale Haushaltsplanung und organisiert die Sammlung und Bewer- tung von Vorschlägen komplett über das Internet (vgl. Nanz und Fritsche 2012, S. 75, 101). Die emanzipatorische Funktion richtet sich auf die politische Handlungs- kompetenz und das Selbstbewusstsein der Bürger. Durch vermehrte Partizipation sollen auch einzelne, bisher ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen stärker einbezo- gen werden (Inklusionsgebot). Es wird davon ausgegangen, dass gesellschaftliche, private und wirtschaftliche Akteure zu eigenverantwortlichem Handeln motiviert und dadurch unterschiedliche Lernprozesse in Gang gesetzt sowie langfristig trag- fähige Strukturen entwickelt werden. Der Aufbau von Lernprozessen und Kapa- zitätsbildung wird häufig auch mit dem Begriff Empowerment in Zusammenhang gebracht. Empowerment bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich Bür- ger mit Wissen um Demokratie, Strukturen und Prozesse aus einer Situation der Macht- und Hilflosigkeit herausbewegen und sich ihrer Stärken besinnen. Wissen ist (Beteiligungs-)Macht für die Bürger. Im Gegensatz hierzu steht die „erlernte Hilflosigkeit“. „Erlernte Hilflosigkeit“ meint die Erwartung, dass ein Individuum davon ausgeht, die Situation nicht beeinflussen oder verändern zu können (Prof. Martin E. P. Seligman). Dies meint in unserem Kontext die Erfahrung der Bür- ger, dass die eigene Sicht oder die der Mitbürger von Verwaltung und Politik eher unerwünscht und daher wenig bedeutsam ist. Bürgerbeteiligung ist hiernach umso erfolgreicher, je höher der Input in Form von Beteiligung ist und ein Output erzielt wird, der nicht nur Entscheidungen 13.2 Funktionen und Zielsetzung der Bürgerbeteiligung 140 13 Bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln beinhaltet, sondern auch die Entwicklung von sozialen und politischen Fähig- keiten fördert, sodass es zu einem „Feedback from output to input“ kommt (vgl. Pateman 1970, zitiert nach Huber 2010, S. 23). Das Ziel ist erreicht, wenn • Politik, Verwaltung und Bürger vertrauensvoll zusammenarbeiten (Bürger können also darauf vertrauen, dass sie in Entscheidungen über ihre Gemeinde eingezogen werden), • Bürger echte Dialog- und Konsultationspartner der Verwaltung und Politik sind (ihre Meinungen werden wertgeschätzt) und • das Engagement der Bürger aufgrund der ersten beiden Punkte hoch ist. In der Forschung und Literatur herrschen vier zentrale Begründungen für diskur- sive Verfahren als eine Antwort auf die aktuellen Herausforderungen der bürger- fokussierten Verwaltungshandeln: • die wachsende Komplexität der Problemlagen, • erhöhtes und verändertes Partizipationsbegehren der Bürger, • Schwierigkeiten der politischen Gemeinschaftsbildung und • die veränderten Formen staatlichen und kommunalen Handelns selbst, die bereits eine Reaktion vor allem auf die wachsende Komplexität der Problemla- gen darstellen. Beteiligungsverfahren sind demnach im Ergebnis eine partizipative Öffnung des Politikberatungs- und Beteiligungsprozesses für neue Akteursgruppen und eine Möglichkeit einer qualitativen Verbesserung der Entscheidungen (vgl. Alcántara et al. 2014, S. 18 m. H. auf Feindt 2001, S. 37 f.). 13.3 Nutzen 13.3.1 Nutzen für Politik und Verwaltung Bürger haben ein unausgeschöpftes Beteiligungspotenzial (Helmut Klages, in: Klages 2011, S. 119). Um es gleich vorweg zu nehmen: Bürgerbeteiligung stellt nicht sicher, dass die Resultate für alle Beteiligten gleichsam gewinnbringend sind. Beteiligung stärkt die demokratische Grundstruktur und ist daher für die Politik ein wichtiges Instrument zur stärkeren Einbindung der Bürger, die zu höherer Akzeptanz von politischen Entscheidungen führt. 141 Beteiligungsprozesse bringen großen Nutzen, weil die komplexen und viel- schichtigen Herausforderungen multiperspektivisch zu besseren Lösungen führen können. Der Zweck der Verwaltung ist es, die Entscheidungen des Bürgermeis- ters und der Gemeinderäte über Angelegenheit der Gemeinde vorzubereiten und auszuführen. Diese Angelegenheit betrifft somit immer das Gemeinwohl. So ist es eine logische Implikation und praktische Einsicht, die Qualität der Entschei- dung durch Einbeziehung der Bürger zu sichern. Da die Unterstützung in Form einer Konsultation (lat.: consultatio, engl.: consulting, d. h. Beratschlagung, Bera- tung) stattfindet, bleibt die Letztentscheidung bei der Verwaltung und Politik. Das repräsentative politische Mandat wird also eher gestärkt als ausgehöhlt. Nutzen bringen Beteiligungsprojekte auch dann, wenn Bürger sich durch eine Teilnahme politisch qualifizieren. So lernen nach einer Darstellung der Bertels- mann Stiftung 2007 Jugendliche und Kinder vor allem in Beteiligungsprojekten am nachhaltigsten, Verantwortung zu übernehmen, Demokratie zu erfahren, sich zu artikulieren und durchzusetzen (vgl. Bertelsmann Stiftung 2007, S. 111). Das weckt politisches Interesse und stärkt die Akzeptanz für Demokratie, wodurch der Politikverdrossenheit strategisch entgegengewirkt wird. „Mitreden wollen“ ist ein bundesweiter Trend. Laut der Bertelsmann Stiftung 2012 ist es 81 Prozent der Deutschen zu wenig, alle fünf Jahre zu wählen. Die Bürger wünschen sich mehr Beteiligungs- und Mitsprachemöglichkeiten. 60 Prozent der Befragten sind bereit, bei Bürgerbegehren, Diskussionsforen oder Workshops mitzuwirken (vgl. Städtetag Baden-Württemberg 2012, S. 24). Nach einer bundesweiten Umfrage von TNS Emnid sind fast knapp 50 Prozent der Befragten mit den kommunalen Beteiligungsmöglichkeiten nicht zufrieden (vgl. KGSt 2014 S. 52 mit Hinweis auf TNS Emnid 2012). In einer Zeit, in der der Anteil der älteren Bevölkerung stetig steigt, ist folgendes Phänomen von besonderer Bedeutung: „… Je älter die Befragten, desto geringer ist der Anteil Interessierter. Gleichzeitig nimmt der Anteil tatsächlich kommunal engagierter Befragter mit steigendem Alter tenden- ziell zu.“ (KGST 2014, S. 52 mit Hinweis auf TNS Emnid 2012). Eine besondere Chance bei Jugendlichen Mit klarer Erwartungshaltung an die Zukunft dominieren für die junge Gene- ration (Altersgruppe 12 bis 25 Jahre) laut der aktuellen Shell-Studie (2015) die Nutzenorientierung – auch in Bezug auf Freizeit – und die Erfüllung, bei der die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns im Vordergrund steht. Zentrale Aspekte sind hier das Gefühl, etwas zu leisten, die Möglichkeit, sich um andere zu kümmern, und die Möglichkeiten, etwas zu tun, was man für sinnvoll hält. Die Kombination beider Felder ist ein ausgesprochen ermutigendes, aber ebenso herausforderndes Element für kommunale Beteiligung, der Ort, an dem sich Familie, Freizeit und 13.3 Nutzen 142 13 Bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns gegenseitig verstärken. Der zunehmende Optimismus der jungen Generation sollte die Verantwortlichen in der Kommune ermutigen, Jugendliche zu Beteiligten zu machen (vgl. Shell-Studie 2015). Dies trägt somit maßgeblich zur Identitätsbildung bei (vgl. Abb. 13.1). Eine große Chance für kommunale direkte Beteiligung der jungen Genera- tion liegt in der Nutzung IT-gestützter Verfahren. Interessant ist es, dass bereits an zweiter Stelle nach der Unterhaltung per Online-Formate Aktivitäten stehen wie „nach Informationen suchen, die ich gerade brauche“, „mich informieren, was in Politik und Gesellschaft passiert“, „das Netz für Schule, Ausbildung oder Beruf nutzen“. Das Internet wird also genutzt, um alltagsrelevante Informationen zu finden. Dabei erschließen sich Jugendliche nicht nur passiv die vorgefunde- nen Inhalte, sondern bringen sich aktiv mit eigenen Inhalten ein (Blog schreiben, Bewertungen zu Produkten oder Dienstleistungen) wie folgende Aussagen bei- spielhaft zeigen: […] diese Jugendlichen sind auf der einen Seite verunsichert und haben Druck, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen. Auf der anderen Seite haben sie enorme Möglichkeiten und riesige Ansprüche an ihr Leben und ihre Selbstverwirklichung (PD Dr. Gudrun Quenzel von der TU Dortmund, Mitautorin der Shell-Studie 2015, im Interview). Abb. 13.1 Optimismus bei Jugendlichen für Beteiligungsprozesse nutzen. (Quelle: Shell- Studie 2015) 143 Die [Anmerkung: Die junge Generation] wird risikofreudiger, sie möchte gestal- ten, es ist eine […] Generation, die sich zunehmend für gesellschaftliche Belange interessiert, sie interessiert sich wieder mehr für Politik und sie […] wollen aktiver gestalten, sie […] öffnen sich nach außen, öffnen sich zur Gesellschaft hin, werden (…) auf jeden Fall politisch interessierter (Prof. Dr. Mathias Albert von der Univer- sität Bielefeld, Mitautor der Shell-Studie 2015, im Interview). Das Bemerkenswerte ist aber, dass auch in der Breite der Gesellschaft, also bei Jugendlichen mit einer mittleren oder einfacheren Bildung, das Interesse an Poli- tik zugenommen hat. […] Neu ist, dass es offenbar aus der Sicht der Jugendlichen heute auch wieder lohnenswert geworden ist, sich politisch zu engagieren, Stellung zu beziehen und sich einzubringen (Sozialforscher Ulrich Schneekloth, Mitautor der Shell-Studie 2015, im Interview). Trendwende beim politischen Interesse Das politische Interesse steigt wieder. Zwar ist das Niveau von 1991 noch nicht wieder erreicht, der Tiefpunkt im Jahr 2002 scheint inzwischen aber überwunden zu sein. Das politische Interesse ist bei den Jugendlichen deutlich gestiegen: auf 41 Prozent im Vergleich zu 30 Prozent im Jahr 2002. Jugendliche, die sich als politisch interessiert bezeichnen, informieren sich zu 74 Prozent aktiv über Poli- tik. Die signifikanten Niveauunterschiede in der Bildung mit einem immer noch höheren politischen Interesse bei Jugendlichen aus den gehobenen Schichten blei- ben allerdings bestehen. Politisches Interesse und politische Kompetenz gehen hier Hand in Hand. Für die junge Generation sind vor allem die allgemeinen Rahmenbedingungen für die eigene und die gesellschaftliche Zukunft wichtig. Spitze der Prioritäten für politisches Interesse ist für die junge Generation heute das Thema „Kinder und Familie“, es folgt „Bildung, Wissenschaft und Forschung“. Interessant ist, dass auch der Bereich „Umwelt und Naturschutz“ (nachhaltige Lebensqualität und Lebensbedingungen) mit 34 Prozent bei den Jugendlichen an Bedeutung gewon- nen hat (vgl. Abb. 13.2). Diese Chancen sollte die Kommune für die Etablierung und Institutiona- lisierung der Bürgerbeteiligung nutzen. Mit der Beteiligung von Bürgern ist unmittelbar eine breitere Akzeptanz für kommunale Konsequenzen und ihren Ent- scheidungen verbunden. Wer an einem Entscheidungsprozess aktiv mitwirkt, wird die letztendlich getroffene Entscheidung eher verstehen und mittragen. Das gilt vor allem auch für Bürgermeister, die direkt gewählt und wiedergewählt werden. Ein weiterer Nutzen für Politik und Verwaltung besteht in der Wirtschaftlich- keit realisierter Projekte. „So sind z. B. Spielplätze, die nach Beteiligungsverfahren gebaut werden, kostengünstiger, halten länger und werden mehr genutzt.“ (KGSt 2014, S. 28). Im Ergebnis werden Fehlinvestitionen vermieden. Die Befürworter in 13.3 Nutzen 144 13 Bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln Politik und Verwaltung verzeichnen oft mehr als nur einen Imagegewinn, sie sind Partner, die mit den Bürgern auf Augenhöhe stehen. Checkliste: Mannheimer Bürgerbeteiligung In der Mannheimer Checkliste für Bürgerbeteiligung wurden die Vorteile der Beteiligung von Bürgern wie folgt zusammengefasst: Bürgerbeteili- gung … … erweitert den Horizont … schafft gegenseitiges Vertrauen … fördert die Kommunikation zwischen Politik, Verwaltung und Bürger- schaft … kann Interessen ausgleichen … verbessert die Qualität von Entscheidungen … eröffnet neue und kreative Lösungsperspektiven … fördert akzeptierte Lösungen … fördert die Identifikation der Bürgerschaft mit ihrer Stadt … entlastet den kommunalen Haushalt … schafft einen breiten Zugang zur Meinungsbildung … stärkt das Engagement der Bürger … weckt das Interesse an politischer Teilhabe … fördert eine lebendige Demokratie. Abb. 13.2 Steigendes politisches Interesse bei der jungen Generation. (Quelle: Shell- Studie 2015) 145 13.3.2 Nutzen für den Bürger Wenn die Verwaltungsleitung über den Nutzen für den Bürger diskutiert, muss auch darüber diskutiert werden, welcher Nutzen gemeint ist. Der Nutzen der sich beteiligenden Bürger oder der betroffenen Bürgerschaft? Kann von Nut- zen gesprochen werden, wenn die Lautstarken zufrieden sind? Es muss also die Frage gestellt werden, wann die Bürgerbeteiligung bzw. die Anwendung eines Bürgerbeteiligungsinstruments im Sinne der Bürger – nicht einseitig aus dem Blickwinkel der Lautstarken – als erfolgreich anzusehen ist. Bei der Suche nach Erfolgskriterien könnten die Erfahrungen und Forschungs- ergebnisse aus vielen lokalen Beteiligungsprojekten helfen. Das Problem dabei ist, dass Studien zur lokalen Bürgerbeteiligung größtenteils Einzelfallstudien sind. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse und Vorgehensweisen sind schwer verallgemeinerbar (vgl. Vetter 2008, S. 18). Hier helfen allgemeine demokratie- theoretische Kriterien, von denen vor allem die Merkmale „Legitimität“, „Effek- tivität“ und „Qualifizierung“ erfüllt sein müssen, damit ein Nutzen für den Bürger eintreten kann (vgl. hierzu Geißel 2008, S. 34). Darüber hinaus können Bürger einen individuellen Nutzen aus Partizipati- onsprozessen ziehen. Sie können Beteiligungsverfahren nicht zuletzt auch dazu nutzen, ihr Wissen zu erweitern, ihre Democratic Skills zu verfeinern (Mei- nungen zur Kenntnis nehmen, argumentieren, abwägen etc.) oder Kontakte zu Gleichgesinnten zu knüpfen (vgl. Nanz und Fritsche 2012, S. 94) und die sozi- ale Vernetzung zu stärken. Bürgerbeteiligung zeigt den Bürgern unmittelbar eine Wertschätzung, bittet um deren Kompetenz, stärkt so das Verantwortungsgefühl und impliziert Qualifizierung und Selbstentwicklung. Wenn Politik und Verwal- tung Vertrauen zurückgewinnen wollen, werden sie vor allem in diesen Punkten mit überzeugenden Argumenten für sich werben müssen. Bürgerbeteiligung ist ein kraftvolles Argument für Jugendliche. Das, was ihnen wichtig ist, können sie beeinflussen. Die Mitwirkung stärkt ihre Qualifikation und nutzt Entwicklungs- potenziale, für eigene Werte1 zu „kämpfen“. Für alle Bürger ist Bürgerbeteili- gung ein wesentliches Mittel, um aktiv an Planungen für ihr Umfeld und für das Gemeinwesen teilzuhaben und an deren Gestaltung aktiv mitzuwirken. 13.3 Nutzen 1Von 2010 bis 2015 haben sich Werte verändert, z. B. Fleiß, Ehrgeiz und Sicherheit wurden wieder etwas unwichtiger, jedoch nicht der Respekt vor Gesetz und Ordnung, der sogar weiter stieg, einen Zuwachs gab es auch bei der Bereitschaft Jugendlicher zum umweltbe- wussten Verhalten sowie einen gestiegenes Gesundheitsbewusstsein. 146 13 Bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln 13.4 Kritik Die Kritik an der praktischen Umsetzbarkeit der Bürgerbeteiligung lässt sich wie folgt zusammenfassen (vgl. Huber 2010, S. 26 ff.): • Zu hohe unrealistische Anforderungen Wer eine Beteiligung möglichst aller Bürger an möglichst vielen Entscheidun- gen wolle, übersehe, dass die Gleichheitsgrundsätze immer noch nicht erfüllt sind. Auch die Anreize für politische Partizipation in der heutigen Gesellschaft wären noch immer unterschiedlich stark verteilt. Der Grad der erreichbaren Partizipation sei von der Gebietsgröße, der Zahl der Bürger, der Menge der Beschlüsse und deren Komplexität abhängig. Der Inklusionsanspruch und die Stärkung und Gewinnung von bildungsfernen Milieus mit den Mitteln der auf- suchenden Bürgerbeteiligung sind oft nicht mit den gegebenen Ressourcen umsetzbar und müssen zukünftig mehr Beachtung finden. • Ein zu positiv zugrunde liegendes Menschenbild Der Bürger sei nur unter spezifischen Bedingungen zu gemeinwohlorientierten Entscheidungen bereit. Diese hingen vom individuellen Eigennutzen des Bür- gers ab. Beispiel: Es wird der Bedarf für ein neues Flüchtlingsheim gesehen, es soll aber bitte nicht im eigenen Wohnumfeld gebaut werden. Ferner sei politisches Handeln und Informationsbeschaffung zeit- und kosten- intensiv und der persönliche Nutzen, angesichts der geringen Einflussmög- lichkeit für das Individuum, gering. In der Folge sei der Informationsstand der Bürger niedrig und dadurch sei nur eine geringe Bereitschaft zur politischen Beteiligung zu erwarten. • Partizipation als Zielgröße ist zu eindimensional Andere Zielgrößen wie Effektivität oder Anpassungsfähigkeit würden keine Berücksichtigung finden. Der vermehrte Abstimmungsbedarf könnte zu Infle- xibilität, erheblichen Zeitverzögerungen und zu Koordinationsschwierigkeiten führen. • Die Probleme sind zu komplex Es würde immer wieder an der Kompetenz der Bürger gezweifelt, insbeson- dere von den sogenannten Experten. 147 • Digitale Spaltung gegen E-Partizipation Die hohe und stetig wachsende Rate von Internetnutzern verhindere bei digi- talen Verfahren nicht, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen (z. B. ältere Men- schen, sozial benachteiligte Bürger) stark unterrepräsentiert wären (vgl. KGSt 2014, S. 22). Das größte Hindernis zur direkten Bürgerbeteiligung ist das Beharrungsvermögen der Befürworter für die ausschließliche Umsetzung des Repräsentationsprinzips und somit für die hervorgehobene Stellung der Bürgermeister- und Gemeinderatswahl als alleiniger Mechanismus zur Bündelung und Verdichtung von Partikularinteres- sen. Diese Partizipationsschranke ist verbunden mit der Behauptung, ein Überfluss an Beteiligung und bürgerliche Ansprüche führen zur Destabilisierung des Systems, weil die Balance zwischen Konflikt und Konsens gestört würde. Direkte Beteiligung in Demokratie – Ausweitung der Demokratie oder Widerspruch? Der überall zu beobachtende Bedeutungs- und Vertrauensverlust etablierter Beteiligungsformen verändert den immer schon da gewesenen Ruf nach einer Ausweitung alternativer politischer Partizipationsmöglichkeiten, insbesondere direkt-demokratischer Verfahren zu einer deutlichen Forderung. Aber ist Beteili- gung immer gut und sinnvoll? (vgl. im Folgenden Kubiak 2015, S. 4 f.). Dabei geht es nicht um die Frage, ob komplexe und politische Sachfragen nicht einer kleinen Gruppe von Experten vorbehalten bleiben sollen. Es geht vielmehr um folgende Fragen: Welche Bedeutung haben Einwände gegen direkte Beteiligun- gen aus rein demokratischer Perspektive? Gehen Partizipation und Gleichheit immer Hand in Hand? Birgt Partizipation nicht die paradox anmutende Gefahr, den demokratischen Gleichheitsgedanken zu unterwandern? Ist Beteiligung nicht das Einfallstor für soziale Disparitäten? Deutlich wird dies im Falle direktdemo- kratischer Entscheidungen, wie z. B. Referenden. Da die Beteiligung auf eine einfache Ja/Nein-Entscheidung reduziert wird, mündet sie in einer „The-win- ner-takes-it-all-Situation“ und Minderheiten bleiben unberücksichtigt. Zugleich könnte eine besonders beteiligungswillige und -fähige Minderheit den Entscheid zu ihren Gunsten beeinflussen. Als praktisches Beispiel wird hierfür immer wie- der die Hamburger Schulreform zitiert, die eine Bürgerinitiative gegen alle Par- teien in der Bürgerschaft durch einen Volksentscheid kippte. Mehrheitsdominanz und Minderheitsstrategie also als Begründung gegen direkte Bürgerbeteiligung? 13.4 Kritik 148 13 Bürgerfokussiertes Verwaltungshandeln Es kann noch heikler kommen, wenn – bewusst oder unbewusst – einzelne Stadtteile gegeneinander ausgespielt werden. Ein Beispiel dieser „Legitimations- beschaffungsmaßnahme“ ist der Fall, wenn die Verwaltung oder Politik darüber „entscheiden lässt“, ob nun das Schwimmbad oder die Grundschule geschlossen wird. Oder nehmen wir das Beispiel, dass aufgrund der Tatsache, dass in sozial benachteiligten Stadtteilen die Bürger für eine direkte Beteiligung in der Regel schwerer zu mobilisieren sind, die Müllverbrennungsanlage wohl nicht in die Nähe der sozial gehobeneren Stadtteile gebaut wird. Literatur Alcántara, S., Kuhn, R., Renn, O., Bach, N., Böhm, B., Dienel, H.-L., Ullrich, P., Schrö- der, C., Walk, H. (2014): DELIKAT – Fachdialoge Deliberative Demokratie: Analyse Partizipativer Verfahren für den Transformationsprozess.In: Bundesumweltamt (Hrsg.): TEXTE 31/2014. Umweltforschungsplan des Bundesministeriums für Umwelt, Natur- schutz, Bau und Reaktorsicherheit. Dessau-Roßlau. URL: http://www.nexusinstitut.de/ images/stories/content-pdf/delikat_bericht.pdf (abgerufen am 12.10.2016). Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (2007): Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland: Ent- wicklungsstandards und Handlungsansätze. Gütersloh. Deutscher Städtetag (Hrsg.) (2013): Beteiligungskultur in der integrierten Stadtentwick- lung. Arbeitspapier der Arbeitsgruppe Bürgerbeteiligung des Deutschen Städtetages. Berlin, Köln: Druck Deutscher Städtetag. Feindt, P.-H. (2001): Regierung durch Diskussion. Diskurs- und Verhandlungsverfahren im Kontext von Demokratietheorie und Steuerungsdiskussion. Frankfurt am Main/New York: Peter Lang. Geißel, B. 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(Quelle: Hellmann 2012, S. 5) 152 14 Theorien der Verwaltungsentwicklung kommunalen Finanzierungsprobleme überlagert. Mit Blick auf Reformerfolge aus dem Ausland (vor allem Tilburg [Niederlande], Christchurch [Neuseeland], Phönix [Arizona], Hämeenlinna [Finnland]) veranlasste die Kommunale Gemein- schaftsstelle Anfang der 1990er Jahre, das Neue Steuerungsmodell (vgl. Abb. 14.2) zu konzipieren und die Aufmerksamkeit vor allem auf den Dienstleistungsaspekt des kommunalen Angebots zu lenken (vgl. Banner 1998, S. 179 f.). Die Dienstleis- tungskommune wurde geschaffen und für die neue Dimension der kommunalen Verantwortung beginnt sich, in sprachlicher Ähnlichkeit zur Bürgergesellschaft, der Begriff Bürgerkommune durchzusetzen (vgl. Banner 1998, S. 185). Mit dem Neuen Steuerungsmodell (NSM) wurde die Einführung betriebswirt- schaftlicher Instrumente angestrebt und die in der freien Wirtschaft etablierten Denkweisen wurden auch für die Kommunalverwaltung propagiert. Im Mittel- punkt sollte dabei der Bürger als Kunde stehen. Betriebswirtschaftliche Instru- mente wie Kosten- und Leistungsrechnung, Budgetierung und Dezentralisierung der Verantwortung mit Produkten als Steuerungs- und Entscheidungsobjekten wurden eingeführt (vgl. Hellmann 2012, S. 20 ff.). Als Bürgerkommune schrie- ben sich die Verantwortlichen den Ausbau partizipativer Demokratie und die aktive Pflege der örtlichen Gemeinschaft auf die (Wahl-)Fahne mit dem Ziel, den sozialen Zusammenhalt zu bewahren und die bürgerschaftliche Selbstorganisation zu fördern. Zugleich wurde darin die Chance gesehen, sonst nicht mehr finan- zierbare Leistungen zu ermöglichen oder aufrecht zu erhalten. Selbstverständlich bleibt die Bürgerkommune gleichzeitig Ordnungs- und Dienstleistungskommune. In der Praxis kommen die drei Dimensionen meist verflochten vor (vgl. Storl 2009, S. 29 f. m. w. H.). Abb. 14.2 Prinzipien des Neuen Steuerungsmodells (NSM). (Quelle: Hellmann 2012, S. 23) 153 Das Neue Steuerungsmodell (NSM) ist bis heute charakterisiert und inhaltlich geprägt durch seine namensgebende Steuerungsfunktion.1 Als Gebot des wirt- schaftlichen Handelns waren Effektivität und Effizienz der Verwaltungsmaßnah- men im Hinblick auf die gesetzten Ziele die neue Grundlage für Entscheidungen aus Politik und Verwaltung. Basisinstrument der ergebnis- und ressourcenorientierten Steuerung ist der Produkthaushalt. Ein Produkt ist die Leistung, die eine Organisationseinheit an eine andere externe oder interne Organisationseinheit liefert und wofür diese im Prinzip einen Preis bezahlen müsste, ungeachtet dessen, ob dies tatsächlich geschieht. Die Produktsteuerung orientiert sich am Bedarf des Empfängers, unab- hängig davon, ob der Bedarf freiwillig oder aufgrund einer gesetzlichen Vorgabe entstanden ist. Mit einem „Kontrakt zwischen Politik und Verwaltung“ wurde eine politische „Steuerung auf Abstand“ realisiert. Politisch motivierte Ziele sol- len sich in Produktbeschreibungen wiederfinden. Die Produktverantwortung lag dann bei der Verwaltung, wodurch das trennende Verhältnis zwischen Politik und Verwaltung neu bestimmt war (vgl. KGSt 1992, S. 69). Einzeleingriffe der Poli- tik sollten der Vergangenheit angehören. Mit den Zielen „von der Behörde zum Dienstleistungsunternehmen“, „von der Input-Steuerung zur Output-Steuerung“, „der Bürger als Kunde“, „Arbeits- und Servicequalität“ sowie „Eigenverant- wortlichkeit der Mitarbeiter im Interesse des Bürgers“ sollte mit dem NSM der neue Grundstein für eine „Bürgerkommune“ gelegt werden. Die Verbesserung der Steuerbarkeit der Verwaltung wurde verbunden mit der Einführung eines Qualitätsmanagements, um Prozesse innerhalb der Kommunalverwaltung an die Erwartungen der Bürger und der Wirtschaft anzupassen. So sollen z. B. Umfra- gen, die systematische Auswertung von Beschwerden und die Nutzung von Ver- besserungsvorschlägen der Mitarbeiter dazu beitragen, eine Bürgerkommune zu werden (vgl. KGSt 1993, S. 21). Um eine Bürgerkommune werden zu können, fehlten dem Modell die richtigen Inhalte. Die Kritik am Neuen Steuerungsmodell (NSM) lässt sich wie folgt zusam- menfassen: „Während das Konzept der KGSt zunächst sinnvoll und in sich schlüssig erscheint […] führt vor allem die kritische Analyse der Ergebnisse der Modernisierungsaktivitäten öffentlicher Verwaltungen zu dem Schluss, dass die damit verbundenen Ziele, wenn überhaupt, meist nur ansatzweise erreicht wur- den. Dementsprechend hat eine nüchterne Betrachtungsweise der Modelle die 1Neben der Steuerungsfunktion sollte mit dem NSM ein dauernder Anreiz geschaffen werden, das Leistungsniveau zu steigern oder zu sichern (Motivationsfunktion) und das (betriebswirtschaftliche) Handeln der Verwaltung zu legitimieren (Legitimationsfunktion), vgl. Hellmann 2012, S. 24. 14.1 Alte und neue Verwaltungssteuerung 154 14 Theorien der Verwaltungsentwicklung anfängliche Euphorie ersetzt“ (Klug 2009, S. 53). Abb. 14.3 fasst die Kritik am neuen Steuerungsmodell zusammen. 14.2 Bürgerorientierte Verwaltungssteuerung 14.2.1 Vom produktorientierten Modell (NSM) zum bürgerfokussierten Steuerungsmodell (BSM) Heute muss konstatiert werden, dass die „neue Steuerung“ hin zu einer Bürger- kommune veraltet und eine von der gesellschaftlichen Entwicklung und Werte- veränderung überholte Funktion ist, die ihre Wirkung aufgrund des veränderten bürgerschaftlichen Selbstverständnisses nicht mehr entfalten kann. Auch ist es in Zukunft fraglich, ob weiterhin ein Zurückweichen öffentlich-rechtlicher Aufga- ben für das Gemeinwohl notwendig wie auch zukunftsfähig ist. Wenn in der Zukunft aufgrund geringer zur Verfügung stehender Ressourcen (Postwachstums- gesellschaft2) die Kommunen nicht mehr in der Lage sind, die Leistungen zu erbringen, die die Bürger heute als Selbstverständlichkeit wahrnehmen, werden die Bürger auch aus diesen Gründen zunehmend wichtige Partner und Co-Produ- zenten des Gemeinwohls. In diesem Zuge würden Bürger ohnehin angemessen beteiligt werden müssen. 2Buchhinweis: Hollmann, J., Daniels, K.: „Anders wirtschaften“, 2. Aufl. 2016. Abb. 14.3 Kritik am Neuen Steuerungsmodell. (Quelle: Klug 2009, S. 47) 155 Die Weiterentwicklung der Dienstleistungskommune zur Bürgerkommune, in dem der Bürger nicht mehr als passiver Leistungsempfänger, sondern zur aktiven Mitwirkung, Mitgestaltung und Übernahme von gesellschaftlichen Aufgaben und Verantwortung ermutigt wird (vgl. Schäfer 2001, S. 4), ist nicht gelungen. Die KGSt bekräftigt zwar aktuell die „Bürgerkommune“, jedoch mit neuer Ausrich- tung. In ihrem Bericht zur Bürgerkommune 2014 – also 15 Jahre nach dem ersten Bericht zum Leitbild der Bürgerkommune (vgl. KGSt-Bericht 6/1999) – spricht sie nun von einem Trialog und Netzwerk zwischen Politik, Verwaltungsspitze und Bürger und empfiehlt der Kommune, ihre Steuerungsprozesse für die Bürgerschaft zu öffnen, indem sie Transparenz herstellt, Beteiligungsmöglichkeiten bietet und die Zusammenarbeit mit den Bürgern sucht (vgl. KGSt-Bericht 3/2014, S. 4). Die KGSt räumt heute die Schwachpunkte des Neuen Steuerungsmodells ein, wonach dieses „technokratisch, seelenlos und unpolitisch“ sei und bisher das Zusammenwirken von Bürgern, Politik und Verwaltung in das tägliche Ver- waltungshandeln und in die Verwaltungsreform nicht einbezogen wurde. Bisher zielten das Neue Steuerungsmodell und die mit ihm initiierten Veränderungen vorwiegend auf das „operative Geschäft der Verwaltung“ und auf die „Reform der Verwaltung“ – die Politik stand dabei oftmals am Rande des Geschehens. Ziel müsse es sein, im Miteinander von Politik und Verwaltung Bürgerzufriedenheit, Effektivität und Effizienz der Kommunen nachhaltig zu verbessern, wobei die Kommunikation und Kooperation der Politik und Verwaltung mit den Bürgern in den Mittelpunkt rückten (vgl. Klug 2009, S. 52 ff.). Daraus wird deutlich, dass der Widerspruch des Modells der Bürgerkommune (NSM) schon durch die Mittel zum Zweck angelegt ist. Mit der Fokussierung auf Produkte konnte das Ziel „Bürgerkommune“ nicht erreicht werden. Eine „echte“ Bürgerkommune kann nur mit einer Verwaltung Realität werden, die ihr Han- deln bürgerfokussiert ausrichtet. Die neue bürgerfokussierte Verwaltung will die Richtung des bisherigen Modells ändern und den technokratisch-instrumentellen Ansatz der bisherigen Steuerung überwinden. Während die „alte“ und „neue Steuerung“ vorwiegend also mit einer verwal- tungsinternen Perspektive verbunden war, ist heute eine Kommunalentwicklung gefordert, die durch neue Formen der Zusammenarbeit und Kommunikation charakterisiert ist. Das bürgerfokussierte Modell ist geprägt durch eine Bürger- beteiligungskultur, die das bürgerfokussierte Verwaltungshandeln zur neuen Orientierung der Verantwortlichen macht. Es ist darauf ausgerichtet, die Zusam- menarbeit von Politik, Verwaltung und Bürger in das tägliche Handeln der hauptamtlichen Verantwortlichen einzubeziehen. Die Übersicht in Abb. 14.4 verdeutlicht die Entwicklungen vom alten Steuerungsmodell bis hin zum bürger- fokussierten Steuerungsmodell. 14.2 Bürgerorientierte Verwaltungssteuerung 156 14 Theorien der Verwaltungsentwicklung Abb. 14.4 Die Entwicklung zur bürgerfokussierten Verwaltung 157 14.2 Bürgerorientierte Verwaltungssteuerung 14.2.2 Typologien eines Bürgerbeteiligungsmodells An welchen Kriterien können sich Akteure bei ihrer Planung orientieren? Bei Beteiligungsprojekten ist immer das soziale und politische Klima, in welchem der Prozess stattfindet, zu beachten. Sie sind grundsätzlich individuell, themen- orientiert oder konsensorientiert. Typologien der informellen und dialogorientier- ten Verfahren der Bürgerbeteiligung sind sehr unterschiedlich. Trotz fehlender Übereinstimmung in Bezug auf Evaluationskriterien und über die Methoden, wie Erfolg oder Scheitern gemessen werden soll, wurden viele Partizipationsprozesse umfangreich analysiert und evaluiert. Um eine Einordnung existierender Betei- ligungsverfahren vorzunehmen, stellen wir Ihnen eine Partizipationsmatrix mit fünf Dimensionen vor (in Anlehnung an Alcántara et al. 2014, 24 ff.). Die fünf Dimensionen besitzen jeweils relevante Kriterien und entsprechende Ausprägun- gen (vgl. Abb. 14.5). Das Verfahren bildet technische und prozessuale Aspekte ab (vgl. im Folgen- den Alcántara et al. 2014, S. 24 ff.): • Kommunikationsort: Zentrales Kriterium zur Unterscheidung von On- und Offlineverfahren bzw. Kombinationsmöglichkeiten. • Zeitpunkt des Verfahrens: Dieses Kriterium ist eng mit den verfolgten Zielen sowie der Themenstellung verknüpft. So kann der Zeitpunkt der Initiierung bereits bei der Problemdefinition oder einer Bedarfsabfrage liegen, andere Ver- fahren eignen sich eher zur Re-Definition oder zur Beschlussfassung. • Zugangszeitpunkt: beschreibt die Einstiegsmöglichkeit für Teilnehmer in das Verfahren. So kann es bei manchen Verfahren wichtig sein, dass die Teilneh- mer von Anfang an Teil des Prozesses sind, bei anderen Verfahren, kann jeder- zeit in den Prozess eingestiegen werden. • Input der allgemeinen Öffentlichkeit: Hier steht die Frage im Vordergrund, ob die nicht beteiligte Öffentlichkeit zu bestimmten Phasen Input liefern kann. • Größe der Gruppe: Dieses Kriterium ordnet die Verfahren danach, für welche Gruppengröße das Verfahren besser geeignet ist. • Bezugsbereich: Der Bezugsbereich einzelner Verfahren kann sich von der Orga- nisation eines kommunikativen Prozesses mit der Entwicklung von Ideen über die Artikulation von Interessen und konkrete Mitarbeit an Gestaltungs- und Ver- änderungsprozessen bis hin zur Bearbeitung von Interessenskonflikten bewegen. Hierzu gehört auch die Akzeptanz von Planungsprozessen bei allen Akteuren. • Art der Entscheidung: Wie soll die Entscheidung innerhalb des Verfahrens zustande kommen (in der Regel Konsens oder Mehrheitsentscheidung)? • Verwendung der Ergebnisse: Wie und wann werden die Entscheidungsträger mit den Ergebnissen konfrontiert? Sind sie Teil des Prozesses? 158 14 Theorien der Verwaltungsentwicklung Abb. 14.5 Partizipationsmatrix mit fünf Dimensionen und einzelnen Kriterien. (Quelle: In Anlehnung an Alcántara et al. 2014, 24 ff.) 159 • Thema: Haben sich die potenziellen Teilnehmer bereits eine Meinung zu dem vom Verfahren behandelten Thema gebildet (Reife)? Ist das behandelte Thema kontrovers? • Fairness: Haben alle Teilnehmer/innen die gleiche Chance sich einzubringen? Ist eine faire Beschlussfassung durch das Verfahren gewährleistet? Werden Minderheitsvoten im Verfahren zugelassen? • Flexibilität des Verfahrens: Dieses Kriterium bildet ab, inwiefern das Ver- fahren stark formalisierten Strukturen folgt oder ob es offen für Änderungen durch die Partizipanten ist. • Scope (Reichweite der Verfahren): Eignen sich die Verfahren für eine lokale kommunale Reichweite oder sind sie auch überregional anwendbar? • Ergebnisoffenheit: Wird als Ergebnis eine Entscheidung zwischen zwei oder mehreren Alternativen angestrebt oder ist das Verfahren ergebnisoffen? • Revision: Können die Teilnehmer vorläufige Ergebnisse oder spontane Gedan- ken im Prozess auch wieder revidieren? • Gesprächsatmosphäre: Ist es für die Durchführung des Verfahrens wichtig, eine diskussionsfreundliche Atmosphäre sicherzustellen? • Deliberative Qualität: Gibt es bei der Durchführung der Verfahren klare Regeln, die eine kooperative und diskursive Qualität in der Gesprächsführung sicherstellen?3 • Verfahrensreflexion: Gibt es eine Phase, in der über das Verfahren an sich, d. h. über die reine Ergebnisfindung hinaus, reflektiert wird? Die Macht strukturiert die Verfahren nach den einzelnen Rollen, die im Prozess eingenommen werden, sowie nach den strukturellen Voraussetzungen, die diese Rollen bestimmen können. • Ressourcen für den Prozess: Wie viel Zeit benötigt das Verfahren (Zeit- aufwand)? Wie hoch sind die Kosten für eine Anwendung des jeweiligen Verfahrens (Kostenaufwand)? Welche Methoden und Regeln liegen der 14.2 Bürgerorientierte Verwaltungssteuerung 3Merkmal deliberativer Verfahren ist die Konzentration auf kommunikative, d. h. delibe- rative Beteiligungsverfahren. „Deliberation beschreibt einen Aushandlungsprozess, der der Konsensfindung dient und als zentralen Baustein den Austausch von Meinungen und Argumenten beinhaltet, die sachlich und offen diskutiert werden. Ziel der Deliberation ist die Offenlegung unterschiedlicher Perspektiven und die sachliche Abwägung verschiedener Argumente, die als Ergebnis in die Formulierung eines Konsenses mündet, der von allen beteiligten Parteien unterstützt wird“ (Alcántara et al. 2014, S. 19). 160 14 Theorien der Verwaltungsentwicklung Informationsgewinnung während des Prozesses zugrunde? Ist die Menge der bereitgestellten Informationen für die Teilnehmer von vornherein festgelegt (Informationsbereitstellung)? • Entscheidungsmacht: Welche Entscheidungsmacht besteht für die Teilnehmer? Geht es um bloße Information (Scheinbeteiligung), Rückmeldung von Präferenzen oder um Mitwirkung, Mitentscheidung, Selbstverwaltung bzw. Eigenständigkeit? • Verfahrensbezogene Autonomie der Zivilgesellschaft: Gibt es eine echte Ver- fahrensautonomie der Zivilgesellschaft, beispielsweise verschiedene Ver- sammlungsformen auf Quartiersebene? • Initiierung (Bottom up versus Top down): Wer initiiert das Verfahren? Wer hat ein Interesse an den Ergebnissen des Verfahrens? • Sanktionen: Besteht die Möglichkeit, die Verantwortlichen für die Nichtumset- zung von Ergebnissen zu sanktionieren? Die Inklusion betrachtet persönliche Aspekte der Teilnehmer. • Akteursanalyse: Dieses Kriterium fragt danach, ob im Vorfeld eine Analyse der Interessen und Argumente für die jeweiligen Positionen erfolgt. Dies kann eine Grundlage für die Einbindung aller relevanten Akteure in das Verfahren sein. • Auswahl der Teilnehmer: Wie erfolgt die Auswahl der Teilnehmer, über Selbstselektion, per Zufallsauswahl, über eine direkte Ansprache, über eine quotierte Auswahl, anhand soziodemografischer Merkmale oder über eine kombinierte Auswahlstrategie? • Selektivität der Teilnahme: Welche Bevölkerungsschichten werden durch das Verfahren aktiviert? • Abbau von Zugangsbarrieren: Erhalten die Teilnehmer eine Aufwandsent- schädigung bzw. wird der Dienstausfall entlohnt? Wird eine Kinderbetreuung angeboten? • Repräsentation verschiedener Gruppen/Interessen: An wen richtet sich die Par- tizipation in erster Linie? Wer wird einbezogen? Empowerment beschäftigt sich besonders mit der Zielgruppe der schwer erreich- baren Personen sowie mit Mechanismen zum Ausgleich von Hierarchien und struktureller Ungleichheiten. • Empowerment im Vorfeld: Wird eine spezifische Ansprache von schwer erreich- baren Gruppen durchgeführt (Empowerment im Vorfeld des Prozesses)? Weiter 161 umfasst das Kriterium auch Maßnahmen zur Sicherstellung des Empowerments im Prozess. Gibt es Übersetzungshilfen und sind die Informationen allgemein verständlich (Empowerment während des Prozesses)? • Empowerment über den Prozess hinaus: Verfolgt das Verfahren gesellschaftli- che Ziele wie z. B. sozialer Ausgleich zwischen gesellschaftlichen Gruppen? Gibt es einen Wissens- und Kompetenzzuwachs bei den Beteiligten? Trägt das Verfahren zu einem verstärkten Engagement im konventionellen Politiksystem oder stärkt es die Partizipation im unkonventionellen Bereich? Die Transparenz von Beteiligungsverfahren bildet Kriterien, die sowohl für die Transparenz des Verfahrens nach außen als auch die Transparenz im Prozess selbst erfassen. • Einbezug der Öffentlichkeit: Ist der Prozess für die nicht direkt am Verfah- ren Beteiligten transparent (beispielsweise via Öffentlichkeitsarbeit)? Wann werden Informationen an die Öffentlichkeit vermittelt werden? Dies kann zu Beginn, während oder nach dem Verfahren sowie in allen Phasen geschehen. • Kontext des Verfahrens: Fließen Ergebnisse aus anderen Prozessen mit ein (Anschlussfähigkeit)? • Transparenz über Ziele des Verfahrens: Werden die Teilnehmer darüber auf- geklärt, was mit den Ergebnissen passiert? Sind die Ziele so festgehalten, dass sie direkt an die Zielgruppen kommuniziert werden können? Sind die Ziele einfach zusammengefasst? • Explikation des Rollenverständnisses der Teilnehmer: Werden die Teilnehmer über ihre persönliche Rolle im partizipativen und politischen Prozess aufge- klärt und findet eine solche Bewusstseinsbildung im Verfahren statt? • Rückkopplung der Ergebnisse: Wird nach der Durchführung des Verfahrens auch über die Wirkung und Umsetzung der Ergebnisse dieses Verfahrens im weiteren Prozess informiert? Eine Balance der Für und Wider und die Einbeziehung verschiedener Sichtweisen und Interessen bei der Wahl der richtigen Instrumente erhöhen die Qualität des Willensbildungsprozesses und die Wahrscheinlichkeit, ein Ergebnis zu finden, das für einen möglichst hohen Anteil der gesamten Bürgerschaft zutrifft. 14.2 Bürgerorientierte Verwaltungssteuerung 162 14 Theorien der Verwaltungsentwicklung 14.3 Gesetzliche Grundlagen und erweiterte Definition der Bürgerbeteiligung Vor allen die unter anderem von Joseph Schumpeter (vgl. Schumpeter, zitiert nach Bertelsmann Stifung 2004, S. 23 ff.) geäußerten Vorstellungen, dass allein die Wahl Sache der Bürger sei und diese einsehen müssten, dass die politische Tätigkeit Sache der Politiker ist und nicht die ihre, werden dem Demokratieverständnis der heutigen Gesellschaft nicht mehr gerecht. Die Bürgerbeteiligung ist heute in den Gemeindeordnungen der Bundesländer geregelt. Spätestens seit den 1960er Jahren hat sich das Selbstverständnis vom Staat als auch das vom Bürger gewandelt und eine neue Zielrichtung ist ent- standen: die Stärkung der Bürgergesellschaft hin zu verbesserten Beteiligungs- chancen bei der Gestaltung und Entwicklung des Gemeinwesens. Letzte große gesetzliche Änderungen einer demokratischen Umgestaltung gab es in den 1990er Jahren. Nach der Wiedervereinigung wurden in den neuen Bundesländern verfassungsrechtliche Grundlagen für die Landes- und Kommunalebenen und ent- sprechende Verwaltungsstrukturen geschaffen. Nicht in allen Gemeindeordnungen finden sich deutliche und so weitgehende Formulierungen der unmittelbaren Bürgerbeteiligung wie in der Gemeindeord- nung des Landes Brandenburg: „Die Gemeinde erfüllt ihre Aufgaben in bürger- schaftlicher Selbstverwaltung zum gemeinsamen Wohl aller Einwohner durch ihre von den Bürgern selbst gewählten Organe und im Rahmen der Gesetze durch die Bürger unmittelbar.“ Im Gegensatz zu Regelungen in alten Bundesländern wird mit dieser Formulierung ein deutlicher Qualitätssprung bei der Beteiligung der Bürger zementiert, definieren doch viele Gemeindeordnungen lediglich „die Förderung des Gemeinwohls in bürgerschaftlicher Selbstverwaltung“ (Baden- Württemberg) oder formulieren zur direkten Bürgerbeteiligung „nichtssagend„, dass Gemeinden „… die Grundlage des demokratischen Lebens [bilden]“ (Bay- ern, Hessen, NRW) bzw. „… zugleich Glied des demokratischen Staates [sind]“ (Saarland). Rechtlich wird also zwischen unmittelbarer und mittelbarer Demokratie unter- schieden. Zu den Formen unmittelbarer Demokratie zählen nur verbindliche Per- sonal- und Sachentscheidungen unmittelbar durch die Bürger (vgl. Detjen 2000, S. 51). Auf kommunaler Ebene trifft das z. B. zu bei der Wahl des Bürgermeis- ters und beim Bürgerentscheid. Formen unechter Demokratie sind unverbindliche 163 Anregungen, Initiativen oder vergleichbare Einwirkungen der Bürger auf kommu- nalen Entscheidungen wie z. B. der Einwohnerantrag, die Einwohnerfragestunde sowie Anregungen und Beschwerden. Um es gleich an dieser Stelle zu sagen: Der Demokratiegehalt der Kom- mune kann nicht an normativen Einteilungen von unmittelbaren oder mittelbaren Demokratieformen bestimmt werden. Formale Prozesse (Beteiligungen auf der Grundlage gesetzlicher Normen) können durch informelle (freiwillige) Beteili- gungsprozesse ergänzt werden (siehe das Beispiel Rheinland-Pfalz, Kap. 18). 14.3.1 Bürgerkommune als Treiber des Gesetzgebers Die unmittelbare und mittelbare Demokratie hat trotz der gesetzlichen Elemente direkter Demokratieformen ein seit Jahren zunehmendes Legitimitätsproblem. In den letzten 20 Jahren nimmt die Bedeutung kooperativer Beteiligungsverfahren permanent zu, weil ein wachsender Teil der Bevölkerung eine höhere Bereitschaft zeigt und erweiterte dialogische Teilhaberechte fordert. Der Begriff der „Bürger- kommune“ taucht seit dem immer häufiger in der Fachdiskussion auf (vgl. Bogu- mil et al. 2006, S. 17). Darauf hat auch der Gesetzgeber reagiert. In vielen Bundesländern gab und gibt es gesetzliche Reformen und Refor- manstrengungen zur Verbesserung der Bürgerbeteiligung vor allem durch Ände- rungen und Anpassungen der Gemeindeordnungen. In den Gemeindeordnungen sind die Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger durch übliche Definitionen wie Bürgerbegehren und Ratsbürgerentscheiden bzw. Ratsreferenden, also von der Verwaltung initiierte Bürgerentscheide, gesetzlich definiert. Ein Bürgerbegehren ist ein Instrument auf kommunaler Ebene, mit dem Bürger einer Gemeinde einen Antrag auf Bürgerentscheid stellen. Auf den Stufen der Partizipation (Kap. 15) würde dieses Verfahren nicht über Stufe vier hinauskommen. In dem seltenen Fall, dass das Bürgerbegehren erfolgreich ist, wäre es mit der Stufe neun des Stu- fenmodells vergleichbar. Die Zahl der Ratsbürgerentscheide (vom Rat der Stadt/Gemeinde initiierte Bürgerentscheide) ist im Vergleich zu den durch Bürgerbegehren ausgelösten Bürgerentscheide gering. Dies liegt nach Auffassung von „Mehr Demokratie“ (vgl. „Mehr Demokratie“ o. J.) an außergewöhnlichen Bedingungen für die zu erreichende Zustimmung von zwei Dritteln der Bürgerstimmen. Die Bürgerbe- gehren wären nach Auffassung von „Mehr Demokratie“ höher, wenn mindestens 14.3 Gesetzliche Grundlagen und erweiterte Definition … 164 14 Theorien der Verwaltungsentwicklung zwei Punkte geändert würden (vgl. hierzu und im Folgenden Mehr Demokratie o. J., S. 4): Die thematisch Begrenzung für Bürgerbegehren müsste aufgeho- ben oder zumindest um einige Punkte reduziert werden (z. B. Entscheidungen im Rahmen der Bauleitplanung) und der Kostendeckungsvorschlag, wonach in einigen Bundesländern von den Initiatoren des Bürgerbegehrens ein Vorschlag zur Kostendeckung ihres Vorhabens erbracht werden muss, müsste gestrichen werden. Die Kostenregelung hat demnach in der Vergangenheit zu zahlreichen unzulässigen Bürgerbegehren geführt. Mit Blick auf positive Erfahrungen in den Ländern, wo kein Kostendeckungsvorschlag erforderlich ist (z. B. Bayern und Hamburg), wäre also die Abschaffung dieser Regelung zu fordern. Mehr Bürgerbeteiligung, mehr direkte Demokratie und mehr Transparenz will ganz aktuell auch das Land Baden-Württemberg mit einer vom Kabinett verab- schiedeten Novelle erreichen und die Möglichkeiten, sich auf kommunaler Ebene direkt zu beteiligen, eröffnen.4 Konkret geht es um die Senkung der Hürden für die direkte Entscheidung vor Ort über kommunale Fragen. Zudem wurde die Frist für Bürgerbegehren gegen Beschlüsse des Gemeinderats von sechs Wochen auf drei Monate verlängert. Auch Nicht-EU-Ausländer erhalten auf kommunaler Ebene mehr Mitspracherechte (vgl. Südwest Presse 2015). Direkte Demokratie hat auch Nachteile Geringere Hürden, mehr Beteiligung: das birgt auch Gefahren. Die Wil- lensbildung würde verzerrt werden. Plebiszitäre Verfahren wie Volksab- stimmungen konzentrierten sich immer auf bestimmte Einzelfragen, auf kommunaler Ebene z. B. zu Infrastrukturprojekten – und die interessierten die Menschen sehr unterschiedlich. Menschen, die sich besonders engagieren oder sich einfach mehr für Politik interessieren – und die typischerweise eher den besser gebildeten Schichten angehören –, hätten so einen größeren Einfluss, als ihnen eigent- lich zustehe. Die Folge: Das demokratische Gleichheitsprinzip werde 4Die Führungsakademie Baden-Württemberg bietet bereits Qualifikationsseminare (kom- plexe Entscheidungsprozesse, neues Selbstverständnis der Bürger etc.) zur Gestaltung, Durchführung und rechtlichen Bewertung von Beteiligungsseminaren an, vgl. z. B. https:// fueak.bw21.de/_iBms/Seminarbereich/Seminar.aspx?tabid-121&catid=1333&sId=11135, https://fueak.bw21.de/_iBms/Seminarbereich/Katalog.aspx?tabid-101.0&catid=1333. 165 verzerrt. Das sei schon ein erheblicher Nachteil dieser partizipativen Ver- fahren. Das stünde auch in einem Konflikt mit der Gemeinwohlverpflich- tung, die eine Kommune hat (vgl. Seibel 2015). Initiativen für mehr Bürgerbeteiligung gibt es auch auf Bundesebene. Seit 2013 ist das „Gesetz zur Verbesserung der Öffentlichkeitsbeteiligung und Vereinheitli- chung von Planfeststellungsverfahren“ in Kraft. Das Gesetz sorgt dafür, dass bei Großvorhaben eine stärkere Öffentlichkeitsbeteiligung erreicht wird. Das Gesetz regelt eine „frühe Öffentlichkeitsbeteiligung“ bei Großvorhaben mit einer ent- sprechenden sogenannten Hinwirkenspflicht der Verwaltung. Die breite und früh- zeitige Beteiligung der Öffentlichkeit umfasst die frühzeitige Unterrichtung über allgemeine Ziele des Vorhabens, die Gelegenheit zur Äußerung für die Öffentlich- keit, die Erörterung sowie Mitteilung der Ergebnisse an die zuständige Behörde. Eine Öffentlichkeitsbeteiligung ist bereits bei vielen Vorhaben als wichtiges Verfahrensinstrument vorgesehen und hat sich bewährt. Allerdings wurde die Öffentlichkeit bislang oft erst im förmlichen Verwaltungsverfahren beteiligt, also erst dann, wenn die Planung des Vorhabens bereits abgeschlossen war. Die „frühe Öffentlichkeitsbeteiligung“ bei Großvorhaben soll nun bereits vor dem eigentli- chen Verwaltungsverfahren stattfinden und einem möglichst großen Personenkreis offen stehen (vgl. Bundesministerium des Innern 2015). Eine direkte Bürgerbe- teiligung im Sinne einer bürgerschaftlichen Mitwirkung, die auf eine Integration der Bürger in die Planung und Entscheidungsfindung der Politik und Verwaltung gerichtet ist, muss aber noch einen Schritt weitergehen. Die Darmstädter Spielre- geln zur Bürgerbeteiligung sind ein solcher Schritt (vgl. Abb. 14.6). Sie wurden mit den Bürgern „in einem Beteiligungsverfahren zum Beteiligungsverfahren“ entwickelt. In Bürgerwerkstätten, über Internet-Plattformen, per Post und E-Mail sind Kommentare und Anregungen in den Prozess zur Erarbeitung der Leitlinien eingeflossen. Anregungen, die keinen Klärungsbedarf erfordern, wurden direkt in die nächste Textversion aufgenommen. Kommentare mit Klärungsbedarf wurden im Arbeitskreis Bürgerbeteiligung aufgegriffen und der weitere Umgang damit abgestimmt. Die finalen Leitlinien (vgl. Abb. 14.7) wurden durch den Arbeitskreis Bürgerbeteiligung an den Magistrat überreicht, beraten und beschlossen. Nun 14.3 Gesetzliche Grundlagen und erweiterte Definition … 166 14 Theorien der Verwaltungsentwicklung Abb. 14.6 Grundsätze der Bürgerbeteiligung im Darmstädter Modell 167 14.3 Gesetzliche Grundlagen und erweiterte Definition … sollen die Leitlinien des „Darmstädter Modells“ angewandt werden (vgl. Stadt Darmstadt 2015). Für jedes Beteiligungsverfahren ist ein Konzept zu erstellen (Punkt 3 des Ablaufschemas in Abb. 14.6). 14.3.2 Freiwilligkeit: Verwaltungshandeln zwischen Aktion und Reaktion Die gesetzlichen Möglichkeiten scheinen begrenzte Wirkungen zu haben, um durch kommunales Handel eine „Bürgerfokussierte Verwaltung“ zu entwickeln. Es geht einerseits darum, Ideen der Bürger aufzunehmen und den Partizipationsprozess zu gestalten und andererseits Prozesse zu initiieren, in denen gemeinsam mit den Bür- gern Ideen generiert werden. Wenn der „Übergang von der Dienstleistungskommune Abb. 14.7 Leitlinien des Darmstädter Modells zur Bürgerbeteiligung. (Quelle: „sei DAbei“, S. 25) 168 14 Theorien der Verwaltungsentwicklung zur Bürgerkommune bedeutet, dass die Kommune für ihre Bürger da ist (…) und dass die kommunalen Mandatsträger und Verwaltungen von Rechtswegen verpflich- tet sind, in allen wichtigen Angelegenheiten den Willen der Bürgerschaft zu kennen und ihn bei ihren Entscheidungen zu berücksichtigen“ (Storl 2009, S. 29), dann ist die Bürgerkommune nicht der richtige Ausdruck für eine Partizipationsform, die in diesem Buch für eine zukunftsfähige Verwaltung gefordert wird. Eine Bürgerbeteiligung, die auf einer Rechtspflicht der Verwaltung beruht und den Kommunen gebietet, ihren Bürgern Einfluss auf ihre Leistungen und Pro- gramme zu gewähren, ist nicht identisch mit einer bürgerorientierten Verwaltung, die auf die Integration der Bürger in ihre Entscheidungen gerichtet ist. Es geht darum, Bürgerbegehren zu antizipieren und im Rahmen von echter Beteiligung Meinungen der Bürger in die Entscheidungsfindung der Verwaltung einfließen zu lassen. Die Gesetzeslage verbietet diese Vorgehensweise nicht. Einzig und allein kommt es darauf an, dass die Verwaltung sich freiwillig auf diesen Weg begibt. Die gesetzlich vorhandenen formellen Elemente der direkten Demokratie – vor allem Bürgerbegehren, Bürgerentscheid, Petitionsrechte, Beteiligungen von Sach- verständigen, Einwohnerantrag und Einwohnerfragestunde – stellen grundsätzlich eine rechtliche Verpflichtung der Verwaltung zur Reaktion dar (Ausnahme: Rats- bürgerentscheide, wenn sie nicht eine Reaktion auf Initiativen der Bürger sind). Mit dem Bürgerentscheid und des ihn einleitenden Bürgerbegehrens wird der Bürger sogar als kommunaler „Gesetzgeber“ tätig. Wenn man dieser Differen- zierung folgt (vgl. Naßmacher 1998, S. 63), gehören alle Beteiligungsformen zur Kategorie „Ideengeber ist allein der Bürger“. Für bürgerfokussiertes Verwaltungs- handeln reicht aber eine Reaktion auf Ideen durch den Bürger nicht aus. Ideen dürfen sich aber nicht auf gesetzliche Regelungen reduzieren, in denen die Beteiligung gesetzlich gefordert wird und strukturell und prozessual beschrie- ben ist. Die Wissenschaft hat bereits 2006 festgestellt, dass die Bürger durch eine kooperative Demokratie ihre Meinungen differenzierter zum Ausdruck bringen können als bei reinen Bürgerentscheiden (vgl. Bogumil et al. 2006, S. 72) und dass eine erfolgreiche Kooperation nicht erzwungen werden kann. Bürgerorien- tiertes Verwaltungshandeln wird von Bürgern nur dann als authentisches Han- deln wahrgenommen, wenn die Verwaltung sich nicht einen Beteiligungszwang vorhalten lassen muss, sondern über die gesetzlichen Regelungen hinausgehende informelle Formen der Partizipation bei jeder sich bietenden und passenden Gele- genheit freiwillig mit eigenen Ideen nutzt (bürgerfokussierte Kooperation). 169 Begriffsverwirrung: Bürgerbeteiligung bei Windrädern ganz anderer Art Besondere Aufmerksamkeit erhält derzeit das vom Landtag Mecklenburg- Vorpommern verabschiedete Gesetz (Landtag M-V, Drs. 6/4568), weil es sich um einen bundesweit einzigartigen Vorstoß handelt. Um die Akzeptanz neuer Windräder zu steigern, sollen sich Kommunen und Bürger in Meck- lenburg-Vorpommern künftig am Gewinn der vor ihrer Haustür errichteten Windkraftanlagen beteiligen können. Windkraft-Investoren werden darin verpflichtet, Anliegergemeinden und Privatpersonen im Umkreis von 5-km- Radius Beteiligungen von mindestens 20 Prozent anzubieten. Ein Anteil solle maximal 500 Euro kosten. Alternativ sollen den Betroffenen Strompreis- nachlässe gewährt werden können (vgl. Landesregierung Mecklenburg- Vorpommern 2016). Handelt es sich hierbei zwar um eine Möglichkeit, die Akzeptanz von kommunalen Projekten – in diesem Fall Windkraftanlagen – zu erhöhen, so ist das Verfahren aber weit davon entfernt, sich in die Reihe eines direkt- demokratischen Verfahrens zur Mit-Gestaltung der Kommune einzureihen. Mit der Möglichkeit der Partizipation ist hier die (finanzielle) Partizipation an dem Betrieb von Windenergieanlagen geregelt, nicht die Partizipation der Bürger an kommunale Entscheidungen. Im Sinne des Stufenmodells (Abschn. 15.1) handelt es sich um eine Nicht-Partizipation der Gemeinde- bürger durch die Verwaltung. Literatur Alcántara, S., Kuhn, R., Renn, O., Bach, N., Böhm, B., Dienel, H.-L., Ullrich, P., Schrö- der, C., Walk, H. (2014): DELIKAT – Fachdialoge Deliberative Demokratie: Analyse Partizipativer Verfahren für den Transformationsprozess. In: Bundesumweltamt (Hrsg.): TEXTE 31/2014. Umw http://www.nexusinstitut.de/images/stories/content-pdf/delikat_ bericht.pdf eltforschungsplan des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Dessau-Roßlau. URL: (abgerufen am 12.10.2016). Banner, G. (1998): Über den Kirchturmshorizont hinaus. Überlokale Zusammenarbeit. Von der Ordnungskommune zur Dienstleistungs- und Bürgerkommune. In: Zeitschrift „Der Bürger im Staat„, Baden-Württemberg: Landeszentrale für politische Bildung. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (2004): Politische Partizipation in Deutschland – Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage. Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. Bogumil, J., Holtkamp, L., Kißler, L. (2006) : Kooperative Demokratie. Das demokratische Potenzial von Bürgerengagement. Frankfurt a. M./New York: Campus. Literatur 170 14 Theorien der Verwaltungsentwicklung Bundesministerium des Innern (2015): Online unter http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/ Pressemitteilungen/DE/2012/02/planfeststellung.html [abgerufen am 11.10.2015]. Detjen, J. (2000): Demokratie in der Gemeinde, Bürgerbeteiligung an der Kommunalpolitik in Niedersachsen. Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, Hannover. Hellmann, G. (2012): Verwaltungsmodernisierung. Modell, Reform, Erfolgreiche Steue- rung. Münster: MV Wissenschaft. Hollmann, J., Daniels, K. (2016): Anders wirtschaften. 2. Aufl. Heidelberg: Springer. KGSt (1992): Dezentrale Ressourcenverantwortung: Überlegungen zu einem neuen Steue- rungsmodell. KGSt-Bericht Nr. 12/1991. KGSt (1993): Das neue Steuerungsmodell. Begründung, Konturen, Umsetzung. KGSt- Bericht Nr. 5/1993. KGSt (1999): Bürgerengagement – Chancen für Kommunen. KGSt-Bericht Nr. 6/1999, Köln. KGSt (2014): Leitbild Bürgerkommune. Entwicklungschancen und Umsetzungsstrategien. KGSt-Bericht Nr. 3/2014, Köln. Klug, C. (2009): Erfolgsfaktoren in Transformationsprozessen öffentlicher Verwaltungen. Empirische Untersuchung zur Entwicklung eines Veränderungsmanagements. Kassel: kassel university press. Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern (2016): Bürger- und Beteiligungsgesetz Mecklenburg-Vorpommern, online unter http://www.regierung-mv.de/Landesregierung/ em/Energie/Wind/Bürger-und-Gemeindebeteiligungsgesetz [abgerufen am 01.03.2017]. Mehr Demokratie (o. J.): Mehr Demokratie Landesverband Hessen: Stellungnahme zum Gesetz zur Erleichterung der Bürgerbeteiligung auf Gemeindeebene und zur Änderung kommunalrechtlicher Rechtsvorschriften. Naßmacher, H. (1998): Politikwissenschaft, 3. Aufl. München. Schäfer, R. (2001): Bürgerkommune, Motor des gemeindlichen Fortschritts? Chancen und Risiken der aktiven Bürgergesellschaft. Vortrag im Rahmen des Deutschen Städte- und Gemeindebunds am 25.10.2001. URL: http://www.schaefer-bergkamen.de/buergkom. pdf (abgerufen am 12.10.2016). Seibel, W. (2015): Online-Beitrag in der Südwest Presse am 11.02.2015 [abgerufen am 12.10.2015]. Stadt Darmstadt (2015): Sei DAbei! Bürgerbeteiligung für Darmstadt, https://da-bei.darm- stadt.de/discuss/leitlinien/ [abgerufen am 02.11.2015]. Storl, K. (2009): Bürgerbeteiligung in kommunalen Zusammenhängen. Potsdam: Universi- tätsverlag. Südwest Presse (2015): http://www.swp.de/ulm/nachrichten/suedwestumschau/Kabinett- verabschiedet-Gesetz-fuer-mehr-Buergerbeteiligung-in-Kommunen;art4319,3040992 [abgerufen am 12.10.2015]. 171 Prozessschritte der Partizipation 15.1 Stufenmodell der Partizipation Jeder, der Dir sagt, dass es einfach wäre, eine verantwortungsfähige und konstruk- tive Partizipation zu realisieren, ist entweder ein Lügner, ein Managementberater oder beides (Hollmann und Hellmann). Als Führungskraft können Sie bei der Planung eines Partizipationsprozesses auf ein Stufenmodell zurückgreifen, das Ihnen einen Orientierungsrahmen bietet (vgl. Abb. 15.1). Dieser Rahmen ist ein handlungsleitendes Instrument, um das Ver- hältnis der Verwaltung zu den Bürgern zu reflektieren und den Grad der Partizipa- tion zu konzipieren. Zahlreiche Maßnahmen, die für partizipativ gehalten werden, bieten tatsächlich keine Möglichkeit für eine Beeinflussung der Entscheidungs- prozesse und sind daher nicht als partizipativ einzustufen. In vielen Zusammen- hängen müssen zunächst Vorstufen der Partizipation realisiert werden, bevor eine umfassende Beteiligung der Zielgruppe an Entscheidungsprozessen möglich ist. Bei zunehmender Erfahrung mit Beteiligungsverfahren wird die Sicherheit der Verantwortlichen in der Verwaltung steigen, Bürger in einer höheren Partizipati- onsstufe einzubeziehen. Auf dieser Grundlage können Strategien zur Stärkung der Partizipation von Zielgruppen in der Bürgerschaft, die bisher nur schwach an Ent- scheidungsprozessen beteiligt sind, entwickelt werden. Auf der Ebene der Nicht-Partizipation (Stufe 1 und 2) sind verschiedene Vari- anten vorstellbar. In diesem Buch werden zwei Ausprägungen beschrieben. Stufe 1: Instrumentalisierung Die Belange der Bürger spielen keine Rolle. Entscheidungen werden außerhalb der Bürgerschaft getroffen und die Einstellungen und Interessen der Verwaltung 15 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_15 172 15 Prozessschritte der Partizipation stehen im Mittelpunkt. Bürger nehmen eventuell an Veranstaltungen teil, ohne deren Ziel und Zweck zu kennen (Zielgruppenmitglieder als „Dekoration“). Beispiel Nur die Bewohner eines Stadtviertels, die die Ansichten der Entscheidungs- träger vertreten, werden nach ihrer Meinung gefragt. Das Ergebnis der Befra- gung wird als Meinung aller Bewohner des Stadtviertels dargestellt. Stufe 2: Anweisung Entscheidungsträger aus der Verwaltung nehmen die Lage der betroffenen Bürger wahr. Ausschließlich auf Grundlage der (fachlichen) Verwaltungsmeinung wer- den die Probleme der Betroffenen definiert und Vorgänge zur Beseitigung oder Linderung der Probleme festgelegt. Die Meinung der betroffenen Bürger zu ihrer eigenen Situation wird nicht berücksichtigt. Die Kommunikation seitens der Ver- waltung ist direktiv. Beispiel Viele herkömmliche Leit- und Entwicklungsfragen (Bauleitplanung, Stadtent- wicklungsplanung) sind dadurch geprägt, dass Fachkräfte der Verwaltungs- abteilungen die alleinige Verantwortung für die Definition des Problems und deren Beseitigung im gesetzlichen Sinne tragen. Bei den Vorstufen der Partizipation (Stufen 3 bis 5) handelt es sich um eine zunehmend starke Einbindung von Bürgern in Entscheidungsprozesse, auch wenn (noch) kein direkter Einfluss auf die Entscheidungsprozesse möglich ist. Abb. 15.1 Stufenmodell der Partizipation. (Quelle: www.partizipative-qualitaetsentwick- lung.de) 173 Stufe 3: Information Entscheidungsträger aus der Verwaltung teilen den betroffenen Bürgern mit, wel- che Probleme diese Gruppe (aus Sicht der Verwaltung) hat und welche Hilfe sie benötigt. Verschiedene Handlungsmöglichkeiten werden der betroffenen Bürger- schaft für die Beseitigung oder Linderung ihrer Probleme empfohlen. Das Vor- gehen der Verantwortlichen aus der Verwaltung wird erklärt und begründet. Die Sichtweise der Betroffenen wird berücksichtigt, um die Akzeptanz der Informati- onsangebote und die Aufnahme der Botschaften zu fördern. Beispiel Herkömmliche Aufklärung fällt in der Regel unter diese Kategorie. Im Rah- men von z. B. kommunalen Kampagnen oder auf Veranstaltungen steht die Mitteilung von Informationen, die von Verwaltungsexperten aufbereitet und vorgestellt werden, im Vordergrund. Hierunter fallen auch gesetzlich geregelte Öffentlichkeitsbeteiligungsverfahren z. B. nach § 3 BauGB. Stufe 4: Anhörung Entscheidungsträger aus der Verwaltung interessieren sich für die Sichtweise der betroffenen Bürger auf ihre eigene Lage. Die Bürger werden angehört, haben jedoch keine Kontrolle darüber, ob ihre Sichtweise Beachtung findet. Beispiel Die am häufigsten verwendete Form der Anhörung in der Praxis ist das Ange- bot der „Einwohnerfragestunde“ im Rahmen einer öffentlich stattfindenden Sitzung des Stadtrates. Ob schriftlich oder mündlich haben Bürger, die an der Sitzung als Besucher teilnehmen, die Möglichkeit, ihre Sichtweise und Situa- tion dem Stadtrat zu schildern und konkrete Fragen zu stellen. Die Aussagen werden zur Kenntnis genommen, die Beantwortung der Fragen erfolgt direkt durch die Mitglieder des Stadtrates oder durch die im Stadtrat vertretenden Mitglieder der Verwaltung. Hierzu gehören alle formellen Anhörungen (Auf- gabe der Anhörungsbehörden und Anhörungsgremien). Stufe 5: Einbeziehung Die Verwaltung lässt sich von ausgewählten Personen aus der betroffenen oder interessierenden Bürgerschaft (oft Personen, die den Entscheidungsträgern aus der Verwaltung nahestehen) beraten. Die Beratungen haben jedoch keinen ver- bindlichen Einfluss auf den Entscheidungsprozess der Kommune. 15.1 Stufenmodell der Partizipation 174 15 Prozessschritte der Partizipation Beispiel Bei der Überlegung zur Errichtung eines neuen Angebots nimmt die Verwal- tung Kontakt zu einer Migrantenorganisation auf, um sich näher über die Situ- ation der jungen Frauen aus dem entsprechenden Kulturkreis zu informieren. Bei der „echten“ Partizipation (Stufe 6 bis 8) hat die Zielgruppe eine formale, verbindliche Rolle in der Entscheidungsfindung. Stufe 6: Mitbestimmung Die Entscheidungsträger in der Verwaltung halten Rücksprache mit Vertretern der betroffenen und interessierenden Bürgerschaft, um wesentliche Aspekte einer Maßnahme mit ihnen abzustimmen. Es kann zu Verhandlungen zwischen den Bürgern und der Verwaltung zu wichtigen Fragen kommen. Die betroffenen Bür- ger haben ein Mitspracherecht, jedoch keine Entscheidungsbefugnisse. Oftmals handelt es sich um gemeinsam erarbeitete (unverbindliche) Vorschläge. Beispiele • Die Mitgliedschaft von betroffenen und interessierten Bürgern in einer ihr Anliegen betreffenden Projektgruppe der Verwaltung ist ein Beispiel der Mitbestimmung. • Eine andere Form der Mitbestimmung ist die Errichtung eines Nutzerbei- rats, bestehend aus Mitgliedern aus der betroffenen und interessierenden Bürgerschaft. Der Nutzerbeitrag hat in dieser Form überwiegend beratende Funktion in Fragen der Bedarfserhebung, Planung, Durchführung und Aus- wertung von Maßnahmen (im Gegensatz zu Entscheidungskompetenzen auf Stufe 8). • Formale Kooperationen mit Organisationen, die die Interessen der das Pro- jekt betroffenen Bürger vertreten, kann auch eine Mitbestimmung der Ziel- gruppe ermöglichen. Stufe 7: Teilweise Übertragung von Entscheidungskompetenz Ein Beteiligungsrecht stellt sicher, dass der betroffene und interessierte Teil der Bürgerschaft bestimmte Aspekte einer Maßnahme selbst bestimmen kann. Die Verantwortung für die Gesamtmaßnahme liegt jedoch bei der Verwaltung. 175 Beispiele • Die Verwaltung will einen Imagefilm über Ausbildungsplätze in Unterneh- men ihrer Gemeinde entwickeln und beauftragt eine Gruppe von Jugend- lichen und Unternehmensvertretern mit der inhaltlichen Gestaltung des Films. • Es bildet sich eine Gruppe von Vertretern aus der betroffenen und inte- ressierenden Bürgerschaft, deren Aufgabe es ist, neue Angebote für die betreffende Bürgerschaft zu entwickeln und umzusetzen (Peer-Ansatz). Die Gruppenmitglieder bestimmen, wie sie dieses Ziel am besten erreichen und bekommen von der Verwaltung Unterstützung, um ihre Ideen umzusetzen. Stufe 8: Entscheidungsmacht Die betroffenen und interessierten Bürger bestimmen die wesentlichen Aspekte einer Maßnahme selbst. Dies geschieht im Rahmen einer gleichberechtigten Part- nerschaft mit der Verwaltung oder anderen Akteuren. Andere Akteure außerhalb der betroffenen Bürger (z. B. Wirtschaftsverbände, Polizei) sind an wesentlichen Entscheidungen beteiligt, sie spielen jedoch keine bestimmende, sondern eine begleitende oder unterstützende Rolle. Beispiele • Ein Nutzerbeirat in der Verwaltung regt ein neues Angebot für die betrof- fenen Bürger an und übernimmt die Verantwortung für seine Planung und Durchführung. • Eine Migrantenorganisation nimmt Kontakt zu einer AIDS-Hilfe auf, um Unterstützung bei der Gestaltung von Aufklärungsveranstaltungen in Moscheen zu bekommen. Sie übernimmt die Aufklärungsarbeit und ent- scheidet selbstständig über Inhalte und Art der Durchführung. Ein Nutzerbeirat besteht aus Mitgliedern der Zielgruppe. Mitglieder des Nutzerbeirats können aktuelle oder potenzielle Nutzer der Angebote sein. Der Nutzerbeirat ist in der Organisationsstruktur der Verwaltung verankert und wird in Entscheidungsprozesse betreffend der Zielgruppe eingebunden. Ihm können auch Entscheidungs- und Durchführungskompetenzen übertra- gen werden. 15.1 Stufenmodell der Partizipation 176 15 Prozessschritte der Partizipation Die letzte Stufe des Modells (Stufe 9) geht über die Partizipation hinaus. Sie umfasst alle Formen selbst organisierter Maßnahmen, die nicht unbedingt als Folge eines partizipativen Entwicklungsprozesses entstehen, sondern von Anfang an von Bürgern selbst initiiert werden können. Stufe 9: Selbstorganisation Eine Maßnahme bzw. ein Projekt wird von betroffenen und interessierten Bür- gern selbst initiiert und durchgeführt. Die Entscheidungen trifft die Bürgergruppe eigenständig und eigenverantwortlich. Die Verantwortung für die Maßnahme liegt bei der Bürgergruppe. Die Entscheidungsträger der Verwaltung sind (nur) Mit- glieder der Bürgergruppe. Beispiel Diese Stufe schließt alle Formen von Initiativen ein, die von Menschen aus der Kommune selbst konzipiert und durchgeführt werden. Diese können formell (z. B. als Verein) oder informell als (spontane) Aktion von gleich gesinnten Bürgern organisiert werden. Beinahe alle empirischen Partizipationsuntersuchungen gehen davon aus, dass sich die Qualität einer konkreten Demokratie unter anderem an dem Ausmaß der Beteiligung ihrer Bürger an den politischen Prozessen festmachen lässt. In der Literatur werden drei Gründe genannt, warum sich viele Menschen nicht oder wenig an Politik beteiligen (vgl. Abb. 15.2): 1. Weil sie nicht können, d. h. es fehlen ihnen die notwendigen Qualifikationen. 2. Weil sie nicht wollen, entweder aus mangelndem politischen Interesse oder fehlender Überzeugung, etwas bewirken zu können. 3. Weil sie nicht gefragt werden: Es fehlt ihnen an Möglichkeiten, Institutionen und der Zugang zu politisch aktiven Menschen (vgl. Alcántara, Kuhn, Renn et al. 2014, S. 16). In der Vergangenheit scheiterten viele Beteiligungsverfahren beispielsweise an wesentlichen Bedingungen und Grundsätzen, die den Kriterien einer fairen und transparenten Beteiligung widersprachen. „Es gab unterschiedliche Rechte und Pflichten für die beteiligten Gruppen, es mangelte an Transparenz und Kommunikation (sowohl medial nach außen als auch innerhalb der Gruppe), die Moderation wurde nicht als neutral empfunden 177 und auch Gruppen außerhalb des Prozesses konnten ihre Machtposition nut- zen, um Einfluss auf den Prozess von außen auszuüben. Die zentralen Kriterien Inklusion (wer ist am Prozess beteiligt und wer hat Einfluss auf ihn), Transpa- renz (innerhalb und außerhalb des Prozesses) sowie Empowerment (gleiche Rechte und Pflichten für alle Teilnehmer/innen während des Verfahrens, sowie aktive Ansprache und Stärkung am Prozess nicht beteiligter Gruppen) wurden vernachlässigt.“ (Alcántara, Kuhn, Renn et al. 2014, S. 15). Anforderungen an partizipative Verfahren sind inzwischen erforscht. Folgende Kriterien sind nach dem Stand der Forschung für den Erfolg von partizipativen Verfahren ausschlaggebend (vgl. Alcántara, Kuhn, Renn et al. 2014, S. 15): 1. Auswahl der Verfahrensteilnehmer: Wer wird einbezogen und auf welcher Basis findet die Festlegung der Auswahlkriterien statt? 2. Integration von Sachwissen in das Verfahren: Hier ist auf Qualität und Ausge- wogenheit zu achten und darauf, dass die Bürger Zugang dazu bekommen. 3. Beachtung der Eignung des Themas: Es besteht immer die Gefahr, dass die Verfahren lediglich als Akzeptanzbeschaffungsmaßnahme für bereits getrof- fene Entscheidungen missbraucht werden oder die Themenstellung so diffus ist, dass die Ergebnisse keine praktische Relevanz mehr aufweisen. Abb. 15.2 Drei prozessuale Ausschlussfaktoren: Nicht Können, Nicht Wollen, Nicht Dür- fen 15.1 Stufenmodell der Partizipation 178 15 Prozessschritte der Partizipation 4. Legitimität der Ergebnisse: In diesem Zusammenhang wird die Möglichkeit einer Manipulation naiver Teilnehmer durch rhetorisch gut geschulte und stark interessensgeleitete Personen befürchtet. 5. Anschlussfähigkeit der erarbeiteten Ergebnisse: Aufgrund des informellen Charakters der Verfahren muss die Anschlussfähigkeit nicht zwingend vor- liegen. Dennoch sollten die Ergebnisse eine normative Kraft entwickeln und nicht folgenlos bleiben. 15.2 Fünf Schritte zur Vorbereitung der Bürgerbeteiligung Damit Sie die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren aus der Verwaltung und den betroffenen Bürgerschaftsgruppen in Partizipationsprozessen erfolgreich vor- bereiten können, hilft eine Vorgehensweise in fünf Arbeitsschritten. • Auswahl des Themas Der Gegenstand der Beteiligungskooperation wird in der Verwaltung ausgewählt und hierfür eine Projektgruppe gegründet. Es kann ein spezifisches Projekt oder eine einzelne Intervention infrage kommen. In dieser Planungs- und Recherche- phase ist es notwendig, sich ein vollständiges Bild über das Problem und über die möglichen Lösungsvorschläge zu machen. Um diese umfangreichen Infor- mationen zu bekommen, ist es ggf. auch erforderlich, Sachverständige und wei- tere Experten außerhalb der Verwaltung in die Recherche mit einzubeziehen. • Auflistung der relevanten Akteure Es wird entschieden, welche Akteur-Konstellation für den Erfolg des Betei- ligungsprozesses wichtig ist. Hierzu gehört auch die Analyse der bestehenden Machtstruktur bzw. Netzwerke der Akteure (Politik, Unternehmensgremien, Presse u. a.). Über Zielgruppe und Projekt hinaus können weitere wichtige (potenzielle) Kooperationspartner berücksichtigt werden (z. B. Politiker, Stiftun- gen, Träger von Einrichtungen etc.). Die Namen der Akteure werden aufgelistet. • Erste Zuordnung der Akteure im Diagramm (Ist-Zustand) Die einzelnen Akteure werden den Kreisen des Diagramms zugeordnet. In den innersten Kreis kommen die Akteure, die für Entscheidungen mit Bezug auf die Bürgerbeteiligung unentbehrlich sind. Je weiter ein Akteur vom Zentrum entfernt ist, umso geringer ist sein Einfluss auf die Entscheidungsfindung. Die Bezeichnungen der einzelnen Kreise und deren Beschreibungen helfen dabei, die Akteure zuzuordnen. Auf diese Weise entsteht ein Bild des Ist-Zustands der Entscheidungsmacht (Partizipation) der Akteure im Verhältnis zueinander (vgl. Abb. 15.3). 179 • Neue Zuordnung der Akteure im Diagramm (Sollzustand) Der nächste Schritt besteht aus der Darstellung des Sollzustands: Welche Akteure sollen wie an Entscheidungsprozessen beteiligt werden? Hierfür wird ein zweites Bild erstellt. • Maßnahmen zur Stärkung der Partizipation Der letzte Schritt besteht darin zu überlegen, was passieren muss, um vom Ist- zustand zum Sollzustand zu kommen. Im Vordergrund steht die Frage, was die Verwaltung selbst bzw. ihre Projektgruppe tun kann, um den Sollzustand zu realisieren. Ein Maßnahmenplan sowie Taktiken und Strategien müssen Even- tualitäten und mögliche Reaktionen sowie Möglichkeiten und Fähigkeiten der Akteure berücksichtigen. Abb. 15.3 Analyse der Macht- und Netzwerkstruktur 15.2 Fünf Schritte zur Vorbereitung der Bürgerbeteiligung 180 15 Prozessschritte der Partizipation 15.3 Vier Phasen der Durchführung der Bürgerbeteiligung Ein Partizipationsverfahren durchläuft vier Phasen: 1. Initiierung 2. Vorbereitung 3. Durchführung 4. Auswertung. Idealtypisch bauen alle Phasen aufeinander auf (vgl. Abb. 15.4), auch wenn viele Dinge kontinuierlich und parallel bearbeitet werden.1 Die folgenden vier Phasen in Form eines strukturierten Fragenkatalogs lis- ten die wichtigsten Anhaltspunkte auf, die es zu bedenken gilt, wenn ein Projekt durchgeführt und dabei eine qualifizierte Beteiligung erreicht werden soll. Phase 1 – Initiierung Ein Bürgerbeteiligungsprozess wird initiiert – wenn eine Beteiligung nicht gesetzlich vorgeschrieben ist –, wenn die Verwaltung bei einer Planung eine Beteiligung für sinnvoll erachtet oder wenn sie von der Bürgerschaft eingefordert wird und die Verwaltung bzw. der Gemeinderat sich für einen Beteiligungspro- zess entscheidet. Bereits in dieser Phase müssen Ziele klar definiert und Verant- wortlichkeiten geklärt werden. 1Dieser Prozess ist der Checkliste zu Bürgerbeteiligungsverfahren der Stadt Mannheim ent- nommen, vgl. Stadt Mannheim 2013, S. 29 ff. Abb. 15.4 Vier Phasen der Prozessvorbereitung 181 Vorab klären • Warum muss miteinander gesprochen werden? • Welche Handlungsspielräume gibt es? • Welchen Einfluss soll der Beteiligungsprozess auf das Vorhaben nehmen? • Kann/sollte ein freiwilliges Mitwirkungsverfahren in ein formelles Verfahren eingebettet werden? • Welche Relevanz hat das Vorhaben (gesamtstädtische oder stadtteilbezogene Bedeutung)? Ziele definieren • Was soll mit der Bürgerbeteiligung erreicht werden? • Welche Intensitätsstufe (Informieren, Anhören, Mitgestalten, Entscheiden) soll erreicht werden? • Was ist das Hauptziel? • Gibt es Nebenziele? Wenn ja, welche? Übergeordnete Ziele beachten • Welche strategischen Ziele der Verwaltung werden von dem Vorhaben berührt? • Welche sonstigen Ziele (z. B. der Stadtentwicklung/Quartiersentwicklung) werden von dem Vorhaben tangiert? Politische Rahmenbedingungen abstecken • Welche Beschlüsse, Vorgaben und Richtlinien betreffen das Vorhaben? • Hat das Vorhaben eine Bedeutung für anstehende Wahltermine? Finanzielle Rahmenbedingungen klären • Wie hoch sind die Kosten für die Bürgerbeteiligung (Personal, Raummiete, Honorare, Moderation, Technik, Catering, Öffentlichkeitsarbeit usw.)? • Werden die Kosten für das Beteiligungsverfahren in die Gesamtkosten des Vorha- bens mit eingerechnet oder gibt es bzw. braucht es eine eigene Haushaltsstelle? 15.3 Vier Phasen der Durchführung der Bürgerbeteiligung 182 15 Prozessschritte der Partizipation Politische Legitimation einholen • Sind die politischen Ebenen über das Vorhaben ausreichend informiert? • Gibt es politische Unterstützung für das Vorhaben? • Welche Ressourcen werden von den politischen Entscheidungsverantwortli- chen zur Verfügung gestellt? • Inwieweit würden die erarbeiteten Lösungen von der Politik berücksichtigt und umgesetzt werden (Einschätzung)? Rechtliche Rahmenbedingungen beachten • Welche Gesetze und Verordnungen sind relevant für das Vorhaben? Verantwortlichkeiten klären • Wer gibt den Auftrag für das Bürgerbeteiligungsverfahren? • Wer hat die Federführung? • Wer trifft welche Entscheidungen im Verfahren? Personelle Rahmenbedingungen klären • Wer ist in der Verwaltung mit der Durchführung der Bürgerbeteiligungsmaß- nahme beschäftigt? • Wie viele Arbeitsstunden werden kalkuliert? Besonderheiten und Erfahrungen beachten • Gibt es stadtteilspezifische Besonderheiten, die beachtet werden müssen? • Gab es in der Vergangenheit Vorkommnisse, die es zu beachten gilt? Phase 2 – Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete Eine professionelle und intensive Vorbereitung ist entscheidend, um eine gelun- gene Bürgerbeteiligung durchzuführen. Diese Phase nimmt im Verfahren den größten Zeitraum ein. So ist es nicht verwunderlich, dass es hier die meisten Fra- gen zu beantworten gibt. Gesamtkonzept erstellen • Wer erstellt das Gesamtkonzept für das Beteiligungsverfahren, in dem alle in dieser Checkliste angeführten Bereiche enthalten sind? 183 • Aus welchen Bausteinen und Kombinationen besteht die gesamte Bürgerbetei- ligungsmaßnahme (z. B. Informationen im Internet, Informationsveranstaltun- gen, zielgruppenspezifische Arbeit)? • Mit wem muss das Gesamtkonzept abgestimmt werden? Zeitpunkt klären • Zu welchem Zeitpunkt im Projekt soll der Beteiligungsprozess stattfinden? Zeitrahmen abstecken • Wie sieht der konkrete Zeitplan aus? • Welche Meilensteine können festgelegt werden? • Wie lange dauern die Phasen zwischen den Meilensteinen? Zeitplan visualisieren • Wie kann der Zeitplan anschaulich dargestellt werden? Zielgruppen und Rollen klären • Durch welche soziale Struktur ist der Einzugsbereich des Vorhabens geprägt? • Welche Zielgruppen sind von dem Vorhaben betroffen? • Welche Interessengruppen, lokale Träger, Einrichtungen, Initiativen und Ver- eine gibt es im Einzugsbereich? • Wer/welche Zielgruppe könnte im Laufe des Verfahrens positiv wirken? • Welche Rollen nehmen der Oberbürgermeister, der Bürgermeister, der Gemeinderat, der Bezirksbeirat/die Bezirksämter, die Fachleute, die Verwal- tung, die Moderierenden, die Prozessverantwortlichen, die Zielgruppen, die Medien usw. ein? • Wie werden die Rollen für alle Beteiligten geklärt und kommuniziert? Angemessen ansprechen • Mit welchen Anreizen und Rahmenbedingungen kann es gelingen, die gewünschten Zielgruppen zu beteiligen? • Wie können Menschen aktiviert werden, die selten oder nie Gehör finden? • Welche lokalen Multiplikatoren können bei der Ansprache der Zielgruppen helfen? 15.3 Vier Phasen der Durchführung der Bürgerbeteiligung 184 15 Prozessschritte der Partizipation • Gibt es kulturelle Besonderheiten von bestimmten Zielgruppen, die berück- sichtigt werden müssen? • Sind die Informationen für alle Zielgruppen verständlich? • Welche Möglichkeiten gibt es, an Adressen von Zielgruppen zu kommen? Kommunikationsstrategie festlegen • Wie wird intern in der Verwaltung kommuniziert? • Wie wird nach außen kommuniziert? • Welche Bedeutung hat die Öffentlichkeitsarbeit im Verfahren? • Wie und wann soll die Öffentlichkeit informiert werden? • Wie werden die Zwischenergebnisse kommuniziert? • Welche Möglichkeiten wurden geschaffen, damit von außen nach innen kom- muniziert werden kann (z. B. Foren, E-Mail-Adressen)? Bei Bedarf externen Sachverstand einholen • Welche Leistungen (Konzepterarbeitung, Moderation) kann ein externes Büro erbringen? • Welche relevanten Informationen müssen für den externen Auftragnehmer zusammengestellt werden? Moderation klären • Was ist bei der Moderatorenwahl zu beachten? • Welche Vorteile kann eine externe Moderation bieten? • Ist geklärt, ob eine externe Moderation hinzugezogen werden soll? Repräsentativität prüfen • Soll die Beteiligung repräsentativ sein oder reicht die Beteiligung ausgewähl- ter Zielgruppen? Geeignete Beteiligungsmethoden finden • Welche Beteiligungsmethode eignet sich für das Thema und die Zielgruppe? • Bietet es sich an, unterschiedliche Beteiligungsmethoden zu kombinieren? 185 Mögliche Konflikte beachten und bestehende managen • Wer könnte mit dem Vorhaben nicht einverstanden sein? • Mit welchen Störungen ist im Laufe des Verfahrens zu rechnen? • Wie soll mit Konflikten umgegangen werden? • Wer wird im Konfliktfall zwischen den Beteiligten vermitteln? Geeignete Räumlichkeiten finden • Mit wie vielen Leuten rechnen Sie? • Welcher Raum entspricht dem Anlass, der zu erwartenden Teilnehmerzahl und der Methode? • Ist der Veranstaltungsraum barrierefrei zugänglich? • Ist der Veranstaltungsraum mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut und barriere- frei zu erreichen? • Gibt es kostenlose bzw. kostengünstige Parkmöglichkeiten? Passende Uhrzeit und Dauer entscheiden • Um welche Uhrzeit werden die gewünschten Zielgruppen am besten erreicht? • Wie lange soll die Veranstaltung dauern? Anforderungen von besonderen Zielgruppen beachten • Gibt es besondere Anforderungen von Zielgruppen, die berücksichtigt werden müssen, z. B. Kinderbetreuung, Dolmetscher? Notwendige Technik organisieren • Welche Technik (Pinnwände, Moderationskoffer, Tontechnik) wird im Laufe des Verfahrens benötigt? • Wer organisiert die Technik? Wer kann hier unterstützen? Verpflegung organisieren • In welchem Umfang braucht die Veranstaltung ein Catering (Länge der Veran- staltung, Jahres- und Tageszeit)? • Sollte/muss kulturspezifisches Essen angeboten werden? • Können Kooperationspartner/Zielgruppen bei der Verpflegung eingebunden werden? 15.3 Vier Phasen der Durchführung der Bürgerbeteiligung 186 15 Prozessschritte der Partizipation Phase 3 – Durchführungsprozess Transparenz, Offenheit, Klarheit und Fairness sind wichtige Schlagworte in die- ser Phase. Idealerweise begegnen sich während des Prozesses alle Beteiligten auf Augenhöhe und verständigen sich auf Umgangsregeln. Bei Bedarf können Regeln im Laufe des Verfahrens weiterentwickelt werden. Sie sollten jedoch nicht immer wieder infrage gestellt werden. Um allen interessierten Menschen eine Beteiligung zu ermöglichen, ist unbe- dingt auf Barrierefreiheit zu achten. Diese beschränkt sich nicht nur auf roll- stuhlgeeignete Räumlichkeiten, sondern beinhaltet auch eine verständliche (Umgangs-)Sprache und Präsentationen nach dem Zwei-Sinne-Prinzip (d. h. min- destens zwei der drei Sinne (Sehen, Hören, Tasten) müssen angesprochen wer- den). Veranstaltung barrierefrei durchführen • Inwieweit wird gewährleistet, dass alle Menschen am Beteiligungsprozess in ausreichendem Maß teilhaben können? • Sind alle Informationen barrierefrei zugänglich? • Ist sichergestellt, dass das Zwei-Sinne-Prinzip angewendet wird? • Ist die Sprache klar und verständlich (z. B. einfach, möglichst ohne Fremd- worte)? Transparenz herstellen • Kennen alle Beteiligten Gegenstand und Ziel des Beteiligungsprozesses? • Ist allen Beteiligten klar, worin ihr Entscheidungsspielraum liegt? • Welche Hintergrundinformationen können Sie den Beteiligten zur Verfügung stellen? • Kennen alle Beteiligten ihre Rollen? • Sind alle Beteiligten darüber informiert, was mit den Ergebnissen des Verfah- rens geschehen wird und welche Verbindlichkeit diese haben? Spielregeln klären • Welche Spielregeln (z. B. Umgangs- und Kommunikationsregeln, Umgang mit Konflikten) werden zwischen den Beteiligten festgelegt? • Wie werden alle Beteiligten über die Einfluss- und Aktionsmöglichkeiten im Verfahren informiert? 187 Prozess steuern • Wer steuert den Prozess im Laufe des Verfahrens? • Wird das Verfahren kontinuierlich reflektiert und auf das Ziel abgestimmt? Informationsfluss gewährleisten • Wie wird der Informationsfluss zwischen den Betroffenen, den Fachbereichen und der Politik organisiert? Während des Verfahrens in der Verwaltung zusammenarbeiten • In welcher Form finden während des Verfahrens Abstimmungsgespräche innerhalb der Verwaltung statt? Kontaktperson bestimmen • Wer ist Ansprechpartner der Verwaltung für die Politik und die Bürgerschaft? Öffentlichkeitsarbeit im Prozess steuern • Inwieweit ist öffentliche Aufmerksamkeit erwünscht? Wer ist verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit? Phase 4 – Auswertung und wie es weitergeht Nach der Durchführung des Prozesses muss dieser evaluiert werden. Neben der Ergebnissicherung gehört hierzu die Prozess- und Ergebnisauswertung. Darüber hinaus müssen Überlegungen dazu angestellt werden, welche Ergebnisse zu wel- chem Zeitpunkt umgesetzt werden bzw. Berücksichtigung finden und wie dies kommuniziert wird. Für die Akzeptanz der nachfolgenden Verwaltungsentscheidungen ist ggf. ein Folgetreffen sinnvoll, in dem erläutert wird, wie die Abwägungsprozesse aus dem Diskurs die Entscheidungsfindung beeinflusst haben. Eine systematische Prozess- und Ergebnisauswertung ist auch wichtig für die Planung weiterer oder neuer Beteiligungsprozesse. Ergebnisse festhalten • Wie und von wem werden die Ergebnisse dokumentiert? • Wurde mit den Beteiligten Konsens über die Ergebnisse hergestellt, um Miss- verständnisse zu vermeiden? 15.3 Vier Phasen der Durchführung der Bürgerbeteiligung 188 15 Prozessschritte der Partizipation Ergebnisse präsentieren • Wie und von wem werden die Ergebnisse präsentiert? • Werden die Entscheidungen verständlich begründet? Ergebnisse auswerten • In welcher Form findet die Auswertung der Ergebnisse statt? • Was passiert mit den Ergebnissen aus der Bürgerbeteiligung? Ergebnisse umsetzen • Wer entscheidet über die Umsetzung von Ergebnissen? • Welche Ergebnisse werden umgesetzt? • Wie werden die am Prozess Beteiligten und die Bürgerschaft über die Umset- zung informiert? Überprüfung des Ziels • Inwiefern wurden die Ziele des Beteiligungsprozesses erreicht? Akteure würdigen und anerkennen • In welcher Art und Weise können die Beteiligten, die sich unentgeltlich betei- ligt haben, gewürdigt werden? Akteure über den Umsetzungsprozess hinaus beteiligen • Können bzw. sollen einzelne Personen weiterhin als lokale Experten bei der Umsetzung der Ergebnisse einbezogen werden? Die nächsten Schritte planen • Welche sind die nächsten Schritte zur Umsetzung der Ergebnisse? Prozess dokumentieren • Inwieweit kann der Beteiligungsprozess (inklusive Zeitachse) dokumentiert werden? 189 Erfahrungen nutzen • Inwiefern können Erfahrungen aus diesem Prozess für folgende Verfahren hilf- reich sein? • Ist ein Folgetreffen erforderlich/nützlich? • Sind die wichtigsten Punkte in der Veranstaltung abschließend diskutiert wor- den? • War die Strategie erfolgreich? • Waren die Einschätzungen der Macht und die Situationsanalyse im Vorfeld richtig? Literatur Alcántara, S., Kuhn, R., Renn, O., Bach, N., Böhm, B., Dienel, H.-L., Ullrich, P., Schrö- der, C., Walk, H. (2014): DELIKAT – Fachdialoge Deliberative Demokratie: Analyse Partizipativer Verfahren für den Transformationsprozess. In: Bundesumweltamt (Hrsg.): TEXTE 31/2014. Umweltforschungsplan des Bundesministeriums für Umwelt, Natur- schutz, Bau und Reaktorsicherheit. Dessau-Roßlau. URL: http://www.nexusinstitut.de/ images/stories/content-pdf/delikat_bericht.pdf (abgerufen am 12.10.2016). Renn, O., Webler, T. (1998): Der kooperative Diskurs – Theoretische Grundlagen, Anfor- derungen, Möglichkeiten. In: Renn, O. (Hrsg.): Abfallpolitik im kooperativen Diskurs: Bürgerbeteiligung bei der Standortsuche für eine Deponie im Kanton Aargau. Zürich: Vdf, Hochsch.-Verl. an der ETH, S. 3–103. Stadt Mannheim (2013): Mannheim gemeinsam gestalten. Bürgerbeteiligung, 2. Aufl. https://www.mannheim.de/sites/default/files/page/4775/handreichung_burgerbeteili- gung_fb15.pdf [abgerufen am 21.10.2015]. Literatur 191 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen Bürgerbeteiligung braucht einen ausreichenden Grad an Professionalisierung bei den Führungskräften in der Verwaltung. Bei der Professionalisierung der Bür- gerbeteiligung sind Aspekte hervorzuheben, die dazu dienen, die Vernetzung und Zusammenarbeit von Hauptamtlichen und Bürgern zu stärken. Die Vertreter der Verwaltung haben also die permanente Aufgabe, Bürger zu mobilisieren, zu inspi- rieren und zu qualifizieren. Um dabei erfolgreich zu sein, müssen hauptamtliche Akteure auch die Rahmenbedingungen und Strukturen bekannt sein. 16.1 Rahmenbedingungen für eine Beteiligungskultur Bürgerbeteiligung ist keine Spielwiese Bürgerbeteiligungsverfahren dürfen nicht als „Spielwiese“ oder als Alibi-Mit- mach-Veranstaltung missverstanden werden. Sie würden sich selbst ad absur- dum führen. Die finanziellen und personellen Ressourcen müssen im Haushalt budgetiert werden. Einige Kommunen, (z. B. Potsdam, Darmstadt) habe Stellen geschaffen und finanziell ausgestattet. So können sie in jeder Phase der Betei- ligung agieren und reagieren. Denn je aufwendiger konsultative und diskursive Verfahren mit Bürgern sind, desto größer werden die Erwartungen der Beteilig- ten. Soweit solche Beteiligungsmöglichkeiten dann noch Medienresonanz erzeu- gen, nimmt auch der öffentliche Druck zu. Wird Bürgerbeteiligung also initiiert, so muss sie nachweislich Konsequenzen haben. Die Bürger wollen die Folgen ihres Engagements spüren und sollten ggf. auch informiert werden, warum ihren Vorschlägen nicht gefolgt werden kann. Je klarer Entscheidungen diskutiert werden, desto größer wird die Bereitschaft zum 16 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_16 192 16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen Engagement sein. Zugleich setzt das voraus, dass die Politik tatsächlich bereit bzw. in der Lage ist, die in Bürgerbeteiligungsverfahren gefundenen Lösungen umzusetzen (vgl. Sarcinelli 2011, S. 163 f.). Von großer Bedeutung für den Bürger ist die Akzeptanz des Verfahrens bei den Entscheidern. Ohne eine Akzeptanz des Verfahrens wird der Bürger in der Verwaltung kein „Gehör“ finden. Eine gewisse Verlässlichkeitsgrundlage für die Bürger ist die Institutionalisierung (vgl. Klages 2011, S. 123). Das bedeutet im Einzelnen: • Verbindlichmachung der Verfahrensanwendung in Verbindung mit bestimmten zentralen Themenstellungen • Sicherstellung einer ausreichenden Bereitschaft der Entscheider zum „Ernst- nehmen“ und zur eingehenden Prüfung und Erörterung der Bürgervoten • Sicherstellung einer ausreichend transparenten und intensiven, „Rede und Ant- wort“ einschließenden „Rechenschaftslegung“ im Sinne der Rückkopplung der Entscheidungen zu den Bürgern unter Erläuterung der Gründe, die zur Annahme und insbesondere auch zu einer eventuellen Ablehnung ihrer Voten geführt haben. Transparenz Transparenz und damit die Herausgabe bzw. die Zurverfügungstellung von Daten sind eine Grundvoraussetzung für die Vertrauensbildung, die für eine erfolgreiche Partizipation und die Arbeit in Netzwerken unentbehrlich ist (vgl. im Folgenden KGSt 2014, S. 23 f.). Viele Kommunen haben hierauf schon reagiert und machen die Informationen, die sie in ihrer Verwaltungspraxis generieren und verwenden, der Öffentlichkeit zugänglich. Dies geschieht vermehrt durch die Einbindung von Social-Media-Angeboten. Dabei darf nicht vergessen werden, die Bürger über den oder die gewählten Informationskanäle zu informieren. Auch kleine Kom- munen (z. B. Zella Mehlis – „Logo Zella Mehlis: Das sind wir“) nutzen heute Social-Media-Möglichkeiten und integrieren diese in ihre Beteiligungsprozesse (vgl. YouthTubeZM 2015). 193 Die Forderung nach höherer Transparenz wird auch in Beteiligungsverfah- ren durch rechtliche und vertragliche Regelungen zur Informationsweitergabe begrenzt. Mit diesem Problem müssen die Verantwortlichen im Beteiligungspro- zess sensibel umgehen. Ziel muss es sein, so viele Informationen wie möglich öffentlich zu machen und zugleich muss darauf hingewiesen werden, welche Informationen nicht weitergegeben werden dürfen oder ab wann diese zur Verfü- gung stehen. Folgende Fragen helfen zur Prüfung, ob ausreichend Transparenz hergestellt wurde: • Kennen alle Beteiligten den Gegenstand und das Ziel des Beteiligungsprozes- ses? • Ist allen Beteiligten klar, worin ihr Entscheidungsspielraum liegt? • Kennen alle Beteiligten ihre Rollen? • Sind alle Beteiligten darüber informiert, was mit den Ergebnissen des Beteili- gungsverfahrens geschieht? • Ist den Beteiligten klar, welche Verbindlichkeit die erzielten Ergebnisse haben? • Sind die Beteiligten mit den notwendigen Hintergrundinformationen versorgt? Arbeit in Netzwerken Eine bessere Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen den einzelnen orga- nisierten Gruppen erleichtert die Kommunikation der Bürger mit den Entschei- dungsträgern auf gleicher Augenhöhe. Eine gute Zusammenarbeit erleichtert die Reflexion. Die Zusammenarbeit in Netzwerken bedeutet Kompetenzbündelung und schafft Synergien, Netzwerke sind Organisationsformen, die formell oder informell sein können (vgl. im Folgenden KGSt 2014, S. 24). • Formell: Zusammenarbeit auf der Basis konstituierender Ordnung und beste- hender Regeln. • Informell: Ohne konstituierende Ordnung und Regeln agieren die handelnden Personen im Sinne einer „Alltagskommunikation“. 16.1 Rahmenbedingungen für eine Beteiligungskultur 194 16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen Bei der formellen und informellen Netzwerkarbeit stehen sich „Bürokratisierung und Kompetenzgerangel“ und „Lebendigkeit und Unberechenbarkeit“ gegenüber. Nur Letzteres führt zu mehr Engagement, Kreativität und Flexibilität in Beteili- gungsprozessen. Verwaltungen beherrschen die formellen Netzwerkorganisationsformen. Daher geht es bei bürgerfokussierten Verwaltungen vor allem darum, die Netzwerke der informellen Formen zu erkennen, da informelle Netzwerke für den Erfolg von Beteiligungsprozessen eine elementare Bedeutung haben. Netzwerke brauchen ein professionelles (Netzwerk-)Management, um die vie- len Vorteile auch nutzen zu können: • Vermeidung von Doppelstrukturen • bessere Qualität der Arbeit durch Information • angemessener Mix aus professioneller Arbeit und informeller Hilfe • Möglichkeiten, Einfluss auf die Entscheidungsprozesse zu nehmen. „Bürgerbeteiligung ist eine wunderbare Sache. Niemand ist dagegen, alle verbinden etwas Positives damit. Aber wie schaffen wir es eigentlich, Beteiligungsillusionen zu verhindern und dadurch […] – ungewollt, aber folgenschwer – Beteiligungs- frustrationen zu programmieren? Darin sehe ich eine große Gefahr. Es ist deshalb wichtig, die Bürger nicht nur zu beteiligen, sondern ihnen hinterher auch offen und ehrlich zu sagen, was aus ihrer Beteiligung, ihren Ideen und Vorschlägen geworden ist (Dettling 2011, S. 190).“ Misstrauen und Eigeninteresse Der Kern der Schwierigkeiten, Bürger zu einer Beteiligung zu mobilisieren, könnte darin bestehen, dass die Bürger den Administratoren und vor allem den politischen Mandatsträgern kein ausreichendes Vertrauen schenken (Vertrauenslü- cke, Abb. 16.1). Vertrauen ist aber das Bindemittel für einen gelingenden Dialog. 195 16.1 Rahmenbedingungen für eine Beteiligungskultur Unter allen Berufsgruppen genießen Politiker weltweit das geringste Ver- trauen der Bevölkerung. In Deutschland sind es nur 15 Prozent, die Politi- kern vertrauen. Abb. 16.1 Liste der Berufsgruppen, geordnet nach Vertrauen. (Quelle: Deutsche Wirt- schafts Nachrichten DWN 2014) 196 16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen Abb. 16.2 Die Allensbacher Berufsprestige-Skala. (Quelle: IfD-Allensbach 2013) Nach der Allensbach-Berufsprestige-Skala (Abb. 16.2) sind es nur 6 Prozent, die vor Politikern Achtung haben. 197 Je größer die Distanz zwischen Verwaltung und Bürger ist, desto stärker das Misstrauen, das der jeweils andere mit Argwohn zu betrachten oder nicht ehr- lich sei. Wenn die Bürger Anhörungsveranstaltungen oder Bürgerversammlungen fernbleiben, sucht die Verwaltung hierfür häufig exklusiv die Gründe beim Bür- ger, indem sie folgert, dass es den Bürgern am Interesse für ihre Gemeinde fehlt. Im Ergebnis bestätigen sich die beiderseitigen Vorurteile von Bürgern und Ent- scheidern in einer Art „Teufelskreis“ und schaukeln sich gegenseitig hoch. Durch diese Art einer „self-fulfilling-prophecy“ entsteht eine Sogwirkung, die entgegen- stehenden Erfahrungen und Handlungsansätzen leicht den Boden entzieht mit der Folge, dass die zeitweilige Begeisterung zahlreicher Bürgermeister für die „Bür- gerkommune“ bereits wieder abflaut (vgl. Klages 2011, S. 121). Die Konsequen- zen werden unter Umständen erst bei der Wiederwahl offensichtlich. Es wäre aber genauso naiv, wie einerseits dem Verwaltungssystem das unein- geschränkte Vertrauen zu schenken, andererseits dem Bürger vorbehaltlos zu vertrauen und zu glauben, der Bürger handele nur jenseits seiner eigenen Interessen. Es muss dringend von der Vorstellung Abschied genommen werden, dass Bürgeren- gagement mit Altruismus verbunden ist. Es gibt keinen Grund, warum Bürger unei- gennütziger sein sollten als jeder Investor, dem es zugebilligt wird, seine Interessen zu verfolgen. Als Konsequenz wird vorgeschlagen, am Eigeninteresse der Betroffe- nen anzusetzen, um Bürgerbeteiligung zu fördern. Um beteiligungswillige Bürger nicht zu Statisten zu degradieren, müssen diese auch durchsetzungsfähig sein (vgl. Huber 2010, S. 98 m. w. H.). Vertrauen ist die Fähigkeit, nicht auf seinen schlechten Erfahrungen sitzen zu blei- ben (Lotter, W. 2014, S. 8). 16.2 Anforderungen an die Verwaltung und ihre Akteure Für die Professionalisierung innerhalb der Verwaltungen sind Strukturen zu ermöglichen, die die Querschnittfunktionen zur Förderung von Beteiligungs- prozessen unterstützen. Eine zentrale Stabsstelle für Bürgerbeteiligung, die aufgrund der besonderen und hierarchieübergreifenden Aufgabenstellen bei der Verwaltungsspitze angesiedelt ist, sollte die Anstoß- und Impulsfunktion sowie die Koordination- und Beratungsfunktion bei der Durchführung und Eva- luation von Beteiligungsprojekten sowie die Qualifizierungsfunktion für die gesamte Verwaltung übernehmen. Die Zusammenarbeit wird von einer Projekt- gruppe in der Verwaltung – vielleicht sogar von einem Arbeitskreis oder einer 16.2 Anforderungen an die Verwaltung und ihre Akteure 198 16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen Steuerungsgruppe – geplant und koordiniert. Zur Projektgruppe gehören alle Mitar- beiter aus Verwaltungsbereichen, die an der Realisierung und Auswertung der Inter- vention beteiligt sind. Die Vielfalt der Interessen (Multi-Stakeholder) ist genauso wichtig, wie die Vielfalt der Kompetenzen der einzelnen Personen, deshalb ist es notwendig zu überlegen, welche Stärken einzelne potenzielle Ansprechpartner besit- zen und diese ggf. weiterzuentwickeln. Kommunikation Eine bürgerfokussierte Verwaltung braucht Führungskräfte und Mitarbeiter mit Par- tizipationskompetenzen, die über klassisches Verwaltungshandeln hinausgehen. Da bei einer auf Bürgerbeteiligung fokusorientierten Verwaltung der Bürger und eine diskursive Zusammenarbeit im Vordergrund stehen, sind soziale Kompetenzen der kommunalen Mitarbeiter von elementarer Bedeutung. Hierzu gehören vor allem (vgl. hierzu KGSt 2014, S. 50): • Moderation • Gesprächsführung • Gestaltung von Beteiligungsprozessen • Systemisches Coaching • narrative Verfahren (Story Telling). Story Telling Methode zur Entwicklung von Erfahrungsgeschichten. Es wird einge- setzt, um die Hintergründe zu herausragenden Ereignissen und das impli- zite Erfahrungswissen der Beteiligten herauszufiltern und festzuhalten. Als nicht-technische Methode hat sie das Potenzial, assoziativ zu Reflexion und Zukunftsgestaltung anzuregen. Die Einnahme dieser Rolle wäre mit einer veränderten Grundhaltung gegenüber den Bürgern verbunden: • Verabschiedung vom allwissenden Experten • Minimierung von Ämter- und Abteilungsegoismus • stärkere projektbezogene interdisziplinäre Arbeit über Hierarchieebenen hinweg. 199 Die Nutzung von alternativen Entscheidungs- und Kommunikationsmöglichkei- ten erweitern auch die Zielstellungen von Bürgerbeteiligungsprozessen. In den Fokus rücken nun verstärkt Kommunikation und ihre Akzeptanz. Anders als bei den klassischen administrativen Verfahren, wird hier neben dem Ergebnis vor allem auch der Prozess betrachtet (vgl. Storl 2009, S. 90). Der Moderation kommt daher eine große Bedeutung zu. Sie besteht in der Einbettung der Kommunikation zwischen Kommune und Bürger. Das Kommunikationsmanagement hat die Auf- gabe, einen kooperativen Interessenausgleich aus Einzelinteressen mit möglichst breit akzeptierten Ergebnissen zu bewerkstelligen, also zu einem Ausgleich zu führen. Moderne Beteiligungsprozesse haben dies erkannt und erzeugen gemein- wohltaugliche Lösungen, statt Einzelinteressen in den Fokus zu stellen. Da es in der Regel mehrere sehr heterogene Akteure gibt, bedarf es multilate- raler Zugangsweisen und einer entsprechenden Kommunikation. Dabei ist darauf zu achten, dass nicht mehr nur ein Kommunikationsweg die Beteiligung ermög- licht, sondern unterschiedliche Medien benutzt werden (Multichannel-Kommuni- kation, vgl. Abb. 16.3). „Der Pluralisierung von Milieus und Lebensweisen wird Abb. 16.3 Multichannel-Kommunikation. (Quelle: Storl 2009, S. 93) 16.2 Anforderungen an die Verwaltung und ihre Akteure 200 16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen mit der Unterscheidung der Öffentlichkeit in mehrere Öffentlichkeiten und der darauf ausgerichteten Zielgruppenerreichung entsprochen.“ (Storl 2009, S. 92). In einer Zeit der elektronisch gestürzten Mobilität der Gesellschaft besteht mit der Multichannel-Kommunikation die Aussicht, Bürgerbeteiligungsverfahren effek- tiver auf Zielgruppen auszurichten und auf ihren Bedarf an Mitgestaltung anzuglei- chen. Dem Kommunikationsmanagement kommt dabei eine große Bedeutung zu (vgl. im Folgenden KGSt 2014, S. 52 f.): • Fragen, Anregungen, Hinweise und Kritik der Bürger erfordern eine Artikula- tionsmöglichkeit. • Dem Know-how der Bürger muss ein Diskussionsplatz geboten werden. • Die Entscheidungen in politischen Gremien und in der Verwaltung müssen nach außen kommuniziert werden. • Alle aktuellen und zukünftig relevanten Themen müssen aktiv in die Diskus- sion eingebracht werden. Dabei sind die Themen nach ihrer Bedeutung und Gewichtung zu unterscheiden. Das gilt vor allem, weil Themen von den Bür- gern nur selektiv wahrgenommen werden. • Neben der Kommunikation mit den „Bürgern“ sind ggf. einzelne Zielgruppen gesondert anzusprechen. • Zur differenzierten Zielgruppenansprache müssen unterschiedliche Informa- tions- bzw. Kommunikationskanäle bedient werden. • Bei der Kommunikation und bei der Wahl der Kommunikationskanäle sind Sym- pathie und Interesse der Zielgruppen sowie ihre Angelegenheiten zu beachten. • Kommunikationsaktivitäten müssen innerhalb der Verwaltung organisiert wer- den, notwendige Regeln (z. B. einheitlicher Auftritt) müssen erstellt werden. • Social Media bieten der Kommune neue Möglichkeiten der Information und Kommunikation. Sie treffen in der Bevölkerung auf eine große Reichweite, aber auch auf unterschiedliche Resonanz. Know-how In der Literatur und in den Medien herrscht die mehrheitliche Erkenntnis, dass die Anzahl der Beteiligungsverfahren heute wesentlich höher ist als noch vor 20 Jah- ren. Die Frage ist aber, ob eine höhere Anzahl von Beteiligungsverfahren auch mit einer zunehmenden Professionalisierung Hand in Hand geht. Zur Sicherung von Ergebnisqualität ist die Einbindung von Sach- und Prozesskompetenz daher ein wichtiger Eckpfeiler eines qualitätsorientierten Beteiligungsprozesses (vgl. hierzu und im Folgenden Storl 2009, S. 95 f.). Sachverstand beinhaltet spezifische Fachkenntnisse, spezifische Informationen und Erfahrungen, aber auch Ortskenntnisse. Er kann sowohl aufseiten der Bürger 201 als auch bei der Verwaltung oder aber bei externen Experten liegen. Er ist konti- nuierlich oder punktuell in die Arbeitsprozesse einzubeziehen. Voraussetzung für einen professionellen Umgang ist insbesondere die Umsetzung von komplexen Sachverhalten auf die einzelnen Kommunikationswege. Den Mitarbeitern in den Verwaltungen und den politischen Vertretern in den Stadt- und Gemeinderäten sollen Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen angeboten werden, die die Praxis bürgerfokussierter Beteiligung und die Integration von Bürgerbeteili- gung in die Verwaltungsabläufe zum Thema haben. Gleichfalls sind Bildungsmaß- nahmen für ehrenamtlich Engagierte sinnvoll (z. B. Darmstadt Leipzig oder Potsdam). Unumstritten ist die Angebotszunahme von externen Beratungs- und Qualifi- zierungsangeboten. Vorausschauend auf die Tendenz der heutigen fachkundigen Angebotserweiterungen können Beteiligungsverfahren unter Mitwirkung von externem Sachverstand die internen Projekte und Prozesse pragmatisch und zielo- rientiert unterstützen. Führung Das Verständnis von Führung in einer bürgerfokussierten Verwaltung bricht gründ- lich mit der immer noch existierenden bürokratischen Kultur. Die Bereitschaft, persönliche und organisatorische Verantwortung zu übernehmen und hierfür die Interessen der eigenen Verwaltungseinheit in konkreten Situationen auch zuguns- ten der Ergebnisse aus Bürgerbeteiligungsverfahren auch hinten anzustellen, erfor- dert selbstbewusste und ergebnisorientierte Führungskräfte, die Freiräume für Mitarbeiter und Kollegen schafft. Gebraucht wird eine Führung, die die KGSt als wertorientierte Führung bezeichnet und darunter eine Führung versteht, die von einem ethischen, wertschöpfenden und gemeinwohlorientierten Verhalten geprägt ist, die innerhalb der kommunalen Zivilgesellschaft und gegenüber den Mitarbei- tern gleichermaßen gestaltet, entwickelt und lenkt (vgl. hierzu KGSt 2014, S. 43). Wertorientierte Führung richtet sich an folgende Verhaltensprinzipien aus: • Offenheit und Transparenz, um Vertrauen zu schaffen und Beteiligung zu ermöglichen; das gilt vor allem in der Darstellung der Zielsetzung und der Gründe des Handelns. • Akzeptanz der Rollenverteilung und abgestimmtes politisches Handeln zwi- schen den Verwaltungseinheiten und den politischen Organen. • Loyalität zu einem demokratisch legitimierten und damit politischen System, um mit Komplexität, Widersprüchen und Unsicherheiten konstruktiv umzugehen. • Verantwortlichkeit für Qualität und Zielerreichung im Sinne eines Einstehens für das persönliche Handeln vor den Bürgern. • Aktive Partizipation zur Sicherung von Teilhabe und Akzeptanz. 16.2 Anforderungen an die Verwaltung und ihre Akteure 202 16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen • Flexibilität im Denken und Handeln, um kreativ und interdisziplinär zu arbeiten. • Persönliche Integrität zur Vermeidung von Interessenkonflikten; das verlangt ein aufrichtiges und ggf. transparentes Verhalten, wenn private Interessen berührt sind. • Objektivität bei Entscheidungen, um Vielfalt zuzulassen und Individualität zu unterstützen. • Förderung und Unterstützung der genannten Prinzipien durch Führungsmaß- nahmen und Führungsverhalten. Bei der wertorientierten Führung stellt sich zunächst die Frage, welche Faktoren das Handeln der Mitarbeiter festlegen oder begrenzen und wie sich darüber hin- aus ethische Einstellungen des Individuums auf sein Handeln auswirken. Zur Berücksichtigung von Werten der Mitarbeiter sowie zur Akzeptanz für morali- sches Handeln ihrer Mitarbeiter muss die Führungskraft dem Warum im Handeln Raum geben (ethische Führung1). Die psychologischen Komponenten von Bür- gerbeteiligung, die individuellen und gesellschaftlichen Wertemuster und die damit verbundenen Einstellungen von Politik, Verwaltungsmitarbeitern und Bür- gern definieren darüber hinaus die „Wertewelt Bürgerbeteiligung“ (vgl. hierzu Hoppe 2014), die sich in verschiedenen und auch konkurrierenden Beeinflus- sungsversuchen zeigen. Damit ändert sich die Sicht der Rolle der Führungskraft weg von der omnipotenten Führerkraft hin zum experimentierfreudigen Gestalter von Entscheidungsprozessen. Die Beschäftigung mit vielfältigen Ansprüchen und Verhaltensweisen von Mitarbeitern und Bürgern hat zur Folge, das Komplexität und Unsicherheit auf Seiten der Verantwortlichen zunimmt. Komplexität bezeichnet den Reichtum der Beziehungen zwischen den Elementen eines Systems und zu seiner Umwelt sowie die Eigenschaft, die eine genaue Prognose, was nach einer Veränderung an einem Element in diesem System geschieht, erschwert (vgl. Bleicher 2014, S. 37). Ein Beteiligungsprojekt ist also kein stabiles System. Es ist ein durch den unberechenbaren Beziehungsaustausch der beteiligten Akteure untereinander und zu ihrer jeweiligen Umwelt ein in seinen Einflussfaktoren und ihren Wirkungen nicht vorhersehbares Vorhaben (vgl. Abb. 16.4). 1Buchhinweis: Hellmann, G., „Markenzeichen Ethik! Führung durch Ethik und Identi- tät“, Kap. 2: Ethikmanagement und Ethikführung 2015. Die Berücksichtigung der eigenen Werte und die Beachtung von Werten der Kollegen und Bürger setzen einen Handlungs- und Verantwortungsspielraum im eigenen Kompetenzbereich voraus. 203 Komplexität und Unsicherheit sind Begriffe, die auch in der Arbeitswelt 4.0 diskutiert werden. 4.0 bezeichnet eine Lebenswelt mit neuen Anforderungen für Mitarbeiter, die sich in veränderten Strukturen, Prozessen und Beziehungen zurechtfinden müssen. Bekannt aus der Arbeitswelt, die alle Lebensbereiche betrifft (Industrie, Logistik, die öffentliche Verwaltung, das Gesundheitswesen, das Privatleben), will 4.0 • Schnittstellen beseitigen • Unsicherheitszonen abbauen • Bürokratie reduzieren • Wertschöpfung beschleunigen • Qualität der Produkte und Dienstleistungen verbessern • Verfügbare Daten und Informationen (kosten-)optimal nutzen. Abb. 16.4 Beteiligungsprozesse als komplexes System 16.2 Anforderungen an die Verwaltung und ihre Akteure 204 16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen Die Arbeitswelt 4.0 ist durch Echtzeit-Erleben, punktuelle Funktionalität, Inte- gration realer und virtueller Welt, Komplexität, Dynamik und Unsicherheit gekennzeichnet. Die Arbeitswelt setzt auf Heterogenität, Individualität und Situ- ationsgerechtigkeit. Die Auswirkungen der Arbeitswelt 4.0 auf die öffentliche Verwaltung erfordert neue Strukturen, die durch dezentrale Aufgabenerledigung, Aufgabensteuerung und Ad-hoc-Variationen der Verantwortung, Ausführung und Qualitätssicherung gekennzeichnet sind. Der Druck durch Komplexität, Dynamik und Unsicherheit wird diese Veränderungen und Herausforderungen weiter voran- treiben und Bürgerbeteiligungsprojekte werden die Herausforderungen zusätzlich aktivieren. Die Unberechenbarkeit ist gekennzeichnet durch die geänderten gesellschaft- lichen Rahmenbedingungen, die die Herangehensweise der Verwaltungsführung bei Planungs- und Entscheidungsprozessen gravierend verändert. Die Annahme einer linearen Planbarkeit und Vorhersehbarkeit von Ergebnissen wird ersetzt durch eine Situation, die mit dem Kürzel VUCA (Volatility, Uncertainty, Com- plexity, Ambiguity) beschrieben werden kann (vgl. Abb. 16.5). Durch Vernetzung und Beziehungsaustausch sind Auswirkungen einer Handlung kaum überseh- bar. Und zudem müssen wir oftmals mit widersprüchlichen Anforderungen im Abb. 16.5 Das VUCA-Modell (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity). (Quelle: Bennett und Lemoine 2014) 205 Rahmen einer Projekt- und einer Linienverantwortung klarkommen (vgl. Heller 2015, S. 37). Verwaltung und Politik agieren in einem komplexen Umfeld, in der die Wirkungen und Zusammenhänge wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und bürger- lichen Handelns nur sehr begrenzt überschaubar und steuerbar sind – und dennoch und gerade deshalb müssen Verwaltungen mit einer längerfristigen Perspektive gesteuert werden (vgl. im Folgenden Gebhardt, Hofmann und Roehl 2015, S. 6). • Das Verwaltungsumfeld wird zunehmend volatil, entsprechend müssen Reakti- onsmöglichkeiten und -zeiten ausgerichtet sein. • Unsicherheit und Komplexität erschweren insbesondere längerfristiges, plan- volles Entscheiden. • Die Gesellschaft und ihre Akteuren sind ambivalenter und widersprüchlicher geworden. Erfolgreiche Führung ist ein Produkt kollektiver Entscheidungsfindung in Beteili- gungsprozessen mit angemessenen Redundanzen für die Bewältigung der zuneh- mend komplexer werdenden Aufgaben. Dafür braucht es eine Verwaltung, die flexibel, aktiv und anpassungsfähig agiert (Agilität). Agilität der Verwaltung Aber auch bei der Bevölkerung kamen die „informellen“ Beteiligungsverfahren nicht gut an, weil Unklarheit darüber bestand, wie die in formellen Ergebnissen in die Entscheidungsprozesse eingespeist werden sollten (Helmut Klages 2014). Eine bürgerfokussierte Beteiligung verlangt die Institutionalisierung des Prinzips nicht-formeller Partizipation. Für eine bürgerfokussierte Verwaltung liegt daher vor allem in der Kommunikation und Interaktion ein elementares Erfolgskrite- rium. Die Aufmerksamkeit bei der nicht einfachen Kommunikation und Interak- tion mit dem Bürger liegt zunächst bei den externen Schnittstellen, also im Umfeld der Verwaltung. Dabei darf aber die (Binnen-)Komplexität der Verwaltungsorga- nisation nicht aus dem Blickfeld geraten. Am Anfang steht die Übersichtlichkeit. Alles lässt sich zu jeder Zeit überblicken. Dann werden die Aufgaben vielfälti- ger, das Aufgabenspektrum steigt, die Ansprüche an die Dienstleistungsqualität 16.2 Anforderungen an die Verwaltung und ihre Akteure 206 16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen werden höher, die Bürger werden kritischer und ihre Erwartungshaltung auf Berücksichtigung der „eigenen“ Angelegenheiten nimmt zu. Damit wird das Kon- trollbedürfnis größer, Verantwortlichkeiten müssen delegiert werden, Berichtsebe- nen werden eingezogen, Monitoringsysteme geschaffen, Mitarbeiterführung wird zum Erfolgsfaktor und Qualifizierungsstrategien sind gefordert. Kurz gesagt: Die Verwaltung und ihre Beziehungsarbeit nach innen und außen wird komplexer. Agilität ist also die Fähigkeit der Verwaltung, in Beteiligungssituationen aktiv, flexibel und anpassungsfähig zu handeln und auch in einem eventuellen Zustand von Unordnung und Verwirrung zielgerichtet und kontrolliert den Prozess wei- terzuführen. Dies verlangt von der Verwaltung Zeit, strukturelle Flexibilität und den Umgang mit Stimmungsschwankungen und Ungewissheiten. Es müssen Strukturen vor allem für Arbeitsweisen außerhalb von Hierarchien und Prozesse neu überlegt werden. Es braucht auch Räume zum Experimentieren und vor allem zum Reflektieren. Die Durchführung von Beteiligungsprozessen wiederum verläuft nicht in Ordnungsmustern zuverlässiger und planbarer „Wenn-Dann- Beziehungen“, sondern ist geprägt von Emotionen, spontanen Eingaben und Ver- haltensweisen der beteiligten Bürger. IT für E-Partizipation Eine Ergänzung der Multi-Kanalstrategie ist die Nutzung der E-Partizipation. Unter E-Partizipation versteht die KGSt internetgestützte Maßnahmen der Bür- gerbeteiligung im politischen Meinungs- und Entscheidungsbildungsprozess. Durch innovative Entwicklungen in der IT-Anwendung und durch die zuneh- mende IT-Affinität sowie aufgrund der Ausstattung der Bürger mit IT-Geräten bekommt E-Partizipation nicht nur eine neue Bedeutung. Sie ist zugleich eine neue Chance für mehr Bürgerbeteiligung hin zu einer IT-aktiven Beteiligungskultur. Nach der Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DSVI) sind 80 % der Deutschen online, bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 98 %. Das digitale Partizipationsinteresse zeigt der E-Government-Monitor auf. Hiernach machen mit 46 % der Befragten die beiden Gruppen „Digitale Beobach- ter“ und „Digital Engagierte“ bereits einen beträchtlichen Teil der Bürger aus, die im Internet präsent und zugleich politisch interessiert sind (vgl. KGSt 2014, S. 20).2 Für die Verwaltung und Politik bedeutet dies, die innovativen Formen der Beteiligung zu nutzen und die notwendigen Ressourcen (Budget, Technik, 2Mit Hinweisen auf die DSVI-Studie (2012) und dem E-Government-Monitor der Initiative D21 e. V. (2012). 207 Kompetenzen) bereitzustellen. Hierzu gehören auch Kompetenzen, um Manipula- tionen im digitalen Beteiligungsprozess zu verhindern. Zusammenarbeit Wenn die Politik und Verwaltung sich für engagierte Bürger öffnen wollen, braucht es ein Bewusstsein und eine Akzeptanz für das Teilen der Macht und die Übergabe von Kompetenzen auf engagierte Bürger (Hellmann und Hollmann). Eine produktive, zufriedenstellende Zusammenarbeit, die die Steuerung der Kooperation zwischen Verwaltung und Bürger impliziert, setzt klare Strukturen voraus, verlangt festgelegte Arbeitsweisen und ausreichende Kompetenzen mit klaren Zuständigkeitsregelungen sowie methodische Erfahrungen in der Konflikt- lösung. Im Fall von größeren Beteiligungskreisen oder Steuerungsgruppen sollte die Leitung in der Hand ausgewählter Personen liegen, die folgende Kompeten- zen besitzen: • Erfahrung mit Gruppenprozessen und Leitungsfunktionen • Erfahrung mit (kommunal-)politischen Strukturen und Prozessen • Die Fähigkeit, Arbeitstreffen zu organisieren und zu moderieren • Die Fähigkeit, eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung zu den verschiedenen Akteuren aufzubauen • Agilität, auch in chaotischen Situationszuständen zurechtzukommen • Zugang zu Entscheidungsträgern und Medien auf der lokalen Ebene. Neue Rollen und Regeln Ein Diskurs zwischen (professionellen) hauptamtlichen und (unprofessionellen) engagierten Bürgern, der durch eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und eine Akzeptanz der jeweiligen Akzeptanz und Eigeninteressen gekennzeichnet ist, erfordert Rollen und Regeln für Verantwortlichkeiten und Aufgaben, die bisher für viele Beteiligte eher unbekannt waren. Auch die Herangehensweise, diese Rollen und Pflichten nicht von vornherein festlegen zu können, erfordert für Hauptamtliche eine neue Denkweise und Qualifikationen, die geprägt sind von Entwicklungs- und Lernprozessen. Die Mitarbeiter der Verwaltung müssen bereit sein, diese neue Rolle zu übernehmen. Sie sind nicht mehr alleinverantwortliche Durchführende. Sie sind Initiator, Partner und Moderator von Aktivitäten. Der Bürger ist ein Berater und ggf. Mitentscheider. Erfahrungen in Beteiligungspro- jekten zeigen ein grundsätzliches Problem, wenn Bürger in die Beratungsrolle gebracht werden. Bürger werden sicherlich zunehmend erfahrener werden, lernen 16.2 Anforderungen an die Verwaltung und ihre Akteure 208 16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen sich einzubringen und eigene Überlegungen und Positionen zur Diskussion zu stellen. Auch die Erwartung der Bürger ist ein Lernprozess. Die Erwartung, allen- falls zu vorgegebenen, von der Verwaltung erarbeiteten Vorlagen in einer eher fortgeschrittenen Phase der Planung Stellung zu nehmen, nicht aber selbst kon- zeptionell gefragt und ernst genommen zu werden (vgl. Sarcinelli 2011, S. 154), ist das Ergebnis von Resignation und Enttäuschung aus der Vergangenheit. Moderierte Diskussion Die Vertreter der Kommune sollen Know-how und Ideen zur Verfügung stellen, nicht aber den Bürgern die eigenen Wünsche oder Vorstellungen aufzwingen. Durch das Vertreten der Verwaltungsmeinung und eine aktive Beteiligung an Dis- kussionen sind sie aber sehr wohl im Beteiligungsprozess involviert. Sie haben nicht nur die Rolle eines unbeteiligten Moderators. Die Rolle des Moderators ändert sich in eine unbeteiligte, wenn ein Externer diese Aufgabe übernimmt. Konflikte/Ergebnisse Konflikte lassen sich nicht vermeiden. Sie sind keine Katastrophe, sondern wert- voll, da nur Konflikte die vorhandenen Defizite deutlich machen. Sie dienen dazu, politisches Handeln zu artikulieren und Forderungen der Akteure sowie Eigenin- teressen und Gesamtinteressen der Bürger durchzusetzen. Die Konfliktfähigkeit muss vorhanden sein, um kontrovers und konstruktiv zu einem Ergebnis kommen zu können. Bürgerbeteiligung ist in diesem Sinne auch eine professionelle ver- ständigungsorientierte Konfliktaustragung. Einzelinteressen vs. Gesamtinteressen So sehr sich die Vertreter der Verwaltung darauf einstellen können, dass die Situ- ation von Eigeninteressen der Bürger geprägt sein wird (vgl. Abschn. 16.1), so wenig ist planbar, wie hoch die Vielfalt der Einzelinteressen und wie vehement Individualinteressen argumentativ vertreten werden. Es ist Aufgabe der Verwaltung und Politik, Individualinteressen dem Gemeinwohl unterzuordnen, ohne diese im Diskurs zu unterdrücken. Auch wenn der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart zutreffend formulierte, „die Summe der Einzelinteressen ergibt nicht Gemeinwohl, sondern Chaos“ (vgl. Rommel 1991, S. 190), so muss der verant- wortliche Moderator aus der Verwaltung auch mit Chaossituationen rechnen und diese bewältigen können. Qualitätssicherung Beteiligungsprozesse sollen eine konkrete Funktion erfüllen (Abschn. 13.2). Sie müssen professionell und hochwertig durchgeführt werden, um die gewünschte 209 Wirkung zu erzielen. Das wiederum erzwingt für die Verwaltung und Politik vor allem in einer Zeit der angespannten Haushaltssituation eine Haltung, die mit der Beteiligung verbundenen Kosten zu rechtfertigen. Was kann also getan werden, damit sich der Aufwand für alle Beteiligten auch lohnt und am Ende des Beteili- gungsprozesses nicht nur über Kosten debattiert werden muss und diese Debatte weitere Beteiligungsverfahren bereits im Ansatz verhindert. Aus Erfahrung und Studien lassen sich folgende gemeinsame Kriterien zur Qualitätssicherung zusammenfassen (vgl. Storl 2009, S. 102 ff. m. H. a. Wormer 2006, S. 15): • Klare Unterstützung durch die Verwaltungsspitze und die Politik Erforderlich sind eine klare Legitimation und Regeln sowie ein transparentes Grobkonzept. Mindestvoraussetzung ist ein unmissverständliches Signal des Bürgermeisters und der politischen Mehrheit, dass die Beteiligungsergebnisse ergebnisoffen in den Entscheidungsprozess integriert werden. Besser ist ein Ratsbeschluss (Engagementverpflichtung). • Ernsthaftigkeit In der praktischen Anwendung von kommunalen Bürgerbeteiligungsformen existieren häufig keine etablierten Verfahren und Strukturen. Für die Akzep- tanz des Verfahrens und der Ergebnisse sind diese aber unentbehrlich. Um hier Unsicherheiten zu vermeiden, darf auch nicht der Eindruck entstehen, dass die Bürgerbeteiligung ein Einzelfall ist. Für eine Ausweitung und Institutionalisie- rung der Bürgerbeteiligung ist ein Top-Down-Prozess erforderlich. • Professionelles Prozessmanagement Die Professionalität von Beteiligungsprozessen kann durch den Einsatz von externen Moderatoren verbessert werden. Ihre Aufgaben reichen von der reinen Gesprächsführung, über Vorschläge zum gemeinsamen Vorgehen bis hin zur Vorbereitung von Empfehlungstexten. • Begleitende Öffentlichkeitsarbeit Die Öffentlichkeitsarbeit ist von Bedeutung, um Transparenz von Beteili- gungsprozessen für die nicht direkt Beteiligten zu gewährleisten und die Legi- timation der Ergebnisse zu erhöhen. Wichtige Akteure sind die lokale Presse und eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit. • Follow-up-Umsetzung Zur Beteiligungskultur gehört, dass öffentlich gestellte Fragen auch öffentlich behandelt und Ergebnisse aus Beteiligungsverfahren auch umgesetzt werden (Worten müssen Taten folgen). Sie haben nun Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren kennengelernt und erfah- ren, wie viel Zeit und Erfahrung es braucht, leistungsfähige Organisations- und 16.2 Anforderungen an die Verwaltung und ihre Akteure 210 16 Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren in Beteiligungsprozessen Kommunikationsstrukturen aufzubauen. Sie haben sich in diesem Buch bis hier- her vorgearbeitet und sind somit gut vorbereitet, Partizipationsprozesse in Ihrem Verwaltungsalltag zu integrieren. Im nächsten Kapitel stellen wir Ihnen eine Aus- wahl konkreter Beteiligungsinstrumente vor. Literatur Bennett, N., Lemoine, G. J. (2014): Crisis Management. What VUCA Really Means for You. Harvard Business Review. Bleicher, K. (2014): Das Konzept Integriertes Management. Visionen – Missionen – Pro- gramme. Frankfurt am Main: Campus. Dettling, W. (2011): Engagement- und Demokratiepolitik in Deutschland: Beobachtungen vom Tage, kritische Bilanz und Ausblick. In: Kurt Beck, K., Ziekow, J. (Hrsg.): Mehr Bürgerbeteiligung wagen. Wege zur Vitalisierung der Demokratie. Wiesbaden: Springer, S. 193–199. Deutsche Wirtschafts Nachrichten DWN (2014): Politiker haben weltweit den schlechtesten Ruf unter allen Berufen. http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/10/16/politiker- haben-weltweit-den-schlechtesten-ruf-unter-allen-berufen/ [abgerufen am 03.11.2015]. Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) (2012): DIVSI Milieu- Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet. Eine Grundlagenstudie SINUS-Ins- tituts Heidelberg im Auftrag des DIVSI. Hamburg: http://www.divsi.de/wp-content/ uploads/2013/07/DIVSI-Milieu-Studie_Gesamtfassung.pdf [abgerufen am 20.10.2015]. Gebhardt, B., Hofmann, J., Roehl, H. (2015): Zukunftsfähige Führung. Die Gestaltung von Führungskompetenzen und -systemen. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung. Heller, J. (2015): Resilienz. Innere Stärke für Führungskräfte. Zürich: Orell Füsli, S. 37. Hellmann, G. (Hrsg.) (2015): Markenzeichen Ethik! Führung durch Ethik und Identität. Ethikmanagement und Ethikführung in konfessionell geführten Krankenhäusern. Hei- delberg: medhochzwei. Hoppe, M. (2014): Wertewelt Bürgerbeteiligung. Eine Studie zu den Einstellungen von Politik, Verwaltungen und Bürger/innen. mitarbeiten.skript 07. Bonn: Verlag Stiftung Mitarbeit. Huber, S. (2010): Community Organizing in Deutschland. Eine „neue“ Möglichkeit zur Vita- lisierung Lokaler Demokratie? In: KWI-Arbeitshefte 17. Potsdam: Universitätsverlag. IfD Allensbach (2013): Allensbacher Berufsprestigeskala. Institut für Demoskopie Allens- bach. In: Allensbacher Kurznachrichten 20.08.2013. URL: http://www.ifd-allensbach. de/uploads/tx_reportsndocs/PD_2013_05.pdf [abgerufen am 20.10.2015]). Initiative D21 e. V. (2012): E-Government-Monitor 2012. Nutzung und Akzeptanz von elektronischen Bürgerdiensten im internationalen Vergleich, http://www.egovernment- monitor.de/die-studie/2012.html [abgerufen am 20.10.2015). KGSt (2014): Leitbild Bürgerkommune. Entwicklungschancen und Umsetzungsstrategien. KGSt-Bericht Nr. 3/2014, Köln. Klages, H. (2011): Bürgerbeteiligung im kommunalen Raum. Erfahrungen mit dem Inst- rument Bürgerpanel. In: Klages, H. (2011): Bürgerbeteiligung im kommunalen Raum. Erfahrungen mit dem Instrument Bürgerpanel, S. 119–125. 211 Klages, H. (2014): Entwicklungsperspektiven der Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene, eNewsletter Netzwerk Bürgerbeteiligung 01/2014 vom 10.04.2014. Lotter, W. (2014): Alles unter Kontrolle. Schwerpunkt Vergrauen. Deal?. Hamburg: https:// www.brandeins.de/archiv/2014/vertrauen/schwerpunkt-vertrauen-einleitung-von-wolf- lotter-deal/ [abgerufen am 10.04.2015]. Rommel 1991, S. 190. Sarcinelli, U. (2011): Bürgerbeteiligung im Rahmen der Kommunal- und Verwaltungsre- form (KVR) – Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung. In: Beck, K., Zie- kow, J. (Hrsg.): Mehr Bürgerbeteiligung wagen. Wege zur Vitalisierung der Demokratie. Wiesbaden: Springer, S. 149–167. Storl, K. (2009): Bürgerbeteiligung in kommunalen Zusammenhängen. Potsdam: Universi- tätsverlag. Wormer, M. (2006): Formen der Bürgerbeteiligung für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung? Kurzdokumentation der Ergebnisse vom 13.07.2006. https:// www.lubw.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/41807/buergerbeteiligung.pdf?command= downloadContent&filename=buergerbeteiligung.pdf [abgerufen am 23.20.2015]. YouthTubeZM (2015): Zella-Mehlis - DAS SIND WIR!, online https://www.youtube.com/ watch?v=yqxwHhAjC3w [abgerufen am 09.11.2015]. Literatur 213 Beteiligungstools „Moderne Gesellschaften sind wesentlich Prozess.“ (Theodor W. Adorno). „Demokratie basiert also auf permanenter Veränderung – auch bei der Anpassung an Beteiligungs- und Mitwirkungs- ansprüchen der Bürger.“ (Hellmann und Hollmann) 17.1 Methodenkoffer Der Methodenkoffer zur Durchführung einer bürgerfokussierten Beteiligung ist prall gefüllt. Eine sorgfältige Auswahl der konkreten Methode ist wichtig. Die Methoden unterscheiden sich in ihren • Schwerpunkten: kreative Ausarbeitung neuer Ideen oder Bearbeitung konkre- ter Probleme • Zielen: informierende Veranstaltung (Stufe 3 des Stufenmodells bis hin zur gemeinsamen Ausarbeitung konkreter Lösungen [Stufe 6 des Stufenmodells]) • Reichweiten: unterschiedliche Gruppengrößen (vgl. KGSt 2014, S. 37). Es gibt unterschiedliche Wege und Formen der Bürgerbeteiligung, aber keine Patentrezepte. 17 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_17 214 17 Beteiligungstools Folgende Dialogformen und Instrumente, die auch in Abb. 17.1 aufgelistet sind, werden wir vorstellen: • Planungszellen • Bürgerpanel • E-Partizipation • Planning for real • World Café • Zukunftswerkstatt • Perspektivenwerkstatt • Appreciative Inquiry • Bürgerausstellung. Die Konzeption des Vorgehens und die Kombination der Verfahren erfordern angesichts einer Vielzahl von Beteiligungsmethoden einige Expertisen. Hilfestellung für die Auswahldiskussion: • Welche Einsatzfelder sind für die in Betracht kommende Methode vorstellbar und wie können sie dort zu einer Konfliktklärung beitragen? Abb. 17.1 Der Instrumentenkasten 215 • Wo liegen die Chancen und Grenzen der Methode im Kontext konfliktärer Beteiligungsprozesse? • Welche Empfehlungen lassen sich für die Anwendung der Methode in gesell- schaftlichen Konfliktfeldern ableiten? (vgl. Böhm 2015b, S. 21). 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl Vergleicht man die Menge der Angebote mit der Zahl ihrer Anwendungen, dann gelangt man zu einem fast schon erschreckend mageren Ergebnis (Helmut Klages 2014). Die ausgewählten Beteiligungsinstrumente erheben trotz der herausgestellten Vor- teile keinen Anspruch, ein Universalverfahren der Bürgerbeteiligung zu sein, das die Anwendung aller anderen verfügbaren Verfahren erübrigt. Im Gegenteil, es lassen sich vom verwendeten Instrument vielfältige Anschlussmöglichkeiten zu anderen Bürgerbeteiligungsansätzen erschließen. So z. B. lassen sich die Ergeb- nisse diskursiver – aber nicht repräsentativer – Kleingruppenverfahren durch eine nachfolgende Bürgerbefragung mit einem Legitimationsnachweis ausstat- ten. Andererseits ist es möglich, einer Bürgerbefragung – erfahrungsgemäß mit großen Erfolgsaussichten – auch Rückmeldebogen beizufügen, auf denen die Befragten unter Offenlegung ihrer Namen und Kontaktdaten die Bereitschaft zur Mitwirkung an weiteren Beteiligungsansätzen deklarieren können (vgl. Klages 2011, S. 123). Planungszellen Eine besondere Stärke der Verfahren Planungszelle und Bürgergutachten ist ihre Entscheidungsorientierung. Erfahrungen haben gezeigt, dass Planungs- zellen mit ihren Empfehlungen gerade in schwierigen, kontroversen Entschei- dungen ihre größte Wirkung entfalten. Sie erleichtern damit kollektiv bindende Entscheidungen. Das Verfahren ist somit für Problemlagen, die entschieden werden wol- len, besonders geeignet. Aber nicht alle Problemstellungen gehören zu diesem Problemtyp. Zum Beispiel offene Problemstellungen, bei denen Lösungen erst noch neu gedacht, kreiert und erfunden werden müssen, gehören zur Kategorie der Problemstellungen, bei denen bereits mehrere alternative, aber unvereinbare Lösungen auf dem Tisch liegen und eine Entscheidung noch erforderlich ist. Für konfliktäre Probleme wiederum sind Planungszellen/Bürgergutachten ganz besonders gut geeignet, weil sie durch die Zufallsauswahl der Bürgergutachter eine breit legitimierte und akzeptierte Empfehlung produzieren und damit eine kollektiv bindende Entscheidung befördern. 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 216 17 Beteiligungstools Die hohe Akzeptanz der Empfehlungen in der Bevölkerung eröffnet ein beachtliches Aktivierungspotenzial nicht nur bei den Teilnehmern der Planungs- zellen, sondern generell bei den Bürgern. Planungszellen eignen sich daher vor allem für die Bearbeitung von Problemen, deren Lösung aber eine breite gesell- schaftliche Zustimmung erfordern. Für diesen Problemtyp sind sie wegen der Zufallsauswahl und der dadurch sichtbaren Repräsentativität, Akzeptanzgenerato- ren und anderen Verfahren darin überlegen, kollektive bindende Entscheidungen zu produzieren (vgl. Dienel 2011, S. 170 ff.). Die wichtigsten Merkmale einer Planungszelle lassen sich wie folgt zusam- menfassen: • Eine Planungszelle besteht aus einer Gruppe von Bürgern, die nach einem Zufallsverfahren als Bürgergutachter ausgewählt wurde. • Die Gruppe wird für eine begrenzte Zeit vergütet und damit von ihren arbeits- täglichen Verpflichtungen freigestellt. • Prozessbegleiter assistieren die Teilnehmer der Planungszelle, um Lösungen für vorgegebene Probleme zu erarbeiten. • In einer Planungszelle arbeiten in der Regel 20 bis 25 Bürgergutachter erfah- rungsgemäß vier Tage an einer konkreten Problemstellung. • Experten und betroffene Interessenvertreter geben ihnen kontroverse Informa- tionen. • Ständig wechselnde Kleingruppen garantieren faire Gesprächssituationen. • Die Empfehlungen werden als Bürgergutachten zusammengefasst. Dieses Bür- gergutachten entfaltet in der Regel eine große politische Durchschlagskraft, weil der Bürgerwille konkret greifbar und durch die Zufallsauswahl breit legi- timiert ist. Bürgerpanel Das Bürgerpanel ist ein Instrument, um Rückmeldungen und Meinungen zu aktu- ellen Themen und kommunalpolitischen Fragestellungen zu erhalten, also Mei- nungsbilder über die Zeit zu verfolgen. Es ist eine große Gruppe, die sich aus repräsentativ ausgewählten Bürgern zusammensetzt und die in regelmäßigen Abständen durch Interviews oder durch Fragebogen befragt wird, um Meinungsbilder zu konkreten Themen zu erheben und anschließend diese an Entscheidungsträger weiterzugeben. Die Gruppen kön- nen mehrere Tausend Teilnehmer umfassen. Bei einer Teilnehmerzahl von über 1000 Personen ist es möglich und oft empfehlenswert, Untergruppen zu bestim- men, die zu ihren spezifischen Interessen oder Bedürfnissen befragt werden kön- nen. Sobald die Teilnehmer zustimmen, sich an dem Panel zu beteiligen, nehmen 217 sie über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren jährlich an bis zu vier Befra- gungen teil, wobei kein inhaltlicher Austausch zwischen den Teilnehmern stattfin- det. Der Teilnehmerpool bleibt dabei über den gesamten Zeitraum in der gleichen Zusammensetzung bestehen. Es ist wichtig, dass in der Rekrutierungsphase deut- lich gemacht wird, was von jedem einzelnen Mitglied des Panels erwartet wird, d. h. was die Teilnahme in Bezug auf Art und Häufigkeit der Erhebungen beinhal- tet (vgl. Bertelsmann Stiftung 2015a). Das Bürgerpanel ist ein guter Ansatz, den Teufelskreis (Abschn. 16.1) zu durchbrechen. Kurz gesagt besteht das handlungsleitende Konzept darin, beide Seiten, Bürger und Entscheider, in eine Dialogbeziehung zu bringen, die sich beiderseits mit einem Minimum von Aufwendungen und Belastungen und einem Maximum an absehbaren Nutzenwirkungen verbindet, sodass auf beiden Seiten eine Attraktivitätswirkung – in gängiger Ausdrucksweise: eine Win-win-Situation – entsteht, welche die einer Beteiligung entgegenstehenden Hemmungen übersteigt und letztlich unwirksam werden lässt (Helmut Klages 2011, S. 121 f.). Im Kern ist das Bürgerpanel instrumentell mit der repräsentativen Bürgerbefra- gung vergleichbar, die allerdings über das im Umfragebereich gängige Niveau hinaus erweitert und intensiviert gehandhabt wird (vgl. im Folgenden Klages 2011, S. 122 f.). Bürgerpanels sind ungewöhnlich „niederschwellig“. Der für die Beteiligung erforderliche Zeitaufwand für die Bürger besteht im Wesentlichen (nur) in dem Zeitaufwand, der für ein Interview oder das Ausfüllen eines Frage- bogens erforderlich ist. Ein weiterer Grund, warum Bürgerpanel bei den Bürgern selbst Sympathiewerte und Beteiligungsquoten erzielt, von denen andere Betei- ligungsinstrumente nur träumen können, ist der „aufsuchende“ Charakter des Verfahrens. Die Befragung – durch Interview oder Fragebogen – erfolgt direkt im Haus des beteiligten Bürgers. Dadurch können auch „schwer erreichbare“ Bevölkerungsgruppen wie Menschen mit Migrationshintergrund oder sogenannte „bildungsferne Gruppen“ in ihrer eigenen Sprache mit besonderen, auf ihre spezi- ellen Kommunikationsgewohnheiten abgestimmten Ansprachemethoden einbezo- gen oder auch schlicht beim „Sample-Design“ überrepräsentiert werden, sodass sie die Chance erhalten, in der Stichprobe angemessen zur Geltung zu kommen. Mit einem Bürgerpanel ist eine „breite“, wie vor allem auch sozial und eth- nisch „ausgewogene“ Beteiligung möglich. Dieser Effekt kann noch gesteigert werden durch ein internetgestütztes Beteiligungsangebot (siehe unten). Von ent- scheidender Bedeutung für die Wirksamkeit dieses Beteiligungsinstruments ist die Befragungshäufigkeit, die weit über das übliche Maß hinaus bis in den „unter- jährigen“ Bereich hinein gesteigert werden kann. Damit kann die Verwaltung 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 218 17 Beteiligungstools den Bürgern die Möglichkeit einräumen, zu aktuellen kommunalpolitischen Entscheidungsfragen Stellung zu beziehen. Die Durchführung von Serien relativ kurzfristig aufeinander folgender Befragungen mit temporaler und thematischer Ausrichtung bietet darüber hinaus die Möglichkeit, die Bürger durch ihre Antwor- ten über die Wichtigkeit der Themenstellung in kurzfristig nachfolgenden Befra- gungen mitbestimmen zu lassen. Dadurch würde auch die Agenda von Rat und Verwaltung durch die Bürger bewusst beeinflussbar sein. Zu beachten ist, dass der Zeitaufwand für die Bürger positiv mit der Befragungshäufigkeit korreliert. Wenn das Bürgerpanel in dieser Form und Intensität angeboten und angewen- det wird, ist es für die kommunalen Entscheider ein zuverlässiges Instrument zur Ermittlung der Interessen, Meinungen, Erwartungen und Problemwahrnehmun- gen der Bürger. Das Bürgerpanel eröffnet damit unmittelbar nutzbare Zugänge zu dem latent vorhandenen Beteiligungspotenzial in der Bevölkerung mit direktem Personenbezug. Es hat ganz besonders günstige Ausgangsgrundlagen für die Ent- wicklung mehrteiliger und mehrstufiger, prozesshaft ausgestalteter Beteiligungs- verfahren. Pro1 • Meinungen zu lokalen Themen können erhoben und nachvollzogen werden. • Es können einfach und schnell tiefer gehende Verfahren wie Fokusgruppen gebildet werden. • Die öffentliche Meinung kann über einen bestimmten Zeitraum verfolgt wer- den. Kontra • Es ist das einzige Konsultationsverfahren, das eingesetzt wird, da Bürgerpa- nels selten repräsentativ sind. • Es besteht das Risiko, dass die Teilnehmer durch die Bereitstellung von Infor- mationen im Vorfeld „konditioniert“ werden. • Die Teilnehmer können nicht regelmäßig kontaktiert und zur Teilnahme moti- viert werden. 1Zu Pro und Kontra, Stärken und Schwächen siehe Bertelsmann Stiftung 2015a. 219 Stärken • Das Bürgerpanel ermöglicht, mit den Teilnehmern in einen längerfristigen Dialog zu treten. • Es kann als Kooperation zwischen verschiedenen lokalen Akteuren durchge- führt werden. • Es kann bei entsprechender Größe zur Ansprache spezifischer Zielgruppen genutzt werden. • Erhebungen können auch kurzfristig durchgeführt werden. • Man kann Meinungsbilder im Zeitverlauf verfolgen. • Wenn das Panel besteht und regelmäßig eingesetzt wird, fallen die Kosten dafür geringer aus als für einmalige Befragungen. Schwächen • Hoher Personalaufwand, um das Panel zusammenzustellen und zu pflegen. • Soziale Randgruppen werden leicht ausgeschlossen. • Das Panel ist stark an den Interessen des Auftraggebers ausgerichtet. • Die Datenbank mit den Teilnehmernamen und Adressen muss kontinuierlich aktualisiert werden. • Einige Teilnehmer, vor allem junge Menschen, verlassen das Panel zwischen- durch. E-Partizipation Mit dem Internet ergeben sich in der Kommunikation zwischen den Vertretern aus Verwaltung und Politik und den Bürgern neue Möglichkeiten für einen breiteren und intensiveren Informations- und Kommunikationsfluss sowie Chancen für ein Mehr an Partizipation (vgl. Baumann und Detlefsen 2004, S. 46). Eins ist sicher: Auf dem elektronischen Weg können dem Bürger alle relevanten Informationen wie Protokolle, Beschlüsse und Planungsunterlagen jederzeit und zu minimalen Kosten zur Verfügung gestellt werden. Bei konsequentem Einsatz des Mediums lässt sich so die Transparenz des repräsentativen Prozesses und des Verwaltungshandelns steigern (vgl. Wienhöfer et al. 2002, S. 8). Es ist aber auch sicher, dass das alleinige Bereitstellen von politischen Diskussionsforen oder der Einsatz von Ratsinformationssystemen noch keine aktive Bürgerbeteiligung darstellt (vgl. Bräuer und Biewendt 2005, S. 3). 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 220 17 Beteiligungstools Die Vielfalt und Kombinationsmöglichkeiten der verschiedenen Technologien nach Interessen, Fähigkeiten und Medienpräferenzen lassen eine differenzierte Nutzung zu. E-Panel Elektronische Panels sind das internetgestützte Pendant zu den Bürgerpanels, bei denen regelmäßige Befragungen zu verschiedenen Themen bei einer repräsentativen, zufällig ausgewählten Gruppe von Bürgern durchgeführt werden. Es ist eine schnelle und kostengünstige Möglichkeit, mit der Gruppe von Bürgern in Kontakt zu treten und zu bleiben und sie zu ihren Meinungen zu befragen. Auch in dieser Form hängt der Aufwand für die Teilnehmer vom Umfang der Befragungen und den zeitlichen Abständen ab, in denen Konsultationen durchgeführt werden (vgl. hierzu und im Folgenden Bertelsmann Stiftung 2015b). Pro • Das E-Panel ist zu umständlich oder zu teuer, um eine Präsenzveranstaltung durchzuführen. • Ein Thema kann stärker diskutiert werden. • Es kann Bewusstsein für ein Thema geschaffen werden. Kontra • Es handelt sich um sensible Themen oder die Teilnehmer müssen über spezia- lisiertes Wissen verfügen. • Es soll eine Entscheidung getroffen werden. Stärken • Das E-Panel kann auch in Kombination mit traditionellen Offline-Aktivitäten kombiniert werden. • Es eignet sich besonders für lokale Beteiligung, vor allem für junge Menschen oder Personen, die zeitlich nicht flexibel sind. • Lokale Behörden können ihre administrativen Kosten reduzieren, da keine Papierfragebogen versendet und keine zusätzlichen Informationen bereitgestellt werden müssen. 221 • Die Auswertung der Daten geht schneller und kann je nach verwendetem Ver- fahren direkt durchgeführt werden. • Das Verfahren ist offen und transparent. • Jeder kann sich zeitlich flexibel beteiligen. • Verschiedene Meinungen können geäußert und diskutiert werden. • Das Beteiligungsverfahren spricht auch Personen an, die sich normalerweise nicht an persönlichen Konsultationen beteiligen würden. Schwächen • Das E-Panel-Verfahren schränkt die Beteiligung von Personen ein, die keinen Internetzugang haben. • Zu häufige Kontaktaufnahme bzw. das Versenden zu vieler E-Mails an die Teilnehmer kann dazu führen, dass diese sich abwenden und künftige Anfra- gen ignorieren. E-Konsultation Bei einer Online-Konsultation werden Vorschläge oder Positionen zu einem bestimmten Thema über das Internet eingeholt. Sie ermöglichen es einer großen Teilnehmerzahl, ein Thema zu kommentieren. Die Formen der Konsultation sind dabei vielfältig und reichen von der Einholung individueller Meinungen über moderierte Massendiskussionen bis hin zu gemeinsam erarbeiteten Positionspapieren (vgl. im Folgenden Bertelsmann Stiftung 2015c). Online-Konsultationen können verschiedene Formen annehmen. In der grundlegendsten Form werden Dokumente im Internet veröffentlicht, die die Bürger direkt online (per E-Mail oder über die Webseite) kommentieren können. Technisch können Websites für komplexere Beteiligungsmöglichkeiten strukturiert werden. Diese lassen es zu, dass die Teilnehmer Ideen austauschen, Probleme identifizieren, Lösungen priorisieren oder Dokumente diskutieren können. Beteiligte können sich umfassend zu einem Sachverhalt äußern. Die Initiatoren des Prozesses sammeln die Beiträge, fügen diese zusammen und geben sie an die Nutzer. Der gesamte Prozess verläuft schnell, verständlich und 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 222 17 Beteiligungstools transparent. Es muss darauf geachtet werden, dass alle betroffenen Personen Zugang zum Internet haben oder mit dessen Nutzung vertraut sind. Die Initiatoren des Verfahrens sollten deshalb sicherstellen, dass die Unterschiede in der Internetkompetenz je nach Alter oder sozioökonomischem Hintergrund eine Beteiligung nicht verhindern. Die meisten Online-Konsultationen bestehen nur für einige Monate, um ein aktuelles Ereignis oder eine bestimmte Situation zu diskutieren. Das Verfah- ren sollte jedoch nicht kürzer als zwei Monate andauern, um den Nutzern aus- reichend Zeit zur Beteiligung zu geben. Findet die Konsultation auf Dauer statt, entwickelt sie sich eher zu einem Online-Forum (vgl. im Folgenden Bertelsmann Stiftung 2015c). Pro • Mit der Konsultation wird ein klares Ziel verfolgt. • Der Teilnehmerkreis ist sehr vielfältig und/oder weit verteilt. • Die Teilnehmer bevorzugen eine Online-Beteiligung gegenüber anderen Methoden. • Es gehen zusätzliche Informationen in Entscheidungen ein. • Lädt zum informellen Austausch zwischen Teilnehmern ein. Kontra • Es kann nicht sichergestellt werden, dass jeder sich beteiligen kann oder es keine alternative Beteiligungsform gibt. • Das Hauptziel besteht darin, das Verhältnis der Teilnehmer untereinander zu verbessern. • Es findet eine intensive Deliberation statt, Entscheidungen werden direkt getroffen oder die Teilnehmer direkt befähigt. Stärken • Die Online-Konsultation ermöglicht die Teilnahme vieler Personen. • Alle Teilnehmer haben eine gleichwertige Stimme. • Sie kann auch Menschen erreichen, die an traditionellen Beteiligungsverfahren eher nicht teilnehmen würden. • Bietet den Teilnehmern eine schnelle und leicht zugängliche Möglichkeit, sich zu beteiligen. 223 • Die Diskussionsteilnehmer können sich zeitlich und räumlich flexibel betei ligen. • Die Anonymität des Onlineverfahrens kann zu einer offenen Diskussion bei- tragen. Schwächen • E-Konsultationen müssen sorgfältig geplant werden, um die entstehende Datenmasse bewältigen und verarbeiten zu können. • Menschen, die keinen Internetzugang oder keine Erfahrungen im Umgang mit dem Internet haben, werden ausgeschlossen. • Wahrgenommene Schwierigkeiten, wie eine Registrierung auf der Webseite, können auf die Teilnehmer abschreckend wirken. • Schriftliche Kommunikation kann eine Barriere für marginalisierte Gruppen darstellen. • Die technische Komponente statt des Inhalts kann in den Vordergrund rücken. Planning for Real Planning for Real ist ein Beteiligungsverfahren zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung von Regionen und Orten, vor allem zur Verbesserung der Lebens- qualität an konkreten Orten (Stadtplätze, Quartiere, Stadtteile, Stadtparks etc.) (vgl. im Folgenden Nanz und Fritsche 2012, S. 71 ff.). Der Name kann mit „Aktiv für den Ort“ oder „Planung von unten“ übersetzt werden. Das Verfahren wurde in den 1970er Jahren von einem Team um den britischen Wissenschaftler Tony Gibson an der Nottingham University konzipiert.2 Zielsetzung Mit dem Verfahren wird die Zielsetzung verfolgt, die Beteiligungsmöglichkei- ten von Bewohnern bei der Entwicklung und Verbesserung ihres Ortes bzw. ihrer Region zu erweitern und zu fördern. Dabei werden die Bewohner als Experten anerkannt und als Akteure für den eigenen Entwicklungsprozess am Ort ermutigt zu handeln. Insbesondere wird durch Planning for Real die Kommunikation über 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 2Planning for Real ist eine eingetragene Marke der britischen „Neighbourhood Initiatives Foundation“ und darf nur mit ihrer Genehmigung verwendet werden. In Deutschland bietet das Technologie-Netzwerk Berlin e. V. das Verfahren in Kooperation mit den Urhebern an. 224 17 Beteiligungstools nonverbale Mittel zwischen den Bewohnern untereinander sowie mit Fachexper- ten unterstützt und eine Atmosphäre gemeinsamen Handelns geschaffen. Die Aktivierung und Mobilisierung der Bewohner vor Ort und die neue Form der Zusammenarbeit verschiedener Akteure werden verbunden mit dem Ziel, Handlungsgrundlagen für Aktivitäten und Beschäftigung zu schaffen. Die verschiedenen lokalen Akteure bringen ihre spezifischen Anliegen, Problemsich- ten und Lösungsvorschläge miteinander in Verbindung. Planning for Real ist ein Hilfsmittel, mit dem ein fantasievoller und komplexer Entwicklungsprozess initi- iert und unterstützt werden kann (vgl. Technologie-Netzwerk Berlin 2006, S. 2). Anwendungsbereiche Planning for Real kann genutzt werden, um Bürger zu ermutigen, bei der (Um-) Gestaltung ihres Lebensraums mitzuwirken – sowohl bei der Planung als auch bei der Umsetzung. Das Verfahren kann in unterschiedlichen Bereichen und zur Bearbeitung verschiedener lokaler Fragestellungen eingesetzt werden, so beispielsweise bei Wohnumfeldverbesserungen, zur Entwicklung von Nut- zungskonzepten für Flächen und Gebäude, für bauliche oder landschaftliche Gestaltungskonzepte oder im Rahmen einer allgemeinen Weiterentwicklung von Quartieren und Regionen. Die Durchführung des Verfahrens gliedert sich in acht Schritte, die sich über mehrere Wochen hinziehen. Es ist offen für alle Interessierten. Die Zahl der Teil- nehmerinnen und Teilnehmer ist nicht begrenzt. 1. Initiative Das Verfahren beginnt mit dem Zusammentreffen einer Gruppe von Bewoh- nern oder Nutzern. Diese geben öffentlich bekannt, dass sie beispielsweise eine Veränderung ihres Ortes wünschen. Sie fordert alle ebenfalls an Veränderungen Interessierten auf, sich zu beteiligen. Veränderungswünsche und -ideen werden gesammelt und ausgetauscht. Bedeutung und Besonderheiten • Informationen an die Bewohner und Einrichtungen verteilen • möglichst viele Menschen von Anfang an für die Mitarbeit gewinnen • Kontakt aufnehmen unter anderem zu lokalen Initiativen, Betrieben, Einrichten vor Ort, zur Verwaltung. 225 2. Modell Zur Veranschaulichung des Veränderungsbedarfs und -potenzials bauen Bürger aus leicht zu bearbeitenden Materialien (z. B. Papier, Pappe, Styropor) ein drei- dimensionales Modell des Istzustands der jeweiligen Nachbarschaft. Bei dieser Arbeit lernen die Beteiligten einander kennen, tauschen unterschiedliche Sicht- weisen aus und setzen sich mit dem Ort auseinander. Der Gegenstand, der im Mittelpunkt der Veränderung steht, wird also nachgebildet. Die Erstellung des Modells darf keine außergewöhnlichen Fähigkeiten erfordern. Das Modell ist ein visuelles Mittel, um den gemeinsamen Handlungsprozess zu ermöglichen und zu erleichtern. Es soll kein Ausstellungsstück für eine ruhige Ecke, sondern ein stän- diges, gut handhabbares Arbeitsmittel sein. Bedeutung und Besonderheiten • Einfaches und leichtes Material, damit das Model praktikabel, transport- und strapazierfähig ist • Darstellung und Vergegenwärtigung des Istzustands des Gegenstands • Modell muss als Arbeitsmodell für Veränderungen variabel sein • öffentliche Bautermine müssen festgelegt und bekannt gegeben werden • Räumlichkeiten für den Modellbau sollten „neutral“ sein • während des Bauens werden Kontakte zwischen den Bewohnern hergestellt. 3. Modellpräsentation Das Modell wird an verschiedenen Stellen und zu verschiedenen Anlässen im Quar- tier gezeigt, um mit möglichst vielen Menschen, die dort leben oder arbeiten, ins Gespräch zu kommen. Zum anderen sollen die Menschen dort „aufgesucht“ werden, wo sie sich alltäglich bewegen, z. B. beim Einkaufen oder auch beim Warten auf den nächsten Bus. Ziel ist es, das Modell zu verfeinern und Ideen von weiteren Bürgern zu sammeln. Diese Phase ermöglicht, eventuell notwendige Korrekturen an dem Modell vorzunehmen. Darüber hinaus werden die Informationen, die die Bewohner beim Zeigen des Modells vor Ort äußern, gesammelt und schriftlich fixiert. 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 226 17 Beteiligungstools Bedeutung und Besonderheiten • Aufsuchen von Orten, wo sich die Menschen aufhalten • Mithilfe des Modells wird Neugierde geweckt und werden Gespräche geführt • Überprüfung des Modells, durch die am Ort lebenden und arbeitenden Menschen • Veränderungen werden an Ort und Stelle aufgenommen • Verteilung von Nachbarschaftshilfebogen/Talentebogen • Einladung zur Ereignisveranstaltung. 4. „Wer kann was?“ Mit sogenannten Nachbarschaftshilfebogen werden Ressourcen und Fähigkeiten der Menschen vor Ort zusammengetragen. Mithilfe dieser Bogen werden die Bewohner angeregt, darüber nachzudenken, welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Interessen sie besitzen und welche sie für konkrete Vorhaben zur Verfügung stellen würden und können. Gleichzeitig haben die Menschen auch die Möglichkeit, eine Aussage über ihren eigenen Bedarf zu formulieren. Die erfassten Nachbarschaftshilfebogen ermög- lichen den Aufbau einer Tauschbörse für gegenseitige Hilfen und zum Aufbau von Projekten auf der Grundlage von vorhandenen Kenntnissen und Fähigkeiten. Bedeutung und Besonderheiten • Bogen persönlich verteilen und erläutern • Ermittlung der Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen vor Ort • Nachbarschaftshilfe fördern und organisieren. 5. „Ereignis“-Veranstaltung Ziel ist es, ein Bündnis zwischen den „Outsidern“ und den „Insidern“ der Nach- barschaft zu schmieden. Hierbei steht vorrangig das Gespräch im Mittelpunkt. Nicht alle Menschen möchten oder können eine kurze Rede auf einer Versamm- lung unter Aufmerksamkeit vieler Menschen vortragen. Oft ist dies auch eine Ursa- che dafür, dass Bedarfe, Ideen und Anregungen nicht zur Sprache kommen. Der Schwerpunkt liegt daher auf den Einsatz nonverbaler Mittel, den Vorschlagskarten, gelegt. Anhand des Modells werden von Bewohnern sogenannte Vorschlagskarten erstellt, die Anregungen für eine Veränderung des Stadtteils bildlich und schriftlich 227 darstellen. Die Karten können von den Anwesenden dort auf das Modell gelegt wer- den, wo es jede Person für wichtig empfindet, dass etwas verändert werden sollte. Dies kann allein, in Gruppen, still oder unter Absprache erfolgen. Es dürfen nur die eigenen gelegten Vorschläge wieder entfernt oder verändert werden. Entscheidend bei diesem Arbeitsprozess ist, dass mit den gelegten Vorschlägen keine bestimmte Person in Verbindung gebracht werden kann, die Vorschläge sind also anonym. In der Regel stehen in dieser Phase Experten beratend zur Seite. Die Fach- experten werden von den Bewohnern ausschließlich zu konkreten Fragen, Prob- lemen und/oder Vorhaben einbezogen. Zu diesem Zeitpunkt werden noch keine Lösungsansätze erarbeitet. Bedeutung und Besonderheiten • Angenehme Atmosphäre schaffen: Kaffee, Tee, Imbiss, Ausstellung über die bisherige Öffentlichkeitsarbeit • Das Modell steht im Mittelpunkt der Veranstaltung • Es werden Vorschlagskarten zu verschiedenen Themen gelegt • Blanko-Karten für eigene Vorschläge liegen aus • Fachexpertinnen und Fachexperten sind ebenfalls eingeladen – zur Begleitung statt zur Leitung • Nachbarschaftshilfe- und Talenteübersicht werden ausgestellt und kön- nen ergänzt werden • Interessenslisten auslegen: Wer kann wie unterstützen? 6. Prioritätensetzung Auf Grundlage des Modells und der Vorschläge werden Prioritäten erarbeitet und Arbeitsgruppen gebildet. Gemeinsam wird eine Vereinbarung darüber getroffen, was die Zeiträume „jetzt“, „bald“, „später“ konkret bedeuten. Ein weiteres Instrument zur Prioritätensetzung ist der „Ideenkreis“ mit fünf bis sieben Kreisen. Jede Person darf eine auf der Ereignisveranstaltung gelegte Vorschlagskarte, die sie für gut befindet, jeweils in den ersten Kreis legen. Aus- schließlich eine andere Person darf diese Karte um einen Kreis „weiterschieben“, soweit diese Person den eigenen Namen auf die Rückseite schreibt. Der eigene Name darf nur einmal auf einer Karte stehen. Damit soll ausgeschlossen werden, dass die eigene Idee von der Person selbst in die Mitte „geschoben“ wird. Über das „Verschieben“ der Vorschlagskarten gelangen diejenigen Vorschläge in die Mitte, die die größte Zustimmung erlangen. 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 228 17 Beteiligungstools Bedeutung und Besonderheiten • Eventuell Ausstellen von Duplikaten der Vorschläge für den Zeitplan mit Ort und Vorschlag • Zeitplan für die Umsetzung der Vorschläge „Jetzt-Bald-Später“ (z. B. Frühjahr, Sommer, im nächsten Jahr) • Prioritäten werden mithilfe der Zeitplanung „Jetzt-Bald-Später“ oder des Ideenkreises gesetzt • erste Verabredung für Arbeitsgruppen. 7. Themenbearbeitung Die Arbeitsgruppen bearbeiten das Thema, für das sie sich gemeldet haben, und erstellen jeweils einen Aktionsplan. Zielsetzung ist es, konkrete Entwicklungs- schritte einzuleiten sowie Handlungsansätze zu erarbeiten und aufzuzeigen. Von Bedeutung ist es, auf der Grundlage von Gemeinsamkeiten mit überschaubaren Handlungen zu beginnen. Entstehende Konflikte sollen benannt und nicht auf die Seite geschoben werden. Die Zielsetzung der Arbeitsgruppen besteht vor allem darin, aus den Vorschlags- karten Konzepte für neue Projekte und Unternehmungen zu entwickeln, diese auf eine Realisierbarkeit zu überprüfen sowie gemeinsam mit anderen umzusetzen. Bedeutung und Besonderheiten • Bewohner arbeiten in Arbeitsgruppen an spezifischen Vorschlägen, die in der Ereignisveranstaltung gelegt wurden und Priorität erlangt haben • Interessierte können zu jeder Zeit an dem Prozess teilhaben • Fachexpertinnen und Fachexperten können zu einzelnen Fragestellun- gen eingeladen werden • Verantwortlichkeiten werden festgelegt • Erstellung eines Aktionsplans • Veröffentlichung der Ergebnisse • Freiwilligkeit, aber langsam wachsende Verbindlichkeit. 229 Konflikte betreffen entweder die zeitliche Vorstellung der Umsetzung von Vorha- ben (Prioritäten) oder das Vorhaben selbst. In diesem Fall können verschiedene Methoden angewandt werden, die zur Konfliktlösung beitragen. Folgendes Instru- ment aus dem Verfahren zur Konfliktlösung soll hier beispielhaft genannt werden: Zum Zeitpunkt der Prioritätensetzung kann diejenige Vorschlagskarte, mit der eine Person nicht einverstanden ist, von ihr umgedreht werden, d. h. als Zeichen für „kein Einverständnis“. Über den weiteren Arbeitsprozess ist es möglich, diese Vorschläge noch einmal in einer Arbeitsgruppe und in der Öffentlichkeit zur Diskussion zu stellen, bis ein Konsens hergestellt ist. Sollte der Konflikt nicht gelöst werden, ist es sinnvoll, die Vorschläge bis auf Weiteres zurück zu stellen. Ziel ist es vor allem, mit denjenigen Vorschlägen zu Beginn weiterzuarbeiten, über die ein Konsens hergestellt wurde. Bedeutung und Besonderheiten • Nicht alle Personen müssen mit den Vorschlägen einverstanden sein • Eine Vorschlagskarte wird bei einer Nichtzustimmung umgedreht • Die Person, die nicht zustimmt, bleibt anonym • Die Bearbeitung der Vorschläge, denen nicht zugestimmt wird, wird verschoben; sie werden in den Arbeitsgruppen erneut bearbeitet • Begonnen wird mit den Vorschlägen, über die ein Konsens besteht. 8. Umsetzen der Aktionspläne Im letzten Schritt werden die erarbeiteten Aktionspläne möglichst zeitnah umge- setzt. Zielsetzung ist es, verschiedene Aktivitäten sowohl kontinuierlich als auch punktuell zu fördern und umzusetzen. Dies geschieht – soweit möglich – durch die beteiligten Bürger selbst. Die Umsetzung der Aktivitäten soll realistisch sein und in übersichtlichen Arbeitsschritten erfolgen. Sinnvoll erscheint die Erstellung eines Aktionsplans, d. h. eine Übersicht mit der Auflistung der Aktionsschritte: • wo und was notwendigerweise getan werden muss • wann und wie es umgesetzt werden kann und • wer etwas macht. Hilfreich ist es, sichtbare Ergebnisse zu schaffen und mit einfachen Aktionen und Tätigkeiten beginnen. 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 230 17 Beteiligungstools Bedeutung und Besonderheiten • Fest steht zu diesem Zeitpunkt: – wo und was notwendigerweise getan werden muss – wann und wie es umgesetzt werden kann und – wer etwas macht • Mit dem Machbaren schnell anfangen • Sichtbare Ergebnisse schaffen. Zukunftswerkstatt • Sie merken, Bürger Ihrer Gemeinde sind mit Ihrer Verwaltung zunehmend unzufrieden? • Sie erhalten Rückmeldungen von Bürgern, die generellen Unmut über Ihre Arbeit äußern und sich eigene Gedanken über Entwicklungen in der Stadt machen? • Sie möchten Ihre Bürger nicht nur an konkreten – bereits vorliegenden Fachplanungen – beteiligen, sondern an der generellen Ausrichtung Ihrer Gemeinde? • Sie wollen jeden interessierten Bürger in die Entscheidungsfindung mit einbe- ziehen, die sonst nur Ihnen als Politiker, Experte oder Planer vorbehalten ist? Die Zukunftswerkstatt ist eine Methode, in einem wenig formalisierten Beteili- gungsprozess soziale oder alternative Zukünfte zu finden. Ziel ist es, Betroffene zu Beteiligten zu machen und ihre Erfahrungen und ihre Kreativität produktiv zu nutzen (vgl. Jungk und Müllert 1989). Sie ist Experimentiermethode zur Ent- wicklung alternativer Zukünfte, gleichzeitig eine Partizipationsmethode zur Pro- blem- und Entscheidungsfindung und zudem eine Lernmethode für kooperatives Arbeiten und ganzheitliches Denken sowie eine Reflexionsmethode für das Über- prüfen der individuellen Position im Prozess der gesellschaftlichen Entwicklung (vgl. Storl 2009, S. 71). In die Methode der Zukunftswerkstatt sind in den letzten Jahren eine Reihe von ganzheitlichen Methoden, wie beispielsweise gruppendynamische Übungen, kritisch-rationale Diskussionen und Planungsmethoden, aufgenommen worden. Zukunftswerkstätten eignen sich für viele Themenbereiche, wie z. B. für techni- sche, soziale, ökologische wie auch für medizinische oder architektonische Fra- gestellungen und Probleme der Gemeinde. 231 In der Regel wird innerhalb einer Zielgruppe offen zur Zukunftswerkstatt ein- geladen. Jeder erhält die Chance, sich zu Wort zu melden. Für einen konstruktiven Kurs können bei einer großen Teilnehmerzahl mehrere Werkstattgruppen gebildet werden. Der Teilnehmerkreis wird daraufhin auf eine Werkstattgruppengröße von maximal circa 25 Beteiligten begrenzt. Nach Möglichkeit sollen zwei Moderatoren die einzelnen Gruppen begleiten. Zu beachten ist, dass die genaue Themen- oder Problemformulierung von den Teilnehmern vorgenommen und präzisiert wird, denn der gesamte Prozess zielt darauf ab, mit Hilfe von verschiedenen Methoden und Techniken den Teilnehmern behilflich zu sein, sich ihrer Ideen, Probleme, Wünsche und Konzepte bewusst zu werden und diese zu formulieren (vgl. Storl 2009, S. 71). Für einen erfolgreichen Ablauf einer Zukunftswerkstatt wird heute eine Struktur angestrebt, die die Umsetzung der Ergebnisse unterstützen. Daraus hat sich ein Pra- xiskonzept mit folgendem Ablaufschema entwickelt (vgl. Storl 2009, S. 72): 1. Vorbereitungsphase: Klärung der Ziele, Fragestellungen und Vereinbarungen 2. Einstiegs- und Orientierungsphase: soziales, räumliches und thematisches Ankommen und methodisches Hineinfinden 3. Wahrnehmungsphase mit Bestandsaufnahme: Was ist? Und warum ist es so? Um nicht bei den Negativ-Motivationen zu verweilen, wird vor allem auch Positives in den Blick gerückt – mit der klaren Tendenz, die Kraft des positi- ven Denkens zu nutzen 4. Fantasiephase: Entwicklung von Visionen 5. Umsetzungsphase: Verwirklichung prüfen und vorbereiten 6. Reflexion: Bilanz und Perspektiven 7. Permanente Werkstatt: Beratung und Begleitung, Projekt- und Organisations- entwicklung. Die Zukunftswerkstatt hat den Fokus auf die Aktivierung der Teilnehmenden innerhalb der jeweiligen Veranstaltung. Wird eine Vorgehensweise gesucht, die über die Durchführung des Verfahrens hinaus reicht, ist die Perspektivenwerkstatt eine Alternative, die dafür unterstützende methodische Schritte anbietet. Perspektivenwerkstatt • Besteht die Notwendigkeit, sich über ein Projekt speziell in der Stadtentwick- lung zu einigen, wovon Bürger und Gewerbetreibende betroffen sind? • Besteht schon länger in der Verwaltung und mit der Politik eine Diskussion über den richtigen Weg? 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 232 17 Beteiligungstools • Experten haben schon verschiedene Entwicklungskonzepte erarbeitet, aber die Entscheidung für das richtige Konzept oder für den Weg der Umsetzung fällt schwer? • Wie ist der Einklang über die Umsetzung eines entschiedenen Weges herzustellen? Aus dieser Interessengemengelage können viele Blockaden und Probleme ent- stehen. Unter diesen Voraussetzungen kann eine Perspektivenwerkstatt Abhilfe schaffen (vgl. Storl 2009, S. 79). Die Perspektivenwerkstatt ist eine interaktive Planungsmethode mit einem konsensorientierten Verfahren zur integrativen Gemeindeentwicklung. Sie ver- sucht, eine Interessenvermittlung zu erreichen und integrative Planungsszenarien zu entwickeln, die mehrheitsfähig sind, weil sie für möglichst viele Beteiligte Vorteile bergen, Missstände beseitigen und einen qualitativen Fortschritt ermög- lichen (vgl. Becker 2002, S. 517 f.). Es ist eine Methode, bei der ein Kommuni- kationsverfahren mit dem Einsatz klassischer Fachkompetenzen kombiniert wird (vgl. hierzu und im Folgenden Storl 2009, S. 79 f.). Ziel ist der Erkenntnisge- winn, der eine Planungsentscheidung zu klären hilft. Die Verwaltung lädt für ein bis drei Tage ein, um Lösungsideen zu erarbeiten. Es wird intensiv und öffentlich in themenbezogenen Arbeitsgruppen, Ortsbe- sichtigungen und an Planungstischen die Fragestellung des Vorhabens erörtert. Dabei geht es um die konstruktive Analyse des Istzustands und seiner Probleme sowie Erarbeitung eines konkreten Lösungsvorschlags. Die Aufgabe des Perspek- tiven-Werkstattteams ist es, auf der Grundlage der gewonnenen Feststellungen und Beurteilungen der Beteiligten einen in sich schlüssigen Vorschlag für die zukünf- tige Gemeindeentwicklung zu erarbeiten, der sowohl die planerischen als auch die wirtschaftlichen und sozialen Fragen integriert (vgl. Wates 2003, S. 45 f.). Während der Vorbereitungsphase kommt es darauf an, zu möglichst vielen lokalen Akteuren Kontakt aufzubauen und Vertrauen zu erzeugen. Erst in Abspra- che mit unterschiedlichsten Interessengruppen entsteht allmählich das inhaltliche Programm der Veranstaltung. Eine Reihe von öffentlichen Vorbereitungstreffen kann schrittweise zur Klärung der organisatorischen Einzelheiten führen und fordert bereits hier möglichst viele Beteiligte auf, sich in diesem Verfahren zu engagieren. Angesprochen werden betroffene Einwohner, Stadtplaner, Grundei- gentümer, Wirtschaftsunternehmen, potenzielle Investoren, Verbände sowie Ver- treter der Gemeinde und Politiker aller Parteien. Die Gründung eines sogenannten Unterstützerkreises kann einen wesentlichen Beitrag für eine sach- und konsenso- rientierte Vorwärtsstrategie leisten. Die Ergebnisse werden unmittelbar im Anschluss an die öffentlichen Arbeits- tage vor Ort erarbeitet und in kürzester Zeit zu einer inhaltlich schlüssigen und grafisch veranschaulichten Präsentation visualisiert werden. Viele können, durch die 233 Kraft der Visualisierung, progressive Perspektiven und Möglichkeiten entdecken, die ihnen vorher nicht deutlich waren. Dadurch steigt die Bereitschaft, sich mit den wesentlichen Zielsetzungen zu identifizieren (vgl. Storl 2009, S. 80 f. m. w. H.). Durch die integrierenden, partizipativen und ergebnisorientierten Arbeits- weisen ist die Perspektivenwerkstatt ein modernes Beteiligungsinstrument der Dialogplanung und kann im Sinne einer nachhaltigen Kommunalentwicklung ent- scheidende Impulse liefern. Appreciative Inquiry Der Ansatz wurde in den 1980er Jahren in den USA für das Management von Veränderungen entwickelt. Er wird in den USA und in Großbritannien, in den Niederlanden und in Belgien bereits seit Längerem verwendet und findet auch zunehmende Verbreitung im deutschsprachigen Raum (vgl. im Folgenden Nanz und Fritsche 2012, S. 39 ff.). Appreciative Inquiry ist ein Verfahren, das darauf abzielt, Visionen für Verän- derungen auf der Basis des Bestehenden zu schaffen. Es kann übersetzt werden mit „wertschätzende Erkundung“ oder „wertschätzende Reflexion“ (appreciativ: anerkennen, würdigen wertschätzen des Menschen und des Umfeldes). Dabei werden Lösungen für ein bestimmtes, vorgegebenes Problem nicht auf der Grundlage einer Defizitanalyse entwickelt – beispielsweise wird ausdrücklich nicht danach gefragt, was schief läuft oder wie ein Problem genauer umrissen werden kann (so wie etwa in den Verfahren Zukunftskonferenz und Zukunfts- werkstatt), ohne dabei die Probleme zu ignorieren oder zu leugnen. Der Fokus ist ein anderer. In einer Appreciative Inquiry steht für das Kernteam, das die Funk- tion einer Steuerungsgruppe hat, die Anerkennung und Auszeichnung dessen, was in einem System (z. B. in einer Organisation, einer Verwaltung, einer Nachbar- schaft oder einer Gemeinde) bislang gut funktionierte, im Mittelpunkt. Hierfür werden dann die Gründe identifiziert werden (to inquire: erkunden oder unter- suchen). Appreciativ Inquiry umschreibt also die Bereitschaft, auf der Basis der positiven Erfahrungen von Menschen, einer Organisation oder einer Gemeinde Veränderungen durch systematische Exploration zu gestalten. Der Prozess erfolgt in fünf Phasen, die im Englischen jeweils mit einem D beginnen: Define – Discovery – Dream – Design – Destiny (vgl. Abb. 17.2). Die praktische Umsetzung – Art und Moderation der Veranstaltung, Anzahl, Rekrutierung und Zusammensetzung der Teilnehmer – ist sehr variabel. In der ersten Phase (DEFINITION) legt das Kernteam fest, mit weiteren Methoden (z. B. World Café, Open Space) im Prozessverlauf gearbeitet werden soll, wie die beteiligten Personen erfolgreich in den Erfahrungsaustausch und Dialog gebracht werden können. Die Phasen zwei bis fünf bestehen aus folgenden vier Schritten (vgl. zur Bonsen o. J., S. 136): 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 234 17 Beteiligungstools Vier-D-Zirkel Appreciative Inquiry (Phasen 2 bis 5): 1. Erfolg verstehen (DISCOVERY): Die Teilnehmenden werden gebeten, von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem vorgegebenen Thema und etwaigen Erfolgsbedingungen zu berichten und mit den anderen zu diskutieren. 2. Zukunft entwickeln (DREAM): Auf der Grundlage der zusammengetragenen „Erfolgsgeschichten“ werden Visionen für eine Weiterentwicklung formuliert. Es wird der Frage nachgegangen, wie die Übertragung der positiven Erfahrun- gen auf andere Bereiche aussehen könnte. 3. Zukunft gestalten (DESIGN): Anschließend wird diskutiert, wie die Entwick- lung tatsächlich verlaufen soll. 4. Zukunft verwirklichen (DESTINY: Implement, Evaluate, Adoption): Zuletzt werden konkrete Umsetzungsstrategien erarbeitet, implementiert, evaluiert und angepasst. Abb. 17.2 Fünf Phasen des Appreciativ-Inquiry-Prozesses. (Quelle: AppreciatingPeople, Liverpool 2015; AppreciatingPeople, Liverpool, http://www.appreciatingpeople.co.uk/the- 5ds/ [abgerufen am 13.11.2015]) 235 Eine Appreciative Inquiry kann als Tagesveranstaltung mit einem Dutzend oder einigen Hundert Menschen durchgeführt werden. Sie kann aber auch als beglei- tende Maßnahme mit mehreren Veranstaltungen, in denen bis zu 2000 Personen teilnehmen können, in einen Entwicklungsprozess eingebunden werden. In diesen Fällen zieht sie sich über einen Zeitraum von einigen Jahren hinweg. Methodisch zeichnen sich Appreciative Inquirys zudem durch einen Wechsel von Plenum, Einzelbefragungen und Gruppenarbeit aus, sodass bei ihrer Umsetzung großzü- gige und flexibel zu nutzende Veranstaltungsräume unterstützend wirken. Bürgerausstellung Diese vergleichsweise junge Beteiligungsmethode kann bei gesellschaftli- chen Konflikten sehr gut als Auftakt für einen Lösungsprozess genutzt werden. Durch die öffentliche Präsentation kann sie zudem dazu beitragen, dass Akteure „Gesicht zeigen“ und überhaupt oder wieder den Dialog miteinander aufneh- men. Das Vorgehen wurde zunächst mit anderen Beteiligungsverfahren wie Pla- nungszelle/Bürgergutachten kombiniert und entwickelte sich schließlich zu einer eigenständigen informellen Beteiligungsmethode, für die der Name „Bürgeraus- stellung“ geprägt wurde (vgl. im Folgenden Böhm 2015a, S. 1, 2015b m. w. H.). „Die Bürgerausstellung ist eine Methode, mit der die Sichtweise verschiedener Interessengruppen, z. B. aus einem Stadtviertel, auf einen Themen- oder Prob- lembereich präsentiert wird, um darüber zu informieren und einen Dialog zwi- schen den Interessengruppen, eine öffentliche Diskussion und die Entwicklung von Lösungen anzuregen.“ (Böhm 2015b). Die Bürgerausstellung beteiligt verschiedene Interessengruppen, indem sie ihre Perspektiven, Meinungen und Vorschläge in Bezug auf ein Problem oder einen Konflikt präsentiert. Stellvertretend werden einzelne Personen aus den Interessengruppen interviewt, fotografiert und mit ihren zentralen Äußerungen zur Thematik auf Postern porträtiert. Die Poster werden vor Ort und im Inter- net öffentlich zugänglich gemacht, um dadurch anschaulich zu informieren, neue Sichtweisen auf ein Konfliktfeld zu eröffnen und einen Diskussions- und Lösungsprozess anzuregen. Für die Vorbereitung einer Bürgerausstellung sind in der Regel drei bis sechs Monate einzuplanen, je nach Ressourcen, Anzahl der Interessengruppen und wei- teren Exponaten und Beteiligungsformaten. Die Bürgerausstellung wird im Inter- net öffentlich zugänglich gemacht. Als Wanderausstellung kann das Thema auch in die Breite getragen werden. 17.2 Beteiligungsinstrumente: eine Auswahl 236 17 Beteiligungstools In zehn Schritten zur Bürgerausstellung: 1. Thema auswählen und konkretisieren Ausgehend von einem Problem oder Konflikt, der verschiedene Interessen- gruppen betrifft, wird das Umfeld genau betrachtet und zunächst das Thema konkretisiert. 2. Konzept und Projektplan erstellen Es umfasst Ziele, Interessengruppen, Ressourcen, Ort und Zeitrahmen, die Kombination mit weiteren Beteiligungsmethoden und die Projektplanung. Um auf die verschiedenen Interessengruppen zugehen zu können, wird ein Informationsblatt mit allen relevanten Angaben vorbereitet. 3. Interviewleitfaden entwickeln Für die Durchführung der Interviews wird ein Leitfaden entwickelt, der wesentliche Einzelthemen des interessierenden Problems oder Konflikts und jeweils erzählungsanregende Fragen sowie Stichworte für mögliche Nachfra- gen enthält und eine neutrale und offene Gesprächsführung unterstützt. 4. Interessengruppen auswählen und für ein Interview ansprechen Bei der Auswahl der Interviewten soll ein möglichst breites Spektrum der Interessengruppen durch Ansprache erreicht werden. In der Regel handelt es sich dabei um unmittelbar von dem Problem oder Konflikt betroffene Bürge- rinnen und Bürger sowie weitere Akteure aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik. 5. Interviews durchführen Aus jeder Interessengruppe wird eine Person, stellvertretend für die Perspek- tive der Gruppe, interviewt. Eine schriftliche Interviewvereinbarung regelt dabei das Vorgehen zur Autorisierung und Veröffentlichung von Namen, Foto(s) und Interviewzitaten auf dem Ausstellungsposter. 6. Fotografieren Direkt nach dem Interview oder an einem weiteren Termin werden die Inter- viewten fotografiert und ggf. weitere Motive aus ihrem Lebensumfeld für die Poster ausgewählt. 7. Interviews auswerten Für die Auswertung und Vorbereitung der Postertexte wird das Interview ganz oder teilweise verschriftlicht. Anschließend werden im Rahmen der Auswertung die interessantesten und aussagekräftigsten Zitate aus den ver- schiedenen Einzelthemen ausgewählt. Die alltagssprachlichen Zitate müssen meist noch gekürzt, mit Zitaten aus anderen Stellen des Interviews verbun- den und grammatikalisch angepasst werden. 237 8. Ausstellungsposter gestalten und Ausstellung vorbereiten Parallel zu den genannten Schritten wird die Ausstellungseröffnung vorberei- tet, die als Höhepunkt des Verfahrens den Ausgangspunkt für die Öffentlich- keitswirksamkeit bildet. Die meisten Bürgerausstellungen umfassen 15 bis 20 Poster, einzelne auch bis zu 30 Poster. 9. Ausstellung eröffnen Als Höhepunkt des Verfahrens bildet die Ausstellung den Ausgangspunkt für die Öffentlichkeitswirksamkeit. 10. Ausstellung mit anderen Beteiligungsformaten kombinieren Für eine längerfristige aktivierende Wirkung sollte die Bürgerausstellung mit Methoden direkten Dialogs – wie z. B. Expertengesprächen, Diskussions- runden, Planungszellen/Bürgergutachten oder Online-Dialogen – verbunden werden. So kann auch das Risiko von Fehlinterpretationen verringert und die Meinungsbildung unterstützt werden. Antibürokratie und Demografie Unter Antibürokraten lassen sich Personen subsumieren, die eine moderne Verwaltung personifizieren, die sich ihrem bürokratischen Korsett entledi- gen wollen und die nicht gedenken, ihre Arbeit permanent am Rhythmus rechtlicher Routinen auszurichten, sondern es präferieren, den Bürger zugewandt zu agieren. Sie haben das Selbstverständnis einer Obrigkeits- verwaltung hinter sich gelassen und spüren die zunehmende gewachsene Mündigkeit der Bürger und Einwohner gegenüber der Verwaltung bzw. dem Verwaltungsapparat. Sie sehen die Notwendigkeit, die Transparenz der Verwaltung zu erhöhen und verwerfen das Bild einer Verwaltung, die ihre Legitimation aus sich selbst heraus erfährt. Eine Verwaltung verbessert ihre Reputation nur im Wechselspiel mit der Bevölkerung (Wiegrefe 2014, S. 278 f.). Literatur Baumann, F., Detlefsen, M. (2004): Neue Tendenzen bei Bürgerbeteiligungsprozessen in Deutschland. Veränderte Rahmenbedingungen, Praktiken und deren Auswirkungen, erstellt im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin. Becker, H. (2002): Stadtbaukultur – Modelle, Workshops, Wettbewerbe. Erfahrungen der Verständigung über die Gestaltung der Stadt. Schriften des Deutschen Instituts für Urbanistik, Bd. 88, Stuttgart. Literatur 238 17 Beteiligungstools Bertelsmann Stiftung (2015a): Beteiligungskompass. Bürger-Panel, http://www.beteili- gungskompass.org/article/show/131 [abgerufen am 22.10.2015]. Bertelsmann Stiftung (2015b): Beteiligungskompass. E-Panel, http://www.beteiligungs- kompass.org/article/show/181 [abgerufen am 22.10.2015]. Bertelsmann Stiftung (2015c): Beteiligungskompass. E-Konsultationen/Online-Konsultatio- nen. http://www.beteiligungskompass.org/article/show/160 [abgerufen am 22.10.2015]. Böhm, B. 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(2005): Elektronische Bürgerbeteiligung in Großstädten, hrsg. von der Initiative eParticipation des Fraunhofer Instituts www.Initiative-eParticipation. de [abgerufen am 20.10.2015]. Dienel, H.-L. (2011): Die Planungszelle im Einsatz: Bürgervoten für die Kommunal- und Verwaltungsreform in Rheinland- Pfalz. In: Kurt Beck, K., Ziekow, J. (Hrsg.): Mehr Bürgerbeteiligung wagen. Wege zur Vitalisierung der Demokratie. Wiesbaden: Springer, S. 169–177. Fuß, R., Stark, W. (1991): Kritik, Phantasie und Realisierung – Zukunftswerkstätten und ihr Veränderungspotential. In: Arbeitskreis Zukunftswerkstätten, München. Jungk, R., Müllert, N. (1989) : Zukunftswerkstätten. Mit Phantasie gegen Routine und Resignation. München: Heyne. KGSt (2014): Leitbild Bürgerkommune. Entwicklungschancen und Umsetzungsstrategien. KGSt-Bericht Nr. 3/2014, Köln. Klages, H. (2011): Bürgerbeteiligung im kommunalen Raum. Erfahrungen mit dem Inst- rument Bürgerpanel. In: Klages, H. (2011): Bürgerbeteiligung im kommunalen Raum. Erfahrungen mit dem Instrument Bürgerpanel, S. 119–125. Klages, H. (2014): Entwicklungsperspektiven der Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene, eNewsletter Netzwerk Bürgerbeteiligung 01/2014 vom 10.04.2014. Ködelpeter, T. (2003): Zukunftswerkstattin. Praxis Bürgerbeteiligung, Ein Methodenhand- buch, Bonn. Nanz, P., Fritsche, M. (2012): Handbuch Bürgerbeteiligung. Verfahren und Akteure, Chan- cen und Grenzen. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Storl, K. (2009): Bürgerbeteiligung in kommunalen Zusammenhängen. Potsdam: Universi- tätsverlag. Technologie-Netzwerk Berlin (2006): Planning for Real. Ein gemeinwesenorientiertes mobilisierendes Planungsverfahren zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung von Regionen und Orten [PDF]. 239 Wates, N. (2003): Die Perspektiven-Werkstattin. In: Bauer, P., Lorenz, A.: Gewusst wie – Bürgerbeteiligung im Stadtteil. Handbuch für Gruppenmethoden. Berlin: Regiestelle E&C der Stiftung SPI. Wiegrefe, S. (2014): Wer verwaltet öffentliche Güter? Deutungsmuster kommunaler Führungskräfte. In: Flecker, J., Schulthaus, F., Vogel, B. (Hrsg.) (2014): Im Dienste öffentlicher Güter. Metamorphosen der Arbeit aus der Sicht der Beschäftigten. FORBA- Forschung. Berlin: Sigma, S. 263–285. Wienhöfer, E., Kastenholz, H., Geyer, T. (2002): Bürgerbeteiligung im Internet: Möglich- keiten und Grenzen elektronischer Demokratie – Bürgergutachten, Bundesministerium für Bildung und Forschung. Literatur 241 Beispiele aus der Praxis Die gesetzlichen Regelungen definieren nur das Mindestmaß an Beteiligung. Mittlerweile ist ein zusätzliches buntes Spektrum unterschiedlichster Beteili- gungsangebote entstanden. Das Ziel der in der Praxis realisierten Projekte ist eine Stärkung der direkten Demokratisierung, die von den konventionellen Metho- den abweicht. Das Hauptinteresse der Studien dieser Beispiele liegt in der Ana- lyse von spezifischen Projektstrukturen sowie der Beurteilung der tatsächlichen Wirkung auf die politische Teilhabe der Bürger. Die Ergebnisse dieser Einzel- falluntersuchungen sind nicht geeignet, um Interpretationen für allgemeingültige Theorien für erfolgreich Partizipationsverfahren abzuleiten. Sie geben aber einen Überblick über eine Reihe von aktuellen Beteiligungsprozessen, die thematisch völlig offen sind. 18.1 Praxisbeispiel Wolfsburg Wir haben bereits darauf hingewiesen, das Bürgerbeteiligungsverfahren zuneh- mend institutionalisiert werden. Die Stadt Wolfsburg z. B. hat für ihre Bürger- beteiligungsverfahren ein „Bürgerbüro mitWirkung“ eingerichtet. In der Stadt „wirkt“ ein Konzept für gegenseitiges Vertrauen, Verlässlichkeit, Transparenz und Fehlertoleranz. Mit dem „Konzept BürgermitWirkung Wolfsburg“ will die Stadt Bürger, sachlich Betroffene, Institutionen oder Vereine bei städtischen Planungs- und Entscheidungsprozessen über die gesetzlich vorgeschriebenen Verfahren hinaus einbeziehen. Mit diesem Konzept gibt sich die Stadt einen verbindlichen Rahmen für selbst initiierte und vom Bürger beantragte Beteiligungsverfahren (vgl. Abb. 18.1 und 18.2). 18 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_18 242 18 Beispiele aus der Praxis Somit gilt gerade nicht, dass die Kommune als Initiator von Bürgerbeteiligung nur bei gesetzlich definierten Verfahren – Ratsreferenden und Bürgeranhörung – in Betracht kommt und alle anderen Beteiligungsformen ihren Anfang bei Bür- gern nehmen (vgl. Storl 2009, S. 37). Bürgerfokussierte Beteiligung meint, dass auch alle anderen Beteiligungsformen von der Verwaltung gezielt initiiert werden, ohne die Initiativen der Bürger zu verhindern oder zu behindern. Die Beteiligungen finden außerhalb der Parteien statt. Die herrschende Meinufng ist sich einig, dass Beteiligungsformen, die außerhalb der Parteien liegen, erfolgreicher sind, denn sie sind flexibel und bieten Raum für eigene Interessen (vgl. Böge 2001, S. 93). Abb. 18.1 Wege der Bürgerbeteiligung der Stadt Wolfsburg. (Quelle: Stadt Wolfsburg 2015) 243 18.2 Praxisbeispiel Rheinland-Pfalz So hat die Landesregierung in Rheinland-Pfalz ganz erfolgreich ein Gesetzge- bungsverfahren durch ein Beteiligungsverfahren ergänzt. Die Bürgerbeteiligung sollte den formalen Prozess der Gesetzgebung ergänzen und inhaltlich anrei- chern, nicht ersetzen. Es handelte sich bei der Beteiligung um keine partizipative Abb. 18.2 Regeln der Zusammenarbeit in Form einer Geschäftsordnung (Auszug). (Quelle: Stadt Wolfsburg 2015) 18.2 Praxisbeispiel Rheinland-Pfalz 244 18 Beispiele aus der Praxis Entwicklung im Sinne des „Mitschreibens“ des Gesetzestextes. Es ging auch nicht darum, im Verfahren einstimmige oder mehrheitliche Ergebnisse zu erzie- len. Es sollen vielmehr verschiedene Meinungen gehört, Konsens- und Dissens- bereiche identifiziert und Lösungsansätze zu zentralen Fragestellungen erörtert werden. Durch die Beteiligung erhofft sich die Landesregierung Impulse und Anregungen und eine Erweiterung der Informationsbasis. Das Transparenzgesetz ist für die Landesregierung in Rheinland-Pfalz die Grundlage dafür, dass die Bürger den Anspruch auf Informationszugang ohne Voraussetzungen und unkompliziert umsetzen können. Die Landesregierung will damit politische Entscheidungen nachvollziehbarer machen und demokratische Meinungsbildung fördern. Je mehr Informationen die Bürger hätten, desto bes- sere Möglichkeiten zum Mitreden und Mitgestalten gäbe es. Zugleich würde sich dadurch das Verhältnis zwischen Bürgern und Verwaltung deutlich ändern. Zielsetzung des Transparenzgesetzes Mit dem Transparenzgesetz werden insbesondere die folgenden Ziele verfolgt: 1. Den Zugang zu amtlichen Informationen und zu Umweltinformationen zu gewähren, um damit die Transparenz und Offenheit der Verwaltung zu vergrößern. 2. Die demokratische Meinungs- und Willensbildung in der Gesellschaft zu fördern, die Möglichkeit der Kontrolle staatlichen Handelns durch die Bürger zu verbessern, die Nachvollziehbarkeit von politischen Ent- scheidungen zu erhöhen und damit schließlich die Möglichkeiten der demokratischen Teilhabe zu fördern. 3. Das Handeln der Verwaltung an den Grundsätzen der Transparenz und Offenheit auszurichten. Im Rahmen dieses Gesetzes entfällt damit die Pflicht zur Amtsverschwiegenheit. So lag es nahe, das Verfahren für Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für mehr Transparenz und Information sogleich transparent und informativ zu gestalten. Der Beteiligungsweg Der Weg zum Transparenzgesetz wurde durch ein Beteiligungsverfahren ergänzt. Das Beteiligungsverfahren setzte sich aus verschiedenen Bausteinen zusam- men, die Online-Elemente mit unterschiedlichen Veranstaltungen verbanden. Das Internet bot hierfür eine Plattform. So sollten alle Bürger des Landes, unabhängig von Wohnort, privater Lebenssituation oder körperlicher Verfassung die Möglich- keit erhalten, sich an einzelnen Modulen des Prozesses zu beteiligen. Die Online- 245 Beteiligung bot die Möglichkeit, jederzeit einzelne Aspekte des Gesetzentwurfs zu kommentieren und zu bewerten. Bürger konnten sich auch zum gesamten Gesetzes- text äußern. Alle Kommentare und Anregungen sind in einer 41-seitigen Tabelle zusammengefasst (vgl. Rheinland-Pfalz 2015). Für die Teilnehmer gab es kon- krete Verhaltensregeln (vgl. Abb. 18.3). 18.2 Praxisbeispiel Rheinland-Pfalz Abb. 18.3 Verhaltensregeln der Landesregierung Rheinland-Pfalz (Rheinland-Pfalz 2015) 246 18 Beispiele aus der Praxis Der Beteiligungsprozess Parallel zur Online-Beteiligung fanden Präsenzveranstaltungen mit den Bürgern statt. Bei allen Veranstaltungen hatten die teilnehmenden Mitglieder die Mög- lichkeit, auch das Online-Tool ideactive mittels Smartphone, iPad o. Ä. Fragen, Hinweise und Kommentare zu nutzen. Die Präsenzveranstaltungen boten viel- fältige Gelegenheiten, den Gesetzentwurf zu kommentieren und zu bewerten. Der Prozess startete mit einer Auftaktveranstaltung, wurde mit fachspezifischen Workshops und einer Bürgerwerkstatt fortgeführt und endet mit einer Abschluss- veranstaltung (vgl. Abb. 18.4). Skizze Veranstaltungen im Beteiligungsprojekt Rheinland-Pfalz (vgl. Rheinland-Pfalz 2015) Auftaktveranstaltung zum Transparenzgesetz am 19. Februar in Mainz Die Auftaktveranstaltung richtete sich an Vertreter aus Bürgerschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung mit fachlicher Betroffenheit und Kom- petenz sowie Pressevertreter. Die Veranstaltung wurde per Livestream übertragen. Über die Online-Plattform bestand Gelegenheit, Fragen und Anregungen in die Veranstaltung einzuspielen. Abb. 18.4 Der Weg zum Transparenzgesetz. (Quelle: Beteiligungsprozess Rheinland- Pfalz 2015) 247 Bürgerwerkstatt am 21. März 2015 Mit dem Transparenzgesetz und dessen Umsetzung haben Bürger die Chance, Informationen des Bundeslandes Rheinland-Pfalz kostenfrei ein- zusehen. Welche Informationsarten und -bereiche vom Transparenzgesetz genau betroffen sind und welche bürgerrelevanten Aspekte das Trans- parenzgesetz umfasst – das wurde in einer Bürgerwerkstatt erörtert. Die extern moderierte Veranstaltung wurde per Livestream auf der Webseite www.transparenzgesetz.rlp.de übertragen. Dazu die Landesregierung: Bürger sollen die Möglichkeit erhalten, rasch und einfach zu Informationen der Landesverwaltung zu gelangen. Indem sie diese Informationen nutzen und selbst dazu Rückmeldungen geben, können sie die Demokratie aktiv mitgestalten. Die Bürger mit dem Angebot der Transparenzplattform zu erreichen und zum Mitmachen zu bewegen ist die Herausforderung, die die Umsetzung des Transparenzge- setzes in Zukunft mit sich bringt. Mit der Bürgerwerkstatt verfolgt die Landesregierung folgende Ziele: • Information zum Transparenzgesetz und Antworten geben: – Was kann das Transparenzgesetz leisten? – Was bedeutet das für Rheinland-Pfalz? – Was bedeutet das für mich als Bürger? • Hinweise und Empfehlungen der Bürger zum Transparenzgesetz einholen: – Welche Informationen sollen transparent gestellt werden? – Was will ich als Bürger wissen? • Ideen zur Umsetzung einholen: – Wie muss die Transparenzplattform gestaltet sein, damit sie Bürgern den größten Nutzen bringt? – Wie schafft es die Landesregierung, dass möglichst alle Menschen in Rheinland-Pfalz die Plattform kennen und nutzen können? Programm: • Begrüßung und Erläuterungen zum Vorgehen • Fachliche Einführung in das Thema • Podiumsdiskussion 18.2 Praxisbeispiel Rheinland-Pfalz 248 18 Beispiele aus der Praxis • Erste Tischdiskussion • Mittagspause • Zweite Tischdiskussion • Dritte Tischdiskussion • Kaffeepause • Vorstellung der erarbeiteten Ergebnisse • Übergabe der Ergebnisse und Verabschiedung. Die Bürgerwerkstatt endet mit einer Liste der Empfehlungen der teilneh- menden Bürger. Themen-Workshops am 4. März und 14. April 2015: Die Themen-Workshops richteten sich an Vertreter der Fach-Community aus Zivilgesellschaft, Verbänden und Wirtschaft und vertieften ausgewählte Themen. Der 1. Themen-Workshop fand mit 45 Teilnehmern am 4. März 2015 zur Frage „Welche Daten auf die Transparenzplattform?“ statt. Der 2. Themen-Workshop unter dem Titel „Von der Transparenz zur Teilhabe“ fand mit 41 Teilnehmern am 14. April 2015 statt. Hier wurde insbesondere erörtert, wie die Transparenzplattform aufgebaut sein soll, in welcher Form und mit welchen Nutzungsmöglichkeiten Informationen auf der Transpa- renzplattform bereitgestellt werden sollen und wie Bürger auf die Trans- parenzplattform aufmerksam gemacht werden können. Die Workshops wurden extern moderiert und dokumentiert. Programm 1. Themen-Workshop: Programm 2. Themen-Workshop: Begrüßung und Erläuterungen zum Vorgehen Begrüßung und Erläuterungen zum Vorgehen Einführung in das Thema Einführung in das Thema Sammlung von Kommentaren und Dis- kussionspunkten Erste Tischdiskussionsrunde Mittagspause Mittagspause Vertiefte Diskussion ausgewählter The- men und Erarbeitung von Empfehlungen Zweite Tischdiskussionsrunde Kaffeepause Kaffeepause Vorstellung der Empfehlungen und gemeinsame Ergänzung Vorstellung der Empfehlungen und gemeinsame Ergänzung Ausblick und Verabschiedung Ausblick und Verabschiedung Ende der Veranstaltung 249 Kommunalworkshop am 12. März 2015 Neben der Vorstellung des Gesetzentwurfs und der Diskussion offener Fra- gen ging es beim Kommunalworkshop vor allem um das Einholen von Hin- weisen und Empfehlungen von Kommunalvertretern zum Gesetzentwurf und zum Unterstützungsbedarf für eine mögliche Umsetzung. Programm: • Begrüßung und Erläuterungen zum Vorgehen • Fachliche Einführung in das Thema • Vorstellung der Ergebnisse aus dem bisherigen Beteiligungsprozess • Mittagspause • Diskussionsrunde in kleinen Gruppen • Kaffeepause • Vorstellung und Diskussion der erarbeiteten Ergebnisse • Ausblick und Verabschiedung. Verwaltungsworkshop am 20. April 2015 Am 20.04.2015 fand eigens für die Mitarbeiter der Landesverwaltung ein Workshop statt. Ziel des extern moderierten Workshops war es, die bishe- rigen Ergebnisse des Beteiligungsverfahrens vorzustellen sowie Hinweise und Empfehlungen zum Entwurf des Transparenzgesetzes und der späteren Umsetzung zu diskutieren. Die von den Teilnehmern erarbeiteten Ergeb- nisse fließen in den Entwicklungsprozess des Gesetzesentwurfs ein. Auch hier bestand die Möglichkeit, während der Veranstaltung über das Online- Tool ideactive mittels Smartphone, iPad o. Ä. Fragen, Hinweise und Kom- mentare in die Veranstaltung einzubringen. Beispiel: Eingabe in ideactive: • Warum sollen Zuwendungsbescheide veröffentlicht werden? Viel sinn- voller wäre die Zusammenfassung der wichtigsten Daten aus den Bewil- ligungsbescheiden. Alle Rückmeldungen wurden im Protokoll aufgeführt. Ziele des Workshops: • Vorstellung des Gesetzentwurfs und Diskussion zu offenen Fragen • Fragen mit den Inputgeber klären 18.2 Praxisbeispiel Rheinland-Pfalz 250 18 Beispiele aus der Praxis • Empfehlungen einholen. Programm: • Begrüßung • Erläuterungen zum Vorgehen und Vorstellung Umfrageergebnisse • Fachliche Einführung in das Thema • 1. Tischdiskussion im World-Café-Stil • Mittagspause • 2. und 3. Tischdiskussion im Word-Café-Stil • Kaffeepause • Vorstellung der erarbeiteten Ergebnisse • Ausblick und Verabschiedung. Word-Café-Methode Die Beratung erfolgt in drei Runden an Thementischen. Zunächst Kurzvor- stellung an den Thementischen: Wer ist dabei? Sowie Rückmeldung zu den Ergebnissen aus der Vorabumfrage. Leitfragen • Welche Fragen haben Sie zum Transparenzgesetz? Diskussion mit den Inputgebern an den Tischen. • Welche Hinweise und Empfehlungen haben Sie für das Transparenzge- setz? 9 Thementische • Tisch 1: Veröffentlichungspflichten • Tisch 2: E-Akte • Tisch 3: Change Management • Tisch 4: Kulturwandel • Tisch 5: Kosten und Wirtschaftlichkeit • Tisch 6: Transparenzplattform • Tisch 7: Datenschutz • Tisch 8: LIFG (Landesinformationsfreiheitsgesetz) • Tisch 9: Transparenzpflichten. 251 Die Abschlussveranstaltung am 11. Mai 2015 Offizieller Abschluss des Beteiligungsverfahrens in der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz: Diese Fragen standen im Zentrum der Veranstaltung. • Was sind die wichtigsten Ergebnisse des Beteiligungsprozesses? • Was bedeutet das für das Transparenzgesetz? • Welche Erfahrungen können für zukünftige Gesetzgebungsprozesse gewonnen werden? 18.3 Weitere Beispiele Beispiel aus Brandenburg: Zukunftswerkstatt Cottbuser OstSEE. URL: http:// www.cottbus-ostsee.de/downloads/AbschlusSzen.pdf [Stand 30.04.2016]. Beispiel aus Brandenburg: Planungswochenende in Ludwigsfeldem. URL: http://www.mil.brandenburg.de/media_fast/4055/146-98-MIR%20AKTU- ELL%203-2006%20Teil%202.pdf [Stand 30.04.2016]. Beispiel E-Partizipation – Beteiligung durch Onlineverfahren Elektronische Bürgerbeteiligung in deutschen Großstädten. URL: http://www.initiative-epartici- pation.de/Studie_eParticipation2005.pdf [Stand 30.04.2016]. Literatur Böge, W. (2001): Empirische Bestandsaufnahmen zur Partizipationsbereitschaft der Bür- gerinnen und Bürger in den alten Bundesländern. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Storl, K. (2009): Bürgerbeteiligung in kommunalen Zusammenhängen. Potsdam: Universi- tätsverlag. 18.3 Weitere Beispiele 253 Das Wichtigste zusammengefasst Die Bürgerkommune, die bereits mit dem neuen Leitbild einer Dienstleistungs- kommune (NSM) Anfang der 1990er Jahre angestrebt wurde, ist bis heute nicht Realität geworden. Zum einen liegt es an den Inhalten und der Ausrichtung des Neuen Steuerungsmodell, zum anderen liegt es an den Werteveränderungen in der Gesellschaft und am sich veränderten bürgerschaftlichen Selbstverständnis. Mehr direkte Bürgerbeteiligung wird von den einen eingefordert, von den anderen angestrebt. Viele Praxisprojekte sind in den letzten Jahren durchgeführt worden. Von einer verbindlichen und die Funktionen einer echten Bürgerbeteili- gung erfüllenden sowie für alle Seiten Nutzen bringenden Zusammenarbeit zwi- schen Politik, Verwaltung und Bürger kann aber noch keine Rede sein. Die Verwaltungsentwicklung 4.0 ist das Ergebnis eines Prozesses von der Dienstleistungsverwaltung hin zur Partizipationsverwaltung, die durch bürgerfo- kussierte Beteiligungsverfahren gekennzeichnet ist. Was für alle Gruppenprozesse gilt, muss besonders bei der Gestaltung der Kooperation zwischen den Vertretern der Verwaltung und den Bürgern berück- sichtigt werden: Die Zusammenarbeit kann nicht dem Zufall überlassen werden, sondern benötigt eine kontinuierliche Steuerung. Vertrauen und arbeitsfähige Strukturen brauchen Zeit. Aus den Erfahrungen mehrerer Projekte lassen sich die wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen einer gemeinsamen Arbeit mit Bürgern zusammenfassen: Eine passende Beteiligungskonstellation Die Zusammenarbeit wird von einer professionellen Organisationseinheit oder einer Projektgruppe in der Verwaltung geplant und koordiniert. Zur Projektgruppe gehören alle Mitarbeiter aus Verwaltungsbereichen, die an der Realisierung und Auswertung der Intervention beteiligt sind. Der Projektleiter sucht die Kollegen nach Interessen und Kompetenzen gezielt aus. 19 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_19 254 19 Das Wichtigste zusammengefasst • Strukturen für eine aktive Steuerung der Kooperation zwischen Verwaltung und Bürger: Klare Strukturen, festgelegte Arbeitsweisen und Kompetenzen sowie Metho- den der Konfliktlösung sind unentbehrlich, um eine produktive, zufriedenstel- lende Zusammenarbeit zu ermöglichen. • Eine Balance zwischen Pflege der Arbeitsbeziehung und zielgerichteten Akti- vitäten: Das Gerüst für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Vertretern der Verwaltung und Bürgern ist eine Balance zwischen Harmonie und Erfüllung vereinbarter (Zwischen-)Ziele. Mit unzufriedenen Bürgern werden Zielverein- barungen nur mühsam möglich sein. Prozessorientierung Die Planung und Durchführung eines Beteiligungsprozesses werden erleichtert, wenn Sie sich auf ein Stufenmodell stützen. Die Stufen geben Ihnen einen Ori- entierungsrahmen für richtige Entscheidungen. Handlungsleitend sind folgende Stufen der Partizipation von der Information über die Mitbestimmung bis zur Ent- scheidungsmacht der Bürger. Beteiligungsinstrumente Der Methodenkoffer zur Durchführung einer bürgerorientierten Beteiligung ist vielfältig. Die Akteure der Verwaltung müssen sich mit den Instrumenten und deren Anwendung vertraut machen. Ein Patentrezept für die richtige Wahl gibt es nicht. Das Buch stellt Ihnen eine Auswahl aus dem Instrumentenkasten vor. Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren Einer Bürgerbeteiligung ist eine Zusammenarbeit von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen immanent. Es braucht einen Grad an Professionalisierung, die die hauptamtlichen Beteiligten sicherstellen müssen. Bei der Professionalisierung der Bürgerbeteiligung sind fünf Aspekte hervorzuheben: Vernetzung, Kommuni- kation, Zusammenarbeit, starke Bürger und Verwaltungsstrukturen. Die Professi- onalisierung dient dazu, die Entstehung eines starken Bürgers mit einem Gefühl von Eigenverantwortung und Solidarität zu fördern und dabei Wirkungen von Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Von wesentlicher Bedeutung ist, dass die Bürger durch den Beteiligungsprozess lernen. Daher muss die Strategie flexibel sein. Sie wurzelt in der Kultur der Mitwirkenden. Indem Menschen ihre Anliegen und Vorstellungen zur eigenen Betroffenheit in einer professionell moderierten Form artikulieren und diskutie- ren, lernen sie mehr über sich selbst, über ihre Mitbürger, über Politik und über bürgerliche Machtstrukturen. 255 Interviews Studien zeigen, dass BürgerInnen/EinwohnerInnen mehr Mitwirkung bei der Gestaltung ihres Gemeinwesens fordern. Sehen Sie hier die Führungskräfte in den Verwaltungen in einer besonderen Verantwortung? „Ja, Verwaltungschef, Beigeordnete und Fachbereichs-/Amtsleiter sollten die Scharnierfunktion zwischen Bürger und Fachthemen wahrnehmen, insbesondere organisatorisch und kommunikativ“ (Egbert Geier, Bürgermeister für Finanzen und Personal, Stadt Halle). „Die Forderung von Bürgerinnen und Bürgern nach weiter verbesserten Mit- wirkungsmöglichkeiten bei der Gestaltung ihres Gemeinwesens ist legitim und im Sinne einer Förderung lokaler Demokratie auch selbstverständliches Anliegen unserer Kommunen. Die vielfältigen Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung müs- sen von den Kommunen zumindest organisatorisch begleitet und vom jeweiligen Verfahren her auch gesteuert werden. Das setzt ein beteiligungsoffenes, partizipa- tives Grundverständnis gerade auch von Führungskräften voraus – das heute auch ganz überwiegend überall vorausgesetzt werden kann“ (Helmut Dedy, Hauptge- schäftsführer des Deutschen Städtetages). „Die Kommunikation mit den Bürgern und die Bürgerbeteiligung sind für die kommunalen Verwaltungen die zentrale Herausforderung. Dafür müssen wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besser schulen und qualifizieren“ (Dr. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes). „Unbedingt. Die Politik und ihre handelnden Personen sind der eine Part in diesem Zusammenspiel. Aber unsere Führungskräfte sind oft diejenigen, die ganz konkret die Umsetzung von Maßnahmen planen und transparent machen und sich in diesem Zuge auch mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Benehmen setzen müssen. Ein gutes Beispiel sind hier unsere Bezirksämter. Sie sind unsere Kontaktpunkte nach außen und von ihnen hängt es ab, ob die Bürgerinnen und 20 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7_20 256 20 Interviews Bürger sich wahrgenommen und verstanden fühlen oder auch ob sie gut vermit- telt bekommen haben, wenn es gelegentlich Entscheidungen gibt, die sie selbst so nicht getroffen hätten“ (Dr. Christoph Krupp, Chef der Senatskanzlei und des Personalamtes in der Freien und Hansestadt Hamburg). Sind Leitungskräfte der öffentlichen Verwaltung genügend qualifiziert, um Bür- gerbeteiligungsverfahren durchzuführen? „Für diesen Bereich muss meines Erachtens mehr spezialisierte Expertise zur Verfügung gestellt werden. Was zu stärken ist, ist die kommunikative Kompetenz der Führungskräfte gerade in solchen Verfahren“ (Dr. Peter Kurz, Oberbürger- meister der Stadt Mannheim). „Die erforderliche Qualifikation, das ,Know How‘ für die Durchführung von Bürgerbeteiligungsverfahren kann heute, nach mittlerweile vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten partizipativer Demokratie, weitgehend vorausgesetzt werden. Natürlich genügt hierfür nicht nur Rechtskenntnis, sondern es bedarf auch einer Offenheit für eine lebendige, demokratische Beteiligungskultur und einer Auf- geschlossenheit für Motive und Interessen engagierter Bürgerinnen und Bürger. Unsere Kommunen bauen darauf, dass ihre Führungskräfte diese Offenheit und Aufgeschlossenheit ihren Entscheidungen zugrunde legen“ (Helmut Dedy, Haupt- geschäftsführer des Deutschen Städtetages). „Hier besteht eindeutig Nachholbedarf. Im großen Bereich der juristischen Ausbildung spielen diese Fragen eine noch zu geringe Rolle“ (Dr. Gerd Lands- berg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes). „So unterschiedlich wie die verschiedenen Möglichkeiten der Bürgerbetei- ligung, sind auch die Qualifikationserfordernisse. Grundsätzlich sind es jedoch eine gewisse Offenheit, Empathie und Kommunikationsfähigkeit, über die jede Führungskraft verfügen sollte zur Durchführung eines ergebnisoffenen Bürger- beteiligungsverfahrens. Darüber hinaus können ja auch professionelle Dritte hinzugezogen werden, um z. B. moderierend zu begleiten“ (Helmut Gels, Bürger- meister der Kreisstadt Vechta). Glauben Sie, dass durch mehr Führungskompetenz in der Planung und Durchfüh- rung von Bürgerbeteiligungen das Image der Verwaltung steigt? „Das ist so. Denn die fachliche Vorbereitung ist ja nur der eine Teil einer guten Bürgerbeteiligung. Es kommt auf das Verständnis des Gesamtkontextes, den Zeit- punkt und am allerwichtigsten darauf an, dass wir den Menschen begegnen, sie verstehen und in einen echten Austausch mit ihnen gehen. In vielen Fällen sind es unsere Führungskräfte selbst, die in diesen Austausch gehen und dort, wo es Mit- arbeiterinnen und Mitarbeiter tun, brauchen diese eine professionelle Vorbereitung und auch Rückendeckung von ihren Führungskräften“ (Dr. Christoph Krupp, Chef der Senatskanzlei und des Personalamtes in der Freien und Hansestadt Hamburg). 257 20 Interviews „Die Führungskompetenz spielt hier eine weniger wichtige Rolle. Wesentlich für die Bewertung des Erfolgs eines Beteiligungsverfahrens ist die Frage, ob es folgenden Anspruch einlösen kann: mit einem ausdifferenzierten Erwartungs- management dafür zu sorgen, dass die Beteiligung im Verfahren als Gewinn erlebt wird. Dies erhöht die Legitimation und Bindungskraft einer solchen Ent- scheidung. Die Auswahl des konkreten Verfahrens und die Professionalität der Umsetzung sind hierfür ausschlaggebend, aber auch ein Rollen- und Verfahrens- verständnis bei Bürgern, Politik und begleitenden Medien“ (Dr. Peter Kurz, Ober- bürgermeister der Stadt Mannheim). „Langfristig ja. Allerdings ist dies auch abhängig vom Thema (populär oder unpopulär)“ (Egbert Geier, Bürgermeister für Finanzen und Personal, Stadt Halle). „Eindeutig ja. Kommunen, die erfolgreiche Bürgerbeteiligungsverfahren durchführen, effektiv, schnell und zielorientiert auch auf diesem Gebiet arbei- ten, sind erfolgreich“ (Dr. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes). „Grundsätzlich führt Führungskompetenz stets zu einem besseren Image. Die erfolgreiche Durchführung von Bürgerbeteiligungsverfahren ist zweifellos geeig- net, das Ansehen der Kommunalverwaltung in der Öffentlichkeit nachhaltig zu stärken. Jedes Stadtoberhaupt, jedes Gemeindeoberhaupt wird bestrebt sein, sol- che nicht immer einfach durchzuführende Verfahren zu einem insgesamt akzep- tierten Ergebnis zu führen. Der entsprechenden Kompetenz und dem politischen Gespür der Führungsverantwortlichen in den Kommunalverwaltungen, kommt hierbei zweifellos eine entscheidende Bedeutung zu“ (Helmut Dedy, Hauptge- schäftsführer des Deutschen Städtetages). „Durch eine erhöhte Führungskompetenz steigt nicht nur das Image einer Ver- waltung, sondern auch die Akzeptanz für die Vorbereitung und Ausführung der politischen Beschlüsse. Wenn das gelingt und die Bürgerinnen und Bürger sich und die Vertretung ihrer Interessen im Handeln der Verwaltung wiederfinden, kann das sogar einen Ruf nach mehr Bürgerbeteiligung reduzieren. Wenn die Bürgerinnen und Bürger das berechtigte Gefühl haben, sich einbringen zu können und beteiligt zu werden, ist ein Optimum erreicht. Denn wir dürfen nicht verges- sen, dass die jeweiligen Stadt- und Gemeinderäte die gewählten Interessenvertre- ter der Bürgerinnen und Bürger sind, die man auch nicht durch eine überfrachtete Bürgerbeteiligung zu schnell aus ihrer Verantwortung entlassen sollte. Es kommt also auch darauf an, die Bürgerbeteiligungsverfahren nach bestimmten Kriterien auszuwählen. Bürger reagieren auch kritisch, wenn unter dem „Deckmantel“ von Transparenz und Beteiligung die eigene Verantwortung verlagert werden soll“ (Helmut Gels, Bürgermeister der Kreisstadt Vechta). 259 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7 Georg Hellmann und Jens Hollmann Bei der Verwirklichung unseres Vorhabens konnten wir auf wertvolle Hilfen zurückgreifen. Neben den Interviewpartnern haben wir aus den Verwaltungen vielfältige Hinweise, Anekdoten und Gedanken erhalten, die wir zusammen mit unseren Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Klienten und Kunden zu einem neuen und für die Verwaltungspraxis interessanten Werk vereinigt haben. Spezi- ell für die Entwicklung von Führungskompetenzen für die Behördenleitungen, Bürgermeister und Dezernenten sowie für Führungskräfte des mittleren Manage- ments wollen wir mit diesem Buch eine Lücke schließen und vielen Wünschen aus der Praxis gezielt nachkommen. Wir danken besonders unseren Interviewpart- nern für ihre Bereitschaft und ihre Zeit. Mit ihren Antworten zu einigen wichtigen Führungsfragen in der öffentlichen Verwaltung haben sie dieses Buch bereichert. Vielen Dank an • Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages • Egbert Geier, Bürgermeister für Finanzen und Personal, Stadt Halle • Helmut Gels, Bürgermeister der Kreisstadt Vechta • Dr. Christoph Krupp, Chef der Senatskanzlei und des Personalamtes in der Freien und Hansestadt Hamburg • Dr. Peter Kurz, Oberbürgermeister der Stadt Mannheim • Dr. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes • Stefan Schostok, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover. Im Oktober 2016 Nachlese und Danksagungen 261 © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 G. Hellmann und J. Hollmann, Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung, DOI 10.1007/978-3-658-13742-7 A Abteilungsleiter, 25 Abteilungsleiterstelle, 51 Abwägungsmodell, 27 Alpha-Typ, 84 Altes Steuerungsmodell (ASM), 155 Ambiguity, 204 Analyse, 13 Anhörung, 173 Anreizsystem, 22 Antibürokratie, 237 Anwärter, 6 Anweisung, 172 Appreciative Inquiry, 214, 233, 234 Arbeitsbelastung, 53 Arbeitsklima, 102 Arbeitsstil, 85, 111 Assessmentverfahren, 10 Attraktivitätsgrad, 6 Attributionstheorie, 34 Audit, 12 Aufgabenbelastung, 15 Aufstiegschance, 44 Aufwand-Nutzen-Bilanz, 31 Ausleseverfahren, 10 Auswertung, 187 Autonomie, 23 Sachverzeichnis B Barrierefreiheit, 186 Beamtenstaat, 138 Beförderung, 44 Begleitumstände, 97 Beharrungsvermögen, 10 Behördenleiter, 25 Belbin, Raymond Meredith, 85 Belohnungsvariante, 57 Beobachter, 88 Bernoulli, Jakob I., 30 Bernoulli-Verteilung, 34 Beschwerdemanagement, 36 Beschwerdemanagementkonzept, 19 Beta-Typ, 84 Beteiligung, 10, 67 Beteiligungsillusion, 194 Beteiligungsinstrument, 254 Beteiligungskooperation, 178 Beteiligungskultur, 136 Beteiligungspotenzial, 140 Beteiligungsprozess, 254 Misserfolgsfaktor, 191 Beteiligungsverfahren, 165 Beziehungsarbeit, 206 Bezirksamt, 183 Bezirksbeirat, 183 Bindung, 24 262 Sachverzeichnis E E-Government-Monitor, 206 Eigeninteresse, 194 Einbeziehung, 173 Einzelinterview, 12 Eisenhower, Dwight D., 120 E-Konsultation, 221 Empowerment, 139, 160 Engagementverpflichtung, 209 Entscheidungskompetenz, teilweise Übertragung, 174 Entscheidungsmacht, 175 Entwicklungsmöglichkeit, 16 E-Panel, 220 E-Partizipation, 147, 206, 219 Epikur, 26 Equity-Modell, 28 Ereignis-Veranstaltung, 226 Erfinder, 87 Erwartung, 30 Evaluationskriterium, 157 F FachexpertIn, 16 Fallbesprechung, 53, 107 Feedback, 51 360-Grad-Feedback, 68 Feedbacksitzung, 82 Fluktuationsrate, 5 Förderprogramm, 16 Forming, 79, 100 Formular, 13 Fortbildungsangebot, 16 Führung, 201 Führungsalltag, 12 Führungsansatz, 26 Führungsebene, 68 Führungshandeln, motivierendes, 51 Führungsinstrument, 8 Führungskompetenz, 25 Führungskräfteentwicklung, 17 Führungskräfteentwicklungsprogramm, 17 Führungskräfteseminar, 75 Führungsnachwuchs, 16 Boreout, 98 Budgetierung, 152 Bürger, 8 Bürgerausstellung, 214, 235 Bürgerbegehren, 163 Bürgerbeteiligung, 135, 162 Durchführung, 180 Funktionen, 138 Institutionalisierung, 143 Rahmenbedingungen, 191 Vorbereitung, 178 Bürgerbeteiligungskultur, 155 Bürgerbeteiligungsprojekt, 73 Bürgerbeteiligungsverfahren, 2 Bürgerfragebogen, 76 Bürgerkommune, 154, 253 Bürgermeister, 4 BürgermitWirkung-Konzept, 134 Bürgerorientiertes Steuerungsmodell (BSM), 154 Bürgerpanel, 216 Bürgerzufriedenheit, 155 Burnout, 97 Bürokratiemodell, 7 C Checkliste, 13, 109 Coaching, 18 Completer, 86 Complexity, 204 Co-Ordinator, 87 D da Vinci, Leonardo, 22 Democratic Skills, 145 Demografie, 237 Demokratie, 162 Demotivation, 50, 60 Dezernent, 7 Dienstleistungsqualität, 73 Digitalisierung, 15 Disparität, soziale, 147 Durchführungsprozess, 186 263 Sachverzeichnis Integrität, persönliche, 202 Interaktion, 103 Interview, 15, 67, 131, 255 K Karrieresprung, 31 KGSt, 6 Know-how, 200 Kommunalbürokratie, 138 Kommunalpolitik, 138 Kommunalverwaltung, 15 Kommunikation, 12, 198 Kommunikationsmanagement, 200 Kommunikationsregel, 186 Kommunikationswerkzeug, 74 Kompetenz, interkulturelle, 17 Komplexität, 25, 203 Konflikt, 186 Konsensfindung, 159 Kontrollbedürfnis, 206 Koordinator, 87 Kulturwandel, 15 L Landesregierung, 243 Lawler, Edward E., 31 Legitimationsbasis, 8 Leistungsbereitschaft, 43, 46 Leistungspotenzial, 21 Leistungsrechnung, 152 Leistungsschwäche, 7 Leistungsverweigerer, 51 Leitbild, 115 Leitfaden, 13 Leitungsposition, 12 Locke, Edwin A., 36 M Macher, 86 Macht, 49, 159 Management, prozessorientiertes, 69 Management-Audit, 12 Führungsnachwuchskraft, 16 Führungsqualität, 18 Führungsstrategie, 41 Führungstool, 8, 55, 109 Führungsverhalten, 68 Funktionsmanagement, 94 Funktionsprofil, 93 Funktionstest, 112 G Gamma-Typ, 84 Gemeindeausschuss, 73 Gemeindeordnung, 162 Gemeinderatswahl, 147 Gemeinwohl, 154 Gesprächsführung, zielführende, 51 Gesundheitsförderung, 68 betriebliche, 32 H Handlungspräferenz, 60 Handlungsspielraum, 57 Harlow, 21 Herzberg, Frederick Irving, 46 Hierarchie, 15 Human-Capital-Ansatz, 43 Hygienefaktor, 44 I Identität, 77 Implementer, 86 Individualtheorie, 29 Information, 173 Informationsfluss, 187 Inhaltstheorie, 26 Initiierung, 180 Inklusion, 160 Inklusionsanspruch, 146 Instrument, 30 Instrumentalisierung, 171 Integrator, 87 264 Sachverzeichnis Managementkompetenz, 12 Mandatsträger, 168 Manipulation, 50 Margerison, Charles, 88 Maslow, Abraham Harold, 38 Maslow’sche Bedürfnispyramide, 39 Maslow-Theorie, 38 McClelland, David, 41 Mentor, 54 Methodenkoffer, 213 Methodenkompetenz, 12 Misstrauen, 194 Mitarbeiter, bürgerorientierter, 5 Mitarbeiterführung, 11 Mitarbeitergespräch, 53 Mitarbeitermotivation, 11 Mitbestimmung, 174 Mitspieler, 87 Monitor Evaluator, 88 Motiv, 24 Motivation, 24 Aspekte, 24 extrinsische, 32 intrinsische, 22, 32, 54 Motivationsforschung, 44 Motivationspsychologe, 26 Motivationssteuerung, 55 Motivationsstrategie, 55 Motivationstheorie, 27, 65 Motivindikation, 60 Motivkreis, 23 Motivlage, 49 Multichannel-Kommunikation, 199 Multi-Kanalstrategie, 206 Multi-Stakeholder, 198 N Nachbarschaftshilfebogen, 226 Netzwerk, 193 Neues Steuerungsmodell (NSM), 8, 153 Nichtdürfen, 50 Nichtkönnen, 50 Nichtwollen, 50 Norming, 80, 101, 107 O Oberbürgermeister, 183 Öffentlichkeitsbeteiligung, 135 Omega-Typ, 84 Online-Beteiligungsangebot, 139 Open Space, 233 Ordnungsmodell, 151 Ordnungsmuster, 206 Ordnungsprinzip, 60 Organisationsentwicklungsprozess, 11 Organisationskultur, 68 Organisationsmethode, 10 Orientierung externale, 36 internale, 36 P Partizipation, 168 Stufenmodell, 171 Partizipationskompetenz, 198 Partizipationsmatrix, 158 Partizipationsmethode, 230 Partizipationsschranke, 147 Partizipationsuntersuchung, empirische, 176 Partizipationsverfahren, 180 Passivität, 24 Pawlow’scher Reflex, 22 Perfektionist, 86 Performing, 81, 101, 107 Personalarbeit, demografiestabile, 32 Personalentwicklung, 16 Personalführung, 5, 16 Personalmanagement, 16 Persönlichkeitstest, 22 Perspektivenwerkstatt, 214, 231 Planning for Real, 223 Planter, 87 Planungszellen, 215 Politikverdrossenheit, 141 Porter, Lyman W., 31 Porter/Lawler-Modell, 31 Postwachstumsgesellschaft, 154 Potenzialeinschätzung, 10 Potenzialentwicklung, 44 265 Sachverzeichnis Social-Equity-Theory, 26, 27, 65 Spezialist/Specialist, 88 Städtetag, 136 Stadtrat, 31 Stellenbesetzung, 45 Steuern, wirkungsorientiertes, 16 Steuerungsmodell bürgerfokussiertes (BSM), 154 kommunales, 6 neues (NSM), 8, 153 Storming, 80, 101 Story Telling, 198 Stressbalance, 99 T Talent, 16 Tauschbörse, 226 Teamentwicklung, 71 Teamführung, 11, 72 Teamidentität, 96, 107 Teamidentitäts-Pyramide, 123 Teamleitung, 100 Team-Management-System, 89 Teamphasen, 107 Teamphasenuhr, 78 Teamrolle, 93 Teamstruktur, 129 Teamworker, 87 Teamwork, optimales, 88 Teilhaberecht, 163 Transfer, 18 Transparenz, 161 Transparenzgesetz, 244, 247 Tuckman, Bruce W., 78 Tuckman-Phase, 95 Typologie, 129 U Umsetzer, 86 Umsetzungsdefizit, 10 Umstrukturierung, 35 Uncertainty, 204 Unsicherheit, 203 Unwirtschaftlichkeit, 7 Projektmanagementtool, 12 Prozessablauf, 5 Prozesstheorie, 26, 30 kognitive, 34 Pyramidenmodell, 39 Q QM-Zirkel, 92 Qualifizierung, 16 überfachliche, 17 Qualitätsmanagementzirkel, 75, 76 Qualitätssicherung, 208 R Ratsbeschluss, 209 Ratsbürgerentscheid, 163 Ratsinformationssystem, 219 Reform, 163 Reiss-Modell, 47 Reiss, Steven, 47 Remotivierung, 51 Reputation, 82 Resource Investigator, 86 Ressourcenpuffer, 99 Risiko-Nutzen-Bilanz, 34 S Schindler, Raoul, 84 Schlüsselkompetenz, 17 Schumpeter, Joseph, 162 Selbstorganisation, 176 Selbstreflektion, 16 Selbstverwaltung, 162 Self-fulfilling-prophecy, 197 Seligman, Martin E. P., 139 Seminar, 18 Senatskanzlei, 17 Shaper, 86 Shell-Studie 2015, 143 SMART, 59 SMART-Theorie nach Locke/Latham, 36 Social Media, 192 266 Sachverzeichnis VIE-Modell, 30, 31 Volatility, 204 Vorsteher, 4 Vroom-Modell, 30 Vroom, Victor Harold, 30 VUCA, 204 VUCA-Modell, 204 W Weber’sches Menschenbild, 37 Wegbereiter, 86 Weiner, Bernhard, 34 Wertschätzung, 101 Wertschöpfung, 43 Wirtschaftsprüfung, 12 World Café, 214 Z Ziel, 95 Zielvereinbarung, 68 Zivilgesellschaft, 201 Zugangsbarriere, 160 Zukunftsfähigkeit, 89 Zukunftswerkstatt, 214, 230 Zusammenarbeit, 207 Zwischenbilanz, 97 V Valenz, 30 Veränderung, 11 Veränderungsdruck, 15 Veränderungsmanagement, 8 Veränderungsprozess, 15 Verantwortung, 16 Verfahren deliberatives, 159 diskursives, 191 Verwaltung, 1, 25, 28, 30, 33, 45, 85, 95 Agilität, 205 Anforderungen, 197 Bürgerbeteiligungsprojekt, 73 Bürgerfragebogen, 76, 92 Führungsalltag, 19, 133 Handeln, 167 Image, 12 integrierte Prozesse, 81 prozessorientiertes Management, 69 Stellenbesetzung, 35, 43 Weiterbildner, 49 Wissen, 43 Verwaltungsentwicklung, 151, 253 Verwaltungsführung, 33 Verwaltungshandeln, bürgerfokussiertes, 135 Verwaltungskarriere, 5 Verwaltungsmitarbeiter, 12 Verwaltungsmodernisierung, 10 Verwaltungsprozess, 5 Verwaltungssteuerung, 71 bürgerorientierte, 154 Verwaltungsumbau, 7